JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER.

[Scherer D. 369, E. 373.]

Geboren 1695 zu Striegau in Schlesien, sollte nach dem Willen seines Vaters und gegen seine eigne Neigung in Wittenberg Medizin studieren, gieng früh (1723) in wildem Leben zu Grunde. Er war eine bedeutende dichterische Natur und brachte Selbsterlebtes und Selbstempfundenes zur Darstellung. Eine Auswahl seiner Gedichte wurde herausgegeben von Tittmann (Leipzig 1874); Litzmann (Leipzig, Reclamsche Universalbibliothek Nr. 1295, 96).

1.
BUSSGEDANKEN.

Mein Gott! wo ist denn schon der Lenz von meinen Jahren

So still, so unvermerkt, so zeitig hingefahren?

So schnell fleugt nimmermehr ein Segel durch das Meer,

So flüchtig dringt wol kaum ein heisses Blei zum Ziele;

Es dünkt mich ja noch gut der ersten Kinderspiele:

Wo kommt denn aber schon des Körpers Schwachheit her? 10

Mein Alter ist ja erst der Anfang, recht zu leben,

Indem mir Raum und Zeit noch manchen Schertz kann geben.

Wie? überspringt dies nun die Staffeln der Natur,

Mein Geist, der wie die Glut in fetten Cedern brannte,

Verdruss und Traurigkeit aus allen Winkeln bannte,

Und wie der Blitz bei Nacht aus Mund und Antlitz fuhr?

Ich hatte von Geburt viel Ansehn auf der Erden,

Nach meiner Väter Art ein starker Geist zu werden;

Der Eltern kluge Gunst erzog Gemüth und Leib

Durch Übung, Schweiss und Kunst zu wichtigen Geschäften;

Was andern sauer ward, das war schon meinen Kräften

Ein lustiges Bemühn und froher Zeitvertreib.

Kein Ekel, keine Furcht, kein abergläubig Schrecken

Vermochte mir das Herz mit Unruh anzustecken,

Die Glieder fluchten nicht auf Hitze, Frost und Stein;

Verfolgung, Mangel, Hass, Neid, Lügen, Schimpf und Zanken

Erstickten mir keinmal den Ehrgeiz der Gedanken,

Der Welt durch Wissenschaft ein nützlich Glied zu sein.

Ich sah mich als ein Kind den Wahrheitstrieb schon leiten, 10

Ich schwatzte durch die Nacht bei Schriften alter Zeiten,

Die Musen nahmen mich der Mutter von der Hand;

Ich lernte nach und nach den Werth des Maro schätzen

Und frass fast vor Begier, was Wolff und Leibnitz setzen,

Bei welchen ich den Kern der frommen Weisheit fand.

Dabei verschmäht’ ich auch kein äusserlich Vergnügen,

Die Liebe wusste mich recht künstlich zu besiegen,

So bald Anacreon in meinen Zunder blies;

Ich dacht’, es zöge mich nur blos ein nettes Singen,

Und war doch in der That ein zärtliches Bezwingen 20

Der süssen Eitelkeit, die ihre Macht bewies.

Bei vielem Ärgerniss und unter allen Sorgen,

Die mir noch ziemlich jung den Abend wie den Morgen

Mit Drohung und Gefahr empfindlich zugesatzt,

Verdarb ich gleichwol nicht Gesellschaft, Scherz und Küssen;

Und manch’ vertrauter Freund wird oft noch sagen müssen,

Wie freudig ihm mein Trost die Grillen ausgeschwatzt.

Allein es ändert sich die Scene meines Lebens.

Ach Gott! wie ist es jetzt mit mir so gar vergebens!

Was seh’ ich zwischen mir und mir für Unterscheid! 30

Mein junges Feldgeschrei bringt stumme Klagelieder,

Es keimt, es gährt bereits durch alle meine Glieder

Der Same und das Gift geerbter Sterblichkeit.

Die Geister sind verraucht, die Nerven leer und trocken,

Die Luft will in der Brust, das Blut in Adern stocken,

Das Auge thränt und zieht die scharfen Strahlen ein.

Das Ohr klingt fort und für und läutet mir zu Grabe,

Und da ich überall viel Todeszeichen habe,

So zagt dabei mein Herz in ungemeiner Pein.

