SIMON DACH.

[Scherer D. 321, E. 322.]

Geboren 1605 zu Memel. Er erhielt eine sorgsame Erziehung in Memel, Königsberg, Wittenberg und Magdeburg, gab sich 1626 in Königsberg zunächst theologischen und philosophischen, dann allgemein humanistischen Studien hin, nahm hier 1633 eine Anstellung an der Domschule an, wurde 1638 zum Professor der Poesie an der Universität ernannt und starb 1659, nachdem ihn kurz vorher Friedrich Wilhelm, der grosse Kurfürst, mit einem kleinen Landgut belehnt hatte. Dach war der Mittelpunkt der sogenannten Königsberger Schule, die ausser ihm noch Heinrich Albert, Robert Roberthin, Johann Peter Titz und andere unbedeutende Dichter umfasste. Herausgegeben von Osterley (Tübingen 1876).

1.
PERSTET AMICITIÆ SEMPER VENERABILE FÆDUS!

Der Mensch hat nichts so eigen

So wol steht jhm nichts an,

Als dass er Trew erzeigen 20

Vnd Freundschafft halten kan;

Wann er mit seines gleichen

Sol treten in ein Band,

Verspricht sich nicht zu weichen

Mit Hertzen, Mund vnd Hand.

Die Red’ ist vns gegeben 20

Damit wir nicht allein

Vor uns nur sollen leben

Vnd fern von Leuten seyn;

Wir sollen vns befragen

Vnd sehn auff guten Raht,

Das Leid einander klagen

So vns betretten hat.

Was kan die Frewde machen

Die Einsamkeit verheelt[983]?

Das gibt ein duppelt Lachen 10

Was Freunden wird erzehlt;

Der kan sein Leid vergessen

Der es von Hertzen sagt;

Der muss sich selbst aufffressen

Der in geheim sich nagt.

GOtt stehet mir vor allen,

Die meine Seele liebt;

Dann soll mir auch gefallen

Der mir sich hertzlich giebt,

Mit diesem Bunds-Gesellen

Verlach’ ich Pein vnd Noht,

Geh’ auff dem Grund der Hellen

Vnd breche durch den Tod.

Ich hab’, ich habe Hertzen

So trewe, wie gebührt,

Die Heucheley vnd Schertzen 10

Nie wissendlich berührt;

Ich bin auch jhnen wieder

Von grund der Seelen hold,

Ich lieb’ euch mehr, jhr Brüder,

Als aller Erden Gold.

2.
TOD DER FROMMEN.

O wie selig seyd ihr doch, ihr Frommen,

Die ihr durch den Tod zu Gott gekommen!

Ihr seyd entgangen

Aller Noth, die uns noch hält gefangen. 20

Muss man hie doch wie im Kerker leben,

Da nur Sorge, Furcht und Schrecken schweben;

Was wir hie kennen,

Ist nur Müh’ und Herzeleid zu nennen.

Ihr hergegen ruht in eurer Kammer,

Sicher und befreit von allem Jammer:

Kein Kreuz und Leiden

Ist euch hinderlich in Euren Freuden.

Christus wäschet ab euch alle Thränen;

Habt das schon, wornach wir uns erst sehnen: 30

Euch wird gesungen,

Was durch Keines Ohr allhie gedrungen.

Ach, wer wollte denn nicht gerne sterben

Und den Himmel für die Welt ererben?

Wer wollt’ hie bleiben,

Sich den Jammer länger lassen treiben?

Komm, o Christe, komm, uns auszuspannen,

Lös’ uns auf, und führ’ uns bald von dannen!

Bei dir, o Sonne,

Ist der frommen Seelen Freud’ und Wonne.

3.
TREWE LIEB’ IST JEDERZEIT ZU GEHORSAMEN BEREIT.

(In der Mundart des preussischen Landvolks.)

ANke van Tharaw öss, de my geföllt, 10

Se öss mihn Lewen, mihn Göt on mihn Gölt.

Anke van Tharaw heft wedder eer Hart

Op my geröchtet ön Löw’ on ön Schmart.

Anke van Tharaw mihn Rihkdom, mihn Göt,

Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Blöt.

Quöm’ allet Wedder glihk ön ons tho schlahn,

Wy syn gesönnt by een anger tho stahn.

Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn,

Sal vnsrer Löve Vernöttinge syn.

Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht, 20

Je mehr en Hagel on Regen anföcht.

So wardt de Löw’ ön onss mächtich on groht,

Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht.

