Aus Clementinens Tagebuch.

Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste Tag ist vorüber! und noch ein Tag und noch einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es büßen, daß Du mich geliebt, mir vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner Arbeit, die Freude Deines Alters sein, daß Dich in Deinem Hause ein kränkelndes, mißmüthiges Geschöpf empfängt? Und wie gut Meining ist, wie er für mich sorgt, und wie elend ich ihm danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt, mir und Allen. Robert, der – – O! Gott! fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meining's Weib, sein Glück, sein Wohl allein dürfen mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird mir Kraft geben, es zu erreichen, wenn er sieht, wie ich danach ringe.

Den 3. März. Ich bin wohler, Meining ist ruhig über mich. Es kann, es wird Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafür, wenn ein Gefühl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrücken ließ, daß es mich beherrschte? und habe ich nicht Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten? Nun ist es vorüber, Thalberg ist fort – auch er wird Frieden finden und glücklich werden. Ich – muß es sein, weil ich nicht mir gehöre.

Im Thiergarten, d. 2. April. So wäre ich denn hier eingerichtet! Krank, traurig und müde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott sei Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch für die Zukunft, nicht einmal den, daß es jemals anders werden möge. Wo ist die erste, frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth, an Lust und so überreich an Liebe in das Leben sah? Ich fühlte mich glücklich in der Liebe meines Vaters, kein andres Gefühl in meiner Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es war, ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich würde, wenn mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte – das wäre das Einzige, was ich wünschen darf, was ich wünsche. Dann würden Meining und Robert freundlich mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein müdes Herz es bedarf.

Den 10. April. Die Welt ist so schön, Alles scheint glücklich, warum kann ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefühl von Bitterkeit in mein Herz, das mich erschreckt. Der Vogel darf glücklich und fröhlich von Blatt zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel sie bedarf, um schön zu erblühen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum Leben machen könnte. Wenn ich Abends hinaufsehe, an das Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten, so begreife ich nicht, wie nicht Ein Sternchen Mitleid fühlt mit mir, warum nicht Eines herunterkommt, mich zu trösten, oder warum es nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben, daß es mich versteht, daß es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt. Hätte ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen dürfte, die würde mich nicht so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie würde ihr müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie würde mit mir weinen und mich beklagen.

Pflicht! – hat denn irgend ein Geschöpf außer dem Menschen eine andre Pflicht, als glücklich zu werden? Freilich kann aber nur der Mensch in seinem wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen sein, sich Pflichten zu schaffen, die ihm zu erfüllen fast unmöglich sind.

Den 27. April. Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht ablehnen dürfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen; ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und hätte den übrigen Theil der Reise allein mit meinem Mädchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht hätte mir die Zerstreuung wohlgethan, und hauptsächlich hoffte ich Meining damit eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um sich hätte und in K.... seine Häuslichkeit wieder fände, wo der Prinz sechs bis acht Wochen die Cur brauchen muß. Meining hat es aber nicht gewünscht, weil er glaubt, ich würde die Bergluft nicht ertragen können. Nun ist er abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen; ich solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen würde, mich pflegen, mich zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfände, denn ich sei sein höchstes Gut! – Wie es mich demüthigte! Ich weinte vor Scham, und Meining glaubte, daß meine Thränen nur dem Abschiede von ihm galten – ich täusche ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein. Wenn er mein Vater wäre, wie könnte ich ihn lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden würde er mit dem Gefühl von Verehrung sein, daß ich für ihn hege, wie würde er sich der Liebe seiner Tochter für Thalberg, den er so hoch hält, erfreuen. Jetzt aber!

Den 4. Mai. Ich fühle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil ich mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in jedem Augenblick zu bewachen, zu strafen habe – weil ich nicht, wie ein feiger Sklave, Herz und Geist verstellen muß. Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir wohl. Ich überschreite die Schwelle unsres Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich selbst zurück, und es scheint mir, als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth käme. Nur noch einmal möchte ich Robert sehen, nur noch ein einzigesmal ihn sprechen! aber wozu auch? Könnte ich unter diesen schönen, säuselnden Bäumen schlafen, immerfort – bis zu Meining's Rückkehr; tief, tief schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit wäre mir entschwunden, wie das Bewußtsein eines bösen Traumes, wenn man früh die Augen aufschlägt und der liebe, helle Tag fröhlich durch die Fenster grüßt.

Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.

Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als der an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in dessen Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und Robert lieben ist mir Eins – wie konnte ich jemals wähnen, ich würde aufhören, ihn zu lieben? Wie hat man versuchen dürfen, mich zu einer Heirath zu überreden? Ich habe in der Zeit, die meiner Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich müsse Robert ruhig wieder sehen können, weil er mein Gefühl, meinen Stolz so tief verletzt, ich würde ihn deshalb nicht mehr lieben. Thörichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen Liebe – sie ist Alles, Demuth, Hingebung, Selbstverleugnung, Geist, Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz auf das Glück, von ihm gewählt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir zerstört und keine Möglichkeit, es jemals zu ändern. Nun fühle ich die Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstörtheit meines Daseins. Mit aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten, ich möchte ihn nur einmal sehen, nur den Ton seiner Stimme hören – ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen.

Den 12. Mai. Robert ist hier; er ist hier, in meiner Nähe, ich habe seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hören, ich sah ihn durch den Garten zurückkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist Glück! Das ist Sonne und Frühling! Er hat mir geschrieben, und ich habe den Brief uneröffnet zurückgesandt; ich hätte es nicht thun sollen. Und doch weiß ich nicht, was er schreibt, was er begehrt, und kann ich es gewähren? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlästigen habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen über die Feigheit, die sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem Schutz, wie verächtlich wird es ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht zurückweisen konnte. Mehr vermag ich nicht. Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn, die Sehnsucht ist zum körperlichen Schmerz geworden; ich fühle mich der Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich möchte zu ihm eilen, ich möchte ihm sagen, daß ich ihn anbete; ich, die dreißigjährige Frau, das Weib eines Andern, ich breche mein Wort, die Treue, die Ehe.

Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten, gib ihn mir bald, und möge Meining nie ahnen, was ich an ihm gesündigt. Seine Zukunft soll und muß ruhig bleiben, und muß ich leben, elend wie ich bin, so will ich allein es tragen – allein, wie ich es fast immer war; Liebe und Freude entbehrend, allein leben und am liebsten – bald allein und einsam sterben.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

Berlin, d. 16. Mai.

Ich durfte nicht länger in Hochberg weilen, ich hielt es nicht aus, ohne sie, und bin wieder hier. Man hatte mir zufällig geschrieben, daß Clementine krank sei, daß ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen scheine. Da litt es mich nicht länger dort, ich mußte sie sehen, ich eilte hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet, sie stirbt, und ich bin ihr Mörder, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage hier, bin täglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden, weil sie sich zu angegriffen fühle, um Besuche anzunehmen. Was ich auch that, sie zu sehen, Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen ich mit Gewalt in ihr Zimmer dringen und sie zwingen möchte, mir nach Hochberg zu folgen und dort die Meine zu werden. Ich weiß es, an meiner tiefen Begeisterung für sie, daß sie mich liebt, daß sie für Meining nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es büßen, daß sie sich unwürdige Fesseln anlegen ließ, die sie und mich erdrücken? Was kann der alte Mann an ihr lieben? Ja, der nicht weiß, was dieses große Herz bedarf, wie es geliebt werden muß, wie es zu lieben vermag. Und grade jetzt muß ich sie ungestört sprechen, mich mit ihr verständigen, da Meining nicht hier ist.

