Fünfter Abschnitt.
Nicht kann rauben des Mächtigsten Hand
Den letzten Seegen des ewigen Vaters,
Den herrlichen Tod!
Mahlmann.
Wir finden unsre Natalie nach Verlauf von zwei Jahren in demselben kleinen Landstädtchen wieder, wo wir sie verließen, und wo sie diese Zeit, allein mit Gott, im heldenmüthigen Kampf mit sich, verlebt hatte. Sie hatte sich Frieden errungen — einen Frieden, der ihr nicht mehr geraubt werden konnte. In der Verpflichtung, Buris Gattin zu werden, hatte sie die Bestimmung ihres künftigen Lebens klar erkannt, und muthig aus sich herausgerissen, was sich mit ihr nicht vertrug. Ihre Liebe zu Voluda war ihr, als höchstes, geistiges Lebensprincip, geblieben — aber in der Beruhigung ihres Herzens, in der Stillung ihrer Sehnsucht, und der Beschwichtigung des bittern Schmerzes, sich von ihm verkannt und auf immer geschieden zu wissen, entwickelte und bewährte sich in ihrer Seele eine Kraft, deren Quelle eben diese Liebe war. Das Andenken an ihn wurde ihr zum Seegen jedes edleren Strebens, jedes schönen, festen Entschlusses, und mit sanfter Rührung brachte sie ihm am Abend, den still, fromm und fleißig verlebten Tag zum Opfer dar. Buris Briefe erheiterten ihre Einsamkeit; sie gewann ihn von Tag zu Tage lieber. Ihm ein gutes, treues, fleißiges Weib, eine würdige Hausfrau zu werden; sich im verdienten Besitz seiner höchsten Achtung und Liebe zu fühlen, und ihn im Laufe des alltäglichen Lebens dem Guten und Schönen treu zu erhalten, war ein Beruf, dessen Werth und Glück sie lebhaft erkannte. Voluda’s Bild sank still und heilig in ihre innerste, frömmste Seele zurück; im Leben und für dasselbe faßte sie Wilhelms Bild zärtlicher und inniger auf, und die durch die wahrste und höchste Liebe in ihr geweckte und gereifte Fühlbarkeit und Treue kam ganz Buri zu Gute. Sie gab sich ihm liebevoller und wahrer hin, wie sie es je zuvor gethan hatte, und auch in seinen Briefen sprach sich ein ruhiger, aber eben darum schöner werdendes Gefühl seines Glückes, und seines Dankes, sie sein zu nennen, aus.
Natalie hatte von jeher Kinder geliebt und sich gerne mit ihnen beschäftigt. Getrennt von allem Umgang mit Erwachsenen, sammelte sie jetzt einige dieser holden Wesen um sich, und die Beschäftigung mit ihnen wurde ihr zu einer Quelle der reinsten Freuden. Wer eine Zeitlang nur mit Kindern und allein unter ihnen lebt, hat das goldene Alter der Menschheit durchlebt. Von ihnen geht eine Kindlichkeit, eine Lauterkeit, eine Heiterkeit auf uns über, deren Daseyn man, im Getriebe des Weltlebens verflochten, und vom Schellengeklingel der Thorheit und der Albernheit betäubt, kaum in der Ahndung begreift.
Auch aus der Arbeitsamkeit, zu der sich Natalie zwang, bis sie ihr zur lieben Gewohnheit geworden war, gieng ihr ein stiller, schöner Seegen für ihr inneres Leben auf. Sie erfuhr es, wie kein Zureden der Vernunft, keine Lectüre, keine Freude des Wissens, unsre Seele so beruhigt, als das Gefühl eines fleißig und angestrengt vollendeten, bestimmten Tagewerkes.
Diese zwei einsamen Jahre waren eine schöne Zeit in Nataliens Leben, und die Erinnerung an sie blieb in ihrem Herzen, wie die sanft schimmernde Abendröthe eines gewitterschwülen Tages. —
Mit dem zweiten Frühling näherte sich jetzt der Zeitpunkt von Buri’s Rückkunft und ihrer Vermählung mit ihm. Es war brieflich unter ihnen verabredet, daß sie sich in Nataliens jetzigem Wohnort wollten trauen lassen — der Sommer sollte denn zu einer gemeinschaftlichen Reise ins südliche Deutschland benutzt werden, und mit dem Herbst wollten sie sich in N**** häuslich niederlassen.
Natalie rechnete auf Glück. Daß sie daran sich wieder Glauben und Zuversicht erkämpft hatte, und sie in heitrer Freudigkeit festzuhalten wußte, war die Frucht eines Kampfes, über dessen Schwierigkeit und Werth nur derjenige entscheiden darf, der in das Innerste ihrer Seele geblickt hat.
Plötzlich blieben Buris Briefe mehrere Wochen aus. In der ganzen Zeit ihrer Trennung hatte er wöchentlich zweimal geschrieben, und so mußte dies Aussenbleiben aller Nachrichten von ihm, Natalien lebhaft beunruhigen. In der langen Sorge um ihn fühlte sie selbst zum erstenmale ganz, wie sie ihn liebte, und wie fest sie an ihn gebunden war. Sie schrieb und klagte ihm, mit der ganzen Fülle ihrer Herzlichkeit und Liebe, ihre Angst, ihre Sorge, ihren Kummer um ihn. Endlich kam ein Brief; er war krank gewesen, wie er schrieb; aber der Ton dieses Briefes war so leidenschaftlich, so glühend, daß Natalie von der Ahndung eines finstern Ereignisses ängstigend ergriffen ward.
Ein Ungewitter nöthigte Buri auf einer seiner Fußwanderungen, in einem Meierhofe Schutz zu suchen, dessen angenehme Lage und einfach zierliche Bauart, den Blick jedes Reisenden auf sich ziehen mußte, der diese Straße wandert. Böttcher, der Besitzer desselben, nahm den durchnäßten Wandrer mit der freundlichsten Gastfreiheit auf. — Er war ein gebildeter Mann, der, nach einem unruhvollen Leben, hier den Abend seiner Tage, in ländlicher Abgeschiedenheit, mit seiner einzigen Tochter, verlebte. Karoline war ein reizendes funfzehnjähriges Mädchen, voll Naivetät und Anmuth. Ohne allen Umgang, in der Umgebung einer romantischen Natur groß geworden, und durch Romanenlectüre gebildet, war sie für den Eindruck sehr empfänglich, den Buris Erscheinung auf sie machen mußte. Sie beeiferte sich, den Fremdling so gut als möglich aufzunehmen, und freuete sich des Regenwetters, das ihn nöthigte, mehrere Tage zu verweilen. Als er am vierten Morgen hinunter kam, Abschied zu nehmen, fand er den Vater krank und Karolinen in Thränen. Beide baten ihn, sie jetzt noch nicht zu verlassen, und er versprach gern, die Genesung seines Wirthes abzuwarten. Die Sorgfalt und Ausdauer, die er jetzt bei der Pflege des Vaters zeigte, gewann ihm bald ganz das Herz der dankbaren Tochter. Sie hielt ihn für frei und ungebunden, sie wußte von ihrem Vater, daß es ihr vergönnt sey, unbedingt selbst zu wählen, und so gab sie sich, ungewarnt und unbesorgt, der ganzen Gewalt dieser Liebe über sie, hin — Konnte Buri nicht fliehen? — wollte er es nicht? wußte er selbst nicht um die Größe und Nähe der Gefahr? — genug, er blieb; blieb auch nach der Genesung des Vaters, bis eine schwache, eine sehr schwache Stunde, Karolinen Rechte auf ihn gab, denen, vor dem Richterstuhl der Ehre und der Menschlichkeit, Nataliens Rechte sich nicht vergleichen konnten. — Sein Erwachen aus dem Rausch war schrecklich! — alle Furien der Selbstverachtung und des Meineids erwachten in seiner Brust. Karoline erfuhr, er sey verlobt; sey seit Jahren das Eigenthum einer andern, der er Glück, Ruhe, Gesundheit koste, die ihm alles geopfert, alles für ihn gelitten und getragen, ohne daß er ihr bis jetzt je ein Opfer mit einem Opfer zu vergelten gehabt habe — und gebot ihm, sie zu fliehen, und sein früheres Gelübde zu ehren. Er gehorchte, und verließ das Haus, dessen Gastfreiheit er durch so schändlichen Verrath gelohnt hatte. —
In der letzten Zeit seines Aufenthaltes bei Böttcher hatte er es unterlassen, an Natalien zu schreiben; aber als er jetzt, von Karolinen entfernt, nach und nach aus seinem Rausch erwachte, trat ihr Bild wieder in seine alten Rechte, und das Gefühl des begangnen Unrechtes gab seiner Empfindung für sie, alle Glut, alle Unruhe, alles Stürmische wieder, das die erste Zeit seiner Leidenschaft bezeichnete. — Ach! Natalie ahndete bei Lesung jenes Briefes nicht, aus welcher giftigen Quelle der süße Zaubertrank floß, dessen magische, unheilbringende Gewalt über sie noch nicht vernichtet war, wenn sie gleich den Unterschied zwischen dieser gluthvollen Flamme und dem heiligen reinen Lichte wahrer Liebe, im eignen Herzen hatte erkennen und würdigen lernen. —
Die tiefe Schwermuth, in die Karoline nach Buris Abreise versank, konnte von ihrem Vater eben so wenig unbemerkt bleiben, als ihm die Verstörung entgangen war, in welcher Buri von ihnen schied. Da er Freund und Vertrauter seiner Tochter, seit ihrer frühsten Jugend gewesen, so vermochte sie auch hier seinen Bitten nicht zu widerstehen: er erfuhr alles, und auch, was den Jammer des armen Mädchens zur Verzweifelung machte, daß sie Mutter werden sollte. —
Er reisete Buri nach, und traf ihn auf dem Wege zu Natalien in A... — Der Zorn des schwer beleidigten Vaters verschwand vor dem Schmerz, und vor der Reue des Jünglings, der ihm sein ganzes Verhältniß mit Natalien, und die Geschichte desselben, offen darlegte. Böttcher ergriff den einzigen hier möglichen Ausweg; er wandte sich voll edlen Vertrauens an Natalien selbst, schilderte ihr in einem Briefe den ganzen Vorgang und forderte sie auf, zu entscheiden. „Ich würde, schloß er seinen Brief, das Schicksal meiner Tochter als ein Unglück tragen, und nie darauf ein Recht begründen, welches zwischen Sie, Verehrungswürdige, und den Mann treten dürfte, der Ihnen so viel, ja alles, zu verdanken hat — aber, was ich nie für meine Tochter allein thun würde, muß ich für das Kind thun, das sonst, ernst und strafend, einst von seiner Mutter den Vater fordern möchte. Entscheiden sie daher unbedingt über das Schicksal der Mutter und des Kindes. Keine Pflicht, kein Gesetz, verbindet sie zur Entsagung — meine Hoffnung beruht nur auf Ihrer Güte, Ihrer Großmuth.“
Natalie antwortete ihm mit rückgehender Post achtungsvoll und theilnehmend, und legte ihm einige Zeilen für Buri ein, in denen sie ihn für frei, sich für ewig von ihm geschieden, erklärte. Sie schrieb ihm dies ohne Klage, ohne Vorwurf; machte es ihm aber als den letzten Beweis seiner Achtung zur Pflicht, ihr durchaus nicht zu antworten.
Buri ward Karolinens Gatte. Er vergaß Natalien sehr bald, und lebt noch auf dem Meierhofe seines Schwiegervaters, ein alltägliches, still bürgerliches Leben, ohne höheren Gehalt, aber doch nicht ohne innern Werth. Karolinens erstes Kind starb, und ihre Ehe blieb kinderlos.
Wie Natalie diese Trennung ertrug, wie sie litt, und wie unnennbar schmerzlich und vielseitig ihr ganzes Herz dadurch verletzt wurde, hat nie ein Mensch erfahren, nie ein Wort von ihr ausgesprochen. Doch sicherte sie der Sinn für das Heilige, der ihr in ihrer Liebe für Voluda aufgegangen war, dafür, sich irgend einem Schmerze, irgend einem irdischen Leiden, mehr widerstandlos hinzugeben. Geübt im Kampf mit sich selbst, bewährte sich ihr auch jetzt die Kraft des Willens. Sie trat ihrem Schmerze kühn entgegen, und rang mit ihm. Ernstes Nachdenken und fromme Einkehr in sich selbst gaben ihr Flügel, die sie über ihn weghoben, und das Kleinod, das sie in diesem Kampf erbeutete, wurde ihr zum herrlichen Lohn: es hieß Freiheit ihrer Gefühle für Voluda!
