JÖRG WICKRAM.
[Scherer D. 299, E. 297.]
Aus Kolmar, wo er eine Meisterschule gründete. 1554 Stadtschreiber zu Burkheim am Rhein. Seine Erzählungen ‘Knabenspiegel’, ‘Von guten und bösen Nachbarn’, ‘Gabriotto und Reinhard’, ‘Goldfaden’ (herausgegeben von Brentano, Heidelberg, 1809) schrieb er zwischen 1551–1556. Sein ‘Rollwagenbüchlein’, zuerst 1555 erschienen, ist eine Sammlung von Schwänken und Anekdoten; herausgegeben von Kurz (Leipzig, 1865). Wickram dichtete auch Dramen.
AUS DEM ROLLWAGENBÜCHLEIN.
Der schmackhafte Trunk.
Auf ein zeit fůr ein mechtig schiff auf dem mer mit grossem gůt und kaufmanschatz beladen. Es begab sich, das ein grosse fortun oder torment an sie kam, also das sich menniglich zů sterben und {10} zů ertrinken verwegen tet. Auf dem schiff was ein grober und gar ein ungebachner Baier. Als er von menniglich hort, das sie sich zů versinken und zů ertrinken verwegen hatten, gieng er über seinen ledernen sack, nam daraus ein gůte grosse schnitten brot, reib ein gůt teil salz darauf, hůb an und ass das ganz gütiglichen in sich, liess ander laut beten, gott und seine heiligen anrüfen. Als nun auf die letzt der torment vergieng und alles volk auf dem schiff wider zů růwen kamen, fragen sie den Baier, was er mit seiner weis gemeint hat? der gůt Baier gab auf ire fragen antwort und sagt: ‘Dieweil ich von euch allen hört, wie wir undergon und gar {20} ertrinken solten, ass ich salz und brot, damit mir ein solcher grosser trunk auch schmecken mocht.’ Dieser wort lachten sie genůg.