NEUNZEHNTES KAPITEL

REISEN IN SAMAR. — WETTER. — BEAMTENWAHL. — NORDKÜSTE. — CATBALOGAN. — FLATTERMAKIS. — SCHLANGENBÄNDIGER. — TERTIÄRVERSTEINERUNGEN. — STROMSCHNELLEN DES LOQUILOCUN. — GESPENSTERTHIER.

Die Insel Sámar, von beinahe rhombischem Umriss, mit wenig ausgezackten Rändern, erstreckt sich NW.—SO. von 12° 37′ bis 10° 54′ N., ist im Mittel 22 M. lang und halb so breit; ihr Flächenraum beträgt über 220 □M. Im Süden wird sie durch die schmale San Juanico-Strasse von der Insel Leyte getrennt, mit welcher sie früher zu einer Provinz vereinigt war. Jetzt steht jede Insel unter einem besondern Guvernör.

Von ältern Schriftstellern wird die Insel Tendaya, Ybabáo, auch Achan und Philippina genannt, später hiess die östliche Seite Ybabáo, die westliche Sámar, welches jetzt die amtliche Benennung für die ganze Insel ist; das östliche Gestade wird als die Contracosta unterschieden.[1]

Der NO. Monsun überwiegt hier, wie an den Ostküsten Luzon’s, an Dauer und Stärke den SW.-Monsun, dessen Gewalt durch die südwestlich liegenden Inseln gebrochen wird; während die NO. Winde mit ihrer ganzen Kraft und der Wucht ihrer im grossen Ozean aufgesogenen Wassermasse gegen die Küsten dieser östlichen Inseln anprallen. Im Oktober treten zwischen NW. und NO. schwankende, vorherrschend nördliche Winde ein, Mitte November wird der Nordost beständig und dauert, nur selten von Nord unterbrochen, bis zum April. Dies ist auch die Regenzeit; am nassesten sind Dezember und Januar, wo es zuweilen vierzehn Tage ohne Unterbrechung regnen soll. An der Nordküste bei Láuang dauert die Regenzeit von Oktober bis Ende Dezember. Januar bis April sind trocken; Mai, Juni, Juli Regen; August, September trocken. Es giebt also dort zwei nasse und zwei trockene Jahreszeiten. Von Oktober bis Januar kommen zuweilen heftige Stürme vor (Baguios = Taifun); sie beginnen gewöhnlich mit Nordwind, gehen nach Nordwest, von schwachem Regen begleitet, dann zurück nach N., mit zunehmender Stärke nach NO. und O., wo sie ihre grösste Gewalt erreichen, und dann mit schwachem Winde nach Süden übergehen; zuweilen aber drehen sie schnell durch Ost nach Süd und erlangen erst dort ihre grösste Kraft.

Von Ende März bis Mitte Juni herrschen unbeständige östliche Winde (NO. O. SO.) mit sehr hoher See an der Ostküste. Der Mai ist gewöhnlich windstill. Im Mai und Juni häufige Gewitter, welche den SW.-Monsun einleiten, der in den Monaten Juli, August, September zur Geltung kommt, aber nie so beständig ist, wie der NO.. Die genannten drei Monate bilden die trockene Jahreszeit, sie wird aber von häufigen Gewittern unterbrochen. Es vergeht wohl keine Woche regenlos. In manchen Jahren findet an jedem Nachmittage ein Gewitter statt. In dieser Jahreszeit können Schiffe an der Ostküste anlegen; während des NO.-Monsun ist Schifffahrt dort nicht möglich. Diese allgemeinen Verhältnisse sind manchen örtlichen Abweichungen, namentlich an der Süd- und Westküste unterworfen, wo die Regelmässigkeit der Luftströmungen durch die davor liegenden, bergigen Inseln gestört wird. Nach dem Estado geogr. 1855 S. 345 tritt alljährlich bei dem Monsunwechsel, im September oder Oktober eine ausserordentlich (unter Umständen 60 bis 70 Fuss) hohe Fluth ein, Dolo genannt, die sich mit furchtbarer Gewalt gegen die Ost- und Südküste wirft, grossen Schaden anrichtet, aber eine Gezeit nicht überdauert. Das Klima von Samar und Leyte scheint an den Küsten sehr gesund zu sein und zu den zuträglichsten des Archipels zu gehören. Ruhr, Durchfall und Fieber kommen seltener vor als in Luzon; auch Europäer sollen ihren Anfällen hier weniger ausgesetzt sein als dort.

Samar ist fast nur an seinen Rändern von zivilisirten Indiern bewohnt, und zwar von Bisayern, die durch Sprache und Sitten etwa in demselben Grade von den Bicols verschieden sind, wie diese von den Tagalen. Im Innern fehlen Strassen und Dörfer beinahe gänzlich; es ist mit dichtem Walde bedeckt und dient unabhängigen Stämmen zum Aufenthalt, die etwas Ackerbau treiben (Knollengewächse und Bergreis), und die Produkte des Waldes sammeln, namentlich Harze, Honig und Wachs, woran die Insel sehr reich ist.

Am 3ten Juli verliesen wir Legáspi, schlichen, durch häufige Windstillen aufgehalten, am Nordrande von Albáy bis zur Punta Montúfar, dann an der kleinen Insel Viri vorbei, und erreichten Láuang erst am 5ten Abends. Das Gebirge von Bácon (Pocdol bei Coello), das mir auf früheren Reisen durch Nacht oder Nebel verborgen geblieben, zeigte sich im Vorüberfahren deutlich als ein Kegelberg, daneben ragte eine sehr schroffe tiefgefurchte Bergwand auf, anscheinend der Rest eines Ringgebirges. Nachdem der Steuermann, ein alter, aus der Gegend gebürtiger Indier, der die Reise schon oftmals gemacht, uns zuerst nach einem falschen Hafen gefahren, setzte er das Schiff auf der Barre fest, obgleich hinreichend Wasser vorhanden war, um bequem in den Hafen einzulaufen.

Lauang.