Ein schöner Abend des Spätherbstes dieses Jahres lockte sie ins Freie. Von einem Berge, der den zu ihrer Wohnung gehörenden Garten begränzte, übersah sie eine weite, reizende Landschaft. Am Fuß desselben lief die Landstraße, neben einem ziemlich tiefen Abgrund hin. Ein zierlicher Reisewagen — hier eine seltne Erscheinung, — zog Nataliens Blicke auf sich. Zu ihrem Schrecken sah sie aber die Pferde, nahe bei der gefährlichen Stelle, scheu werden — der Wagen schlug um, Natalie unterschied das Angstgeschrei einer weiblichen Stimme, und flog blitzesschnell den Berg hinunter, den Reisenden zur Hülfe. Zum Glück standen die Pferde, und während der Postillion sich beschäftigte, die Stränge zu lösen, bemühete sich Natalie, die Thüre des Wagens zu öffnen. Der Versuch gelang; ein Mann, von hoher vornehmer Gestalt sprang heraus, und hob eine junge, in Ohnmacht gesunkene Dame, empor. Natalie vereinte ihre Bemühung mit der seinigen — sie trugen sie wenige Schritte davon nach einer grünen Rasenstelle, und hatten die Freude sie nach einigen Minuten die Augen aufschlagen zu sehen. Mit dem Ausdruck banger Zärtlichkeit suchte der erste Blick der schönen Fremden ihren Gefährten, der neben ihr knieend, sie in seinen Armen hielt, während Natalie ihr die Schläfen mit dem eau de Cologne aus ihrem Flacon rieb — dann sah sie zu dieser mit einem so rührenden, so dankbaren Blick auf, daß er den Antheil, den Natalie gleich für sie empfunden hatte, verdoppelte. Aus einigen Worten des jungen Mannes und aus seiner Unfähigkeit, sich mit dem Postillion verständigen zu können, errieth sie das Vaterland der Reisenden, und redete sie jetzt in der Sprache desselben an, um der jungen Dame, mit jenem unverkennbaren Ausdruck des Wohlwollens, dem das Herz nie widersteht, ihr Haus anzubieten, sich darin von den Schrecken ihres Unfalls zu erholen. Die schöne Fremde schien angenehm überrascht, sich in diesem Winkel Deutschlands, wo die Fertigkeit, eine fremde Sprache zu reden, sehr selten angetroffen wird, in ihrer Muttersprache anreden zu hören, und nahm Nataliens Anerbieten dankbar an. Wie groß war aber ihrer aller Schrecken, als es sich jetzt, da die Fremde sich erheben wollte, zeigte, daß der eine Fuß gebrochen war: O Gott, rief sie, mit einem Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens, der Nataliens Herz traf, — wir sind verloren! Laß uns sterben, mein Freund, Rettung ist jetzt unmöglich!
Nur Muth, sagte Natalie rasch, nur Vertrauen — ich hole Hülfe, und mein Haus, setzte sie gerührt hinzu, da sie zu errathen anfing, wen sie vor sich hatte, sichert Ihnen Verborgenheit und Ruhe.
Die Geschichte dieser beiden interessanten Flüchtlinge greift zu tief in eine der geheimnißvollsten Begebenheiten unsrer Zeit ein, um jetzt schon enthüllt werden zu können. Aus einem der edelsten Geschlechter Europens entsprossen, Erbe unermeßlicher Reichthümer, mit allen Verfeinerungen des Luxus, allen Raffinerien des Wohllebens seit frühster Kindheit so vertraut, daß sie ihm zum Bedürfniß, zur einfachen Nothwendigkeit geworden waren, irrte Theophil jetzt heimathlos und geächtet mit seiner Gattin umher. Auf seine Habhaftwerdung war im Geheimen ein großer Preis gesetzt, und der Verrath schlich ihm hier, wo er vor offenbarer Gewalt vielleicht geschützt war, doch heimlich auf jedem Schritte nach. Ein fernes Land bot ihm einen Zufluchtsort — aber jeder Weg dorthin war versperrt, und, bei seiner gänzlichen Unkenntniß deutscher Sprache und deutscher Verfassungen, mit fast unübersteiglichen Schwierigkeiten verbunden. Victorine, die schöne, seit frühster Jugend von allen, die sie umgaben, vergötterte Victorine, seine Gattin, sollte jetzt in wenig Wochen Mutter werden. Ohne Obdach, ohne Geld, in einer rauhen Jahrszeit, in einem fremden, unwirthlichen Lande, erlag ihre Seele schon dem Gewicht ihrer trostlosen Verzweifelung, als die Vorsehung ihr Natalien zuführte.
Wenig Stunden reichten hin, um dieser das volle Vertrauen ihrer Gäste zu erwerben, und als Ersatz für manchen herben Kummer, ward ihr das Glück, dies Vertrauen rechtfertigen zu können.
Es gelang ihr, Wege und Mittel ausfindig zu machen, die Theophil sicher nach dem Orte seiner Bestimmung führten. Victorine blieb bei ihr. Im November ward sie Mutter eines lieblichen Knaben, und Natalie sah, unter ihrer Pflege, Mutter und Kind schön und freudig dem Frühling entgegen blühen, der beide mit dem Gatten und Vater vereinigen sollte. Sie begleitete Victorinen auf der Reise durch die unwirthbaren Gegenden, durch die sie ihr Weg führte, und verließ sie erst an der Gränze, wo Theophil sie erwartete.
Auch die Dankbarkeit kann in schönen Seelen zu einer Leidenschaft werden, die an Energie keiner andern weicht. Der Abschied, den Victorine und Theophil von Natalien nahmen, war erschütternd und feierlich. Die erstere legte ihren Sohn in Nataliens Arme, wie man Heiligen die Kinder zur Auflegung der Hände darreicht, damit sie ihn segne. Sie konnte sich nicht von ihr trennen — immer kehrte sie zurück, sie noch einmal an ihr Herz zu drücken — endlich mußte sie scheiden; aber Nataliens Andenken blieb in ihrem Herzen, und täglich erbat sie sich vom Himmel die Gelegenheit, ihr einst vergelten zu können, was sie für sie gethan. —
Natalie gieng auf einige Wochen zu ihrer Schwester, und dann nach N****. Die Erinnerungen, die dieser Aufenthalt in ihr wecken konnte, brauchte sie nicht mehr zu scheuen, den Tadel der Welt nicht mehr zu fürchten. Ihre Seele war reif geworden in den Schmerzen und Erschütterungen dieser letzten Jahre. Wie ein schwindendes Traumbild, versank das Nachtstück ihres Lebens in den Strom der Vergangenheit; das innere geheimnißvolle Leben der Liebe entfaltete sich in ihr tiefer und reicher, und alle Erscheinungen des äußeren verklärten sich ihr zu heiligen Sinnbildern; mit langen Zügen trank sie aus dem Quell der frommen reinen Begeisterung, die sie von den irdischen Dingen schied, und sie sich als eine Geweihte des Todes fühlen lehrte.
Abgezogen von der Außenwelt, fand sie in sich, was sie zur Glückseligkeit und zum harmonischen Verständniß mit sich und der Welt bedurfte, und das Gefühl, daß ihr diese Klarheit des Gemüths, dieser himmlische Friede der Seele, dies Schweigen des Verstandes, einzig aus der Liebe für Voluda aufgegangen waren, lehrte sie diese immer richtiger, als das Schönste und Göttlichste ihres Daseyns, würdigen. Ihr ganzes Leben war ein stiller Gottesdienst dieser Liebe, die immer mehr Eins werdend mit der Liebe des Ewigen, und in ihr sich, wie der Strom im Weltmeer verlierend, ihr Herz, langsam, sanft und freundlich, von der Erde lösete, und die Sehnsucht ihres Busens nach dem Tode, zur ächten Tochter der Liebe und der Unsterblichkeit veredelte.
Aber wie eine Lichterscheinung aus jener Welt, trat zu der Einsamen noch hienieden der schönste Engel des Trostes und der Verheißung, der Engel der Freundschaft, und Natalie wußte nicht, ob der Glanz, in dem sich, von ihm erhellt, ihr Leben verklärte, das Abendroth dieser, oder das Morgenroth jener Welt war.
Während ihrer Abwesenheit hatte sich in der Nähe von N****, eine Familie angesiedelt, in deren ältesten Tochter, Charlotte, Natalie bald eine Seele ausfand, wie sie reiner, treuer, frommer, ungefärbter und zarter, nie in einem Weibe gewohnt hat. Demüthig und einfach, wahr und kindlich, froh und still, war der Sinn des Mädchens — ihr Geist hell und klar und in dem sanften, kindlichen Gemüthe ruhte eine Kraft, die dem Leben gewachsen war. Alle Liebe, die Natalie seit frühster Jugend, so unverstanden und unerwiedert, hingegeben hatte, ward ihr hier, als köstliche Himmelsgabe, zurückgegeben und in ihrer ganzen Heiligkeit von ihr genossen und empfunden. —
Der fromme Friede, dessen Natalie jetzt genoß, und das seelige Glück dieser Freundschaft, wurden dem zarten und ermatteten Körper zur Stärkung. Da sie, ohne eigentliche Krankheit, nur an dem geistigen, langsam nachwirkenden Schmerze früherer Jahre verging, so schlichen Wochen und Monate langsam vorüber, ohne daß irgend eine sichtbarer werdende Desorganisation ihres Körpers einen schnellen Tod herbeizuführen versprach. Im Gegentheil schien sie, unter Lottens Pflege, und im Sonnenschein ihrer Liebe, neu aufzublühen; es giebt aber Zeitpunkte im Leben, wo nicht die Krankheit, sondern die Seele selbst, ihre Hülle zerstört, weil sich, zu mächtig für diese, in ihr die Flügel eines feineren Daseyns entfalten. Nataliens Gefühl, sie sey dem Tode geweiht, täuschte sie nicht. In einzelnen hellern Momenten fühlte sie aber auch eine unsichtbare Gewalt, die sie an das Leben, wie an ein noch nicht vollendetes Tagewerk, fesselte: —
Sie ehrte diese Ahndung als Wink eines heiligen Schicksals, und harrte in stiller Ruhe ihrer Deutung. Monate verrannen indessen, und wurden zu Jahren, ohne daß irgend eine Pflicht, irgend eine Sorge, sie wieder zu einer nähern Befreundung mit den Angelegenheiten der Erde genöthigt hätte. — In sanfter Stille, ohne Ansprüche an das Leben, geliebt von Allem was sie umgab, ohne Furcht, doch nicht ohne Hoffnung, floß ihr Leben ungetrübt dahin, und die Morgenluft, die sie umwehete, wurde immer reiner und erquicklicher.
Oft sehnte sie sich, der Liebe heilige Welt, die sie in sich aufgenommen hatte, dem Manne ihres Herzens darzustellen, ehe sie scheide, damit er wisse, wie sie ihn geliebt habe vom ersten Blick an, wie sie ihn noch liebe, und welchen Seegen diese Liebe in ihr Daseyn gelegt habe. Aber sie wußte, daß er verlobt, und jetzt vielleicht schon der Gatte des von ihm gewählten Mädchens sey, und daß er nie nach ihr gefragt, nie irgend eine Erkundigung nach ihrem Schicksal eingezogen, schien ihr ein Beweis, daß er das Andenken an sie ganz verbannt habe, und es nicht zu erneuern wünsche. Sie brachte also seinem muthmaßlichen Wunsche ihre letzte Freude zum Opfer dar. —
Dies Schweigen wurde Natalien dadurch sehr erleichtert, daß sie durch seine, von Zeit zu Zeit, erscheinenden neuen Werke, mit ihm innig im Geiste fortzuleben vermochte, und in jedem Buche den Schlüssel zu ihm, wie in seiner Individualität den Schlüssel zum Buche fand. Sie gewann auf diesem Wege eine so richtige Ansicht seines Karakters und seiner Eigenthümlichkeit, seiner Grundsätze und Meinungen, wie sie ihr der Jahrelange persönliche Umgang mit ihm nicht anschaulicher zu geben vermocht hätte.
