THOMASIN VON ZIRCLARIA.
[Scherer D. 222, E. 214.]
Ein Italiener, aus Friaul gebürtig, Domherr zu Aquileja. Sein Sittengedicht ‘Der wälsche Gast’ verfasst 1216; herausgegeben von H. Rückert (Quedlinburg 1852).
Ich wil daz einr den andern êre,
wellnt si volgen zühte lêre.
ir deheiner sol zeiner tür
den andern allen dringen vür. 10
Bêde frouwen unde herren
sulen vrömede liute êren:
ist sîn ein vrömeder man niht wert,
si habent sich selben geêrt;
ist sîn aver wert der,
sô habent si sîn bêde êr.
man enweiz niht wer der vrömede ist:
dâ von êre man in zaller vrist.
swenn ze hove kumt ein vrömeder gast,
diu kint suln im dienen vast
sam er wær ir aller herre:
daz ist der zühte wille und lêre.
si sulen haben kiuschiu wort:
wan daz ist der zühte hort.
Ein vrouwe sol sich sehen lân,
kumt zir ein vrömeder man:
swelihiu sich niht sehen lât,
diu sol ûz ir kemenât
sîn allenthalben unerkant; 10
büeze alsô, sî ungenant.
ein vrouwe sol niht vrevelîch
schimphen: daz stât vröuwelîch.
ich wil ouch des verjehen:
ein vrouwe sol niht vast an sehen
einn vrümeden man: daz stât wol.
ein edel juncherre sol
bêde rîter unde vrouwen
gezogenlîche gerne schouwen.
Ein juncvrouwe sol senfticlîch 20
und niht lût sprechen sicherlîch.
ein juncherre sol sîn so gereit
daz er vernem swaz man im seit,
sô daz ez undurft sî
daz man im sage aver wî.
zuht wert den vrouwen alln gemein
sitzen mit bein über bein.
ein juncherr sol ûf ein banc,
si sî kurz ode lanc,
deheine wîse stên niht,
ob er einn rîtr dâ sitzen siht.
ein vrouwe sol ze deheiner zît
treten weder vast noch wît.
wizzet daz ez ouch übel stêt,
rît ein rîtr dâ ein vrouwe gêt. 10
ein vrouwe sol sich, daz geloubet,
kêren gegen des pherftes houbet
swenn si rîtet: man sol wizzen,
si sol niht gar dwerhes sitzen.
ein rîter sol niht vrevelîch
zuo vrouwen rîten; sicherlîch,
ein vrouwe erschraht hât dicke getân
den sprunc der bezzer wær verlân.
swer sînem rosse des verhenget,
daz ez eine vrowen besprenget, 20
ich wæne wol daz sîn wîp
ouch âne meisterschaft belîp.
zuht wert den rîtern alln gemein
daz si niht dicke schowen ir bein
swenn si rîtnt: ich wæne wol
daz man ûf sehen sol.
ein vrowe sol recken niht ir hant,
swenn si rît, vür ir gewant;
si sol ir ougen unde ir houbet
stille haben, daz geloubet.
ein juncherr unde ein rîter sol
hie an sich ouch behüeten wol,
daz er sîn hende habe still,
swenner iht sprechen wil.
er sol swingen niht sîn hende
wider eins vrumen mannes zende.
swer der zuht wol geloubet, 10
der sol setzn ûf niemens houbet
sîn hant, der tiuwerr sî dan er,
noch ûf sîn ahsel: daz ist êr.
Wil sich ein vrowe mit zuht bewarn,
si sol niht âne hülle varn;
si sol ir hül ze samen hân,
ist si der garnatsch ân:
lât si am lîbe iht sehen par,
daz ist wider zuht gar.
ein rîter sol niht vor vrouwen gên 20
parschinc, als ichz kan verstên.
ein vrouwe sol niht hinder sich
dicke sehen, dunket mich:
si sol gên vür sich geriht
und sol vil umbe sehen niht,
gedenke an ir zuht über al,
ob si gehœre deheinen schal.
ein juncvrouwe sol selten iht
sprechen, ob mans vrâget niht.
ein vrowe sol ouch niht sprechen vil,
ob si mir gelouben wil;
und benamen swenn si izzet,
sô sol si sprâchen niht, daz wizzet.