Heute habe ich der Geliebten geschrieben; sie hat selbstquälerisch meinen Brief ungelesen zurückgesandt; ich möchte ihr diese Qualen, die sie sich vergrößert, ersparen und kann es nicht. Sie muß sie durchkämpfen, wie ich es that, um später die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf. Sie muß es fühlen, wie ich, daß unsre Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen, außer dem Bereich der Natur und der Möglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen für einander geschaffen, so ist es Clementine für mich; ich könnte sagen, sie sei der Weib gewordene Robert, sowie ich alle ihre Gefühle, nur männlich stärker, in mir wiederfinde; und doch drückt es Das nicht aus, was wir einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen und trennte ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben und ein doppelt glückliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich, das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der Selbstmörder sein Leben von sich wirft; sie ist die Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der zarte Wiederhall alles Großen, das ich gedacht – sie war mein, sie soll es wieder werden.

Wende mir nicht ein, daß ich selbst sie aufgegeben hätte; ich hatte sie vernachlässigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber früh oder spät mußten wir uns wiederfinden, wie es geschah, weil wir Eins sind. Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt entreißen. Ich will mein Glück um jeden Preis! – nicht selbstsüchtig wie ein wilder Jüngling; ich will es, mit der ruhigen, kalten Ueberzeugung des Mannes, von Meining fordern und von Clementine, weil mein Glück das ihre ist und ihr Leben rettet.

Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich fürchten? So klein ist Clementine nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt sie mich zu überreden, daß es ihr gelingen werde, mich für Meining zu opfern, der mir mein Eigenthum, mein Leben geraubt hat? Nimmermehr! Hätte ich sie nur gesprochen – aber sie will lieber sterben, als abweichen von Dem, was sie für Pflicht hält; freiwillig wird sie mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewähren, und Niemand ist hier, bei dem ich sie treffen könnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist; sie verläßt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, und ich habe keine Wahl. Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der seligste Mensch auf der Welt – selig in ihrem Anschauen, in ihrer Liebe und in ihrer Nähe. Lebewohl!

Robert Thalberg.

Funfzehntes Kapitel.

Es war ein schwüler, heißer Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft und eine namenlose Beängstigung drückte Clementinens jetzt doppelt reizbare Nerven nieder. Ein Theil der Dienerschaft hatte die Erlaubniß, den Sonntag auswärts zuzubringen, benutzt; die Uebrigen hielten sich in einem der entlegensten Theile des Hauses auf, wo sich das Domestikenzimmer befand, da die Geheimräthin erklärt hatte, ihrer nicht zu bedürfen. Alles um sie her war still und einsam, sie saß lange in Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trüber und trüber, wie ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die Schwalben, die ängstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden unermüdlich fort, so oft er abriß, ihn auf's Neue knüpfend – kein Laut in der Natur, außer dem heimlichen Flüstern der Bäume, die nicht aufzuathmen und sich zu regen wagten, bei der glühenden Luft. Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde nieder, sie mußten Clementinen erdrücken, wenn es so fortging – sie hielt es nicht länger in den dumpfen Zimmern aus, sie hoffte frei aufzuathmen im Freien, sich selbst zu entfliehen und ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens. Aber auch hier fand sie weder die Kühlung, noch die Beruhigung, deren sie bedurfte; sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb sie mit ungewohnter Hast, durch die schattigen Partien des Gartens, nach den offneren, freien Plätzen; sie näherte sich dabei der Straße und sah den Briefträger dem Thore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths brachte.

Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich nicht entschließen konnte, in das Haus zurückzukehren, ging sie in den Pavillon, wo sie für den Abend zu bleiben dachte, zündete selbst die Lichter an und setzte sich nieder zum Lesen. Je länger sie las, je bewegter schien sie zu werden; endlich legte sie den Brief nieder, lehnte sich in den Divan zurück, das Gesicht in den Händen verbergend. Meining's zärtlicher, sehnsüchtiger Brief that ihr mehr wehe, als die härtesten Vorwürfe es vermocht hätten. Es ist so schwer, Lob zu ertragen, das man nicht verdient; Liebe zu empfangen, die man nicht erwiedern, und Vertrauen, das man nicht vergelten kann. Es wäre ihr nicht möglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu beenden – er war nicht an sie gerichtet; er galt der Clementine, die Meining's würdig war, die Anspruch hatte auf seine Achtung – das war sie nicht mehr. Hatte sie doch gestern noch Robert aufs Lebhafteste herbeigewünscht; wozu nützte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte immer als Sieger hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen sich selbst zu sein und – auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an Robert's Namen, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom Schlummer, als vom Wachen, nerveuse Menschen nach starker, geistiger Aufregung oft befällt; indem alle Gedanken in einander fließen und verschwimmen und die ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas, das uns fremd und vollkommen gleichgültig ist, vor unsern getrübten Blicken erscheint.