Die Ortschaft Láuang (Láhuan) von mehr als 4500 Einwohnern, liegt zusammengedrängt auf dem 40 Fuss hohen Südwestrande der gleichnamigen kleinen Insel, durch einen Arm des Catúbig von Sámar getrennt. Nach einer verbreiteten Ueberlieferung lag der Ort früher auf Sámar selbst, inmitten seiner noch heut dort vorhandenen Reisfelder, bis wiederholte Ueberfälle von Seeräubern die Einwohner bewogen sich trotz der damit verbundenen Unbequemlichkeiten zu ihrem Schutz auf der Südkante der steil aus dem Meer emporsteigenden kleinen Insel anzusiedeln.[2] Diese besteht aus fast horizontalen, 8 bis 12 Zoll dicken Tuffbänken. Die an der Fluthgrenze von den Wellen fortwährend benagten Schichten veranlassen die obern Bänke abzubrechen, so dass die ziemlich gleich dicken, durch vertikale Sprünge zerklüfteten Schichtenköpfe wie Festungsmauern erscheinen. Die Kirche und das Convento haben des beschränkten Raumes wegen jeden flachen Absatz des Felsens in verschiedenen Höhen benutzen, sich der Oertlichkeit anbequemen müssen und sind daher, wohl ohne Absicht des Erbauers, ganz malerisch geworden.

Der Ort liegt hübsch, die Häuser sind aber nicht, wie sonst häufig, von kleinen Gärten umgeben, es herrscht grosser Wassermangel und übler Geruch. Zwei oder drei spärliche Quellen, fast im Meeresniveau, liefern ein trübes, brackisches Wasser, mit dem die trägen Leute sich begnügen, so lange es eben ausreicht. Wohlhabende lassen ihr Wasser von Samar holen, wozu auch die Aermeren zuweilen durch das Versiegen der Quellen gezwungen werden. Zum Baden reicht das Quellwasser nicht aus, Seebäder sind nicht beliebt, die Leute sind daher sehr schmutzig. Ihre Kleidung ist dieselbe wie in Luzon, die Frauen tragen aber keinen Tapis, sondern nur Camisa (ein kurzes, die Brüste kaum deckendes Hemd) und Saya, meist aus grober, störriger Guinara, die hässliche Falten bildet und wenn nicht schwarz gefärbt, sehr durchscheinend ist. Schmutz und dezentes Wesen schützen aber mehr als dichte Gewänder. Die Bewohner von Láuang stehen wohl mit Recht in dem Ruf sehr träge zu sein. Ihr Gewerbfleiss beschränkt sich fast auf etwas Landbau, selbst der Fischfang wird so vernachlässigt, dass es häufig an Fischen mangelt. Eigene Schifffahrt ist kaum vorhanden, obgleich es keine Landstrassen giebt. Der Handel wird meist durch Schiffer aus Catbalógan betrieben, die den Ueberschuss der Ernten gegen andere Erzeugnisse eintauschen.

Vom Convento überblickt man einen Theil der Insel Samar, deren Bergformen die Fortsetzung der flachen Schichtung anzeigen. In der Mitte der Landschaft ragt in Entfernung einiger Meilen ein in der Geschichte der Gegend berühmter Tafelberg hervor. Dorthin hatten sich die Eingeborenen des nahen Dorfs Palápat, nachdem sie ihren Pfarrer, einen zu lüsternen Jesuitenpater, ermordet, zurückgezogen und Jahre lang mit den Spaniern Guerillakrieg geführt, bis sie endlich durch Verrath überwältigt wurden.

Das Innere der Insel ist schwierig zu bereisen, da keine Wege vorhanden sind; die Küsten werden sehr von Seeräubern heimgesucht. In den letzten vierzehn Tagen waren mehrere Pontins und vier mit Abacá beladene Schoner gekapert, die Mannschaft zum Theil grausam ermordet, ihre Leichname zerstückelt worden, — eine Abweichung vom Brauch, denn gewöhnlich werden die Gefangenen während der Dauer des Raubzuges zum Rudern benutzt und später in den Inseln der Solosee als Sklaven verkauft. Es war gut, dass wir den Piraten nicht begegnet, denn obgleich wir vier kleine Kanonen an Bord führten, verstand Niemand ihre Behandlung.[3]

Alguacil. Gobernadorcillo.

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

Der zur Leitung der Wahlen für die Gemeindeämter erwartete Guvernör sandte, durch Krankheit verhindert, einen Stellvertreter. Da die Wahlen alljährlich im ganzen Lande nach derselben Vorschrift vollzogen werden, so mag diese, der ich beiwohnte, als Beispiel beschrieben werden: Sie findet im Gemeindehaus statt; am Tisch sitzt der Guvernör (oder sein Vertreter), ihm zur Rechten der Pfarrer, links der Schreiber, der zugleich Dolmetscher ist. Sämmtliche Cabezas de Barangay, der Gobernadorcíllo und die es früher gewesen, haben auf Bänken Platz genommen. Es werden zuerst durch das Loos je 6 von den Cabézas, und von den Gobernadorcillo’s zu Wählern ernannt; der fungirende Gobernadorcíllo ist der dreizehnte, die Uebrigen verlassen den Saal. Nachdem der Vorsitzende die Statuten verlesen und die Wähler zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflicht ermahnt, treten diese einzeln an den Tisch und schreiben drei Namen auf einen Zettel. Wer die meisten Stimmen hat, wird, wenn weder Pfarrer noch Wähler begründeten Einspruch erheben, sofort zum Gobernadorcíllo für das kommende Jahr ernannt, vorbehaltlich der Bestätigung der Oberbehörde in Manila, die wohl immer erfolgt, denn schon der Einfluss des Cura würde eine missliebige Wahl verhindern. Auf dieselbe Weise findet die Wahl der übrigen Beamten statt, nachdem zuvor der neue Gobernadorcillo in den Saal gerufen, damit er etwaige triftige Einwendungen gegen seine aus der Wahl hervorgehende künftige Beamten machen könne. Die ganze Handlung ging mit grosser Ruhe und Würde vor sich.[4]

