WOLFHART SPANGENBERG.

[Scherer D. 297, E. 264.]

Magister in Strassburg, war ein gelehrter Theolog und besass vielseitige Bildung. Er war ungefähr zwischen 1601–1611 literarisch thätig. Er verfasste moralisierende Stücke für die Gesellschaft der Meistersinger, übersetzte antike und moderne Tragödien und Comödien; mit seinem berühmten ‘Ganskönig’ und seinem unvollendeten ‘Eselkönig’ setzte er Fischarts Thierdichtung fort. Auch in kleineren Gattungen der Poesie versuchte er sich.

AUS DEM STRASSBURGER ‘SAUL.’

Michal.

Deiner Tochter erbarme dich,

Die jetzund thut den Fussfall dir.

Ach, er geht gar weg. O weh mir!

O welch ein hartes Vatter Hertz.

Wer hilfft mir nun in meinem Schmertz?

Wer wird sich mein erbarmen fein,

Weil mich verstosst der Vatter mein? 10

Ach, du mein Hertz, mein Frewd, mein Leben,

Wohmit soll Jch dir helffen eben?

Solt Jch dich sehn doch nur ein mahl,

Vnd dich gesegnen in dem Fall:

Vnd dir erzeygen in dem Schmertzen

Ein zeugniss meiner lieb im Hertzen.

Ach, was solt mir nun Frewde geben,

Wann du nicht mehr bist in dem leben.

Ach, solt Jch jetzt sterben mit dir.

O Jhr Trabanten hört, die jhr 20

Den David vmbbringt grimmiglich:

Tödet mit jhm zugleich auch mich.

Jch will mit Frewden sterben nuhn.

Was solt jch mehr bei Menschen thun?

Solt Jch mich auch hinfort erzeygen

Bey den Jungfrawen an dem Reygen?

Niemand wird mich mehr hören singen

Jch werd auch heim kein Hoffnung bringen

Dass Er mein Breutgam werd bewegt.

Ja mein zung mir am Gaumen klebt:

Vnd alle die Gelieder mein

Seind erhartet gleich wie eyn Stein.

Die Erd mich eh verschlingen solt,

Eh jch dich nit mehr lieben wolt.

Inn ein Einöd will jch mich eben

In diesem meim Elend begeben 10

Damit jch wasch, so offt jch wein,

Mit den Thränen die Backen mein.

Wenn mein Zung red nach Menschen brauch

So folg eyn klag der andern auch.

Gleich wie eyn Vöglein sitzt allein

Auff eim Dannbaum vnd klaget fein.

Oder auff einer Eichen Breit:

Also will jch klagen mein leyd

Mit Seufftzen, die auss meinem Hertzen

Heuffig werden tringen mit Schmertzen. 20

Seuffzend will Jch meine Brust schlagen:

Vnd den langsamen Tod anklagen.

Ja für Trawren werd Jch verschmachten.

Eim blümlein wird man mich gleich achten,

Das früh emporhebt sein Häuptlein

Wann herfür bricht der Sonnenschein

Welchs die scharff Senss abhawt behend,

Vnd wird durch strenge Hitz verbrennt:

Das es abends verdorret balt,

Ligt im Feld vnd hat kein gestalt. 30

Also hett Jch mir eingebild

Des morgens früh eyn hochzeit mild:

Vnd werde gleich mit schwerer plag

Dahin gericht den ersten Tag

Vnd leid mit Seufftzen vnd mit Schmertzen

So grosse Angst, in meinem Hertzen:

Dass jch balt gegen abend, gleich

Sein werde, einer Toden Leich.

Aber was ist das? was seh Jch?

Wen schlept Jhr da jhr Bösewich!

Wen schleifft Jhr da? last jhn balt gehen,

Ach liebes Hertz, thu Jch dich sehen?

Seh Jch nicht, den begehrt mein Hertz?