HEINRICH VON MÖLK.
[Scherer D. 84, E. 76.]
Didaktischer Dichter aus ritterlichem Stande um 1160. Er trat aus Überdruss am weltlichen Leben in das österreichische Kloster Mölk als Laienbruder und verfasste zwei Gedichte ‘Mahnung an den Tod’ und das ‘Pfaffenleben,’ das unvollendet blieb. Neu herausgegeben von Heinzel (Berlin, 1867).
MAHNUNG AN DEN TOD.
Doch verhenge wir daz etwer
muge ân aller slachte sêr
geleben sînen jungisten tac,
daz doch vil ubel geschehen mac,
nû waz ist der rede mêre?
als schier sô diu arm sêle 10
den lîchnamen begît,
nû sich, armer mensch, wie er lît.
het er gephlegen drîer rîche,
im wirt der erden ebengelîche
mit getäilet als einem durftigen.
ouch sehe wir sumlîch ligen
mit schœnen phellen bedechet,
mit manigem liechte bestechet,
mirre unt wîrouch
wirt dâ gebrennet ouch;
unt wirt des verhenget
daz diu bivilde wirt gelenget
unt sich sîne vriunde gar
gemäinlîchen gesamnent dar,
sô ist daz in ir aller phlege,
wie man in hêrlîchen bestaten mege.
owê, vertäiltiu hêrschaft! 10
swenne diu tîvellîch hellecraft
die armen sêle mit gewalte verswilhet,
waz hilfet, swâ man bivilhet
daz vil arme gebäine,
sô der armen sêle mitgemäine
aller häiligen widertäilet wirt?
wê der nacht diu in danne gebirt!
nû lâzze wir des sîn verhenget,
daz bivilde werde gelenget
zwêne tage oder drî, 20
oder swaz ez länger dar uber sî,
daz ist doch ein chläglîch hinevart.
nicht des, daz ie geborn wart,
wirt sô widerzæme
noch der werlt sô ungenæme.
Nû ginc dar, wîp wolgetân,
unt schowe dînen lieben man
unt nim vil vlîzchlîchen war
wie sîn antlutze sî gevar,
wie sîn scäitel sî gerichtet,
wie sîn hâr sî geslichtet.
schowe vil ernstlîche
ob er gebâr icht vrœlîchen,
als er offenlîchen unt tougen
gegen dir spilte mit den ougen.
nu sich, wâ sint sîniu mûzige wart
dâ mit er der frowen hôhvart
lobet unt säite?
nû sich in wie getâner häite 10
diu zunge lige in sînem munde
dâ mit er diu troutliet chunde
beeagenlîchen singen!
nûnc mac si nicht fur bringen
daz wort noch die stimme.
nû sich, wâ ist daz chinne
mit dem niwen barthâre?
nû sich wie recht undâre
ligen die arme mit den henden
dâ mit er dich in allen enden 20
trout unt umbevie!
wâ sint die fûze dâ mit er gie
hôfslîchen mit den frowen?
dem mûse dû diche nâch schowen
wie die hosen stûnden an dem bäine:
die brouchent sich nû läider chläine.
er ist dir nû vil fremde,
dem dû ê die sîden in daz hemde
mûse in manigen enden wîten.
nû schowe in an allen mitten:
dâ ist er geblæt als ein segel.
der bœse smach unt der nebel
der vert ûz dem uberdonen
unt læt in unlange wonen
mit samt dir ûf der erde.
owê, dirre chläglîche sterbe
unt der wirsist aller tôde 10
der mant dich, mensch, dîner brœde.
Doch setzen wir den Fall, dass einer
ohne jeder Art Schmerz
den jüngsten Tag zu erleben vermöchte,
was doch schwerlich eintreten wird,
nun was ist darüber zu sagen?
So bald die arme Seele 10
den Leib verlässt,
nun sieh, armer Mensch, wie er daliegt.
Hat er auch drei Reiche beherrscht,
ihm wird ebensoviel Erde
mitgetheilt, wie einem Dürftigen.
Auch sehen wir manch einen liegen
mit schönen Teppichen bedeckt,
mit manchem Lichte besteckt,
Myrrhe und Weihrauch
wird da auch verbrannt;
und es wird angeordnet,
dass das Begräbniss hinausgeschoben wird,
und sich seine Freunde alle
ins gemein da versammeln,
dann sind alle darum bemüht,
wie man ihn herrlich bestatten möge.
O weh! enterbte Herrschaft! 10
Wenn die teuflische Höllenmacht
die arme Seele mit Gewalt verschlingt,
was hilft es, wo immer man
das elende Gebein begräbt,
wenn der armen Seele die Gemeinschaft
aller Heiligen aberkannt wird?
Weh der Nacht, die ihn dann hinwegrafft!
Nun wollen wir annehmen,
das Begräbniss werde verschoben
zwei oder drei Tage, 20
oder auch noch etwas darüber,
es ist doch ein klägliches Abfahren.
Nichts, was je geboren ward,
wird so abstossend
und der Welt so unangenehm.
Nun tritt hin, schöne Frau,
und schaue an deinen lieben Mann
und betrachte sorgfältig,
wie sein Antlitz gefärbt ist,
wie sein Scheitel gerichtet,
wie sein Haar geschlichtet.
Sieh recht genau zu,
ob er sich auch fröhlich zeigt
wie damals, als er öffentlich und ins geheim
die Augen nach dir blitzen liess.
Nun sieh, wo sind seine müssigen Worte,
mit denen er von der Frauen-Pracht
lobend erzählte?
Nun sieh, wie lahm (wörtlich: in welcher Verfassung) 10
ihm die Zunge im Munde liegt,
mit der er Liebeslieder
anmuthig singen konnte!
Nun vermag sie nicht hervorzubringen
Worte noch auch nur einen Laut.
Nun sieh, wo ist das Kinn
mit dem neuen Barthaare?
Nun schau, wie schlaff
die Arme und Hände da liegen,
mit denen er dich aller Enden 20
koste und umfieng!
wo sind die Füsse, mit denen er schritt
in höfischer Zucht unter den Frauen?
ihm musstest du oftmals nachblicken,
wie die Hosen ihm am Beine sassen:
die nutzen sich nun leider wenig ab.
er ist dir nun gar fremd,
dem du ehemals die Seide ins Hemd
an mancher Stelle hineinziehen musstest.
nun schau ihn in der Mitte an:
da ist er aufgebläht wie ein Segel.
schlimmer Geruch und Dunst
steigt aus dem Bahrtuch
und lässt ihn nicht lange (mehr)
mit dir auf Erden wohnen.
Weh über dies klägliche Sterben!
Ja der schlimmste Tod 10
der gemahnt dich, Mensch, deiner Schwäche.