Wer kennt nicht die ungeheuren Begebenheiten der letzten Jahre? — sie erneuerten in Voluda’s Gemüth einen Kampf, den er früher schon einmal siegreich bestanden hatte. Aus seinem Ernst wurde Strenge; aus seiner Festigkeit, Schärfe — es ward fühlbar, daß jene Bildung des Mannes, die ihm allein das Zusammenleben mit einem liebenden und geliebten Weibe zu geben vermag, bei ihm unvollendet blieb, und daß er, der Starke, auf diese Wunde doch vielleicht ein eisernes Pflaster gelegt hatte. — So ward sein großer, freier, und in seiner strengen Gerechtigkeit doch noch so edel, milder Sinn, mit dem er früher die Zeit und die Menschen richtete, zum Grimm — freilich nur zum Grimm, wie er in einem so edlen, zum Haß wie zur Liebe gleich energischen, Gemüthe wohnen kann — aber doch immer zum Grimm.
Der Glaube, das Vertrauen und die Liebe, die ehemals als freie Gabe in ihm wohnten, hielt er jetzt im Kampfe nur mit gewaltiger Kraft fest. — Und wo die fromme, heilige Entzückung schönerer, freudenvollerer Zeit noch wieder aus der heiligen Tiefe dieser großen Seele aufstieg, und sich wie ein himmlischer Duft über die Natur und das Leben zog — da erschien sie wie der helle Blitz einer süßen, vorübereilenden, Verzückung! —
Da kam eine Sorge um ihn in Nataliens Herz — eine Sorge, zu zart für Worte — aber diese Sorge war die höchste, die innigste, treueste Liebe, die je das Herz eines Weibes gefühlt hat. — Hätte er sich geliebt gewußt, wie sie ihn liebte, so wäre die Gewißheit solcher Liebe die Vermittlerin zwischen ihm und einer in Unfrieden versunkenen Welt geworden. —
Es kam aber ein Zeitpunkt, wo die von ihm früher mit heisser Liebe umfaßten, später mit unvergänglichem Schmerz verlornen, Hoffnungen für sein Vaterland noch einmal einen neuen Strahl in seine Römerseele sandten. Er griff zum Schwerdt, und schloß sich an den kühnen Führer, dessen abentheuerliches Unternehmen durch den Willen geedelt wird, wenn gleich der Erfolg es verdammt. — Ein Tag entschied das Schicksal von tausend Heldenherzen — der tapfre Führer fiel; und Voluda, der verzweifelnd an seiner Seite gefochten hatte, sank schwer verwundet vom Pferde, und ward gefangen.
Mit Sturmwinds Eile flog die düstre Kunde dieser Catastrophe durch das Land, und kam auch bald zu Natalien. Ein dunkles Gerücht sagte Voluda gefangen, wenn andre ihn den wackern Tod im Schlachtgewühl finden ließen. Ihr Entschluß, ihn wenn er noch lebte, zu retten, oder mit ihm zu sterben, war schnell gefaßt, und klar stand es nun vor ihrer Seele, was sie bis jetzt, in so wunderbarer Dunkelheit, an das Leben, als an eine noch nicht gelösete Aufgabe, gebunden hatte. Sie raffte zusammen, was sie an Geld und Geldeswerth aufbringen konnte, und eilte in die Gegenden, wo die feindlichen Armeen standen.
Ein guter Engel war mit Natalien, und führte sie durch mannichfache Gefahren, unangefochten dem Ziel ihrer Reise zu.
Sie fand Voluda nicht mehr; aber sie erfuhr mit Gewißheit, daß er noch lebe, und mit mehreren seiner Gefährten nach der Festung S. abgeführt sey, wo man nur seine Genesung erwarte, um das schon gefällte Todesurtheil zu vollziehen.
Der Tag dazu war sogar schon festgesetzt, und nahe. Natalie eilte Tag und Nacht. Kein Schlummer schloß ihr Auge, keine Nahrung kam über ihre Lippen. Die Liebe gab ihr Muth, die Liebe gab ihr Kraft; — der Kampf zwischen der tiefsten Hoffnungslosigkeit und der inbrünstigsten Hoffnung erhielt sie aufrecht, weil er ihr keine Minute übrig ließ, ihre Ermattung und Anstrengung inne zu werden. Sie war in diesen ewig unvergeßlichen Tagen nur Seele. —
Ein neues Leben drang, wie eine geistige Arzenei, durch alle ihre Adern, als sie erfuhr, Theophil, er, dem sie einst mit so viel Gefahr und Aufopferung Gattin und Kind rettete, sey Commandant der Festung, und Victorine zum Besuch bei ihm.
Ihr Weg führte sie durch B., wo Voludas Braut wohnte. Ein heißer Schmerz durchzuckte Natalien, als sie daran dachte und sich eingestehen mußte, die Glückliche habe den näheren Beruf, ihn zu retten, und es sey für sie Pflicht, ihr zu weichen, wenn sie ihr Recht auf dieses Glück gültig machen wollte.
Schriftlich bat sie sie um eine Unterredung ohne Zeugen, und gieng dann, der erhaltenen Einladung gemäß, zu ihr. Natalie fand ein sehr reizendes Mädchen, und ihr Herz öffnete sich der Liebe zu dem Wesen, das dem Manne, den sie mit der lautersten Uneigennützigkeit liebte, das Glück seines Lebens gewähren sollte. Sie redete sie mit unverstellter Herzlichkeit an:
Entschuldigen sie es, wenn sich Ihnen in so finsteren Trauerstunden, eine Unbekannte zur Vertrauten aufdringt. Sie sind Voludas Verlobte?
Sie faßte bei diesen Worten des Mädchens Hand, und sah ihr mit voller Liebe in das Auge, das sich schnell mit Thränen füllte. —
Ja, antwortete sie, ich werde den edlen Mann auch jetzt nicht verläugnen, wo der Tod uns auf ewig zu scheiden droht.
Nein, sagte Natalie rasch, und heftig bewegt, er wird leben — ich bringe Hoffnung, und wenn es noch Schutzgeister des Guten giebt, Rettung.
Sie zergliederte ihr hier ihren ganzen Plan, und die an Wahrscheinlichkeit gränzende Möglichkeit seines Gelingens, und forderte sie auf, sie nach S. zu begleiten, um in diesem Fall mit Voluda das Schiff zu besteigen, das ihn nach Amerika zu führen, schon bereit lag.
