PAUL GERHARDT.

[Scherer D. 339, E. 342.]

Der grösste evangelische Liederdichter nach Luther. Er war gegen 1606 in Gräfenhainichen in Kursachsen geboren, studierte in Wittenberg, lebte später in Berlin, von wo er 1651 als Prediger nach Mittenwalde gieng. Er heiratete 1655 und kam 1657 als Diaconus an die Nicolai-Kirche zu Berlin. Hier wurde er in die Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten verwickelt und musste, da er sich dem Religionsedikt des Kurfürsten widersetzte, nach Sachsen auswandern. 1668 ward er Prediger in Lübben und starb 1676. Seine ersten Kirchengesänge wurden 1648 bekannt gemacht, und 1667 erschien die erste Gesammtausgabe von 120 Liedern. Herausgegeben von Bachmann (Berlin 1866); Gödeke (Leipzig 1877).

1.
WACH AUF, MEIN HERZ, UND SINGE.

Wach auf, mein Herz, und singe

Dem Schöpfer aller Dinge,

Dem Geber aller Güter,

Dem frommen Menschenhüter.

Heint[1036] als die tunkle Schatten

Mich ganz ümgeben hatten,

Hat Satan mein begehret,

Gott aber hats gewehret.

Ja, Vater, als er suchte,

Dass er mich fressen möchte, 10

War ich in deinem Schosse,

Dein Flügel mich beschlosse.

Du sprachst: Mein Kind, nun liege,

Trotz dem, der dich betriege!

Schlaf wol, lass dir nicht grauen,

Du sollt die Sonne schauen.

Dein Wort, das ist geschehen;

Ich kann das Licht noch sehen;

Für Not bin ich befreiet;

Dein Schutz hat mich verneuet.

Du willt ein Opfer haben:

Hie bring ich meine Gaben;

Mein Weirauch und mein Widder

Sind mein Gebet und Lieder.

Die wirst du nicht verschmähen,

Du kannst ins Herze sehen; 10

Denn du weissst, dass zur Gabe

Ich ja nicht Bessers habe.

So wollst du nun vollenden

dein Werk an mir und senden

Der mich an diesem Tage

auf seinen Händen trage.

Sprich Ja zu meinen Thaten,

Hilf selbst das Beste raten,

Denn Anfang, Mittl und Ende,

Ach Herr, zum Besten wende.

Mich segne, mich behüte,

Mein Herz sei deine Hütte,

Dein Wort sei meine Speise

Bis ich gen Himmel reise.

2.
NUN RUHEN ALLE WÄLDER.

Nun ruhen alle Wälder,

Vieh, Menschen, Stadt und Felder,

Es schläft die ganze Welt;

Ihr aber, meine Sinnen,

Auf, auf, ihr sollt beginnen

Was eurem Schöpfer wolgefällt! 10

Wo bist du, Sonne, blieben?

Die Nacht hat dich vertrieben,

Die Nacht, des Tages Feind;

Fahr hin! ein ander Sonne,

Mein JEsus, meine Wonne,

Gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen,

Die güldnen Sterne prangen

Am blauen Himmelsaal;

Also werd ich auch stehen, 20

Wenn mich wird heissen gehen

Mein Gott aus diesem Jammerthal.

Der Leib eilt nun zur Ruhe,

Legt ab das Kleid und Schuhe,

Das Bild der Sterblichkeit,

Die zieh ich aus. Dagegen

Wird Christus mir anlegen

Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Das Häupt, die Füss und Hände

Sind froh, dass nu zum Ende

Die Arbeit kommen sei;

Herz, freu dich, du sollt werden

Vom Elend dieser Erden

Und von der Sünden Arbeit frei.

Nun geht, ihr matten Glieder, 10

Geht hin und legt euch nieder,

Der Betten ihr begehrt;

Es kommen Stund und Zeiten,

Da man euch wird bereiten

Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

Mein Augen stehn verdrossen,

Im Hui sind sie geschlossen,

Wo bleibt denn Leib und Seel?

Nimm sie zu deinen Gnaden,

Sei gut für allen Schaden, 20

Du Aug und Wächter Israel!

Breit aus die Flügel beide,

O JEsu, meine Freude,

Und nimm dein Küchlein ein!