Am folgenden Morgen fuhr ich in Gesellschaft des gefälligen Pfarrers, dem sich fast alle Knaben des Dorfes anschlossen, in einem grossen Boot nach Samar über. Von elf kräftigen Gepäckträgern, die der Vertreter des Guvernörs für mich ausgewählt hatte, bemächtigten sich vier einiger Kleinigkeiten und eilten damit voraus, drei andere verbargen sich im Gebüsch, vier waren schon in Láuang davongelaufen. Das Gepäck wurde auseinandergenommen, unter die zurückgeholten vier Träger und die zum Vergnügen mitgegangenen kleinen Jungen vertheilt. Wir folgten dem Seestrand in westlicher Richtung und erreichten sehr verspätet die nächsten Visitas, wo es dem Cura nach vieler Mühe gelang, die fehlenden Träger zu ersetzen. Westlich von der Mündung des Pambújan springt eine Landzunge in’s Meer, ein Lieblingsaufenthalt der Seeräuber, da sie dort im Walde verborgen, den Strand übersehen können, der sich zu beiden Seiten in weiten Bogen ausdehnt und die einzige Strasse zwischen Láuang und Catárman bildet. Schon viele Menschen sind hier geraubt worden und nur mit genauer Noth war der mich bis hierher begleitende Pater vor einigen Wochen dieser Gefahr entgangen.

Der letzte Theil der Tagereise verlief sehr munter. Ein vorausgesandter Bote hatte an allen Flussmündungen Kähne stellen lassen; da man in diesem Gebiet kaum andre Europäer kennt, als Geistliche, so wurde ich in der Dunkelheit für einen Kapuziner im Reiseanzug gehalten, die Männer leuchteten mir mit Fackeln bei der Ueberfahrt, die Frauen drängten sich heran um mir die Hand zu küssen. Ich übernachtete unterwegs und gelangte am folgenden Tage nach Catárman (Caladman auf Coellos Karte), einem reinlichen, geräumigen Ort von 6358 Seelen, an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Sechs Pontins aus Catbalógan lagen dort um Reis für Albáy zu laden. Die Bewohner der Nordküste sind zu schlechte Seefahrer, um ihre Produkte selbst auszuführen; sie überlassen es den Leuten aus Catbalógan, die, weil es ihnen an Reisfeldern mangelt, gezwungen sind, ihre Thätigkeit auf anderen Gebieten zu entfalten.

Früher mündete der Fluss von Catárman weiter östlich und war sehr verschlämmt. Im Jahre 1851 bahnte er sich in dem lockeren, aus Quarzsand und Muscheltrümmern bestehenden Boden nach anhaltendem, heftigen Regen einen neuen, kürzeren Ausgang zum Meer, den jetzigen Hafen, in welchem Schiffe von 200 Tonnen unmittelbar am Lande laden können, zerstörte aber dabei den grössten Theil des Dorfes, auch die steinerne Kirche und Priesterwohnung. In dem neuen Convento sind zwei Säle, der eine von 16,2×8,8, der andre von 9×7,6 Schritt Inhalt, mit Brettern aus einem einzigen Ast eines Dipterocarpus (guiso) gedielt. Den Schritt = 30 Zoll, die Dicke der Bretter mit Inbegriff der Abfälle zu einem Zoll angenommen, entspricht dies einem festen Holzblock, so hoch wie ein Tisch (2½’), ebenso breit und 18′ lang, etwa 110 Cubikfuss.[5] Die Häuser sind von Gärten umgeben, zum Theil auch nur von Einzäunungen, in denen Unkraut wuchert. Bei dem Neubau des Dorfes nach der grossen Wasserfluth wurde die Anlage von Gärten befohlen; es fehlt aber oft der Fleiss, sie zu erhalten. Südlich vom Dorf dehnen sich Weideplätze aus, mit feinem kurzem Grase bewachsen, doch ist mit Ausnahme einiger dem Cura gehörenden Rinder und Schafe, kein Vieh vorhanden.

Immer noch ohne Diener, fuhr ich mit meinem Gepäck in zwei kleinen Kähnen den Fluss hinauf, an dessen beiden Seiten sich Reisfelder und Kokoshaine ausbreiten, die aber, durch einen dichten Saum von Nipapalmen und hohem Rohr verborgen, nur durch gelegentliche Lücken sichtbar sind. Die zuerst flachen, sandigen Ufer werden allmälig steiler, bald zeigt sich anstehendes Gestein, feste Bänke von sandigem Thon, mit seltenen Spuren undeutlicher Versteinerungen. Eine kleine Muschel[6] hat an der Wassergrenze so zahlreiche Löcher in die Thonbänke gebohrt, dass diese wie Honigwaben aussehn. Um 12 kochten wir unsern Reis in einer einzeln stehenden Hütte bei freundlichen Leuten. Die Frauen, die wir in zerlumpten, schwarzen Guináragewändern überraschten, zogen sich beschämt zurück und erschienen bald darauf in sauberen bunten Sayas, messingenen Ohrringen und Schildkrötenkämmen. Als ich ein kleines nacktes Mädchen zeichnete, nöthigte die Mutter sie ein Hemd anzuziehn. Um 2 bestiegen wir die Boote wieder, ruderten die ganze Nacht und erreichten um 9 Vormittags eine kleine Visita, Cobocóbo. Nach Abzug der zweistündigen Mittagsrast hatten die Leute 24 Stunden ununterbrochen gearbeitet und waren guter Dinge, wenn auch etwas müde.

