Derselbe an denselben.

Am zweiten Weihnachtstage.

Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath hätte außer dem Hause gespeist, die gnädige Frau sei allein, und er zweifle, daß sie mich annehmen würde. Dabei that er so geheimnißvoll, lächelte so pfiffig, daß ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der nur noch durch Clementinens Wohnzimmer von ihrem Boudoir getrennt ist, welches ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, daß ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe gefolgt war, ließ er die Thüre offen, sodaß ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein höchst zierliches, kleines Gemach, mit grüner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hörte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du bist die schönste und größte Puppe, wenn Du nur still halten möchtest.

Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grünen Couchette, die vor dem Kamin stand, und hielt ein engelschönes, zweijähriges Mädchen in den Armen. Zwei ältere Mädchen, etwa fünf- und siebenjährig, waren um sie beschäftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schöner, als ich sie je im Leben gesehen habe. Das glänzende, rabenschwarze Haar hing in aufgelösten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren, von denen ihr einige wie eine Binde über der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behängt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. Hände, Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein geröthete Gesicht blendend schön in dem Ausdruck von Glück, das aus ihren Augen strahlte.

Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch auf und gab dem Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleich bereit sein, mich zu sehen. Die Thüren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem Lauscherposten zurück und wurde nach einigen Augenblicken in das Boudoir geführt, das nun einen ganz andern Anblick darbot.

Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaßen geordnet, die beiden größern Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste saß bei Clementine auf einer Causseuse. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine große, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie mich, Herr Thalberg! daß ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muß nun zusehen, daß sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das sich ängstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, während sie stand; nöthigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich war so entzückt über die Scene, daß ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wären, und erfuhr, es wären die Töchter von Madame T..., die hier im Hause wohne und die ihr die Kinder bisweilen überlasse. Es sind meine Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause ist, dem sie zu viel Geräusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die sie mir oft machen. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind das meine lieben Pflänzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich freut. Sie glauben nicht, wie engelgut und gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschäftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit uns.

Ich hätte ihr ewig zuhören mögen. Plötzlich merkten wir ein helleres Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich besorgt für die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen könnten, auszulöschen. Ich that es und nahm nun auch die beiden größern Mädchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Ja! Röschen, das ist der Onkel Thalberg. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil ich nicht immer hier sein darf. Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wärterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante, unterbrach Röschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schön und freundlich wie Du, schicke den alten fort. Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so schnell durch einander, daß man gar nicht Einhalt thun konnte.

Clementine wurde glühendroth und gleich darauf sehr bleich; Thränen traten ihr in die Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie sich rasch zu Emma bückte und sagte: Schäme Dich, den guten, lieben Onkel Meining hast Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht gut sein, wenn Du meinen lieben Meining nicht magst, und Du darfst nicht mehr herkommen, Du böses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich sah, was sie litt – o! mein Gott! ich hätte ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen – ich liebe Clementine.

Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie wenig verstehen wir unser Glück. Diese Frau war mein, und ich konnte sie verschmähen; sie liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstört, das fühle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiß ich, daß ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es möglich, daß ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefühl meines Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um das Glück gebracht; ihr und mein Unglück habe ich selbst bereitet.

Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an, um ihr nicht zu Füßen zu fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine refüsirte sie entschieden, da ihr Mann an dergleichen keinen Theil nähme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich – ein unvergeßliches Bild in der Seele. Es ist mir lieb, daß sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht, sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte. Grade weil ich sie anbete, will ich selbst über sie wachen und fast könnte ich wünschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht getrübt werde – und doch scheint mir das Leben nur möglich in dem Bewußtsein ihrer Liebe.

Daß ich bleibe – bedarf nun keiner Bestätigung.

Thalberg.