KONRAD VON WÜRZBURG.
[Scherer D. 190, E. 180.]
Ein gelehrter Dichter, bürgerlichen Standes, in Würzburg geboren, lebte am Oberrhein, in Strassburg und Basel, wo er 1287 starb. Seine Werke sind: ‘Der Welt Lohn’ (ed. Roth, Frankfurt 1843); ‘Otto mit dem Bart’ (ed. Hahn, Quedlinburg 1838); ‘Schwanritter’ (ed. Roth, Frankfurt 1861); ‘Engelhard’ (ed. Haupt, Leipzig 1844); ‘Herzmäre’ (ed. Roth, Frankfurt 1846); ‘Alexius’ (ed. Haupt in seiner Zeitschrift III, 534); ‘Pantaleon’ (ed. Haupt in seiner Zeitschrift VI, 193); ‘Silvester’ (ed. W. Grimm, Göttingen 1841); ‘Goldene Schmiede’ (ed. W. Grimm, Berlin 1840); ‘Partonopier und Meliur’ (ed. Bartsch, Wien 1871, zugleich ‘Turnei von Nantheiz’ und ‘Lieder und Sprüche’); ‘Trojanerkrieg’ (ed. Keller, Stuttgart 1858); ‘Klage der Kunst’ (ed. Joseph, Strassburg 1885).
1.
DER WELT LOHN.
Ir werlde minnære
vernemet disiu mære,
wie einem ritter gelanc,
der nâch der werlde lône ranc
beidiu spâte unde fruo.
er dâhte in manege wîs dar zuo
wâ mite er daz begienge
daz er den lôn enphienge
werltlicher êren;
er kunde wol gemêren 10
sîn lop an allen orten:
mit werken und mit worten
sîn leben was sô vollenbrâht,
daz sîn zem besten wart gedâht
in allen tiuschen landen,
er hete sich vor schanden
alliu sîniu jâr behuot:
er was hübisch unde fruot,
schœne und aller tugende vol.
swâ mite ein man zer werlde sol
bejagen hôher wirde prîs,
daz kunde wol der herre wîs
bedenken und betrahten.
man sach den vil geslahten
ûz erweltiu kleider tragen. 10
birsen, beizen unde jagen,
kunde er wol und treip sîn vil;
schâchzabel unde seiten spil
daz was sîn kurzewîle.
wær über hundert mîle
gezeiget im ein ritterschaft,
dar wær der herre tugenthaft
mit guotem willen hin geriten
und hete gerne dâ gestriten
nâch lobe ûf hôher minne solt. 20
er was den frouwen alsô holt,
die wol bescheiden wâren,
daz er in sînen jâren
mit lange wernder stæte
in sô gedienet hæte,
daz alliu sældenhaften wîp
sînen wünneclichen lîp
lobeten unde prîsten.
als uns diu buoch bewîsten
und ich von im geschriben vant, 30
sô was der herre genant
her Wirent dâ von Grâvenberc.
er hete werltlîchiu werc
gewürket alliu sîniu jâr.
sîn herze stille und offenbâr
nâch der minne tobte.
sus saz der hôch gelobte
in einer kemenâten
mit fröuden wol berâten
und hete ein buoch in sîner hant, 10
dar ane er âventiure vant
von der minne geschriben.
dar obe hete er dô vertriben
den tac unz ûf die vesperzît;
sîn fröude was vil harte wît
von süezer rede, die er las.
dô er alsus gesezzen was,
dô kam gegangen dort her
ein wîp nach sînes herzen ger
ze wunsche wol geprüevet gar 20
und alsô minneclîch gevar,
daz man nie schœner wîp gesach.
ir schœne volleclichen brach
für alle frouwen die nû sint.
sô rehte minneclichez kint
von wîbes brüsten nie geslouf.
ih spriche daz ûf mînen touf,
daz si noch verre schœner was
dan Vênus oder Pallas
und alle die gotinne,
die wîlen phlâgen minne:
Ir antlütze unde ir varwe
diu wâren beidiu garwe
durchliuhtec alse ein spiegelîn.
ir schœne gap sô liehten schîn
und alsô wünneclichen glast 10
daz der selbe palast
von ir lîbe erliuhtet wart.
der wunsch der hete niht gespart
an ir die sînen meisterschaft;
er hete sîne besten kraft
mit ganzem vlîze an si geleit.
swaz man von schœnen wîben seit,
der übergulde was ir lîp.
ez wart nie minneclicher wîp
beschouwet ûf der erde; 20
ouch was nâch vollem werde
ir lîp bekleidet schône.
diu kleider und diu krône,
die diu selbe frouwe kluoc
ûfe und ane ir lîbe truoc,
die wâren alsô rîche,
daz si halt sicherlîche
nieman vergelten kunde,
ob man si veile funde.
Von Grâvenberc der herre Wirnt
der erschrac von ir wol zwirnt,
dô si kam geslichen:
sîn varwe was erblichen
vil harte von ir künfte dâ.
in nam des michel wunder sâ, 10
waz vrouwen alsô kæme.
ûf spranc der vil genæme
erschrocken unde missevar
unde enphienc die schœnen gar
vil schône als er wol kunde.
er sprach ûz süezem munde
‘sît, frouwe, gote willekomen!
swaz ich von frouwen hân vernomen,
der übergulde sît ir gar.’
diu frouwe sprach mit zühten dar 20
‘vil lieber friunt, got lône dir!
erschric sô sêre niht von mir.
ich bin diu selbe frouwe doch
der dû mit willen dienest noch
und al dâ her gedienet hâst.
swie dû vor mir erschrocken stâst,
sô bin ich doch daz selbe wîp,
durch die dû sêle unde lîp
vil dicke hâst gewâget.
dîn herze niht betrâget,
ez trage durch mich hôhen muot.
dû bist hübesch unde fruot
gewesen alliu dîniu jâr;
dîn werder lîp süez unde klâr
hât nâch mir gerungen,
gesprochen und gesungen
von mir swaz er guotes kan; 10
dû wære eht ie mîn dienestman
den âbent und den morgen;
dû kundest wol besorgen
hôhez lop und werden prîs;
dû blüejest als ein meienrîs
in manecvalter tugende;
dû hâst von kindes jugende
getragen ie der êren kranz;
dîn sin ist lûter unde ganz
an triuwen ie gein mir gewesen. 20
vil werder ritter ûz erlesen,
dar umbe bin ich komen her,
daz dû nâch dînes herzen ger
mînen lîp von hôher kür
schouwest wider unde für,
wie schœne ich sî, wie vollekomen.
den rîchen lôn, den grôzen fromen,
den dû von mir enphâhen maht
um dînen dienest vil geslaht,
den solt dû schouwen unde spehen.
ich wil dich gerne lâzen sehen,
waz lônes dir geziehen sol,
dû hâst gedienet mir sô wol.’
Den edelen herren tugentrîch
dûhte harte wunderlîch
dirre frouwen teidinc.
wan si der selbe jungelinc 10
dâ vor mit ougen nie gesach,
und doch diu selbe frouwe sprach,
er wære ir dienestman gesîn.
er sprach ‘genâde, frouwe mîn.
hân ich iu gedienet iht,
entriuwen, des enweiz ich niht:
mich dunket âne lougen
daz ich mit mînen ougen
iuch vil selten hân gesehen.
sît aber ir geruochet jehen 20
mîn ze knehte, sælec wîp,
sô sol mîn herze und ouch mîn lîp
iu ze dienste sîn bereit
mit willeclicher arebeit
unz ûf mînes endes zil.
ir habet sô hôher sælden vil
und alsô manecvalte tugent,
daz iuwer fröudeberndiu jugent
mir vil wol gelônen mac.
jâ wol mich daz ich disen tac
gelebet hân, des fröuwe ich mich,
sît daz ir, frouwe minneclich,
mînen dienst enphâhen welt.
frouwe an tugenden ûz gezelt,
geruochet künden mir ein teil
durch daz wünnebernde heil
daz an iu, schœniu frouwe, lît,
von wannen ir geheizen sît
oder wie ir sît genant. 10
iuwer name und iuwer lant
daz werde mir hie kunt getân,
durch daz ich wizze sunder wân,
ob ich in allen mînen tagen
ie von iu gehôrte sagen.’
Des antwurte im diu schœne dô,
si sprach gezogenlîche alsô
‘vil lieber friunt, daz sol geschehen:
ich wil dir gerne alhie verjehen
mînes hôchgelobten namen. 20
dun darft dich nimmer des geschamen
daz dû mir undertænec bist.
mir dienet swaz ûf erden ist
hordes unde guotes.
ich bin sô frîes muotes
daz keiser unde küneges kint
alle under mîner krône sint;
grâven, vrîen, herzogen,
die habent mir ir knie gebogen
und leistent alle mîn gebot.
ich fürhte niemen âne got,
der ist gewaltec über mich.
diu Werlt bin geheizen ich,
der dû nû lange hâst gegert.
lônes solt dû sîn gewert
von mir als ich dir zeige nû.
hie kumt ez dir, daz schouwe dû!’
Sus kêrtes im den rücke dar, 10
der was in allen enden gar
bestecket unde behangen
mit ungefüegen slangen,
mit kroten und mit nâtern;
ir lîp was voller blâtern
und ungefüeger eizen.
fliegen unde âmeizen
ein wunder drinne sâzen;
ir fleisch die maden âzen
unze an daz gebeine. 20
si was sô gar unreine
daz von ir blœdem lîbe dranc
ein sô angestlicher stanc,
den niemen kunde erlîden.
ir rîchez kleit von sîden
wart übele dâ gehandelt
und vil gar verwandelt
in ein bœsez tüechelîn,
sîn liehter wünneclicher schîn
ersticket unde missevar 30
rehte alsam ein asche gar.
Hie mite schiet si dannen.
daz si vor mir verbannen,
und ab der kristenheite sî!
der ritter edel unde frî
dô er diz wunder ane sach,
zehant sîn herze im des verjach,
er wære gar verwâzen,
swer sich wolte lâzen
an ir dienste vinden. 10
von wîbe und ouch von kinden
schiet er sich al dâ zehant;
er nam daz kriuze an sîn gewant
und huop sich über daz wilde mer
und half dem edelen gotes her
strîten an die heidenschaft.
dâ wart der ritter tugenthaft
an stæter buoze funden.
er schuof daz zallen stunden,
dô im der lîp erstorben was,
daz im diu sêle dort genas. 20
Nû merket alle die nû sint
dirre wilden werlte kint
diz endehafte mære.
daz ist alsô gewære
daz man ez gerne hœren sol.
der werlte lôn ist jâmers vol,
daz müget ir alle hân vernomen.
ich bin sîn an ein ende komen,
swer an ir dienste funden wirt
daz in diu fröude gar verbirt,
die got mit ganzer stætekeit
den ûz erwelten hât bereit.
Von Wirzeburc ich Kuonrât
gibe iu allen disen rât,
daz ir die werlt lâzet varn,
wellet ir die sêle bewarn.
Ihr Liebhaber der Welt
vernehmt folgende Erzählung,
wie es einem Ritter ergangen,
der spät und früh
nach der Welt Lohn gerungen hat.
Er dachte auf manche Weise darauf,
womit er es dahin brächte,
dass er den Lohn
weltlicher Ehren empfienge;
er verstand seinen Ruhm 10
aller Orten zu mehren;
in Werken und Worten
verlief sein Leben so,
dass man ihn zu den Edelsten zählte
in allen deutschen Landen;
von Schande hatte er sich
Zeitlebens behütet;
er war höfisch gebildet und klug,
schön und im Besitz aller trefflichen Eigenschaften.
Womit man in dieser Welt
hoher Würde Preis erjagen mag,
das wusste der weise Herr
zu bedenken und zu beachten.
Man sah den vornehmen Mann
gewählte Kleidung tragen. 10
Mit Spürhunden, mit Falken und jeder Art Jagen
verstand er wohl und trieb es viel,
mit Schach- und Saitenspiel
kürzte er sich die Zeit.
Wär ihm über hundert Meilen weit
ein Turnier angesagt worden,
so wär der taugliche Herr
bereitwillig hin geritten,
und hätte dort gerne löblich
um hoher Minne Sold gekämpft. 20
Den Damen war er so hold,
den verständigen,
dass er Jahr aus Jahr ein
ihnen mit anhaltender Treue
also gedient hatte,
dass alle glückseligen Frauen
den wonnigen Mann
lobten und priesen.
Wie uns das Buch berichtet,
und ich von ihm geschrieben fand, 30
hiess dieser Herr
Herr Wirent von Grafenberg.
Er hatte weltliches Streben
bethätigt sein Leben lang.
Sein Herz war im Geheimen und öffentlich
auf Liebe versessen.
Nun sass einmal der Hochgerühmte
in einer Kemenate
in freudiger Stimmung
und hielt ein Buch in der Hand, 10
in dem er eine Liebesgeschichte
gefunden hatte.
Damit hatte er sich
die Zeit bis zur Vesperstunde vertrieben;
seine Brust war freudig geschwellt
von der süssen Erzählung, die er las.
Wie er so dasass,
da kam ein Weib daher gegangen,
ganz nach seines Herzens Wunsch
idealisch schön gestaltet 20
und von so liebenswürdigem Ansehn,
dass man ein schöneres Weib nicht erblicken konnte.
Ihre Schönheit überstrahlte
alle Frauen, die heute leben.
Ein so überaus liebliches Kind
verliess noch nie eines Weibes Schooss.
Meine Taufe setze ich zum Pfande:
sie war weit schöner
als Venus und Pallas
und alle die Göttinnen,
die einst sich der Liebe annahmen.
Ihr Antlitz und ihre Hautfarbe
leuchteten ganz und gar
wie ein Spieglein.
Ihre Schönheit gab so lichten Schein
und so wonnigen Glanz, 10
dass der Palast
von ihrem Leibe erleuchtet ward.
Der Schönheit Inbegriff hatte
an sie sein Meisterstück vollbracht;
er hatte seine beste Kraft
mit ganzem Fleiss an ihr verschwendet.
Von wie viel schönen Frauen man auch redet,
sie alle überglänzte ihr Leib.
Nie ward ein liebenswertheres Weib
auf Erden geschaut; 20
auch war ihre Gestalt
nach ihrem vollen Werthe prächtig bekleidet.
Die Kleider und die Krone,
welche die schöne zierliche Frau
auf dem Haupt und an ihrem Leibe trug,
die waren so reich,
dass sie sicherlich
kein Mensch hätte bezahlen können,
wenn man sie feil gefunden hätte.
Von Grafenberg Herr Wirent
erschrack vor ihr wohl doppelt,
als sie leise herantrat:
da war sein Angesicht
in Folge ihres Kommens erblichen.
Und es wunderte ihn gar sehr, 10
was für eine Frau also nahte.
Der Liebenswürdige sprang
erschrocken und verstört aussehend empor
und empfieng die Liebliche,
so schön er konnte.
er sprach mit süssem Munde:
‘Seid, Herrin, gottwillkommen!
So weit ich Frauen kenne,
die überstrahlt ihr ganz und gar.’
Die Dame erwiderte in Züchten: 20
‘Mein lieber Freund, Gott lohne dirs!