Um 2½ Uhr traten wir den Landweg über die Salta Sangley (Chinesensprung) nach Tragbúcan an, welches in gerader Richtung etwa eine Meile entfernt, an der Stelle liegt, wo der an der Westküste bei Punta Hibáton mündende Calbáyot für Nachen schiffbar wird. Mittelst dieser beiden Flüsse und des kurzen aber beschwerlichen Landwegs besteht eine Verbindung zwischen den bedeutenden Ortschaften Catárman an der Nordküste und Calbáyot an der Westküste. Der Landweg, im besten Falle ein schmaler, von der Sonne nicht beschienener Pfad im dichten Walde, oft nur eine Richtung, führt über schlüpfrige Thonrücken, verschwindet in den Schlammpfützen der dazwischen liegenden Niederungen und läuft zuweilen im Bett der Bäche hin. Die Wasserscheide zwischen dem Catárman und Calbáyot wird von der genannten Salta Sangley, einem flachen, aus Thon- und Sandsteinbänken bestehenden, nach beiden Seiten treppenförmig absteigenden Rücken gebildet, von der das oben angesammelte Wasser in kleinen Kaskaden herabfällt. An den schwierigsten Stellen sind rohe Bambusleitern angebracht. Ich zählte 15 Bäche auf der NO. Seite, die den Catárman speisen und etwa ebenso viele Zuflüsse des Calbáyot auf der SW. Seite. Um 5 Uhr 40 Minuten erreichten wir den höchsten Punkt der Salta Sangley (etwa 90′ Meereshöhe). Um 6 Uhr 30 Minuten einen Fluss, den oberen Lauf des Calbáyot, in dessen Bett wir wanderten, bis die zunehmende Tiefe uns zwang, im Dunkeln unsern Weg mühsam durch das Unterholz an seinem Rande zu bahnen; um 8 Uhr befanden wir uns der Visita Tragbúcan gegenüber.

Der Fluss war hier bereits 6 Fuss tief, ein Nachen nicht vorhanden. Nach langem Rufen, Bitten und Drohen entschlossen sich die durch einen Revolverschuss aus dem Schlafe geschreckten Leute ein Bambusfloss zu bauen, auf dem sie uns und unser Gepäck übersetzten. Das nur aus wenigen ärmlichen Hütten bestehende Oertchen liegt hübsch, von bewaldeten Hügeln umgeben, auf einer Sandplatte 50 Fuss über dem schilfbesäumten Fluss.

Dank der Rührigkeit des mich begleitenden Teniente von Catárman war in aller Frühe ein Boot herbeigeschafft worden, so dass wir um 7 Uhr die Reise fortsetzen konnten. Die Ufer blieben 20 bis 40 Fuss hoch. Ausgenommen das Schreien einiger Nashornvögel, die auf den höchsten Bäumen von Ast zu Ast flatterten, nahmen wir keinen Laut, keine Spur von Thierleben wahr. Um 11½ Uhr gelangten wir an eine kleine Visita, Taibágo, um 1 Uhr 35 Minuten an eine ähnliche, Magubáy, und nach zweistündiger Mittagsrast, um 5 Uhr an eine Stromschnelle, die wir geschickt, fast ohne Wasser zu schöpfen, hinabglitten. Der bisher im Mittel 30 Fuss breite, wegen vieler hineingestürzter Baumstämme schwierig zu befahrende Fluss wird hier doppelt so breit. Gegen 11 Uhr Nachts erreichten wir das Meer und ruderten bei völliger Windstille 1 Legua weit die Küste entlang nach Calbáyot, dessen Convento eine herrliche Aussicht auf die davorliegenden Inseln gewährt.

Boot mit Ausriggern von Bambus.

Der obere Rand besteht nur aus einem losen Geflecht von Palmenblättern, durch Bambusstreifen zusammengehalten.

Ein Gewittersturm zwang uns, die Fahrt nach der 7 Leguas entfernten Hauptstadt Catbalógan (oder Catbalónga) auf den Nachmittag zu verschieben. Wir fuhren in einem langen, aus einem Baumstamme gezimmerten, mit Ausriggern versehenen Boote am Strande hin, an welchem sich eine Reihe niedriger bewaldeter Hügel mit vielen kleinen Visitas hinzieht, und umschifften mit einbrechender Dunkelheit die Spitze Napalísan, einen Felsen aus trachytischem Konglomerat, der durch senkrechte Klüfte mit abgerundeten Kanten in eine Reihe thurmartiger Vorsprünge gegliedert, 60 Fuss hoch wie eine Ritterburg aus dem Meere hervorragt. Nachts erreichten wir Catbalógan, die Hauptstadt der Insel (6000 E.) in der Mitte des Westrandes gelegen, in einer kleinen von Eilanden und Landzungen malerisch umgebenen Bucht, schwer zugänglich und dennoch wenig geschützt. — Nicht Ein Fahrzeug ankerte im Hafen.

Die Häuser, darunter viele von Brettern, sind zierlicher als in Camarínes, die Leute zwar träge, aber bescheidener, ehrlicher, gutmüthiger und von reineren Sitten als die Bewohner Süd-Luzon’s. Durch die gefällige Verwendung des Guvernörs erhielt ich schnell eine geräumige Wohnung und einen Diener, der Spanisch verstand. Auch traf ich hier einen sehr intelligenten Indier, der sich grosse Fertigkeit in den verschiedensten Handwerken angeeignet hatte. Mit dem einfachsten Werkzeug besserte er manches an meinen Instrumenten und Apparaten, deren Zweck er schnell begriff, zur vollständigen Zufriedenheit aus und gab viele Proben bedeutender geistiger Fähigkeit.

In Samar sind Flattermakis oder Lemure, Káguang der Bisayer, Galeopithecus, nicht selten. Die Thiere, von der Grösse einer Hauskatze, gehören zu den Vierhändern, sind aber, ähnlich wie die fliegenden Eichhörnchen, mit einer am Halse entspringenden, über Vorder-, Hinterglieder und Schwanz reichenden Flatterhaut versehn, vermittelst welcher sie von einem Baum zum andern in einem sehr stumpfen Winkel gleiten können.[7] Körper und Flatterhaut sind mit einem sehr zarten kurzen Pelz bekleidet, der dem Chinchilla an Feinheit und Weiche wohl kaum nachsteht, und deshalb sehr gesucht ist. Während meiner Anwesenheit trafen zum Geschenk für den Pfarrer sechs lebende Káguangs ein (drei hellgraue, ein dunkelbrauner, zwei graubraune, alle mit kleinen weissen unregelmässig vertheilten Flecken), von denen ich ein Weibchen mit ihrem Jungen erhielt.