Da öffnet sich plötzlich die Thüre – Clementine! ruft Robert's Stimme und mit einem Ausruf des höchsten Entzückens fliegt sie ihm entgegen und sinkt leichenblaß und bewußtlos in seine Arme.

Unter den glühenden Küssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust, und die zärtlichsten Worte der Liebe, die süßesten Thränen sagen ihm, wie warm das Herz ihm schlägt, das an dem seinen klopft. Robert bat nicht um Liebe, er gelobte sie nicht, weil Beide es selig fühlten, daß ihr Wesen, ihr Athem – ihr Blick Liebe sei, und doch floß das Geständniß ihrer Liebe von Clementinens Munde, doch hörte Robert nicht auf, der Geliebten zu sagen, wie glücklich er sei. Ist doch auch in der Liebe Geben seliger denn Nehmen. Süßer als die Stimme der sehnsuchtbebenden Nachtigall klangen Clementinens Worte in Robert's Ohr. Er ruhte zu ihren Füßen, küßte ihre Hände, beugte ihr Haupt zu sich hernieder, und sie barg wieder ihr Gesicht in seinem dunkeln Haar, das sie spielend durch die feinen Finger gleiten ließ. So wechselten Worte, die dem Himmel angehörten, mit kindischem Spiele, wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt.

Draußen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in großen, rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch die grünen Glasfenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine Gemach. Die ängstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz erbittend, und er fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser Schwäche. Sieh, meine Clementine! sprach er, so will ich Dich immer behüten, immer suche Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit, wie froh macht mich das Gefühl meiner Kraft, Dir, Du Zarte, Schwache! gegenüber. Glaube mir, alle Eure Gewalt liegt in Eurer Hülfslosigkeit; werde nie muthig, nie stark, meine Geliebte! niemals könnte ich, wie Meining, Deiner süßen Furchtsamkeit lachen; und jedes Gewitter, das über uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese Stunde sein, ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, künftig in den kühlen Gemächern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine Arme führt.

Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber bebend machte sie sich los aus den Armen des Geliebten. Meining's Name hatte die Welt für sie verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und die Wirklichkeit machte ihr strenges Recht geltend. In dem Taumel des Entzückens, in welches das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie versetzt, hatte sie Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das unaussprechliche Glück, das sie ihr Leben hindurch ersehnt, von Robert's Munde diese Worte der Liebe zu hören und ihm zu sagen, wie er ihre Welt, ihr Schicksal, ihre Gottheit gewesen sei, von ihrer Jugend an. Nun kam das niederschmetternde Bewußtsein über sie, daß diese erste Stunde des Glückes auch sicher die einzige und letzte für sie sein werde und müsse. Aber das Räthsel ihres Lebens war gelöst; der ewig glühende Funke in ihrer Brust war, wenn auch nur für einen Augenblick, frei und schön zur hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte durchgedrungen und hatte geblüht, zur Freude des Geliebten. Das konnte ihr genügen für ein langes Leben.

Verlasse mich, Robert! bat sie plötzlich und schlang doch ihre Arme fesselnd um seinen Hals, verlasse mich und laß uns scheiden für immer. Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten mich an ihn erinnert, den ich so treulos verrathe, der es nicht ahnt, in liebendem Vertrauen, daß sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen Armen, an Deinem Herzen beweint. Gehe, Robert, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst! – rief sie und ihre glühenden Thränen flossen auf seine Brust.