Die Seele der Braut bebte vor den Gefahren und der Ungewöhnlichkeit dieser Schritte zurück. Sie weinte, zagte — doch vergebens suchte ihr Natalie ihren Muth, ihre Begeisterung, und ihren festen Vorsatz, das Leben an die Rettung des geliebten Mannes setzen zu wollen, einzuhauchen. —
Ich bin sein, rief sie händeringend aus, und will gerne Vaterland und alles verlassen, um ihm zu folgen, sobald er dort angesiedelt ist — aber ihn aus seinem Kerker entführen helfen und ihn auf seiner Flucht begleiten — nein, das kann ich nicht. Meine Angst würde mich tödten.
Nun, sagte Natalie, so unternehme ich es allein. Ich rette Ihren Verlobten, oder —
Hier stürzte sich Lotte in ihre Arme und ergoß sich in den feurigsten Danksagungen. Natalie staunte bei dieser Mischung von Liebe und Schwäche — aber ihr Herz schlug froher und stolzer bei dem Gedanken, um wie viel inniger sie den Werth des seltenen Mannes zu würdigen wußte.
Was soll ich ihm denn von Ihnen bringen? fragte sie beim Abschied.
Sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe und ihm treu bleiben werde, und dann bringen Sie ihm dies. Es war ihr Gemälde, das sie für ihn schon früher hatte malen lassen. Sie schnitt jetzt auch eine ihrer schönen, blonden Haarlocken ab, und gab sie Natalien, die beide Gaben an ihrem Herzen verbarg. Aber Sie, fuhr sie fort, wer sind denn Sie, die Sie mir als ein Engel der Rettung erscheinen, wo jede Hoffnung verloren war?
Eine längst von Voluda vergeßene, und nie von ihm geliebte Freundin, sagte Natalie still betrübt, und drückte sie sanft weinend an ihr Herz. Gott lasse mir seine Rettung gelingen — und dann gedenkt meiner zuweilen, wenn Ihr glücklich seyd. —
Zwei Tage darauf kam sie in S. an. Sie ließ sich bei Victorinen melden, und ward von ihr mit jubelndem Entzücken aufgenommen. Zitternd und todtenbleich sank sie bei ihrem Eintritt vor ihr nieder. Ich komme, sagte sie ihr in Tönen, denen kein Herz zu widerstehen vermochte, Dich an eine Schuld zu mahnen, die Du jetzt mit der Seeligkeit meines Lebens lösen kannst. —
Aufschreiend vor Schmerz, sie in diesem Zustand zu sehen, sank Victorine neben ihr nieder, und flehte sie an, nur zu reden, und auf sie zu rechnen im Leben und im Tode.
Da vertraute ihr Natalie ihre Liebe und ihren Schmerz, und ihren festen Entschluß, Voluda zu retten, oder hier mit ihm zu sterben.
Victorine eilte zu ihrem Gatten, und führte ihn herbei. Ein langer, harter Kampf begann, ehe Natur, Menschlichkeit, und jene ewigen, in die Brust des Menschen gegrabenen Gesetze, die keine Menschensatzung aufzuheben vermag, siegten, und er seine Mitwirkung, zur Ausführung des von Natalien entworfenen Planes, der sie selbst der größten Gefahr preisgab, versprach.
Von allen seinen Unglücksgefährten lebte Voluda nur noch allein, seine noch nicht geheilten Wunden hatten ihm das furchtbar grausame Glück verschafft, sie alle zu überleben. Nataliens Plan und ihre getroffenen Anstalten konnten hier allein Rettung möglich machen.
Nach unzähligen, besiegten Schwierigkeiten und Gefahren, sah Natalie endlich die Mitternacht hereinbrechen, die zu seiner Befreiung bestimmt war. Tod und Seeligkeit im Herzen, folgte sie, tief verhüllt, ihrem Führer, zu dem grausigen, dumpfen Kerker, wo sie beim Schein der mitgebrachten Leuchte, Voluda auf Stroh gebettet, und in schwere Fesseln geschmiedet, erkannte. Stumm sank sie vor ihm nieder, seine Fesseln zu lösen. — Sie sind frei, sagte ihr Begleiter zu ihm; was keine andre Macht vermocht hätte, ist der Macht der reinsten Güte und der edelsten Liebe gelungen. —
O Wunderwerk der Liebe! rief Voluda, und zog sie mit dem schon befreieten Arm an sein Herz — o meine Lotte, wie soll ich Dir danken! —
Nach sechsjähriger Trennung sah Natalie jetzt den Mann wieder, dem ihre Seele angehörte und dem ihr ganzes Leben geweiht war — sie lag in seinem Arm — sie fühlte sich von ihm mit inniger Liebe an sein Herz gedrückt — aber nur, weil er in ihr eine Andre, seine Geliebte, seine Braut, zu umfassen glaubte. —
Nein, sagte sie leise, und schlug ihren Schleier zurück, ich bin’s, Voluda.
Plötzlich und rührend trat vor seine Seele jetzt das Bild der ihm fast entfremdeten Zeit, und er erkannte ihre Treue und ihre Liebe — da umfaßte er sie von Neuem, und in einer langen stummen Umarmung ruhten beide weinend an einander. —
Um Gotteswillen, rief hier ihr Führer, wir haben keinen Augenblick zu verlieren! — Jede Minute Verzug droht mit dem Tode.
Diese Erinnerung an Voludas Gefahr gab Natalien ihre Fassung wieder. Sie sagte ihm in wenig Worten, was er wissen mußte, und gab ihm ihr Taschenbuch, in dem er fernere Anweisung, Wechsel, und Lottens Gemälde fand. — Dann faßte sie zum Lebewohl seine Hand, — drückte sie noch einmal an ihr Herz — noch einen Blick — und nun, ehe er mit einem Worte Abschied von ihr nehmen konnte, war sie durch die eine Thüre verschwunden, während ihr Begleiter ihn rasch durch die andre fortzog. —
Natalie verweilte noch einige Wochen bei Victorinen und ihren Gatten; dann kehrte sie nach N**** zurück, um dort in den Armen ihrer Charlotte, die Stunde ihres Todes mit stiller Freudigkeit zu erwarten.
Sie fühlte es, daß sie jetzt am Ziele stand, und sehnte sich in der Blüthe und der Fülle der geistigen Kräfte, mit unendlicher Liebe, nach der Stunde der Vollendung. —
Mit großer Ruhe und Heiterkeit ordnete sie ihren Nachlaß, und wandte alle ihr noch übrige Zeit an, ihre Lieben mit dem Gedanken an ihren Verlust auszusöhnen. —
Sie schrieb ihr Testament mit eigner Hand nieder, und einige Stellen desselben mögen hier als das treueste Gemälde ihrer Stimmung stehen. Am Morgen des Tages, an dem sie es schrieb, hatte sie von ihrem Arzt den Ausspruch erfahren, daß sie das Frühjahr nicht mehr erleben würde.
den 4ten Januar.
