Clementine an Robert.
Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl gethan und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie an das Dasein Gottes, glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von Dir ein Opfer, das mich das schwerste dünkt. Wir dürfen uns nicht wieder sehen, mein Freund! weil wir nicht für einander leben dürfen.
Höre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen könnte, muß Dich gestern der Wonnetaumel, den mir Dein Wiedersehen bereitet, von meiner heißen Liebe überzeugt haben. Kein trüber Gedanke hat mir die Seligkeit gestört, das Geständniß Deiner Liebe von Deinem Munde zu hören, mein höchstes Glück in Deiner Freude zu genießen. Was der sehnlichste, einzige Wunsch des Mädchenherzens, der Traum meiner Nächte, war, Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewährt, die sie Dir nicht lohnen darf. In den Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir gequält, von Dir entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des herbsten Schmerzes verbracht, die nun alle ausgetilgt sind aus meinem Leben durch eine Stunde des Glückes, und diese werde ich Dir ewig danken; wie in dieser Stunde soll mir Dein geliebtes Bild gegenwärtig bleiben.
Die Deine aber werde ich nie. Ich darf mein Glück nicht auf Kosten der Ruhe und Ehre eines Mannes erkaufen, der mir sein Glück und seine Ehre anvertraut, mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat. Kann ich die Liebe, die er für mich hegt, gewaltsam seinem Herzen rauben? Darf ich, die Jahre hindurch seine Gefährtin war, ihn verlassen, da das Alter sich ihm naht? Soll ich ihn dem Gespötte preisgeben, das grausam jeden verrathenen Ehemann verfolgt? Soll die Welt ihn verlachen, weil er großmüthig mir vertraute, obgleich er durch mich selbst wußte, daß mein Herz nicht ihm allein gehören könne? Du weißt es nicht, wie zart, wie schonend er mich behandelt, wie vollkommen er meine Achtung, meinen Dank verdient hat. Ob er mir verzeihen wird? ich weiß es nicht – nur das fühle ich, daß ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem Willen, um Dich aus meinem Herzen zu reißen, daß ich vor Gott mich schuldlos fühlen darf und selbst den seligen Abend nicht bereue, den ich gestern mit Dir verlebt, und der mich über eine freudlose Vergangenheit trösten, für eine schwere Zukunft entschädigen sollte.
Ich lege mein Loos in Meining's Hände; er mag mir vergeben, mich von sich weisen – Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es mir beschieden wäre, meinen Gatten zu überleben. Sieh darin keine Schwärmerei, keine Ueberspannung: ich halte die Ehe, Du weißt es, für ein unauflösliches, ewig bindendes Band. Das Weib ist kein todter Besitz, der heute aus den Händen des Einen in die des Andern übergeht; ganz, ungetheilt, frei und frisch an Geist und Leib muß sie dem Manne gehören – daß ich mit getheiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist das Unrecht, welches mein Leben zerstört und alle meine Leiden und auch Deine hervorgerufen hat. Ich that es, weil man mich überredete, es sei Pflicht; weil ich glaubte, ich könne Dein vergessen und frei werden.
Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun, die gleiche Sünde gegen Dich zu begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht, Dich zu vergessen, so wenig würde das Andenken an Meining je für mich aufhören. Könntest Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen im Stande wäre? Willst Du ein Weib, das selbst in Deinen Armen an den Verrath denken würde, den es begangen? dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse vergällt wäre?
Täusche Dich nicht, mein Robert! so würde es sein. Ich, gequält von innern Vorwürfen, Meining einsam und verhöhnt; sein Name, für dessen Ruhm er Jahre lang gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten, entehrt durch seine Frau – und Du? Robert, ich fühle, was ich Dir einst hätte sein können, kann und wird Dir keine Andre werden – was ich Dir jetzt noch werden könnte? Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken, daß ich selbst mich um den Himmel gebracht, Dich so zu beglücken, als ich es gehofft. Jetzt wäre ich zweifach elend, denn ich würde Dich unglücklich sehen durch mich, und auch Deine Ehre wäre verloren. Oder ertrügest Du es ruhig, zu hören, das ist Thalberg, wegen dessen sich Meining von der Frau geschieden, die Thalberg jetzt geheirathet hat – und die lächelnden Blicke, welche solche Worte begleiten – o! es wäre ein Fluch, der über uns schwebte, gegen den wir keine Macht, auch nicht in unsern Herzen fänden.
Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben wir für einander und nur, wie man der theuren Todten gedenkt, laß uns an einander denken. Die Thränen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich das Opfer fühle, das ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebe. Ich möchte mein ganzes Herz Dir zeigen, wie es Dein ist und Dein war; Du weißt es und fühlst, wie schwer es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so unaussprechlich lieb.
Lebe denn wohl – Robert, mein Leben, mein Glück! – ich nehme Dich bei dem Worte, daß kein Opfer Dir zu schwer sei für mich. – Versuche es nicht, mich zu überreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf, daß Du noch heute Berlin verläßt, daß Du es nicht versuchst, mich wiederzusehen, weil Du mich liebst.
Und nun Gottes schönster Segen über Dich! Möge eine reiche Zukunft Dich für den Schmerz dieses Scheidens entschädigen. Denke mein oft, wie einer Schwester, der Dein Glück tiefstes Bedürfnis ist; mögest Du das Glück finden, das Du von mir erwartet, mein heißgeliebter Robert! Lebe wohl, mein Robert! und denke ohne Sorge an mich – jetzt werde ich Ruhe haben. Ich habe das schönste Glück empfunden – ich konnte es besitzen und opfre es meiner Ueberzeugung – das wird mir Frieden geben. Gott sei mit Dir auf allen Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe wohl.
Clementine.
Mit bebenden Händen wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener übergeben. Es war geschehen – tief athmend ging Clementine auf und nieder, und ein Friede, wie sie ihn nie gekannt, machte sie den Schmerz, das tiefe Leid ihrer Seele leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, Meining sollte jede Verirrung ihres Herzens kennen, darum schrieb sie ihm: