SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

KURZER ABRISS DER GESCHICHTE. — SCHLUSSBETRACHTUNGEN.

Die Philippinen wurden von Magellan am 16. März 1521, dem S. Lazarus-Tage entdeckt,[1] aber erst 1564, nachdem mehrere frühere Versuche fehlgeschlagen, gelang es Legaspi, der mit fünf Schiffen von Neu-Spanien auslief, den Archipel für Philipp II. in Besitz zu nehmen. Der Entdecker hatte die Inseln nach dem heiligen Lazarus getauft, dieser Name wurde indessen nicht gebräuchlich; die Spanier nannten sie hartnäckig die westlichen, islas del poniente (s. S. 2), die Portugiesen islas del oriente; Legaspi gab ihnen ihren gegenwärtigen Namen zu Ehren Philipps II., der ihnen seinerseits den später wieder verschollenen Titel Neu-Castilien beilegte.[2] Zunächst nahm Legaspi Cebu, dann Panay in Besitz, erst sechs Jahre später (1571) eroberte er Manila, damals ein von Palissaden umgebenes Dorf und begann sofort den Bau einer befestigten Stadt. Die Unterwerfung der übrigen Gebiete geschah so schnell, dass sie bei Legaspis Tode (Aug. 1572) im Wesentlichen vollendet war. Zahlreiche wilde Stämme im Innern, die Muhamedaner-Staaten Mindanaos und der Sulugruppe haben bis heut ihre Unabhängigkeit bewahrt. Der Charakter der Bevölkerung sowohl als ihre politischen Einrichtungen begünstigten die Besitznahme. Es gab kein mächtiges Reich, keine alte Dynastie, keine einflussreiche Priesterkaste zu überwältigen, keine nationalstolzen Ueberlieferungen zu unterdrücken. Die Eingeborenen waren Heiden oder seit Kurzem oberflächlich zum Islam bekehrt und lebten unter vielen kleinen Häuptlingen, die mit grosser Willkür herrschten, einander befehdeten und leicht überwunden wurden. Eine solche Gemeinschaft hiess Barangay; sie bildet noch heut, wenn auch in sehr veränderter Form, die Grundlage der Gemeindeverfassung.

Die Spanier beschränkten die Gewalt der eingeborenen Häuptlinge, hoben die Sklaverei auf und verwandelten den Erbadel in einen Dienstadel; sie führten aber alle diese Veränderungen mit Vorsicht, sehr allmälig aus.[3] Die alten Gebräuche sofern sie nicht gegen das natürliche Recht verstiessen, blieben zunächst bestehn und hatten bei Prozessen Gesetzeskraft; in Kriminalsachen galt spanisches Recht. Heut haben die Cabezas de Barangay ausser dem Titel Don und der Befreiung von Kopfsteuer und Frohnden keine Vorrechte; sie sind, abgesehn von Ausnahmen, zu unbesoldeten, aber mit ihrem Privatvermögen haftbaren Steuereinnehmern geworden, — eine Maasregel, deren Klugheit bezweifelt werden mag; denn abgesehn davon, dass sie die Häuptlinge zu Unterschleifen und Erpressungen verleitet, entfremdet sie der Regierung eine Klasse von Eingeborenen, die eine Stütze ihrer Macht sein könnte.

Wenn die vorgefundenen Verhältnisse die Eroberung ausserordentlich erleichterten, so scheinen auch die ersten Guvernöre und ihre Begleiter, die der Zeit angehörten, wo Spanien reich an Helden war, sich durch Muth und Klugheit ausgezeichnet zu haben. Legaspi besass beide Eigenschaften in hohem Grade. Angelockt wurden jene kühnen Abenteurer, wie in Amerika, durch Privilegien, die ihnen die Krone gewährte, und durch gehofften, zum Glück für das Land aber nicht bestätigten Goldreichthum. In Luzon, so meldet Hernando Riquel[4], sind viele Goldminen, an vielen Orten, die von Spaniern gesehn wurden; das Erz ist so reichlich, dass ich nicht darüber schreibe, damit ich nicht in den Verdacht der Uebertreibung komme; aber ich schwöre als Christ, dass auf dieser Insel mehr Gold ist als Eisen in Biscaya. Von der Krone erhielten sie keinen Sold, aber das förmliche Recht die von ihnen eroberten Länder auszubeuten. Einige unternahmen solche Eroberungszüge für eigene Rechnung, andere waren zur Verfügung des Guvernörs und wurden von ihm je nach Verdienst mit Kommenden, Aemtern und Benefizien (Encomiéndas, ofícios y aprovechamiéntos) belohnt.