Ich stehe also am Ziele — aber noch ist es mir vergönnt, mich nach Euch, Ihr Geliebten Meiner Seele, Trost und Stolz und Freude Eurer Natalie im Tode wie im Leben, umzusehen. Noch erreicht Euch meine Stimme — aber wenn das Siegel dieses Blattes einst gelöset wird, dann tönt sie nur noch aus meinem Grabe dumpf zu Euch empor. — — Doch was der Raub dieses Grabes wird, ist nicht das, was Ihr an mir liebtet, und was Euch lieben wird, so lange mein Ich, dies innere, wahre, anerkannte Ich, in irgend einer Form des Daseyns bestehen wird! — O wie habe ich Euch geliebt! wie liebe ich Euch! — Wie seelig gerührt versammelt Euch mein Geist in dieser Minute um mich — wie glücklich macht es mich, sagen zu können, daß ich immer in meinem Leben, und in jedem Verhältniß desselben, treu war. — O wenn Ihr alles von mir vergessen könnt, so werden doch gewiß Minuten kommen, wo jeder von Euch sich sagen wird: Das Herz, das mich am innigsten und treuesten liebte, ruht nun im Grabe? —
Diese Gewißheit der Treue ist mir jetzt in meiner Sterbezeit mehr Bürge für meine Unsterblichkeit, als alles andre, was ich je darüber geglaubt, gedacht und empfunden habe. Meine Seele hat nur Einen Grundton: — Liebe — sie kann nicht vernichtet werden. Treue und unbedingte Hingebung waren bei mir nie ein Verdienst, nie eine Tugend — sie sind mein Wesen selbst. In Liebe habe ich gelebt — in Liebe werde ich sterben, und auch, so wahr Gott die Liebe ist, in Liebe einst wieder auferstehen. —
Ich weiß, wie heilig Euch Allen meine letzten Wünsche und Bitten seyn werden, und möchte Euch, meine Einzig, — Lieben, so vieles, vieles — sagen. — Mein Herz ist so voll — meine Seele stark, mein Geist freudig — aber mein Leben ist matt, meine Brust wund und hohl. —
Nimm Du mich zuerst an Dein Herz, Du meine reinste, beste Freude, Du frommes reines Herz, Du Seele ohne Makel und ohne Schuld, meine, meine Charlotte. — Mein letzter Seufzer wird noch Dein Name seyn, und Dank gegen Gott, der mir in Dir mehr gab, als ich je verdient habe — Liebste Charlotte, Seele meiner Seele — o diese Trennung von Dir — ich fühle es in diesem Augenblick — sie ist wie ein Riß durch ein lebendiges Herz. — Du wirst mich nie vergessen — in mancher trüben Stunde wirst Du zu meinem Bilde gehen, und getröstet und gekräftigt davon zurückkehren. Du hast in unsrer Freundschaft eine Gewißheit, wie Himmelsluft, in Dich gesogen, daß nun nie Unwerth und Treulosigkeit Deinen Glauben an Menschenherz werden zu erschüttern vermögen. — Eine Freundschaft, wie die unsre, ist für mehr als eine Welt. Das Grab trennt uns nicht; wir bleiben vereint. — Wirst Du einst Gattin und Mutter — und welches Mädchen ist mehr geeignet in beiden Verhältnissen das Beispiel der edelsten, beglückendsten Pflichterfüllung zu geben? — so gieb Deiner ältesten Tochter meinen Namen, und liebe mich in dem Kinde fort, wie ich gewiß auch auf irgend eine Art mit Dir verbunden bleiben werde. Versprich mir auch, so lange Du lebst, meinen Geburtstag zu feiern — sollte ich dort oben den 7ten April wohl vergessen lernen?
In Hinsicht Deiner Trauer über meinen Verlust, vertraue ich Deinem frommen Gottergebenen Sinn. — Ich habe zuweilen gesehen, daß man Kindern Verletzungen mit frischer Erde kühlt — auch mir, auch meinem armen wunden Herzen wird sie wohl thun. — Von allen Fähigkeiten meiner Seele ist nur eine ganz entwickelt, ganz geübt worden: die Fähigkeit zu leiden. — Weine daher um mich — aber laß es sanfte Thränen seyn. — Schone Dich, hänge Deinem Gram nicht nach. Es ist meine letzte Bitte; sie wird Dir heilig seyn. —
Und so empfange denn mein letztes Lebewohl — Gottes bester, bester Segen über Dich — ich lege meine ganze Seele, mein Herz voll unaussprechlicher Liebe in dieses Lebewohl. Wo ich auch sey, wie ich auch fortdaure, ich will nie mehr mein seyn, als ich Dein bin und bleibe. —
Eben so innig und herzlich nahm sie dann von Elisen und August Abschied. Nach ihrem Tode fand sich unter ihren Papieren ein versiegelter Brief an Voluda und ihr von ihr selbst gemaltes Gemälde. — Sie bat ihre Lieben, sie in der Morgendämmerung an dem von ihr bestimmten Platze im N****er Garten begraben zu lassen. Ihr Vermögen vertheilte sie zwischen ihren Geschwistern und Charlotten. In N**** hatte sie ein Kapital gegründet, von dessen Zinsen die Schule erhalten werden sollte. Ueberhaupt war in ihrem Testamente keiner vergessen, der auch nur entfernten Anspruch auf ihr Andenken und ihr Wohlwollen zu machen hatte. An Buri schickte sie mit einem freundlichen Lebewohl seine an sie geschriebenen Briefe zurück.