Man sol sich zem tische vast bewarn, 10
der nâch rehte wil gebârn,
da gehœret grôziu zuht zuo.
ein iegelîch biderb wirt der tuo
war ob si habent alle gnuoc.
der gast der sî sô gevuoc
daz er tuo diu glîche gar,
sam er dâ nihtes neme war.
swelich man sich rehte versinnet,
swenner ezzen beginnet,
so enrüer niht wan sîn ezzen an 20
mit der hant: deist wol getân.
man sol daz brôt ezzen niht
ê man bring d’ êrsten riht.
ein man sol sich behüeten wol
daz er niht legen sol
bêdenthalben in den munt.
er sol sich hüeten zuo der stunt
daz er trinke und spreche niht
di wîl er hab im munde iht.
swer mit dem becher zem gesellen
sich kêrt sam er im geben welle,
ê ern von dem munde tuo,
den hât der wîn gebundn derzuo
swer trinkend ûz dem becher siht,
daz stât hüfschlîche niht.
ein man sol niht sîn ze snelle,
daz er neme von sîme gesellen,
daz im dâ gevellet wol,
wan man sînhalb ezzen sol. 10
man sol ezzen zaller vrist
mit der hant diu engegen ist.
sitzet dîn gesell ze der rehten hant,
mit der andern iz zehant.
man sol ouch daz gerne wenden
daz man nien ezz mit bêden henden.
man sol ouch niht sîn ze snelle,
daz man tuo mit sîme gesellen
in die schüzzel sîne hant,
wan er nimt si ûz ze hant. 20
der wirt sol ouch der spîse enpern
der sîn geste niht engern,
diu in ist ungemeine.
der wolf izzet gerne eine:
der olbent izzet eine niht,
ob er des wilds iht bî im siht.
dem volget der wirt mit êren baz
dann dem wolve, wizzet daz.
der wirt nâch dem ezzen sol
daz wazzer geben: daz stât wol.
dâ sol sich dehein kneht 10
denne dwahen: daz ist reht.
wil sich dwahen ein juncherre,
der sol gân einhalp verre
von den rîtrn und dwahe sich tougen:
daz ist hüfsch und guot zen ougen.
Ich will, dass Einer den Andern ehre,
wenn sie der Zucht Lehre folgen wollen.
Keiner von ihnen soll an einer Thür
den andren allen sich vordrängen. 10
Sowohl Frauen als Männer
sollen fremde Leute ehren:
ist ein fremder Mann dessen nicht werth,
so haben sie sich selbst geehrt;
ist er aber dessen werth,
so haben sie beide Ehre davon.
Man weiss nicht, wer der Fremde ist,
deshalb ehre man ihn zu aller Zeit.
Wenn ein fremder Gast zu Hof kommt,
so sollen die (adelichen) Jünglinge ihm eifrig dienen,
als ob er ihrer aller Herr wäre:
das ist die Lehre und der Wille der Zucht;
sie sollen bescheidne Worte sprechen:
denn dies ist der Schatz der Zucht.
Eine Frau soll sich sehen lassen,
wenn ein fremder Mann zu ihr kommt:
die welche sich nicht sehn lässt,
die wird ausser ihrem Gemach
allenthalben unbekannt sein; 10
sie büsse es also, und sei ungenannt.
Eine (adeliche) Frau soll nicht keck
scherzen: das steht ihr weiblich.
Ich will auch das sagen:
eine Frau soll nicht viel ansehn
einen fremden Mann: das steht ihr wohl.
Ein edler Junker soll
sowohl Ritter als Frauen
züchtig gern anschauen.
Eine Jungfrau soll sanft 20
und nicht laut sprechen sicherlich.
Ein Junker soll so flink sein,
dass er verstehe, was man ihm sagt,
so dass es nicht Noth sei,
dass man ihm wieder sage, wie.
Zucht wehrt den Frauen allen gemeinsam
mit dem Bein über dem Bein zu sitzen.
Ein Junker soll auf eine Bank,
sei sie kurz oder lang,
in keiner Weise treten,
wenn er einen Ritter da sitzen sieht.
Eine Frau soll zu keiner Zeit
weder schnell noch weit ausschreiten.
Wisset, dass es auch übel steht,
reitet ein Ritter, wo eine Frau geht. 10
Eine Frau soll sich, das glaubet,
kehren gegen des Pferdes Haupt,
wenn sie reitet: man soll wissen,
sie soll nicht gar quer sitzen.
Ein Ritter soll nicht keck
auf Frauen losreiten sicherlich:
eine Frau erschreckt hat oft gethan
einen Sprung der besser unterlassen worden wäre.
Wer seinem Rosse das erlaubt,
dass es eine Frau bespritzt, 20
ich wähne wohl, dass dessen Frau
auch keinen guten Meister habe.
Zucht wehrt den Rittern allen gemeinsam,
dass sie nicht viel ihr Bein besehen,
wenn sie reiten: ich wähne wohl,
dass man in die Höhe sehn soll.
Eine Frau soll nicht ihre Hand,
wenn sie reitet, aus ihrem Gewand hervorstrecken;
sie soll ihre Augen und ihr Haupt
still halten, das glaubt.
Ein Junker und ein Ritter soll
auch das wohl in Acht haben,
dass er die Hand still halte,
wenn er etwas sprechen will:
er soll seine Hände nicht schwingen
gegen die Zähne eines braven Mannes.
Wer der Zucht wohl huldigt, 10
der soll auf Niemandes Haupt
seine Hand legen, der vornehmer ist als er,
noch auf seine Achsel: das ist Ehre.
Will sich eine Frau mit Zucht bewahren,
so soll sie nicht ohne Mantel gehn;
sie soll ihren Mantel zusammenhalten,
wenn sie kein langes Oberkleid hat:
lässt sie am Körper etwas bloss sehn,
das ist gar wider die Zucht.
Ein Ritter soll nicht vor Frauen gehn 20
mit nackten Schenkeln, wie ich es verstehn kann.
Eine Frau soll nicht viel
hinter sich sehn, däucht mir:
sie gehe vor sich hin gerade
und sehe sich nicht viel um,
gedenke an ihre Zucht überall,
wenn sie irgend einen Lärm hört.
Eine Jungfrau soll selten etwas
sprechen, wenn man sie nicht fragt.
Eine Frau soll auch nicht viel sprechen,
wenn sie mir glauben will;
und besonders, wenn sie isst,
so soll sie nicht sprechen, das wisst.
Man soll sich bei Tische sehr in Acht nehmen, 10
wenn man sich geziemend betragen will
(da gehöret grosse Zucht zu).
Ein jeder brave Wirth der habe
Acht, ob sie alle genug haben;
der Gast der sei so höflich,
dass er dem gleich thue,
als ob er da nichts bemerke.
Wenn ein Mann sich recht darauf versteht:
wenn er zu essen beginnt,
so rühre er nur sein Essen an 20
mit der Hand: das ist wohl gethan.
Man soll nicht das Brod essen,
ehe man die ersten Gerichte bringt.
Ein Mann soll sich wohl hüten,
dass er nicht nehmen soll
auf beiden Seiten in den Mund.
Er soll sich zur Stund hüten,
dass er nicht trinke und spreche,
während er etwas im Munde hat.
Wer mit dem Becher zu dem Nachbarn
sich kehrt, als ob er ihm geben wollte,
ehe er ihn von dem Mund thut,
den hat der Wein daran gebunden.
Wer trinkend aus dem Becher sieht,
das ist höfischer Sitte nicht gemäss.
Ein Mann soll nicht zu schnell sein,
dass er von seinem Genossen nimmt,
was ihm da wohl gefällt;
denn man soll nur seinen Theil essen. 10
Man soll essen zu aller Zeit
mit der Hand, die entgegen ist.
Sitzt der Freund zur rechten Hand,
so iss sofort mit der andern Hand.
Man soll auch das gern vermeiden,
dass man nie mit beiden Händen esse.
Man soll auch nicht zu schnell sein,
dass man mit dem Tischgenossen
in die Schüssel seine Hand thue,
wenn er sie eben herausnimmt. 20
Der Wirth soll auch der Speise entbehren,
deren seine Gäste nicht begehren,
und die ihnen nicht genehm ist.
Der Wolf isst gern allein,
das Kameel isst nicht allein
wenn es irgend ein Thier bei sich sieht.
Diesem folgt der Wirth mit Ehren besser
als dem Wolfe, wisset das.
Der Wirth soll nach dem Essen
das Wasser geben, das steht ihm wohl.
Da soll sich kein Knecht 10
dann (die Hände) waschen, das ist recht;
will sich ein Junker (die Hände) waschen,
der gehe weit seitwärts
von den Rittern und wasche sich heimlich:
das ist höfisch und gesund für die Augen.