Erschrick nicht so sehr vor mir.
Bin ich doch dieselbe Dame,
der du noch jetzt willig dienst
und seit lange gedient hast.
Wie erschrocken du auch vor mir dastehst,
so bin ich doch dasselbe Weib,
der zu Liebe du Seele und Leib
schon so oft auf’s Spiel gesetzt.
Dein Herz ist nicht müde geworden,
um meinetwillen fröhlich zu sein.
Du bist höfisch und klug
dein ganzes Leben gewesen;
dein edler, süss- und klarer Leib
hat sich nach mir gesehnt,
du hast von mir erzählt und gesungen,
so gut du es verstanden; 10
du warst ja stäts mein Vasall
des Abends und des Morgens;
und wusstest wohl zu besorgen
hohes Lob und werthen Preis;
du blühest wie ein Maienreis
in mannigfacher Tugend;
du hast von frühster Kindheit an
der Ehren Kranz getragen;
dein Sinn war lauter und ganz
in Treuen mir zugethan. 20
Mein werther, auserlesener Ritter,
darum bin ich her gekommen,
dass du nach deines Herzens Lust
meinen Leib, den hochgeschätzten,
beschauest von vorn und von hinten,
wie vollkommen schön ich bin.
Den reichen Lohn, den grossen Nutzen,
den du von mir empfangen kannst
um deinen vielgestaltigen Dienst
den sollst du schauen und erspähen.
Ich will dich gerne sehen lassen,
welcher Lohn dir zufallen soll;
du hast mir so wohl gedient.’
Den edlen tugendreichen Herren
däuchte sehr wunderbar
dieser Dame Vorschlag,
weil sie der junge Mann 10
noch nie mit seinen Augen gesehen,
und diese Frau doch sagte,
er wäre ihr Vasall gewesen.
Er sprach: ‘Verzeiht, hohe Frau,
hab’ ich euch irgendwie gedient,
traun, davon weiss ich nichts;
mich dünkt wahrlich,
dass diese meine Augen
euch noch niemals gesehen haben.
Da ihr mich aber annehmen wollt 20
als euren Knecht, seliges Weib,
so soll mein Herze und mein Leib
zu euren Diensten bereit sein
mit freudigem Streben
bis zu meines Todes Ziel.
Ihr habt so viel hohes Glück
und so mannigfache Tugend,
dass eure freudvolle Jugend
mir sehr wohl lohnen kann.
Ja, Heil mir, dass ich diesen Tag
erlebt habe, des freu’ ich mich,
da ihr, liebliche Herrin,
meinen Dienst annehmen wollt.
An Tugend auserlesene Herrin,
geruht mir ein wenig zu künden,
um des wonnetragenden Heiles willen,
das in euch, schöne Frau, liegt,
woher ihr seid,
und wie ihr heisset. 10
Euer Name und euer Land,
das werde mir hier kund gethan,
damit ich sicher weiss,
ob ich Zeit meines Lebens
je von euch habe sagen hören.’
Darauf antwortete ihm die Schöne
und sprach mit edlem Anstand also:
‘Viel lieber Freund, das soll geschehen:
ich will dir gerne meinen
hochberühmten Namen offenbaren. 20
Du brauchst dich dessen nie zu schämen,
dass du mir unterthänig bist.
Mir dient alles, was auf Erden ist
an Schatz und Gut.
Ich bin von so hoher Art,
dass Kaiser und Königskinder
alle unter meiner Krone stehn;
Grafen, Freie, Herzöge,
die haben vor mir ihr Knie gebogen,
und erfüllen alle mein Gebot.
Ich fürchte niemand ausser Gott,
der hat Gewalt über mich.
Die Welt bin geheissen ich,
nach der du lange hast begehrt.
Lohn soll dir sein gewährt
von mir, wie ich dir jetzt zeige.
So komme ich dir, nun schau mich an!’