Nicht etwan, dass mein Fleisch, die abgelegte Bürde,

Aus Abscheu vor der Gruft zuletzt noch weibisch würde:

Dies hab ich mir vorlängst bekannt und leicht gemacht;

Nur darum, dass mein Fleisch sich in der Blüte neiget,

Und nicht der Welt vorher durch seine Früchte zeiget,

Zu was mich die Natur an dieses Licht gebracht.

Allein wer hat hier Schuld? Ich, leider, wol am meisten, 10

Ich, welchen Glück und Wahn mit süssen Träumen speisten,

Als würd’ es stets so sein und niemals anders gehn;

Ich, der ich so viel Zeit nicht klüger angewendet,

Gesundheit, Stärk’ und Kraft so liederlich verschwendet.

Ach GOtt, verzeih’ es doch dem redlichen Gestehn!

Nun ist auch dies wol wahr, der Himmel wird es zeugen,

Dass Neid und Unglück oft die besten Köpfe beugen,

Und dass ich wider mich gar viel aus Noth gethan.

O, hätte mich die Pflicht des Nächsten oft gerettet,

Und mancher Blutsfreund selbst mir nicht den Fall gebettet, 20

Vielleicht—jedoch genug! Ich klage niemand an.

Ich klage niemand an aus redlichem Gemüthe,

Ich wünsche mir vielmehr nach angebohrner Güte

Nur so viel Glück und Zeit, den Freunden Gut’ zu thun;

Und da es in der Welt nicht weiter möglich scheinet,

So thu’ es der für mich, vor dem mein Herze weinet,

Und lasse Neid und Groll mit mir im Grabe ruhn!

Nur mich verklag’ ich selbst vor dir, gerechter Richter.

So viel mein Scheitel Haar, so viel der Milchweg Lichter,

So viel die Erde Gras, das Weltmeer Schuppen trägt, 30

So zahlreich und so gross ist auch der Sünden Menge,

Die mich durch mich erdrückt, und immer in die Länge

Mehr Holz und Unterhalt zum letzten Feuer legt.

Das Ärgste wäre noch, mich hier vor dir zu schämen:

Hier steh’ ich, grosser Gott! du magst die Rechnung nehmen.

Ich hör’, obgleich bestürtzt, das Urtheil mit Geduld.

Wie hab’ ich nicht in mich so lang und grob gestürmet

Und Fluch auf Fluch gehäuft und Last auf Last gethürmet!

Schlag, wirf mich, tödte mich! Es ist verdiente Schuld.

Dein Zorn brennt nicht so sehr die bösen Sodomskinder,

Die Hölle scheint noch kalt und plaget viel gelinder,

Als mich die Qual und Reu, die in der Seelen schmerzt.

Ist’s möglich, ach, so gib, du ewiges Geschicke,

Mir auch jetzund für Blut ein Theil der Zeit zurücke,

Mit der sein Selbstbetrug sein zeitlich Wohl verscherzt!

Wie besser wollt’ ich jetzt das theure Kleinod schätzen! 10

Wie ruhig sollte sich hernach mein Alter setzen

Und, wenn denn meine Pflicht der Welt genug gedient,

Mit Fried’ und Freudigkeit und als im Rosengarten,

Den Tod und auf den Tod den Nachruf still erwarten:

Ich sei als wie ein Baum nach vieler Frucht vergrünt.

Mein Gott, es ist geschehn, mehr kann ich nun nicht sagen,

Stimmt deine Vorsicht bei, so setze meinen Tagen

(Hiskias weint in mir) nur wenig Stufen zu.

Ich will den kurzen Rest in tausend Sorgen theilen,

Durch That und Besserung das Zeugniss zu ereilen, 20

Dass ich anjetzo nicht mit Heucheln Busse thu’.

Der Ernst macht alles gut; was hin ist, sei vergessen,

Kein Kraut ist ja so welk, man weiss noch Saft zu pressen,

Der, kommt gleich jenes um, den Kranken Heil gewährt.

Manasses mehrt zuletzt die Anzahl frommer Fürsten,

Und Saul kan nicht so stark nach Blut und Unschuld dürsten,

Als eifrig und geschickt hernach sein Geist bekehrt.