Will Satan mich verschlingen,

So lass die Englein singen:

Dies Kind soll unverletzet sein.

Auch euch, ihr meine Lieben,

Soll heinte nicht betrüben

Kein Unfall noch Gefahr! 30

GOtt lass euch selig schlafen,

Stell euch die güldne Waffen

Ums Bett und seiner Engel Schaar!

3.
BEFIEHL DEM HERRN DEINE WEGE, UND HOFFE AUF IHN, ER WIRDS WOL MACHEN.

Befiehl du deine Wege

Und was dein Herze kränkt

Der allertreusten Pflege

Dess, der den Himmel lenkt:

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuss gehen kann.

Dem HErren must du trauen,

Wenn dirs soll wolergehn; 10

Auf sein Werk must du schauen,

Wenn dein Werk soll bestehn.

Mit Sorgen und mit Grämen

Und mit selbsteigner Pein

Lässt GOtt Ihm gar nichts nehmen,

Es muss erbeten sein.

Dein ewge Treu und Gnade,

O Vater, weiss und sieht

Was gut sei oder schade

Dem sterblichen Geblüt:

Und was du denn erlesen, 20

Das treibst du, starker Held,

Und bringst zum Stand und Wesen

Was deinem Rat gefällt.

Weg hast du allerwegen,

An Mitteln fehlt dirs nicht;

Dein Thun ist lauter Segen,

dein Gang ist lauter Licht,

Dein Werk kann niemand hindern,

Dein Arbeit darf nicht ruhn,

Wann du, was deinen Kindern

Erspriesslich ist, willst thun.

Und ob gleich alle Teufel

hier wollten widerstehn,

So wird doch ohne Zweifel

GOtt nicht zurücke gehn:

Was er Ihm fürgenommen

Und was Er haben will, 10

Das muss doch endlich kommen

Zu seinem Zweck und Ziel.

Hoff, o du arme Seele,

Hoff und sei unverzagt!

GOtt wird dich aus der Höle,

Da dich der Kummer plagt,

Mit grossen Gnaden rücken:

Erwarte nur die Zeit,

So wirst du schon erblicken

Die Sonn der schönsten Freud. 20

Auf, auf, gib deinem Schmerze

Und Sorgen gute Nacht!

Lass fahren was das Herze

Betrübt und traurig macht!

Bist du doch nicht Regente,

Der alles führen soll;

GOtt sitzt im Regimente

und führet alles wol.

Ihn, Ihn lass thun und walten,

Er ist ein weiser Fürst 30

Und wird sich so verhalten,

Dass du dich wundern wirst,

Wann Er, wie ihm gebühret,

Mit wunderbarem Rat,

Das Werk hinausgeführet,

Das dich bekümmert hat.

Er wird zwar eine Weile

Mit seinem Trost verziehn

Und thun an seinem Theile

Als hätt in seinem Sinn

Er deiner sich begeben;

Und solltst du für und für

In Angst und Nöten schweben,

So frag Er nichts nach dir. 10

Wirds aber sich befinden,

Dass du Ihm treu verbleibst,

So wird Er dich entbinden,

Da dus am wengsten gläubst:

Er wird dein Herze lösen

Von der so schweren Last,

Die du zu keinem Bösen

Bisher getragen hast.

Wol dir, du Kind der Treue:

Du hast und trägst davon

Mit Ruhm und Dankgeschreie

Den Sieg und Ehrenkron.

Gott gibt dir selbst die Palmen

In deine rechte Hand,

Und du singst Freudenpsalmen

Dem, der dein Leid gewandt.

Mach End, o HErr, mach Ende

An aller unsrer Not! 10

Stärk unser Füss und Hände,

Und lass bis in den Tod

Uns allzeit deiner Pflege

Und Treu empfohlen sein,

So gehen unsre Wege

Gewiss zum Himmel ein.

4.
AN DAS ANGESICHT DES HERRN JESU.

O Häupt voll Blut und Wunden,

Voll Schmerz und voller Hohn! 20

O Häupt zu Spott gebunden

Mit einer Dornenkron!

O Häupt, sonst schön gezieret

Mit höchster Ehr und Zier,

Jetzt aber hoch schimpfieret:

Gegrüsset seist du mir!