Damit kehrte sie ihm den Rücken zu, 10
der war aller Enden
besteckt und behangen
mit scheusslichen Schlangen,
mit Kröten und Nattern;
ihr Leib war voller Blattern
und widerlicher Beulen.
Fliegen und Ameisen
sassen wunderviel darin;
ihr Fleisch frassen Maden
bis auf’s Gebein. 20
Sie war so unsauber,
dass von ihrem elenden Leibe
ein so fürchterlicher Geruch ausgieng,
dass ihn niemand ertragen konnte.
Ihr reiches Seidenkleid
war da in schlimmem Zustand
und ganz verwandelt
in einen gemeinen Stoff,
sein lichter, heiterer Glanz
erstickt und farblos 30
gerade so wie Asche.
Damit schied sie von dannen.
Sei sie aus meinen Augen gebannt
und aus der Nähe der Christenheit!
Als der edle vornehme Ritter
dies Wunder gesehen,
da sagt’ er sich in seinem Herzen,
der wäre völlig verdammt,
der sich in ihrem Dienste
wollte finden lassen. 10
Von Weib und Kindern
trennte er sich da sogleich;
er nahm das Kreuz an sein Gewand
und fuhr über das wilde Meer
und half dem edeln Gottesheer
streiten wider die Heidenschaft.
Da ward der wackere Ritter
in stäter Busse befunden.
Er arbeitete jeder Zeit darauf hin,
dass wenn er hier gestorben,
seine Seele dort Rettung fand. 20
Merkt auch alle, die ihr hier
der wilden Welt Kinder seid,
diese bedeutungsvolle Mär.
Sie ist so wahrhaftig,
dass man sie gerne anhören soll.
Der Lohn der Welt ist jammervoll,
das habt ihr alle wohl vernommen.
Ich bin zu der Ansicht gekommen:
wer in ihrem Dienste sich betreffen lässt,
ihm schwindet alle Freude,
die Gott in Ewigkeit
den Auserwählten bereitet hat.
Von Würzburg ich, Konrad,
geb euch allen diesen Rath,
dass ihr die Welt lasst fahren,
wollt ihr die Seele bewahren.
2.
KLAGE DER KUNST.
Frou Wildekeit[23] für einen walt
mich fuorte eins an ir zoume.
dâ sach ich bluomen manicvalt 10
mêr danne zeinem soume[24];
ouch vant ich einen brunnen[25] kalt
dâ under grüenem boume,
der eine mülen mit gewalt
wol tribe an sînem stroume[26].
Der brunne lûter als ein glas
stuont wol mit grüenem üemet[27],
daz velt dar umbe schône was
gezieret und gesüemet[28].
von einem plâne ich nie gelas 20
der wære baz gerüemet:
der meie het dâ wol sîn gras
gerœset und geblüemet.
Dar obe stuont ein schatehuot[29]
gewünschet wol nâch prîse.
man sach dâ lachen wîze bluot
ûf dem grüenen rîse
(des man ze winter niht entuot
bî dem vil kalten îse);
dâ sâzen vogel ûfe guot 10
und sungen süeze wîse.
Nû hœret wie mir dô geschach
bî disem brunnen küele,
des vil wünneclicher bach
wol kerne[30] hiute[31] müele[32].
ob ime stuont ein schœnez dach,
dar under ein gestüele
gesetzet, daz man verre sach
dâ liuhten vor dem brüele[33].
Dar ûf ein werdiu frouwe saz 20
an leben unde an künne[34].
man seit daz si sich verre baz
dan alliu wîp versünne[35];
an ir lac zwâre[36], geloubet daz,
vil gar der werlde wünne,
si was ein reinez tugentvaz
daz ir Got liebes günne!
Got selbe hæte si gesant
dâ her ûz himeltrône,
dar inne fröude wirt erkant
der tugende sîn[37] ze lône.
ir namen ich geschriben vant
reht oben umbe ir krône:
Gerehtekeit was si genant,
daz las ich dâ vil schône.