Die Kommenden wurden anfänglich für drei Generationen gewährt (in Neu-Spanien für vier), aber sehr bald auf zwei Generationen beschränkt; denn schon di los Rios[5] hebt dies als eine der Krone sehr nachtheilige Maassregel hervor, »da sich nur wenige bereit finden Sr. Majestät zu dienen, indem ihre Enkel in das äusserste Elend gerathen.« Nach dem Tode des Belehnten fielen die Encomiendas an den Staat zurück, der Guvernör verfügte von neuem darüber. Das ganze Land war übrigens gleich Anfangs in Encomiendas getheilt worden, deren bei Weitem grössten Theil die Krone zur Bestreitung ihrer Ausgaben behielt. Dergleichen Lehne bestanden in einem mehr oder weniger grossen Gebiet, dessen Bewohner dem Komthur (Encomendéro) Tribut zahlen mussten; letzterer wurde aber in Produkten des Landbaues zu einem vom Lehnsherrn selbst festgesetzten sehr geringen Werth erhoben und mit grossem Vortheil an die Chinesen verkauft. Auch begnügten sich die Lehnsherren nicht mit diesen Einnahmen, sondern hielten die Eingeborenen als Sklaven, bis es durch R. C. und Breve des Papstes[6] verboten wurde. »Kaffern- und -Negersklaven, welche die Portugiesen über Indien einführten«, blieben noch gestattet.[7]

Die alten Komthure beuteten ihre Lehne rücksichtslos aus. Schon vom Interims-Guvernör Labezares (1572–75) meldet Zuniga (S. 115), dass er die Bisayas besuchte und die Habgier der Encomendéros zügelte, so dass sie wenigstens während seiner Anwesenheit in ihren Erpressungen nachliessen. Gegen Ende von Lasánde’s Regierung (1575–80) bricht heftiger Streit zwischen Priestern und Komthuren aus, erstere predigen gegen die Bedrückungen der letzteren und berichten darüber an Philipp II., der König befiehlt die Indier zu schützen, da die Habsucht ihrer Lehnsherren alle Schranken übersteige. Es ward nun den Eingeborenen freigestellt ihren Tribut in Geld oder in natura zu entrichten. In Folge dieser wohlmeinenden Verordnung scheinen Ackerbau und Gewerbfleiss abgenommen zu haben, »da die Indier ohne Zwang nicht über das äusserste Bedürfniss arbeiten mochten«.

In Kürze mögen hier noch die Thaten Juán’s de Salcédo erwähnt werden, des ausgezeichnetsten jener Conquistadoren. Von seinem Grossvater Legaspi mit 45 spanischen Soldaten unterstützt, rüstete er auf eigene Kosten eine Expedition aus, schiffte sich im Mai 1572 in Manila ein, zog die ganze Westküste der Insel hinauf, lief in alle, seinen kleinen Schiffen zugänglichen Buchten und wurde an den meisten Orten von den Eingeborenen gut aufgenommen. Grösseren Widerstand fand er gewöhnlich, wenn er in das Innere drang, doch unterwarfen sich auch viele Stämme des Binnenlandes, und als er die NW.-Spitze Luzon’s, Kap Bogeadór erreichte, erkannten die ausgedehnten Gebiete, welche gegenwärtig die Provinzen Zambáles, Pangasinán, Nord- und Süd-Ylócos bilden, die spanische Herrschaft an. Die Ermüdung seiner Soldaten zwang Salcédo zur Umkehr. In Bígan, der jetzigen Hauptstadt von Süd-Ylócos, baut er ein Fort und lässt darin seinen Lieutenant mit 25 Mann zurück, er selbst aber kehrt um, begleitet von nur 17 Soldaten in drei kleinen Fahrzeugen. So erreicht er den Cagayánfluss an der Nordküste, und fährt denselben hinauf bis die grosse Zahl feindlicher Eingeborener ihn zur Rückkehr an das Meer zwingt. Die Reise an der Ostküste fortsetzend, gelangt er endlich nach Paracali, von da zu Lande an den See von Bay, dort schifft er sich auf einem Nachen nach Manila ein, schlägt um und wird, dem Ertrinken nahe, durch vorüberfahrende Indier gerettet.

Inzwischen war Legaspi gestorben; von Labezares, der provisorisch die Regierung führte, erfährt Salcédo kränkende Zurücksetzung. Als er über seine Neider gesiegt, wird ihm die Unterwerfung von Camarines aufgetragen, die er in kurzer Zeit vollbringt. 1574 kehrt er nach Ylócos zurück, um seinen Soldaten Encomiendas auszutheilen und die ihm zufallenden zu übernehmen. Noch mit dem Bau von Bígan beschäftigt, sieht er die Flotte des grossen chinesischen Seeräubers Limahón, der sich der Kolonie bemächtigen wollte, 62 Schiffe mit zahlreicher Mannschaft, an der Küste vorüberfahren. Sofort eilt er mit allen in der Nachbarschaft zusammengerafften Anhängern nach Manila, wo er an Stelle des bereits gefallenen Maestro de Campo zum Befehlshaber der Truppen ernannt, die Chinesen aus der von ihnen zerstörten Stadt vertreibt. Sie ziehn sich nach Pangasinán zurück, Salcedo verbrennt ihre Flotte; nur mit genauer Noth gelingt es ihnen zu entkommen.

1576 starb dieser »Cortes der Philippinen«. (Zuñiga)

Abgesehen von den Geistlichen, bestanden die ersten Ankömmlinge nur aus Beamten, Land- und Seesoldaten (Morga 159); ihnen fiel daher auch der hohe Gewinn am Chinahandel zu. Manila war der Stapelplatz desselben und zog einen grossen Theil des hinterindischen an sich, den die Portugiesen durch ihre Grausamkeiten aus Malacca verscheucht hatten. Die Portugiesen sassen zwar in Macao und in den Molukken, es fehlte ihnen aber die von den Chinesen fast ausschliesslich begehrte Remesse, das Silber nämlich, das Manila aus Neu-Spanien erhielt.

1580 fiel überdies Portugal mit allen seinen Kolonien an die spanische Krone. Der Zeitraum von diesem Ereigniss bis zum Abfall Portugals (1580–1640) bezeichnet zugleich die höchste relative Machtstellung der Philippinen. Der Guvernör von Manila gebot über einen Theil von Mindanao, Sulu, die Molukken, Formosa, und die ursprünglich portugiesischen Besitzungen in Malacca und Vorderindien. »Alles was vom Kap v. Sincapura bis Japan liegt, hängt von Luzon ab; seine Schiffe befahren die Meere, gehn nach China, nach Neu-Spanien, und treiben so reichen Handel, dass man ihn, wenn er frei wäre, den bedeutendsten der Welt nennen könnte.« (Grav 30). »Es ist unglaublich, welchen Ruhm diese Inseln der spanischen Krone verleihen. Der Guvernör der Philippinen unterhandelte mit den Königen von Cambodia, Japan, China, ersterer war sein Verbündeter, letzterer sein Freund, sowie der von Japan. Er erklärte Krieg und Frieden ohne Befehl aus dem fernen Spanien abzuwarten.« — Aber schon begannen die Niederländer den Kampf, den sie gegen Philipp II. führten, in jenen fernen Erdwinkel zu tragen, und bereits 1610 klagt di los Rios, dass er seit 30 Jahren das Land wegen der Fortschritte der Holländer sehr verändert fände. Auch die Moros von Mindanao und Sulu wurden, von den Niederländern unterstützt, immer unbequemer (Carillo 3). Mit dem Abfall Portugals gingen auch die portugiesischen Kolonien wieder verloren. Die spanische Politik, das Priesterregiment, der Neid der spanischen Kaufleute und Gewerbetreibenden that das Uebrige um die Entwickelung des Ackerbaus und des Verkehrs zu hemmen — vielleicht zum Glück für die Eingeborenen.

Die spätere Geschichte der Philippinen ist in ihren Einzelheiten eben so uninteressant und unerfreulich als die der spanisch-amerikanischen Besitzungen. Fruchtlose Expeditionen gegen Seeräuber, Streitigkeiten zwischen den geistlichen und weltlichen Behörden, bilden den Hauptstoff.[8]

»Als die ersten Zeiten des Glaubens und Waffenruhmes vorüber waren, ergriff elende Selbstsucht die Gemüther, Veruntreuungen wurden zur Regel, die meisten derjenigen, die später nach diesen entlegenen Besitzungen gingen, pflegten aus der Hefe der Nation zu bestehen.[9] — Die spanischen Schriftsteller sind voll von Schilderungen jener traurigen Gesellschaft, die hier nicht wiederholt zu werden brauchen.

Von äussern Feinden, ausgenommen von Seeräubern, ist die Kolonie kaum belästigt worden. In frühester Zeit unternahmen die Holländer einige Angriffe gegen die Bisayas. 1762 (im Kriege über den Bourbonischen Familienpakt) erschien plötzlich eine englische Flotte vor Manila und bemächtigte sich ohne Mühe der überraschten Stadt. Die Chinesen hielten zu den Engländern, unter den Indiern bricht ein grosser Aufstand aus, die Kolonie von einem schwachen Erzbischof interimistisch regiert, schwebt in grosser Gefahr. Einem energischen Patrioten, dem Kanonikus Anda gelingt es aber, die Indier der Provinz gegen die Fremden aufzureizen. Von den Geistlichen eifrig geschürt, wächst der Widerstand so, dass die thatsächlich in der Stadt eingeschlossenen Engländer froh sind, abziehen zu können, als im folgenden Jahre die Nachricht des Friedensschlusses aus Europa eintrifft. Inzwischen hatten die durch die Invasion hervorgerufenen Aufstände sehr an Ausdehnung gewonnen; erst 1765 gelang es durch Aufhetzen der verschiedenen Stämme gegen einander, ihrer Herr zu werden. Die Provinz Ylocos soll dabei 269,270 Personen, die Hälfte ihrer Bevölkerung, verloren haben. (Zuñiga).

Härten und Taktlosigkeiten der Regierung und ihrer Werkzeuge, auch abergläubische Missverständnisse haben unter den Eingeborenen manchen Aufstand hervorgerufen, wohl keinen indessen von ernster Gefahr für die spanische Herrschaft. Die Unruhen blieben immer auf einzelne Gebiete beschränkt, denn die Eingeborenen bilden keine einheitliche Nation, weder das Band Einer Sprache, noch das gemeinsamer Interessen verbindet die verschiedenen Stämme, die staatliche Gemeinschaft reicht bei ihnen kaum über die Grenzen des Dorfes und seiner Filiale.