Niemals, Clementine, verlasse ich Dich! Bist Du nicht mein? Mußt Du nicht mein sein und es ewig bleiben, weil Du es einmal gewesen? Ich will nicht mehr leben ohne Dich, hörst Du, mein Herz! ich will es nicht – ich verlasse Dich nicht, und Du darfst nicht hinsterben in fruchtlosen Kämpfen. Leben sollst Du für mich, für mich allein, Du schöne, reine Lilie! Und denkst Du des Abends, als Dein müdes Haupt in den Blättern der Cala sich barg, wie hart ich war, wie ungerecht? Ach! ich war namenlos elend damals – ich fühlte es, daß Meining uns nicht trennen darf, da wir unauflöslich gebunden sind, daß er Dich nicht tödten darf, indem er Dich mir noch länger raubt, und doch hatte ich nicht wie jetzt den festen Glauben, daß er selbst, wenn er Dich liebt, auf....

Nicht weiter, ich beschwöre Dich, flehte Clementine, ach! Meining liebt mich, ich weiß es – dringe nicht in mich, jetzt nicht – verlasse mich nur jetzt, nur heute, mein einzig Geliebter – morgen hörst Du von mir – gewiß, nur jetzt gehe – eile, mein Robert, ich bitte Dich.

Ich höre von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Willst Du Dich mir nach so ewigem Entbehren, nach einer kurzen Minute des höchsten Glückes wieder entziehen? Glaubst Du, daß ich einwilligen werde, mir auch nur einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben zu lassen, jetzt da Du endlich mein bist? Nein, mein Herz! morgen in aller Frühe bin ich bei Dir, muß ich in Deinen dunklen Augen die Offenbarung meines Daseins lesen und an Deinem Herzen empfinden, daß die Welt die Mühe des Lebens vergelten, überreich vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in der Hoffnung gehe ich von hier und so gute Nacht, mein schönes, holdes Glück. Bleibe mir auch im Traume treu – ist es mir doch wie ein Traum von Jenseits, daß ich Dich wieder gefunden, daß Du mir wieder leuchtest, Du lieber Stern meiner Jugend; gehe mir nie, nie wieder unter. Und nun lebe wohl und ruhe sanft, mein holdes, süßes Weib!

Noch einmal sanken sie sich in die Arme, hob er die Geliebte zu sich empor und ruhte Herz an Herz, Mund an Mund. Noch ein langer, tiefer Kuß, den Clementine auf Robert's Stirne drückte, in den sie alle Gluth, alle Liebe ihres Lebens preßte, noch ein kurzer Moment voll Wonne, und Clementine war allein – allein mit der Ueberzeugung, auf dem Gipfel ihres Lebens gestanden zu haben; entschlossen den Weg, der ihr zu machen blieb, unerschütterlich fest fortzuwandeln, das Andenken an ihr Glück in tiefster Seele. Sie wußte, daß es die letzte Stunde gewesen, die sie mit Robert verlebt, und war doch glücklicher als je, obgleich der Schmerz des Abschiedes ihr Herz zusammenpreßte. Jetzt begriff sie, was das Leben sei, und dankte Gott aus vollem Herzen dafür; nur der Gedanke an Meining, nicht der an Robert's Scheiden, störte sie in ihrer Wonne und trat bald als allein herrschend hervor.