Es schien ein harmloses ungeschicktes Thier. Als es von seinen Fesseln befreit war, blieb es am Boden liegen, alle vier Glieder von sich gestreckt, die Erde mit dem Bauch berührend und hüpfte dann in kurzen schwerfälligen Sprüngen, ohne sich dabei emporzurichten, nach der nächsten Wand, die aus gehobelten Brettern bestand. Dort angekommen tastete es lange mit den einwärts gebogenen scharfen Krallen seiner Vorderhände umher, bis ihm endlich die Unmöglichkeit an jener Stelle emporzuklettern klar geworden. Gelang es ihm in einer Ecke oder mit Benutzung einer gelegentlichen Spalte, einige Fuss aufwärts zu klimmen, so fiel es alsbald wieder herab, weil es die verhältnissmässig sichere Stellung seiner Hinterglieder aufgab, bevor die Krallen der vorderen festen Halt gefunden hatten; es nahm aber keinen Schaden, da die Jähheit des Falles durch die schnell ausgespannte Flughaut gebrochen wurde. Diese mit unerschütterlicher Beharrlichkeit fortgesetzten Versuche zeigten einen auffallenden Mangel an Urtheil, das Thier muthete sich viel mehr zu, als es ausführen konnte; daher blieben seine Bemühungen erfolglos, stets aber fiel es ohne sich zu verletzen, Dank dem Fallschirm, womit die Natur es ausgestattet hatte. Wäre der Káguang nicht gewöhnt sich so ganz und gar auf diese bequeme Vorrichtung zu verlassen, so hätte er wohl seinen Verstand mehr gebrauchen, seine Kräfte richtiger beurtheilen gelernt. Das Thier hatte seine fruchtlosen Versuche so oft wiederholt, dass ich es nicht weiter beachtete, — nach einiger Zeit war es verschwunden. Ich fand es in einem dunklen Winkel unter dem Dache wieder, wo es wahrscheinlich die Nacht erwarten wollte, um seine Flucht fortzusetzen. Offenbar war es ihm gelungen den oberen Rand der Bretterwand zu erreichen und zwischen dieser und der festaufliegenden elastischen Decke aus Bambusgeflecht seinen Körper durchzuzwängen. Das arme Geschöpf, das ich voreilig für dumm und ungeschickt gehalten, hatte unter den gegebenen Umständen die grösstmögliche Geschicklichkeit, Klugheit und Beharrlichkeit gezeigt.

Ein zum Besuch anwesender Padre aus Calbígan versprach mir so viele Wunder in seinem Gebiet, — eine Fülle der seltsamsten Thiere, höchst unzivilisirte Cimarronen, — dass ich ihn am folgenden Tage auf seiner Heimreise begleitete. Eine Stunde nach der Abfahrt erreichten wir die kleine Insel Majáva, die aus steil aufgerichteten Schichten eines festen, feinkörnigen vulkanischen Tuffes mit kleinen glänzenden Hornblendekrystallen besteht. Die Insel Buat (Coello’s Karte) wird von unsern Schiffern Tubígan genannt. In 3 Stunden gelangen wir nach Umáuas, einem Filial von Calbígan. Es liegt 50 Fuss über dem Meer in einer Bucht, vor welcher sich, wie so oft an dieser Küste, eine Reihe kleiner malerischer Inseln hinzieht, 4 Leguas genau S. von Catbalógan. Calbígan aber, das wir gegen Abend erreichten, liegt von Reisfeldern umgeben 2 Leguas NNO. von Umáuas, 40 Fuss hoch über dem gleichnamigen Fluss, fast anderthalb Leguas von dessen Mündung. An den Ufern des Calbígan ist ein Baum mit schön violblauen Blüthenrispen besonders häufig, er liefert das geschätzteste Bauholz der Philippinen, das dem Teak gleichgeachtet und wie dieses zu den Verbenaceen gehört. Sein inländischer Name ist Molave. (Vitex geniculata Blanco.)[8]

Nach der Versicherung glaubwürdiger Männer soll es in hiesiger Gegend Schlangenbändiger geben. Sie pfeifen die Schlangen angeblich aus ihren Schlupfwinkeln herbei, lassen sie nach ihrem Willen sich bewegen oder innehalten und hantiren sie nach Belieben, ohne von ihnen verletzt zu werden. Den berühmtesten derselben hatten aber die Seeräuber vor Kurzem fortgeschleppt, ein zweiter war zu den Cimarronen in die Berge entwichen, ein dritter, dessen Ruf nicht recht begründet schien, begleitete mich bei meinen Ausflügen, entsprach aber nicht den Schilderungen seiner Freunde. Zwei Giftschlangen[9], die wir unterwegs trafen, fing er, indem er sie geschickt, unmittelbar hinter dem Kopf packte, so dass sie wehrlos waren, und wenn er ihnen still zu liegen befahl, so setzte er ihnen zuvor den Fuss auf den Nacken. Ich verletzte mir auf der Jagd, an einem im Schlamm verborgenen spitzen Ast, den Fuss so erheblich, dass ich unverrichteter Sache nach Catbalógan zurückkehren musste. Die Bewohner von Calbígan gelten für thätiger und umsichtiger als die übrigen der Westküste, auch ihre Ehrlichkeit wird gerühmt. Ich fand sie sehr anstellig, das Sammeln und Zubereiten von Pflanzen und Thieren schien ihnen Freude zu machen, gern hätte ich einen Diener von hier mitgenommen; sie trennen sich aber so schwer von ihrem Dorf, dass alle Bemühungen des Pfarrers, einen zur Mitreise zu bewegen, erfolglos blieben.

In geringer Entfernung NW. von Catbalógan gewahrt man bei Ebbe in weniger als 2 Faden Tiefe einen der üppigsten Korallengärten. Auf einem bunten Teppich von Kalkpolypen und Schwämmen erheben sich wie Staudengewächse Gruppen von lederartigen, fingerdicken Stielen, deren oberes Ende dicht mit Polypen besetzt ist (Sarcophyton pulmo Esp.), die ihre in den schönsten Farben schillernden Tentakelrosen weit geöffnet haben, so dass sie wie Blumen in voller Blüthe erscheinen. Sehr grosse Serpeln strecken aus ihren Kalkröhren zierliche rothe, blaue und gelbe Fühlerkronen heraus, dazwischen wuchern fein gefiederte Plumularien; kleine Fische von wunderbar prächtigen Farben tummeln sich in diesen Nixengärten.