Frou Wârheit mich niht liegen lât,
daz wizzet sicherlîche: 10
ir krône und ouch ir liehtiu wât[38]
die wâren alsô rîche,
die wîle und disiu werlt gestât,
in allem künicrîche
daz nieman alsô guotez hât,
daz disen zwein gelîche.
Ouch sâzen bî ir frouwen vil
die rîche krône truogen;
an den lac hôher wünne spil,
des ich begonde luogen[39]. 20
ir namen ich iu nennen wil,
wan[40] ich si dâ mit fuogen
vant geschriben ûf ein zil[41]
mit worten harte kluogen[42].
Dâ saz Erbarmeherzekeit
frî vor missetæte,
diu Triuwe was dâ wol bekleit
und ouch diu glanze Stæte.
ouch vant ich dâ Bescheidenheit
in wünneclicher wæte:
die viere wâren wol bereit,
vil guot was ir geræte[43].
Dâ saz frou Güete gallen frî
der krône was gewieret[44],
Milte[45] und Êre ich vant dâ bî
nâch wunsche wol gezieret.
an die vil werden frouwen drî
wart von mir vil gezwieret[46]; 10
si bluoten als ein rôsenzwî[47]
daz ûf der heide smieret[48].
Dâ saz frou Schame, diu reine fruht,
frî vor itewîze[49],
von der man seit daz ir genuht[50]
für alle tugende glîze[51].
dâ saz frou Mâze und ouch frou Zuht,
diu lûter und diu wîze,
si hæte Kiusche an sich getruht
mit herzeclichem flîze[52]. 20
Dâ saz ân alle missetât
ouch bî der küniginne
Wârheit und ir vil hôher rât
und ouch gerehtiu Minne.
swaz edeler tugent namen hât,
daz was dâ mit gewinne:
unz an[53] die Kunst, der was ir wât
zerbrochen ûze unt inne.
An fröuden dürre alsam ein strô
was si von sender[54] quâle:
Armuot si troffen hæte dô
mit ir vil scharpfem strâle[55].
hin für die küniginne unfrô
gienc si zuo dem mâle[56]
und huop ir rede hin zir alsô
mit zühten sunder twâle[57].
‘Vil ûz erweltiu künigîn,
ich suoche an dir gerihte. 10
durch die vil hôhen êre dîn
mîn krumbez dinc[58] verslihte[59];
lâ dir mîn leit geklaget sîn
und michel ungeschihte[60],
wie valschiu Milte vâret mîn[61]:
daz bringet mich ze nihte.
Ich bin verdorben als ein mist,
sam bitter als ein galle,
vil ungenædec si mir ist
ze hove und in dem schalle[62]. 20
si wil daz manic süezer list[63]
in armekeit nû valle
und machet rîche in kurzer frist
die künstelôsen alle.
Swer kunst in sînem herzen hât,
den kan si wol versmâhen;
swer abe dâ âne fuoge[64] stât,
dem wil si balde nâhen.
si kan durch valsche missetât
die gengen[65] gâbe enpfâhen:
diu mich vil armen dicke[66] lât
in grôzem kumber gâhen[67].
Sus wîset mich in arebeit[68]
diu valsche Milte sêre,
si machet mîne sorge breit
swar ich der lande kêre.
sît dû nû bist Gerehtekeit
genennet, frouwe hêre, 10
sô rihte dû diz herzeleit
durch[69] aller frouwen êre.’
Gerehtekeit diu sprach: ‘daz sî.
antwürte, valschiu Milte.
sît dir ist swære alsam ein blî
diu Kunst, die ich niht schilte[70],
swaz ir von dir wont leides bî,
vil schiere ich dir daz gilte[71].’