Ein für die ferne Metropole viel bedenklicheres Element als die gleichgültigen, der augenblicklichen Eingebung folgenden, politisch zerrissenen, ziellosen Indier sind die Mestizen und Kreolen, deren Unzufriedenheit mit ihrer Zahl, ihrem Wohlstande und ihrem Selbstgefühl zunimmt. Schon die 1823 ausgebrochene Militärrevolte, deren Hauptanstifter zwei Kreolen waren, hätte leicht verhängnissvoll für Spanien enden können. Viel gefährlicher nicht nur für die spanische Herrschaft, sondern für die gesammte europäische Bevölkerung scheint der jüngste von Mestizen ausgegangene Aufstand gewesen zu sein: Am 20. Januar 1872 zwischen 8 und 9 Uhr Abends empörten sich in Cavite, dem Kriegshafen der Philippinen, die Artillerie, die Marine-Soldaten und die Zeughauswache und machten ihre Offiziere nieder. Ein Lieutenant, der die Kunde nach Manila bringen wollte, fiel einem Haufen von Eingeborenen in die Hände; erst am nächsten Morgen gelangte die Nachricht nach der Hauptstadt. Sofort wurden die verfügbaren Truppen abgesandt, aber erst nach heftigem Kampfe glückte es am folgenden Tage die Zitadelle zu erstürmen. Ein furchtbares Blutbad folgte, alles wurde nieder gemacht, niemand verschont. In Manila wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen.

Nicht Ein Europäer war unter den Verschworenen, aber viele Mestizen, darunter eine Anzahl Geistlicher und Advokaten. Wenn die unter dem Eindruck des Schreckens geschriebenen ersten Berichte vielleicht auch manches übertreiben, so stimmen doch amtliche sowohl als Privatbriefe überein, das Komplot als lange geplant, weitverzweigt und wohl angelegt zu schildern. Die gesammte Flotte und ein zahlreiches Truppenkorps befand sich damals auf dem Feldzuge gegen Solo abwesend (s. S. 181), ein Theil der Garnison von Manila sollte sich gleichzeitig mit der von Cavite erheben, und Tausende von Eingeborenen waren bereit sich auf die caras blancas (die weissen Gesichter) zu stürzen und alle zu ermorden. Das Scheitern des Komplots war, wie es scheint, nur einem glücklichen Zufall zu danken, dem Umstände nämlich, dass ein Theil der Verschworenen einige bei Gelegenheit eines Kirchenfestes abgebrannte Raketen für das verabredete Signal hielt und zu früh losbrach.


Zum Schluss sei es gestattet, einige meist schon im Text zerstreut vorkommende Bemerkungen über das Verhältniss der Philippinen zum Auslande zusammenzustellen und kurze Betrachtungen daran zu knüpfen.

Spanien gebührt der Ruhm, die auf niederer Kulturstufe vorgefundene, von kleinen Kriegen zerfleischte, der Willkür preisgegebene Bevölkerung in verhältnissmässig hohem Grade zivilisirt, ihre Lage erheblich verbessert zu haben. Wohl mögen die gegen äussere Feinde geschützten, von milden Gesetzen regierten Bewohner jener herrlichen Inseln im Ganzen genommen während der letzten Jahrhunderte behaglicher gelebt haben als die irgend eines andern tropischen Landes unter einheimischer oder europäischer Herrschaft. Die Ursache lag zum Theil an den mehrfach erörterten eigentümlichen Verhältnissen, welche die Eingeborenen vor rücksichtsloser Ausbeutung schützten. Einen wesentlichen Antheil an dem Erfolge hatten aber auch die Mönche. Aus dem niederen Volke hervorgegangen, an Armuth und Entbehrungen gewöhnt, waren sie auf den nahen Verkehr mit den Eingeborenen angewiesen und daher besonders geeignet ihnen die fremde Religion und Sitte für den praktischen Gebrauch anzupassen. Auch als sie später reiche Pfarren besassen und ihr frommer Eifer in dem Maasse nachliess als ihre Einkünfte zunahmen, hatten sie den wesentlichsten Antheil an der Gestaltung der geschilderten Zustände mit ihren Licht- und Schattenseiten; denn ohne eigene Familie und ohne feinere Bildung blieb ihnen der intime Umgang mit den Landeskindern Bedürfniss, und selbst ihr hochmüthiger Widerstand gegen die weltlichen Behörden kam in der Regel den Eingeborenen zu Statten.

