JOHANN VALENTIN ANDREÄ.
[Scherer D. 315, E. 314.]
Geboren 1586 zu Herrenberg in Würtemberg. Er war der Sohn eines Predigers, studierte in Tübingen Theologie, reiste dann in Deutschland, Frankreich und Italien und erhielt nach seiner Rückkehr verschiedene Anstellungen als protestantischer Geistlicher. Er starb als Abt von Adelberg 1654. Er schrieb satirische Dialoge und Parabeln und Comödien in lateinischer Sprache. Unter seinen deutschen Werken sind zu nennen: ‘Christenburg’ 1615 (herausgegeben von Grüneisen); ‘Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreuz’ (1616); ‘Geistliche Kurzweil’ 1619.
1.
AN DEN GRÜBLER.
OHn kunst, ohn müh, ohn fleiss ich dicht,
Drumb nit nach deinem kopf mich richt,
Biss du witzt[964], schwitzst, Spitzst, Schnitzst im Sinn,
Hab ich angsetzt, vnd fahr dahin.
Biss du guckst, buckst, schmuckst[965], truckst im Kopff,
Ist mir schon aussgelehrt der Topff:
Biss du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn,
Ist mir schon abgehaspt[966] die Zwirn.
Gfelts dir nu nit, wie ich im thu, 10
Machs besser, nimb ein Jahr darzu.
2.
EIN GESPRÄCH CHRISTI MIT EINER WELTLIEBENDEN SEELEN.
Christus.
CHristus zu einer Seelen spricht,
Ach lass mich bey dir ein:
Eh dann dir kompt das schwer Gericht
Das nichts bringt dann nur pein:
Dann dein vnrhüwigs[967] Hertz,
Sucht hie vnd da sein schertz, 10
Vnd findt doch nichts dann schmertz.
Seel.
HErr Christ, antwort die Seel alsbald,
Du bist mir gar nicht frembdt.
Mein Hertz gegen dir ist gar nit Kalt,
Mein Mund dich stehts bekendt:
Ich hab im Leben mein
Mich geben dir allein,
Mein Heyland soltu sein.
Christus.
Reichlich redet dein Munde mir,
Ich find es aber nit,
So offt ich kam für deine Thür, 20
So wiltu noch nit mit,
Die Eytelkeit der Welt,
Darzu das schnöde gelt
Dir noch zuwol gefellt.
Seel.
In dieser Welt ich leben muss,
Allda ist wunders vil,
Solt ich mir legen auff mehr buss,
Wer wer dem dis gefiel,
Dann solt nicht auch sein frewd,
Vnder so vielem leid,
Wer blib zu diser zeit.
Christus.
Sich Seel was mir versprochen hast,
Als ich dich gnommen an,
In diser welt wöllst han kein Rast,
All tag zu Kampffe stahn,
Nun hastu dich gelendt[968], 10
Zu meinen Feinden gwendt,
Dein Frewd zur Höllen rendt[969].
Seel.
Tracht ich dann nicht nach deiner Ehr,
So hast zu klagen wol,
All Ketzerey von mir ist ferr,
Mein Mund dir betten[970] soll,
Doch bitt ich mir verzeich,
Dass ich den Leuten gleich,
Vnd doch von dir nit weich. 20
Christus.
Ich eyffer zsehr, vnd nit vertrag,
Dass du liebst Andre mehr,
Alda ich auch nit bleiben mag,
Wa herrscht ein andrer Herr,
Ist mirs nit grösser Spott,
Dass du ehrst für dein Gott,
Ehr, Gelt, vnd die bös Rott.
Seel.
Ach nit, das wer ein böse Sach,
Fürthin mich massen[971] will,
Mein armes Fleisch, das ist so schwach,
Dass ich diss lieb zu vil,
Drumb mein Hertz öffne ich,
Zeuch ein Herr gnädiglich,
Treib auss, was wider dich. 10
Christus.
Nit denck dass Ich dir kan[972] mit Pracht,
Mein schmuck ist Creutz vnd schmach,
Bey mir wirstu nur sein veracht,
Dass jedermann dein lach,
Jedoch biss wol gemut,
Sey still in meiner hut,
Ich bring dirs höchste gut.
Seel.
Adi O Welt vnd Fleisches Rhu, 20
Ich hab das gut erwehlt,
Nun zeuch ich all mein Thürlin zu,
Forthin mirs nimmer fehlt,
Dir Christ ich nun allein,
Einraum das Hertze mein,
Dein vnd mein Will sey Ein.