Wördest du glihk een mahl van my getrennt,

Leewdest dar, wor öm dee Sönne kuhm kennt;

Eck wöll dy fälgen dörch Wöler, dörch Mär,

Dörch Yhss, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr.

Anke van Tharaw, mihn Licht, mihne Sönn,

Mihn Leven schluht öck ön dihnet henönn.

Wat öck geböde, wart van dy gedahn, 30

Wat öck verböde, dat lätstu my stahn.

Wat heft de Löve däch ver een Bestand,

Wor nich een Hart öss, een Mund, eene Hand?

Wor öm söck hartaget, kabbelt on schleyht,

On glihk den Hungen on Katten begeyht.

Anke van Tharaw dat war wy nich dohn,

Du böst min Dühfken myn Schahpken mihn Hohn.

Wat öck begehre, begehrest du ohck,

Eck laht den Rack dy, du lätst my de Brohk.

Dit öss dat, Anke, du söteste Ruh’

Een Lihf on Seele wart vht öck on Du.

Dit mahckt dat Lewen tom Hämmlischen Rihk,

Dörch Zancken wart et der Hellen gelihk. 10

3.
ÄNNCHEN VON THARAU.

(Herder’s Übertragung.)

Ännchen von Tharau ist die mir gefällt,

Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.

Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz

Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz.

Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut!

Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Käm’ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,

Wir sind gesinnt bei einander zu stahn.

Krankheit, Verfolgung, Betrübniss und Pein 20

Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.

Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn’!

Mein Leben schliess’ ich um deines herum[984].

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,

Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt[985];

So wird die Lieb’ in uns mächtig und gross

Nach manchen Leiden und traurigem Loos[986].

Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut!

Du, meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,

Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt;

Ich will dir folgen durch Wälder und Meer,

Eisen und Kerker und feindliches Heer[987].

Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn!

Mein Leben schliess ich um deines herum.

Die folgenden Verse fehlen bei Herder. Das Übrige heisst in hochdeutscher Sprache:

Was ich gebiete, wird von dir gethan,

Was ich verbiete, das lässt du mir stahn.

Was hat das Leben doch für ein’ Bestand,

Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand? 10

Wo man sich ärgert, kabbelt und schlägt,

Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?

Ännchen von Tharau, das werden wir nicht thun,

Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn!

Was ich begehre, begehrest Du auch,

Ich lass den Rock dir, du lässt mir die Bruch[988].

Dies ist, dass, Ännchen, du süsseste Ruh’,

Ein Leib und Seele ward aus Ich und Du.

Dies macht das Leben zum himmlischen Reich,

Durch Zanken ward es der Höllen gleich. 20

WILHELM MÜLLER.

4.
SCHÖNER HIMMELSSAAL.

Schöner Himmelssaal,

Vaterland der Frommen,

Die aus grosser Qual

Dieses Lebens kommen,

Und von keiner Lust,

In der Welt gewusst!

Sey mir hochgegrüsst!

Dich such’ ich für allen,

Weil ich öd’ und wüst

In der Welt muss wallen

Und von Kreuz und Pein

Nie befreit kann sein.

Deinetwegen blos

Trag’ ich diess mein Leiden,

Diesen Herzensstoss

Willig und mit Freuden;

Du versüssest mir

Alle Höll’ allhier.

Trüg’ ich durch den Tod

Nicht nach dir Verlangen,

O, in meiner Noth

Wär’ ich längst vergangen; 10

Du bist, einig du,

Nichts, sonst meine Ruh!

Gott, du kennst vorhin

Alles, was mich kränket,

Und woran mein Sinn

Tag und Nacht gedenket:

Niemand weiss um mich

Als nur du und ich.

Hab ich noch nicht sehr

Ursach’, mich zu klagen, 20

Ei, so thu’ noch mehr

Plage zu den Plagen;

Denn du trägst, mein Heil,

Doch das meiste Theil.

Lass diess Leben mir

Wohl versalzen werden,

Dass ich mich nach dir

Sehne von der Erden,

Und den Tod bequem

In die Arme nehm’.

O wie werd ich mich 10

Dort an dir erquicken!

Du wirst mich, und ich

Werde dich anblicken,

Ewig herrlich, reich

Und den Engeln gleich.

Schöner Himmelssaal,

Vaterland der Frommen,

Ende meiner Qual,

Heiss mich zu dir kommen,

Denn ich wünsch’ allein 20

Bald bei dir zu sein!