Die alten Zustände sind aber unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart nicht mehr haltbar. Die Kolonie kann nicht länger gegen Aussen abgeschlossen werden. Jede Verkehrserleichterung ist ein Riss in das alte System und führt nothwendig zu weiteren freisinnigen Reformen. Je mehr fremdes Kapital und fremde Ideen eindringen, Wohlstand, Aufklärung und Selbstgefühl zunehmen, um so ungeduldiger werden die vorhandenen Misstände ertragen.

England mag seine Besitzungen unbekümmert dem Auslande öffnen, Fremde den Nationalen gleichstellen; die britischen Kolonien sind durch das Band gegenseitiger Vortheile, Erzeugung von Rohstoffen mit englischem Kapital, Austausch derselben gegen englische Fabrikate an das Mutterland gebunden, Englands Reichthum ist so gross, seine Einrichtungen zum Betriebe des Welthandels so vollkommen, dass die Ausländer in den britischen Besitzungen zumeist Agenten des englischen Handels werden, dessen altgewohnte Geleise selbst ein Aufhören des politischen Verbandes kaum merklich verrücken dürfte. Anders ist es mit Spanien, das die Kolonie wie ein ererbtes Gut besitzt, ohne sie zweckmässig bewirthschaften zu können.

Schonungslos gehandhabte Regierungsmonopole, kränkende Zurücksetzung der Kreolen und reichen Mestizen und das Beispiel der Vereinigten Staaten waren die Hauptveranlassungen des Abfalls der amerikanischen Besitzungen. Dieselben Ursachen drohen auch in den Philippinen. Von den Monopolen ist hinreichend im Text die Rede gewesen. Mestizen und Kreolen werden zwar nicht wie ehemals in Amerika von allen Aemtern ausgeschlossen, fühlen sich aber tief verletzt und geschädigt durch die Schaaren von Stellenjägern, welche die häufigen Madrider Ministerwechsel nach Manila führen. Auch der Einfluss des amerikanischen Elementes ist wenigstens am Horizonte erkennbar und wird mehr in den Vorgrund treten, wenn die Beziehungen beider Länder zunehmen. Gegenwärtig sind diese noch gering, der Handel folgt einstweilen seinen alten Bahnen, die nach England und den atlantischen Häfen der Union führen.

Wer indessen versuchen will sich über die künftigen Geschicke der Philippinen ein Urtheil zu bilden, darf nicht einseitig ihr Verhältniss zu Spanien ins Auge fassen, er wird auch die gewaltigen Veränderungen berücksichtigen müssen, die sich seit einigen Jahrzehnten auf jener Seite unseres Planeten vollziehn. Zum ersten male in der Weltgeschichte beginnen die Riesenreiche zu beiden Seiten des Riesenmeeres in unmittelbaren Verkehr zu treten: Russland, für sich allein grösser als zwei Welttheile zusammengenommen, China das ein Drittel aller Menschen in seinen engen Grenzen einschliesst, Amerika mit Kulturboden genug um fast die dreifache Gesammtbevölkerung der Erde zu ernähren. — Russlands künftige Rolle im stillen Ozean entzieht sich zur Zeit jeder Schätzung. Der Verkehr der beiden andern Mächte wird voraussichtlich um so folgenschwerer sein, als der Ausgleich zwischen unermesslichem Bedürfniss an menschlichen Arbeitskräften einerseits und entsprechend grossem Ueberfluss daran auf der andern Seite ihm zur Aufgabe fallen wird. (s. S. 176).