Schlaflos verging ihr die Nacht, sie strebte zu einem Entschlusse zu kommen, ob sie nun nicht endlich ihrem Manne Alles bekennen, seine Vergebung erflehen und ihr Schicksal in seine Hände legen, oder ob sie nach wie vor schweigen solle und dürfe? Sie konnte es sich nicht verbergen, daß Robert auf ihre Trennung von Meining rechne, um sie zu seiner Gattin zu machen. Tausend himmlische Träume von Liebes- und Eheglück gingen an ihrem Geiste vorüber; sie sah sich in Hochberg neben und mit ihm wirken, sie empfing ihn, wenn er Abends zurückkehrte, sie theilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn strahlend von Glück an ihrer Seite und sich selbst selig in seinen Armen, und mußte doch immer wieder des verrathenen Meining's mit Thränen denken, in dessen Leben das ihre so fest gewurzelt hatte, daß sie sich seine Trennung von ihm nicht als möglich denken konnte. Er war ihr Gatte, hatte ihr in den Jahren, die sie mit einander verlebt, mit rührender Liebe angehangen; sie war seine Freude, sein Glück, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen, sie schauderte vor dem Gedanken, er würde ein Recht haben, die Treulose zu verachten und zu verstoßen, und er würde doch unglücklich sein ohne sie – einsam und allein in seinem Alter, weil sie ihn verlassen, unglücklich zu werden, auf den Trümmern seines Glückes. Es war eine furchtbare Nacht für die Unglückliche – als aber der Tag und mit ihm die Herrschaft der Vernunft über die zügellosen Schöpfungen der Phantasie und des Herzens begann, war sie mit sich einig geworden.

Der frühe Morgen brachte ihr folgenden Brief von Robert:

Ich kann die Zeit nicht erwarten, Geliebte, in der ich Dich wiedersehen darf, ich muß Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkürzen. Jene Besorgniß, die uns überfällt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir nach langer Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten Thürme der Vaterstadt uns sichtbar werden – dieser Unruhe kann ich jetzt nicht Herr werden, da ich mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfüllung meiner sehnlichsten Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens nähere. Ich möchte bei Dir sein, Deine Hand in der meinen halten und in dem warmen Lichte Deiner Blicke die schöne Gewißheit Deines Besitzes fühlen. Wenn ich sonst tief in Deine unergründlichen Augen blickte und mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin ich oft eifersüchtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flüchtig könne mein Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser. So gewiß, so klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit mit mir selbst, mich aus Deinem Auge verschönert anblickt, so wird jeder Gedanke, jedes Gefühl meines Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich gefühlt und doch unendlich schöner wiedergegeben, wenn es durch die läuternde Atmosphäre Deines Herzens, Deines Geistes gegangen ist. Ja! mein theures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine, nur zusammen können wir das höchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen möglich ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefühl, daß ich in Dir den schönsten Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen habe, die nun mein sind für ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die Jahre von Schmerz und Kummer vergessen machen, die ich in unglücklicher Verblendung über Dich verhängt hatte? Nur das beruhigt mich, daß eine Liebe, wahr und stark wie meine, Alles ausgleicht, daß es kein Opfer gibt, keines, meine Clementine! das ich Dir nicht mit Freuden zu bringen im Stande wäre, wenn Dein Glück es erheischt.

Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich? Glaube mir, jetzt ist Alles gut. Ich fühlte es gestern, als Du in meinen Armen ruhtest, als Dein müdes Haupt auf meine Schulter sank; die Nacht des Leidens ist vorüber, und eine schöne Zeit wird uns werden. Nun erst werde ich mein Land lieben, ganz anders lieben, weil es den heimischen Herd enthält, an dem Du waltest; mit ganz anderm Sinne werde ich für die Zukunft säen und wirken für ein Geschlecht, das nach uns lebt – o! eine schöne Zeit wird uns jetzt werden. Möge sie Dir mit dem heutigen Tage beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ängstigt und quält, Geliebteste! Die Hindernisse irdischer Verhältnisse müssen vor der Gewalt unsrer Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich vereint – fühlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An die Zeit denke, wenn wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wünsche sie so sehnlich herbei als ich, der nach Dir verlangt mit aller Gluth und Liebe, welcher ein Menschenherz fähig ist. Ich möchte ein Gott sein, wenn Götter stärker zu lieben vermögen, als wir, um Dich so glücklich zu machen durch meine Liebe, als ich es wünsche, um Dir das Geschenk Deines Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges Wiedersehen, Geliebte! Adieu! meine Clementine! noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe – wie lange ist das noch und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte. Ewig Dein

Robert.

Ruhig, wie ein verklärter Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine auf diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine Stunde das höchste Glück des Lebens empfunden, nun fühlte sie die Kraft zu entsagen und beschloß Robert gleich jetzt zu antworten.