Schön und freundlich kam dies Jahr der Februar, und brachte einen herrlichen blauen Himmel und — keine Blüten — aber einen reichen Seegen von Knospen mit. — Ihrer alten Liebe zu Blumen und Kräutern getreu, ließ sich Natalie auch jetzt noch in das Gartenzimmer tragen, wo sie immer so gerne gewesen war. —
Die Abendsonne brannte glühend durch die Fenster — bleich und schwer athmend ruhte Natalie in ihrem Krankenstuhle — vor ihr kniete ein sanfter, holder Engel, dessen Herz zu fromm war, um diese ernste Stunde der Wiedergeburt für ein höheres Leben, durch lauten Schmerz zu entweihen. —
In dem halbgeöffneten Nebenzimmer sangen zarte Kinderstimmen leise:
Und er hat uns gegeben die köstlichste Gabe,
Seinen starken Erretter, den Tod, den freudigen Helden
Welcher zertrümmert jegliche Fessel der Erde
Und aufträgt die schwachen Mühebeladnen
Zu der ewigen Freiheit Sonnenglanz
Und zu des unendlichen Vaters
Hochheiligem Angesicht! —
Siehe, da öffnete sich leise die Thüre — — Natalie konnte das müde Haupt nicht mehr erheben, aber ihr brechendes Auge erkannte noch die theure Gestalt — o sieh, sagte sie zu Charlotte leise, sieh den Todesengel — freundlich erscheint er mir in der theuersten Gestalt — o tritt nur näher, und berühre das Herz, das Dich liebt. — —
Erschüttert trat Voluda näher. — Er hatte die Vergünstigung erhalten, sein Vaterland wieder zu betreten, und kam die treue Freundin zu sehen — das Schicksal führte ihn herbei, um Nataliens letzten, innigsten Erdenwunsch, zu erfüllen.
Sie starb in seinen Armen. Friede sey mit ihrem Andenken! —
An ihrem Grabe gewann Voluda die Gewißheit einer unvergänglichen Liebe und einer himmlischen Treue, die ihm das schwache Menschenherz und das kleine Leben veredeln und mit denen er jetzt freudiger und sichrer denn je durch die Räthsel einer finstern Zeit geht.
Folgende bei J. E. Hitzig in Berlin erschienene vortreffliche Bücher werden jeder Damenbibliothek zur Zierde gereichen.
Baour-Lormian Omasis. Schauspiel, übers. von Robert. 16. geh.
12 gr.
Bartholdy, der Liebe Luftgewebe. Lustspiel. Mit ausgemahlt. Kupf. 16. geh.
18 gr.
Buch der Liebe. Herausgeg. von Büsching und von der Hagen. Erster Band. gr 8
2 thl. 12 gr.
Cervantes Numancia. Tragödie. Aus dem Spanischen von Fouqué. 16
9 gr.
Corneille Meisterwerke. Metrisch übersetzt von Carl von Hänlein. Erster Theil. 8.
1 thl.
Caroline von Fouqué, Briefe über weibliche Bildung. 16. geb.
12 gr.
— Frau des Falkensteins. Ein Roman in 2 Bänd. 8.
1 thl. 12 gr.
— Kleine Erzählungen. 8.
1 thl.
— Drei Mährchen. 16. geh.
16 gr.
— Rodrich. Roman in 2 Bändchen.
2 thl. 12 gr.
— Friedrich von Fouqué, Held des Nordens. 3 Thle. 8.
2 thl.
— Jahreszeiten. Frühling. 8.
1 thl.
— Vaterländische Schauspiele. gr 8.
1 thl.
Schreibp. 1 thl. 8 gr. geh. Velinpap. 2 thl. geh.
Maskenball, der, ein Kostumebilderbuch mit fein ausgemahlt. Kupf. gr. 4. geb.
3 thl.
(besonders brauchbar als Ideenmagazin für Kleidungen zu Maskenzügen, Vorstellungen auf Privattheatern u. s. w.)
Rehfues, die Brautfahrt in Spanien. Komischer Roman. 2 Bändch. kl. 8.
2 thl.
Schlegel Aug. Wilh. Spanisch. Theater. 2 Bde. 8.
4 thl.
Velinpapier 6 thl.
— Friedrich, Gedichte. 8.
2 thl.
Postvelinpapier 2 thl. 16 gr. geh. Schweizervelinp. 4 thl. geb.
Shakespears von Schlegel noch unübersetzte Werke. 3 Theile. 8.
4 thl.
Velinpapier. 6 thl. 16 gr. geb.
(Für die Besitzerinnen der Schlegelschen Skakespear ganz unentbehrlich).
Stael, Frau von, Aspasia. Eine Charakterzeichnung. geh.
4 gr.
Wolfart, die Katakomben. Tragödie. M. Kupf. 16. geh.
18 gr.
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Gedichte
von
Helmina Christina von Chézy geb. v. Klenk.
Durch die Nachsicht des Publikums für meine früheren Versuche, und den lebhaften Wunsch meiner Freunde aufgemuntert, habe ich mich entschlossen, noch während meiner Abwesenheit in Deutschland eine kleine Auswahl meiner Gedichte herauszugeben.
Noch lebt das Andenken meiner mir verehrten lieben Großmutter, der Anna Louisa Karschin, in Deutschland. Wenn nun der Name ihrer Enkelin ein Anspruch auf das Wohlwollen und die Theilnahme der Deutschen ist, so bleibt mir nichts zu wünschen übrig.
In Frankreich hat mir mein Mann viel herrliche orientalische Dichtungen mitgetheilt, die ich poetisch nachgebildet habe. Diese glänzenden Blüthen aus dem Sanskrit, dem Arabischen und Persischen, sind die Zierde meiner Sammlung.
Meine eignen Gedichte sind meist lyrische: ungekünstelte Blumen der Natur und der inneren Begeisterung, dem Herzen willkommen, weil sie von Herzen gehen. So viel darf ich, nicht ohne Freude, selbst davon sagen.
H. C. v. Chézy, geb. v. Klenk.
Druck und Papier der oben angekündigten Sammlung sollen zierlich und makellos seyn. Der Subscriptionspreis für die Sammlung, ungefähr ein Alphabet stark, ist 2 fl., nach der Erscheinung wird das Werk für 3 fl. verkauft.
Den achtungswerthen Theilnehmern an dem Unternehmen bleibt die Wahl, ob sie subscribiren oder pränumeriren wollen, in letztern Fall wird der Pränumerationspreis bei unterzeichneter Buchhandlung niedergelegt. Wer sechs Subscribenten sammelt, erhält das 7te Exemplar frei. Die Liste der Subscribenten wird dem Werke vorgedruckt.
Heidelberg, im July 1811.
Mohr u. Zimmer.
Für Berlin und die umliegenden Gegenden bin ich Subscription anzunehmen bereit.
J. E. Hitzig.
Buchhändler in Berlin,
Charlottenstraße Nro. 32.