Ûf stuont frou Milte fröuden frî,
der rede si bevilte[72]. 20
‘Ich bin unschuldec’ sprach si ‘gar,
des si mich, frouwe, zîhet[73].
des swer ich ûf dem alter[74] dar
dâ Got ûf wart gewîhet.
vor Kunst ich guotes niht enspar:
swie kûme[75] ez doch gedîhet,
mîn hant diu nimt ir guoten war,
si gibt ir unde lîhet.’
‘Zewâre daz getet si nie,’
sprach aber Kunst diu slehte[76],
‘wan wîlent[77] dô ir nâhen gie
mîn fröudenrîch gebrehte[78].
nû lât si mich versmâhen ie
herren, ritter, knehte:
und obe ich daz beziuge hie,
geniuze ich des ze rehte?’
‘Jâ’ sprâchen dô von hôher kür[79]
die tugende algemeine. 10
‘Frou Wârheit, nû sô gêt her für,
und ouch frou Stæte reine,
und helfet mir daz man hie spür
ir schulde niht ze kleine,
diu mir sô gar der Sælden tür
beslozzen hât aleine!’
Sus wart beziuget[80] ...
*
Swer ir[81] tuot genge gâbe schîn[82],
dem fröuwet si sîn herze.
mit krâme[83] füllet man[84] ir schrîn, 20
des wirt vil kleine ir smerze;
si sitzet als ein keiserîn
behenket mit ir merze[85]:
des wirt diu Kunst verdorben sîn,
wan si niht hât von erze[86].’
‘Jâ’ sprach dô diu Gerehtekeit
‘und spulget[87] si des meiles[88]
daz man ir heim durch miete[89] treit[90]
swaz man dâ vindet veiles:
sô frâge ich dich, Bescheidenheit,
waz dû dar umbe teiles[91]. 10
wirt mir daz reht von dir geseit,
an sorgen dû mich heiles.’
‘Ich teile’ sprach diu frouwe dô,
‘swer künstelôser diete[92]
guot umb êre gebe alsô
durch keiner slahte miete[93],
daz im dar umbe ir smæhe drô[94]
diu werde Minne erbiete,
sô daz er nimmer werde frô
swenn er sich frouwen niete[95].’ 20
Sus wart geteilet bî der zît
von der Bescheidenheite.
ouch wart ir ot[96] gevolget sît
vil schiere und vil gereite[97]:
‘der Milte schaden machen[98] wît,
ir ungemach vil breite!’
sus riefens alle wider strît[99]
zuo der Gerehtekeite.
‘Sît si nû niht ze rehte wil
ir hôhez ambet üeben, 10
sô müeze kumbers harte vil
ir dienestman betrüeben.
vil maneger hande wunnespil
wir in dar umbe[100] erhüeben[101]:
sus muoz leide ân endes zil
in volgen in ir grüeben.
Frou Schame ir selber des gesteme[102]
daz si in gar vermîde,
sô daz er schanden sich niht scheme 20
und lasters sî geschîde[103].
frou Êre im hôhen prîs beneme,
diu lûter und diu blîde[104],
und allez lop daz im gezeme
von fluoche er immer lîde.’
‘Hie mite sî der rede genuoc’
sprach dô diu rihtærinne.
‘gespilen hövesch unde kluoc,
swer rehte kunst niht minne
und doch hie milten namen truoc,
den lât mit ungewinne
hie leben durch den ungefuoc[105]
den er hât an dem sinne.
Ir habet stæte waz hie sî
vor mir geteilet hiute: 10
er sî iu swære alsam ein blî,
swer rehte kunst niht triute[106],
minne und aller fröuden frî;
in fremden[107] hie die liute!
bî Kuonzen[108], der uns stêt hie bî,
die rede ich in enbiute.’
Sus kêrte ich hin ûf mînen pfat
und seite disiu mære
diu mich dô ûf der selben stat
der edelen Künste swære[109] 20
den rîchen herren künden bat.
diu sint alsô gewære
daz in diu Sælde[110] sprichet mat
swem Kunst ist wandelbære[111].