Nachdem Stürme und die Flucht meines Dieners, der das ihm anvertraute Geld beim Hahnenkampf verspielt hatte, mich einige Tage in der Hauptstadt aufgehalten, fuhr ich die Bucht hinauf, die sich im S. von Catbalógan, WO. bis Paránas erstreckt. Der Nordrand derselben besteht aus NS. streichenden, gleich hohen, regelmässigen, von W. sanft ansteigenden, nach O. steil abfallenden Erdwogen, die gegen das Meer scharf abschneiden; 9 kleine Dörfchen liegen an dieser Küste zwischen Catbalógan und Paránas, sie ziehn sich unter Kokos- und Betelpalmen in vereinzelten Häusergruppen von den Mulden aus die westlichen, sanften Abhänge hinauf und endigen, indem sie den Gipfel erreichen, mit einem kleinen Castillo, das schwerlich Schutz gegen die Seeräuber, aber fast immer einen hübschen landschaftlichen Punkt gewährt. Vor dem Südrande der Bucht und nach SW. hin sieht man viele kleine Inseln und bewaldete Felsen, im Hintergrunde die Berge von Leyte, sich zu immer wechselnden Veduten verschieben.

Da die Leute bei schwüler Hitze, völliger Windstille und fast wolkenlosem Himmel beinahe so viel schliefen als ruderten, so erreichten wir erst Nachmittags Paránas, ein sauberes zwischen 20 und 150 Fuss Meereshöhe an einem Abhang gelegenes Dorf. Die am Meere senkrechten Wände bestehn aus grauen gegen das Land einfallenden Thonbänken, und werden überlagert von einer Schicht Muscheltrümmer, deren Zwischenräume mit Thon ausgefüllt sind; über dieser liegt eine festere, durch Kalk verkittete Breccie, aus eben solchen Bruchstücken bestehend. In den Thonbänken finden sich wohlerhaltene Versteinerungen, in Farbe, Habitus, und Vorkommen manchen deutschen Tertiärbildungen zum Verwechseln ähnlich; die Breccien sind gleichfalls fossil, vielleicht auch tertiär; jedenfalls liess sich die Identität der wenigen darin erkennbaren Cerithien, Pecten und Venus mit lebenden Arten nicht feststellen.[10]

Am folgenden Morgen fuhr ich nördlich in einem schmalen Kanal durch einen stinkenden Rhizophorensumpf und setzte dann die Reise zu Lande nach einem kleinen, im Walde gelegenen Dörfchen Loquilócun fort. Halbwegs durchfurtheten wir einen 20′ breiten, OW. strömenden Fluss, mit steilen durch Leitern zugänglich gemachten Uferwänden.

Da ich noch immer lahmte (Fusswunden heilen sehr schwer in heissen Ländern), liess ich mich einen Theil des Weges auf landesübliche Weise tragen: der Reisende liegt in einer an einem Bambusrahmen befestigten Hängematte; eine III versinnlicht die Vorrichtung: der mittlere Strich stellt die Hängematte, der Rest den Rahmen dar, dessen hervorragende Enden vier rüstige Polistas auf die Schultern nehmen. Etwa alle zehn Minuten werden die Träger durch andre abgelöst. Zum Schutz gegen Sonne und Regen ist der Rahmen mit einem leichten Pandanusdach versehn.

Die Wege, die man nach Analogie von Unmensch und Unwetter Unwege nennen könnte, waren ziemlich so schlecht, wie die bei der Salta-Sangley; mit Ausnahme des zuweilen bequemen Seestrandes scheinen in Samar keine bessere vorhanden. Nach 3 Stunden gelangten wir an den Loquilócun, der von Norden kommend, dort seinen südlichsten Punkt erreicht, dann NO. dem grossen Ozean zufliesst. Ich fand hier durch die liebenswürdige Fürsorge des Guvernörs zwei kleine Nachen bereit, die durch je zwei in den äussersten Spitzen hockende Männer mit bewundernswürdiger Gewandtheit getrieben zwischen den Baumstämmen und Felsen im Bett des reissenden Bergstromes durchschlüpften. Unter lautem Jauchzen glitten beide Kähne einen 1½ Fuss hohen Fall hinab, ohne Wasser zu schöpfen.

Das Dörfchen Loquilócun liegt in drei Häusergruppen auf drei Hügeln. Die Bewohner waren sehr freundlich, gefällig, bescheiden und so erfolgreich im Sammeln, dass mein mitgeführter Weingeist schnell verbraucht war; in Catbalógan konnten meine Boten nur einige Flaschen auftreiben, und meine eignen Vorräthe waren durch ungeschickte Zuvorkommenheit eines zu gefälligen Freundes in falscher Richtung gesandt, und erreichten mich erst nach Monaten wieder; der in Samar käufliche Palmenwein war zu schwach. Täglich fuhren ein oder zwei Nachen aus, um für mich zu fischen, doch erhielt ich nur wenige Individuen, die fast ebenso vielen Arten und Gattungen angehörten. Wahrscheinlich hat der Missbrauch, die Fische durch Vergiftung des Wassers zu tödten (es wird hier die zerklopfte Frucht einer Barringtonia dazu verwendet) den Fluss so fischleer gemacht.

Nach einigen Tagen verliessen wir das Oertchen um 9 Uhr 30 Minuten Vormittags, enggepackt in zwei kleinen Nachen, und waren, als wir um 1 Uhr 7 Minuten Dini, eine bewohnte Hütte im Walde erreichten, über 40 Stromschnellen von 1 bis 1½ Fuss und mehr Tiefe hinabgestiegen. Die bedeutendsten derselben haben Namen, die auf der Coelloschen Karte richtig angegeben sind. Folgendes sind ihre Abstände nach der Uhr: 10 Uhr enge Felsenschlucht, an deren Ende das Wasser mehrere Fuss tief in ein grösseres Becken stürzt. Die Kähne, die bisher mit wunderbarer Geschicklichkeit, wie gewandte Pferde zwischen allen Hindernissen des Flussbettes und über alle Sprudel und Schwellen, fast ohne Wasser zu schöpfen, geglitten, werden ausgeladen, es bleiben nur 2 Mann in jedem Nachen zurück, die laut jauchzend hinabschiessen, wobei sich die Kähne bis an den Rand füllen.