Du edles Angesichte,

Davor sonst schrickt und scheut

Das grosse Weltgewichte,

Wie bist du so bespeit!

Wie bist du so erbleichet!

Wer hat dein Augenlicht, 20

Dem sonst kein Licht nicht gleichet,

So schändlich zugerichtt?

Die Farbe deiner Wangen,

Der roten Lippen Pracht

Ist hin und ganz vergangen;

Des blassen Todes Macht

Hat alles hingenommen,

Hat alles hingerafft,

Und daher bist du kommen

Von deines Leibes Kraft.

Nun, was du, HErr, erduldet,

Ist alles meine Last,

Ich hab es selbst verschuldet,

Was du getragen hast.

Schau her, hier steh ich Armer, 10

Der Zorn verdienet hat;

Gib mir, o mein Erbarmer,

Den Anblick deiner Gnad!

Erkenne mich, mein Hüter!

Mein Hirte, nimm mich an!

Von dir, Quell aller Güter,

Ist mir viel Guts gethan;

Dein Mund hat mich gelabet

Mit Milch und süsser Kost,

Dein Geist hat mich begabet 20

Mit mancher Himmelslust.

Ich will hie bei dir stehen,

Verachte mich doch nicht;

Von dir will ich nicht gehen,

Wenn dir dein Herze bricht;

Wenn dein Herz wird erblassen

Im letzten Todesstoss,

Alsdann will ich dich fassen

In meinen Arm und Schoss.

Es dient zu meiner Freuden

und kömmt mir herzlich wol, 10

Wann ich in deinem Leiden,

Mein Heil, mich finden soll.

Ach möcht ich, o mein Leben,

An deinem Kreuze hier

Mein Leben von mir geben,

Wie wol geschähe mir!

Ich danke dir von Herzen,

O JEsu, liebster Freund,

Für deines Todes Schmerzen,

Da dus so gut gemeint! 20

Ach gib, dass ich mich halte

Zu dir und deiner Treu

Und, wann ich nun erkalte,

In dir mein Ende sei.

Wann ich einmal soll scheiden

So scheide nicht von mir;

Wann ich den Tod soll leiden,

So tritt du dann herfür.

Wann mir am allerbängsten

Wird um das Herze sein,

So reiss mich aus den Ängsten 10

Kraft deiner Angst und Pein!

Erscheine mir zum Schilde,

Zum Trost in meinem Tod,

Und lass mich sehn dein Bilde

In deiner Kreuzesnot;

Da will ich nach dir blicken,

Da will ich glaubensvoll

Dich fest an mein Herz drücken:

Wer so stirbt, der stirbt wol.

Salve, caput cruentatum,

totum spinis coronatum, 30

conquassatum, vulneratum,

arundine verberatum,

facie sputis illita.

Salve, cuius dulcis vultus,

immutatus et incultus,

immutavit suum florem,

totus versus in pallorem,

quem cœli tremit curia. 30

Omnis vigor atque viror

hinc recessit: non admiror;

mors apparet in aspectu.

totus pendens in defectu,

attritus ægra macie,

Sic affectus, sic despectus,

propter me sic interfectus,

peccatori tam indigno

cum amoris intersigno 30

appare clara facie.

In hac tua passione

me agnosce, pastor bone,

cuius sumpsi mel ex ore,

haustum lactis cum dulcore

præ omnibus deliciis.

Non me reum asperneris,

nec indignum dedigneris:

morte tibi jam vicina

tuum caput huc inclina,

in meis pausa brachiis.

Tuæ sanctæ passioni

me gauderem interponi,

in hac cruce tecum mori;

præsta crucis amatori, 30

sub cruce tua moriar.

Morti tuæ tam amaræ

grates ago, Jesu chare;

qui es clemens, pie deus,

fac quod petit tuus reus,

ut absque te non finiar.

Dum me mori est necesse,

noli mihi tunc deesse;

in tremenda mortis hora

veni, Jesu, absque mora,

tuere me et libera.

Cum me jubes emigrare, 10

Jesu chare, tunc appare;

o amator amplectende,

temetipsum tunc ostende,

in cruce salutifera.

ST. BERNARDUS.