Die Welt der Alten war der Rand des Mittelmeeres, unserem Welthandel genügten der atlantische und indische Ozean. Erst wenn das stille Meer vom lebhaften Verkehr seiner Gestade wiederhallt, wird von Welthandel und Weltgeschichte im wahren Sinne die Rede sein können. Der Anfang dazu ist gemacht. Vor nicht langer Zeit war der grosse Ozean eine Wasserwüste, den die einzige Nao alljährlich Einmal in beiden Richtungen durchzog. Von 1603 bis 1769 hatte kaum ein Schiff Californien besucht, jenes Wunderland, das vor 25 Jahren, mit Ausnahme weniger Stellen des Küstensaumes, eine unbekannte Einöde war, heut mit blühenden Städten bedeckt, von Eisenbahnen durchschnitten, dessen Hauptstadt unter den Häfen der Union bereits den dritten Rang einnimmt, schon jetzt ein Zentralpunkt des Welthandels, und wahrscheinlich bestimmt bei Erschliessung des grossen Ozeans, eine der Hauptrollen zu übernehmen.

In dem Maasse aber als die Schifffahrt der amerikanischen Westküste den Einfluss des amerikanischen Elementes über die Südsee ausbreitet, wird der bestrickende Zauber, den die grosse Republik auf die spanischen Kolonien übt[10], nicht verfehlen sich auch in den Philippinen geltend zu machen. Die Amerikaner scheinen berufen, die von den Spaniern gelegten Keime zur vollen Entfaltung zu bringen. Als Conquistadoren der Neuzeit, Vertreter des freien Bürgerthums im Gegensatz zum Ritterthum folgen sie mit der Axt und dem Pfluge des Pioniers, wo jene mit Kreuz und Schwert vorangegangen.

Ein beträchtlicher Theil des spanischen Amerika’s gehört bereits den Vereinigten Staaten an und hat seitdem eine Bedeutung erlangt, die weder unter der spanischen Herrschaft noch während der auf sie und aus ihr folgenden Anarchie geahnt werden konnte. Auf die Dauer kann das spanische System nicht neben dem amerikanischen bestehn. Während jenes die Kolonien durch unmittelbare Ausbeutung, zu Gunsten bevorzugter Klassen, die Metropole durch Entziehung der besten Kräfte, bei ohnehin schwacher Bevölkerung erschöpft, zieht Amerika aus allen Ländern die thatkräftigsten Elemente an sich, die auf seinem Boden von jeglicher Fessel befreit, rastlos vorwärtsstrebend, seine Macht und seinen Einfluss immer weiter ausdehnen. Die Philippinen werden der Einwirkung der beiden grossen Nachbarreiche um so weniger entgehn, als weder sie noch ihre Metropole sich im Zustande stabilen Gleichgewichtes befinden.

Für die Eingeborenen scheint es wünschenswerth, dass die oben ausgesprochenen Ansichten nicht schnell zu Thatsachen werden, denn ihre bisherige Erziehung hat sie nicht genügend vorbereitet um den Wettkampf mit jenen rastlos schaffenden, rücksichtslosesten Völkern zu bestehn; sie haben ihre Jugend verträumt.


[1] Am 27. April fiel Magellan, von einem vergifteten Pfeil getroffen, auf der kleinen Insel Mactan, vor dem Hafen von Cebu. Sein Lieutenant Sebastian de Elcano umschiffte das Kap der guten Hoffnung, brachte am 6. September 1522 eines der fünf Schiffe, mit denen Magellan 1519 aus San Lúcar ausgelaufen, und 18 Mann, darunter Pigafetta, nach demselben Hafen zurück und vollendete so die erste Weltreise, in 3 Jahren weniger 14 Tagen. [↑]

[2] Morga f. 5. — Nach späteren Schriftstellern sollen sie schon von Villalobos 1543 also benannt worden sein. [↑]

[3] Nach Morga (f. 140 v.) gab es in jenen Inseln weder Könige noch Herren, sondern in jeder Insel und Provinz viele Vornehme, deren Anhänger und Unterthanen in Quartiere (Barrios) und Familien eingetheilt waren. Solchen Häuptlingen wurden Abgaben von der Ernte (Buiz) und Frohnden geleistet, ihre Verwandten aber waren von den Leistungen der Plebejer (Timauas) befreit. Die Häuptlingschaften waren erblich, der Adel ging auch auf die Frauen über. Zeichnete sich ein Häuptling besonders aus, so folgten ihm die Uebrigen, behielten aber die Herrschaft über ihre durch besondere Beamte verwaltete Barangays.