Visita Loquilocun.

Kirche. Pfarrhaus. Gemeindehaus.

Glockenthurm. Haus eines Mestizen.

Dem Wasserfall gegenüber war eine Schuttbank angeschwemmt, in welcher sich, ausser Trümmern des anstehenden Gesteins, sehr abgeschliffene Gerölle von Porphyr und Jaspis, auch einige Stücke Kohle mit vielem Schwefelkies fanden, die wohl zur Regenzeit weiter oberhalb in den Fluss gelangen; ihr Ursprung war den Schiffern unbekannt. — 11 Uhr 56 Minuten bis 12 Uhr: ununterbrochene Reihe von Schnellen, die mit grösster Gewandtheit, ohne Wasser zu schöpfen, überwunden wurden. Etwas tiefer, um 12 Uhr 3 Minuten nahmen wir so viel Wasser ein, dass wir landen und ausschöpfen mussten. Um 12 Uhr 15 Minuten die Fahrt fortgesetzt, der Fluss war nun durchschnittlich 60 Fuss breit. Im Waldrande machen sich eine kaum 10′ hohe, schlanke Palme durch ihre Häufigkeit und viele Phalaenopsis durch seltene Blüthenpracht bemerklich. Weder Vögel noch Affen noch Schlangen wurden wahrgenommen, doch sollen grosse, bis schenkeldicke Python nicht selten sein.

Um 12 Uhr 36 Minuten gelangten wir an eine der schwierigsten Stellen, eine Reihe von Schwellen mit vielen aus dem Wasser aufragenden Felsen, zwischen welchen die in vollem Schuss befindlichen Nachen mit schnellen Wendungen glücklich durchschlüpfen. Das Wagstück wurde von beiden Mannschaften mit gleicher Meisterschaft unter äusserster Anspannung ihrer Kräfte ausgeführt. — 1 Uhr 17 Minuten Ankunft bei Dini, dem bedeutendsten Wasserfall der ganzen Strecke. Hier mussten die Kähne mit Zuhülfenahme der von den hohen Waldbäumen wie Taue herabhängenden Lianen aus dem Wasser gezogen und über die Felsen geschleppt werden. — 2 Uhr 21 Minuten Fortsetzung der Reise. — 2 Uhr 28 Minuten bis 2 Uhr 30 Minuten eine unregelmässige, aus vielen Stufen gebildete Treppe hinabgestiegen, viel Wasser geschöpft. Bisher floss der Loquilócun in einem Felsenbett mit meist steilen Ufern, zuweilen auf lange Strecken unter einem dichten Laubgewölbe, von welchem mächtige Ranken und mehr als Klafter lange zierliche Farne herabhingen. Hier öffnet sich die Gegend etwas; es zeigen sich flache Hügel mit niedrigem Gebüsch, im NW. höhere bewaldete Berge. Während der letzten zwei Stunden von einem Sturzregen begleitet, erreichen wir um 5 Uhr 30 Minuten ein einzelnes Haus mit freundlichen Leuten, wo Nachtquartier gemacht wird.

Am folgenden Morgen wurde die Fahrt stromabwärts fortgesetzt. Nach 10 Minuten glitten wir den letzten Wasserfall hinunter, zwischen weissen marmorartigen mit herrlichstem Pflanzenwuchs beladenen Kalkfelsen. Ganze Aeste voll Phalaenopsis (P. Aphrodite Reichb. fls.) ragten über den Fluss; wie grosse prächtige Schmetterlinge schwebten ihre Blüthen über der schäumenden Fluth. Zwei Stunden später ist der Strom 200′ breit geworden und schleicht, nachdem er von Loquilócun eine 50 Meter hohe Treppe herabgesprungen, in gemächlichen Windungen durch flaches Schwemmland der Ostküste zu, ein breites Aestuar bildend, an dessen rechtem Ufer, eine halbe Legua vom Meer entfernt, die Ortschaft Jubásan oder Paríc (2300 Seelen) liegt; sie giebt dem untern Lauf des Stromes ihren Namen. Hier verliessen mich die trefflichen Männer von Loquilócun, um die sehr beschwerliche Rückfahrt anzutreten.

Durch Sturm aufgehalten konnte ich mich erst am folgenden Tage nach Túbig (2858 E.), südlich von Paríc, einschiffen. Immer noch an anstrengenden Märschen verhindert, fuhr ich im Ruderboot die Küste entlang von Túbig nach Boróngan (7685 E.), bei dessen eben so intelligentem als gefälligen Pfarrer ich einige Tage verweilte, und setzte dann die Fahrt nach Guíuan (auch Guiuang, Guiguan) fort, der bedeutendsten Ortschaft Samars (10781 E.), auf einer schmalen von der SO. Spitze der Insel ins Meer ragenden Landzunge gelegen.

Dicht am Strande bricht bei letzterem Ort aus fünf bis sechs Oeffnungen eine wasserreiche, schwach nach Schwefelwasserstoff riechende Quelle aus, die während der Fluth vom Meer bedeckt, bei Ebbe frei liegt, so dass sie dann kaum merklich salzig schmeckt. Zur Untersuchung des Wassers wurde durch Einsenken eines hohen bodenlosen Topfes ein Brunnen geschaffen und nachdem das Wasser eine halbe Stunde lang übergeflossen, eine Probe genommen, die leider später abhanden kam. Wärme des Quellwassers 8 Uhr Vorm.: 27°7., der Luft: 28°7, des Meerwassers: 31°2 C. Die Quelle dient den Frauen zum Färben ihrer Sarongs. Die mit dem Absud einer gerbestoffreichen Rinde getränkten Stoffe (Abacázeuge erhalten zuvor eine Kalkmilchbeize) werden, nachdem sie an der Sonne getrocknet, bei Ebbe in die Quelle gelegt, während der Fluth herausgenommen, getrocknet, in Rindenabsud getaucht und nass wieder in die Quelle gelegt; dies wird drei Tage lang wiederholt. Das Ergebniss ist ein dauerhaftes, aber hässliches Dintenschwarz (gallussaures Eisenoxyd).