Ist deiner Ordnung ja mein längres Ziel zuwider,

So rette, treuer Gott, doch alle meine Brüder,

Die voller Irrthum sind und noch an Jahren blühn, 30

Und lass sich ihren Geist an meinen Thränen spiegeln,

Eh’ Ohnmacht, Schwäch’ und Zeit die Gnadenthür verriegeln,

Damit sie mehr Gewinn von ihrem Pfunde ziehn.

Von nun an will ich mich dir gänzlich überlassen

Und um den letzten Sturm den stärksten Anker fassen

Den uns auf Golgatha der Christen Hoffnung reicht.

Dein Wort, dein Sohn, dein Geist befriedigt mein Gewissen

Und lehrt mich hier getrost der Jugend Fehler büssen,

Bis ihrer Strafen Schmerz mit Wärm, und Athem weicht.

Komm nun und wie du willst, die Erbschuld abzufodern;

Der Leib, das schwere Kleid, mag reissen und vermodern,

Weil dies Verwesen ihn mit neuer Klarheit schmückt.

Ich will ihm zum Voraus mit freudenreichem Sehnen

Auf Gräbern nach und nach den Schimmer angewöhnen,

In welchem ihn hinfort kein eitler Traum mehr drückt.

O sanfte Lagerstatt, o seliges Gefilde! 10

Du trägst, du zeigest mir das Paradies im Bilde,

Ich steh’ ich weiss nicht wie, recht innerlich gerührt.

Wie sanfte wird sich hier Neid, Gram und Angst verschlafen,

Bis einst der grosse Tag die Böcke von den Schafen,

Die in die Marter jagt, und die zur Freude führt.

Mein Schatz, Immanuel, mein Heiland, meine Liebe!

Verleih’, doch, dass ich mich in deinem Wandel übe,

Verdirb mir alle Kost, die nach der Erde schmeckt;

Verbittre mir die Welt durch deines Kreuzes Frieden,

Vertreib, was mich und dich durch mein Versehn geschieden, 20

Und hüll’ in dein Verdienst, was Zorn und Rache weckt.

Soll ja mein jäher Fall den Körper niederstürzen,

So lass mir Zeit und Schmerz auf deiner Brust verkürzen

Und nimm den freien Geist mit Arm und Mitleid auf!

Wem irgend noch von mir ein Ärgerniss geblieben,

Dem sei der Spruch ans Herz wie mir an Sarg, geschrieben:

Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf.

2.
STUDENTENLIED.

Brüder, lasst uns lustig sein,

Weil der Frühling währet,

Und der Jugend Sonnenschein 30

Unser Laub verkläret;

Grab und Bahre warten nicht:

Wer die Rosen jetzo bricht,

Dem ist der Kranz bescheret.

Unsers Leben schnelle Flucht

Leidet keinen Zügel,

Und des Schicksals Eifersucht

Macht ihr stetig Flügel;

Zeit und Jahre fliehn davon,

Und vielleichte schnitzt man schon

An unsers Grabes Riegel. 10

Wo sind diese? Sagt es mir,

Die vor wenig Jahren

Eben also, gleich wie wir,

Jung und fröhlich waren?

Ihre Leiber deckt der Sand,

Sie sind in ein ander Land

Aus dieser Welt gefahren.

Wer nach unsern Vätern forscht,

Mag den Kirchhof fragen;

Ihr Gebein, so längst vermorscht, 20

Wird ihm Antwort sagen.

Kann uns doch der Himmel bald,

Eh die Morgenglocke schallt,

In unsre Gräber tragen.

Unterdessen seid vergnügt,

Lasst den Himmel walten,

Trinkt, bis euch das Bier besiegt,

Nach Manier der Alten.

Fort! Mir wässert schon das Maul,

Und, ihr andern, seid nicht faul, 30

Die Mode zu erhalten.

Dieses Gläschen bring ich dir,

Dass die Liebste lebe

Und der Nachwelt bald von dir

Einen Abriss gebe!

Setzt ihr andern gleichfalls an,

Und wenn dieses ist gethan,

So lebt der edle Rebe!