Ueber das unter den Eingeborenen bestehende System der Sklaverei berichtet Morga (f. 141 — abgekürzt): Die Bewohner dieser Inseln zerfallen in drei Klassen: Adelige, Timauas oder Plebejer, und Sklaven der Adeligen und der Timauas. Es giebt verschiedene Arten von Sklaven, einige in ganzer Sklaverei (Saguiguilires); sie dienen im Hause, ihre Kinder desgleichen. Andre bewohnen mit ihren Familien eigene Häuser und leisten ihrem Herrn Dienste zur Saat- und Erntezeit, auch als Ruderknechte und beim Hausbau etc. Sie müssen kommen so oft sie gerufen werden, und diese Dienste leisten ohne Bezahlung oder Entschädigung, sie heissen Namamahayes, ihre Verpflichtungen gehn auf ihre Nachkommen über. Von diesen Saguiguilires und Namamahayes sind einige Vollsklaven, andre Halbsklaven und andere Viertelsklaven.

Wenn nämlich der Vater oder die Mutter frei war, so wird der einzige Sohn halb frei und halb Sklave; bei mehreren Söhnen erbt der erste den Stand des Vaters, der zweite den der Mutter, bei unpaarigen Kindern, ist das letzte halb frei und halb Sklave; die Nachkommen solcher Halbsklaven mit einem oder einer Freien sind Viertelsklaven. Die Halbsklaven, gleichviel ob Saguiguilires oder Namamahayes, dienen ihrem Herrn einen um den andern Monat. Halb- und Viertelsklaven können auf Grund des freien Theiles, der in ihnen ist, ihren Herrn zwingen sie für einen festgesetzten Preis frei zu lassen. Vollsklaven haben dieses Recht nicht. Ein Namamahaya gilt halb so viel als ein Saguiguilir. Alle Sklaven sind Eingeborene.

f. 143 v.: Eine Sklavin, die von ihrem Herrn Kinder hatte, wurde dadurch frei sammt diesen Kindern. Letztere galten aber nicht für wohlgeboren, nahmen nicht an der Erbschaft Theil, auch die Vorrechte des Adels, falls der Vater diesem Stande angehörte, gingen nicht auf sie über. [↑]

[4] Sehr wahrhafte und gewisse Beschreibung von dem, was neulich bekannt geworden über die neuen Inseln des Westens ... von H. R. Sekretär der Regierung dieser Inseln. Sevilla 1574. Morga Hakl. 389. [↑]

[5] Relation et Mém. de l’estat des isles Ph. Thévenot 28. [↑]

[6] Bulle Gregor XIV. 18. Apr. 1591. [↑]

[7] Morga Hakl. 328. [↑]

[8] v. Chamisso (Bemerkungen und Ansichten S. 72) weiss es dem Uebersetzer des Zuñiga Dank, dass er ihn der Pflicht überhoben bei dieser eklen Geschichte zu verweilen; doch ist Zuñiga’s Erzählung immer noch verhältnissmässig kurz und sachlich; die mit Recht abgekürzte engl. Uebersetzung enthält viele Fehler. [↑]

[9] Herzog von Almodovar Informe I. III. 199. [↑]

[10] Ich erlaube mir ein Beispiel anzuführen: Als ich mich 1861 an der Westküste von Mexico befand, bestand der zur Zeit durch die Invasion europäischer Mächte vereitelte Plan ein Dutzend nordamerikanischer Hinterwäldlerfamilien im Yaquithal (Sonora), einer Oase in der Wüste, anzusiedeln. Grosse einheimische Hacendéros erwarteten die Ankunft dieser Einwanderer, um sich unter ihrem Schutz anzusiedeln. Der Bodenwerth war nach Verlautbarung des Projektes beträchtlich gestiegen. [↑]