In Loquilócun und Borongan hatte ich Gelegenheit, zwei lebende Gespensterthiere[11] zu kaufen. Diese äusserst zierlichen, seltsamen, zu den Halbaffen gehörenden Thierchen sollen, wie man in Luzon und Leyte versicherte, nur in Samar vorkommen und ausschliesslich von Holzkohle leben. Mein erster Mago musste anfänglich etwas hungern, denn Pflanzenkost verschmähte er, in Bezug auf Insekten war er wählerisch; lebende Heuschrecken frass er mit grossem Behagen.[12] Es sah äusserst drollig aus, wie das Thier, wenn es bei Tage gefüttert wurde, aufrecht stehend, auf seine beiden dünnen Beine und den kahlen Schwanz gestützt, den grossen kugelrunden, mit gewaltigen gelben Uhuaugen versehenen Kopf nach allen Richtungen bewegte, wie eine Blendlaterne auf einem Statif mit Kugelgelenk. Nur allmälig gelang es ihm, seine Augen auf den dargebotenen Gegenstand richtig einzustellen; hatte es ihn aber endlich wahrgenommen, so reckte es plötzlich beide Aermchen seitwärts, etwas nach hinten aus, wie ein Kind, das sich freut, griff schnell zu, mit Händen und Maul zugleich, und verzehrte bedächtig die Beute. Bei Tage war der Mago schläfrig, blödsichtig, und wenn man ihn störte, mürrisch; mit abnehmendem Tageslicht erweiterte sich seine Pupille, Nachts bewegte er sich lebhaft und behend mit geräuschlosen schnellen Sprüngen, am liebsten seitwärts. Er wurde bald zahm, starb aber leider nach einigen Wochen. Das zweite Thierchen am Leben zu erhalten, gelang mir auch nur kurze Zeit.


[1] Nach Arenas (Memorias 2 1) hiess Albay früher Ibalon; Tayabas, Calilaya; Batangas, Comintan; Negros, Buglas; Cebu, Sogbu; Mindoro, Mait; Samar, Ybabao; Basilan, Taguima, Mindanao wird von B. de la Torre Cesarea; Samar in R. Dudleo, Arcano del mare (Florenz 1761) Camlaia genannt. In Hondiv’s his map of the Indian Ilands, (Purchas 605) wird Luzon Luconia; Samar, Achan; Leyte, Sabura; Camarines, Nebui genannt. In Albo’s Tagebuch heisst Cebu Suba, Leyte Seilani. Pigafetta erwähnt eine Stadt Cingapola auf Zubu, Leyte ist auf seiner Karte im Norden Baybay, im Süden Ceylon benannt. [↑]

[2] Im Estado geogr. der Franziskaner, Manila 1855, ist nichts davon erwähnt. [↑]

[3] Kleine Schiffe, die keine Kanonen haben, sollen Krüge, mit Wasser und den Früchten der Arenga sacharifera gefüllt an Bord nehmen, in der Absicht mit der ätzenden, heftiges Brennen verursachenden Brühe, die Seeräuber bei einem etwaigen Angriffe zu bespritzen. Dumont d’Urville erzählt, dass die Bewohner von Solo bei seinem Besuch die Brunnen mit dergleichen Früchten vergiftet hatten. Die in Zucker eingemachten Kerne sind ein angenehmes Konfekt. [↑]

[4] Es wurden noch gewählt ein Teniente mayór (Stellvertreter des Gobernadorcillo), ein Juéz mayór (Oberrichter) für die Felder, immer ein Excapitan, ein zweiter Richter für die Polizei, ein dritter Richter für Streitigkeiten, die das Vieh betreffen, ein zweiter und dritter Teniente und erster und zweiter Polizeidiener; endlich noch für jede Visita ein Teniente, ein Richter, ein Polizeidiener. Alle drei Richter können Excapitano’s sein, kein Excapitan kann Teniente werden. Der erste Teniente muss aus der Principalía sein; die übrigen können dieser oder der Plebe angehören; die Polizeidiener (Alguacíls) sind immer aus letzterer. [↑]

[5] G. Squier (States of Central Amerika 192) erwähnt einen Mahagonyblock, 17 Fuss lang, der im unteren Queerschnitt 5 Fuss 6 Zoll im Geviert, im Ganzen 550 Cubikfuss maass. [↑]

[6] Nach Dr. v. Martens: Modiola striatula Hanley, der denselben Zweischaler auch zu Singapore in Brackwasser bedeutend grösser fand. Reeve bildet die von Cumming in den Philippinen, ohne nähere Ortsangabe gesammelte Art auch grösser ab (38 mm), die vom Catarman hat 17mm. [↑]

[7] In Sumatra sah Wallace in der Dämmerung einen Lemur einen Baumstamm hinauf laufen, und dann in schiefer Richtung durch die Luft nach einem andern Stamm gleiten, den er nahe dem Boden erreichte; die Entfernung beider Bäume betrug 210 Fuss, der Höhenunterschied nicht über 35 oder 40 Fuss, also weniger als 1 : 5. (Malay Archipelago I. 211.) [↑]

[8] Die dem Berliner Herbar eingesandten Exemplare sind nicht aufzufinden. [↑]

[9] Nach W. Peters Tropidolaenus philippinensis Gray. [↑]

[10] v. Martens erkannte unter den Tertiär-Muscheln der Thonbänke die noch jetzt im indischen Ozean lebenden Arten Venus (Hemitapes) hiantina Lam., V. squamosa L., Arca cecillei Phil., A. inaequivalvis Brug., A. chalcanthum Rv. und die Gattungen Yoldia, Pleurotoma, Cuvieria, Dentalium; ohne ihre Uebereinstimmung mit lebenden Arten verbürgen zu können. [↑]

[11] Tarsius spectrum Tem., in der Landessprache: Mago. [↑]

[12] Schon der alte Pater Camel führt an, dass das Thierchen angeblich nur von Kohlen lebe, dies sei indessen ein Irrthum, es frässe Ficus indica (worunter hier wohl Bananen zu verstehn) und andere Früchte. (Camel de quadruped. Philos. trans. 1706/7 London). — Auch über den Kaguang (s. S. 194) giebt Camel einen interessanten noch heut passenden Bericht. ibid. 2. S. 2197. [↑]