VIERTES KAPITEL
STELLUNG DER EUROPÄER UND EINGEBORENEN IN ENGLISCHEN, HOLLÄNDISCHEN UND SPANISCHEN KOLONIEN. — EINFLUSS DER SPANISCHEN KOLONIALPOLITIK AUF DIE SITTEN DER EINGEBORENEN. BEQUEMLICHKEIT DES LEBENS. — KOKOSPALME, BAMBUS.
Ein schottischer Grosshändler, dem ich empfohlen war, bot mir mit so überzeugender Liebenswürdigkeit sein Haus und seine Gastfreundschaft an, dass ich nicht umhin konnte sie anzunehmen. Obgleich ich mich dadurch unter dem Schutz eines der reichsten und geachtetsten Männer der Stadt befand, verlangten dennoch die Miethskutscher für jede Fahrt Vorausbezahlung. Dies Misstrauen liess auf die geringe Achtung schliessen, die die Mehrzahl der hiesigen Europäer den Einheimischen einflösst. Zahlreiche spätere Beobachtungen bestätigten diese Vermuthung. Wie anders ist es in Java und Singapore! Die Ursache lässt sich vielleicht erklären:
Holländer können sich ebensowenig als Engländer in heissen Erdstrichen akklimatisiren; sie beuten die Länder aus, in denen sie nur vorübergehend weilen, jene durch Frohnden und Monopole, diese durch Handel; in beiden Fällen genügen aber wenige, durch die Grösse ihrer Unternehmungen oder ihre amtliche Stellung durch Reichthum und Bildung hoch über der Masse der Bevölkerung stehende Individuen. In Java sind überdies die Europäer der Mehrzahl nach Regierende, die Eingeborenen Regierte; aber auch in Singapore, wo beide gesetzlich gleichstehn, wissen sich die wenigen Weissen so entschieden auf der Höhe zu halten, dass ihnen, wenn auch nicht durch das Gesetz, doch im Verkehr alle Vorrechte einer höheren Kaste ohne Widerspruch eingeräumt werden. Die Verschiedenheit der Religion vergrössert die Kluft. Endlich sprechen dort alle Europäer die Landessprache, während die Eingeborenen die der Fremden nicht verstehn. Die holländischen Beamten werden schon in der Heimat in besonderen Schulen für den Dienst in Ostindien erzogen; die Kunst mit den Eingeborenen umzugehen, die Aufrechthaltung des »Prestige«, das für das eigentliche Geheimniss der holländischen Macht gegenüber der zahlreichen einheimischen Bevölkerung gilt, bildet einen wesentlichen Punkt in ihrer Erziehung. Daher richten sich die Holländer im Verkehr mit den Eingeborenen, wie sehr sie diese auch ausbeuten, streng nach den Regeln des herkömmlichen »Adat« (alter Brauch), verletzen nicht das Ehrgefühl des Inländers und geben sich auch im Umgang mit einander nicht leicht eine Blösse vor jenem, für den sie ein verschlossenes Buch bleiben.
In den Philippinen ist es umgekehrt. Mit Ausnahme derjenigen Beamten, denen das Gesetz oder die bei jedem spanischen Ministerwechsel zum Durchbruch kommende Aemtergier nur einen beschränkten Aufenhalt gestattet, kehren wenige Spanier, die einmal die Kolonie betreten, in ihr Vaterland heim; die Geistlichen dürfen nicht, die meisten der übrigen können nicht zurück; ein nicht unbeträchtlicher Theil besteht aus Subalternen, Soldaten und Seeleuten, politischen Verbrechern und politisch Unbequemen, deren sich das Mutterland entledigt, auch nicht selten aus Abenteurern, denen die Mittel zur Rückkehr fehlen und wohl eben so sehr die Lust; denn wie herrlich ist ihr hiesiges Leben im Vergleich zu dem, welches sie in ihrer Heimat führen müssten. Sie kommen an ohne Kenntnisse des Landes, ganz unvorbereitet; Manche sind so faul, dass sie nie die Sprache lernen, selbst wenn sie sich im Lande verheirathen. Ihre Diener verstehen Spanisch, belauschen die Gespräche und Handlungen, und kennen alle Geheimnisse ihrer meist wenig diskreten Herren, während die Eingeborenen diesen ein Räthsel bleiben, das sie auch schon aus Dünkel nicht zu entziffern versuchen.
Dass die grosse Zahl der hiesigen, ungebildeten, über ihre Mittel hinaus lebenden Spanier, die alle die Herrn spielen wollen, gleichviel welche Stellung sie zu Haus einnahmen, das Ansehn der Europäer sehr beeinträchtigen muss, ist leicht einzusehn. Die relative Stellung des Indiers kann aber dabei nur gewinnen und schwerlich giebt es eine Kolonie, in welcher sich die Eingeborenen im Ganzen genommen behaglicher fühlen als in den Philippinen. Sie haben Religion, Sitten und Gebräuche ihrer Herren angenommen, und fühlen sich, obwohl diesen gesetzlich nicht gleichgestellt, doch nicht durch eine hohe Schranke von ihnen geschieden, wie sie, ganz abgesehn von Java, die schroffe Zurückhaltung der Engländer zwischen sich und den Eingeborenen aufbaut.
Die gleiche Religion, der gemeinschaftliche Gottesdienst, das Zusammenleben mit den Einheimischen, Alles trägt dazu bei, den Europäer dem Indier näher zu bringen, wie auch das Vorhandensein einer verhältnissmässig sehr zahlreichen Mestizenklasse bezeugt.
Spanier und Portugiesen scheinen in der That die einzigen Europäer, die in tropischen Ländern Wurzel schlagen, sich mit Eingeborenen auf die Dauer fruchtbar vermischen können; wobei das Coelibat der Priester begünstigend mitwirkt.[1]
Den Mangel an Eigenthümlichkeit, der bei den Mestizen aus ihrer Zwitterstellung hervorzugehn scheint, nimmt man auch an den Indiern wahr. Stark ausgeprägte nationale Sitten, die man in einem so fernen Lande wohl erwarten sollte, sucht man vergebens; immer von Neuem merkt man den Leuten an, dass Alles angelernt und äusserlich ist.
Wie der spanische Katholizismus im Mutterlande die hohe Kultur der Mauren, in Peru die der Inka’s mit Gewalt ausgerottet, so hat er hier, was etwa an eigenthümlicher Gesittung vorhanden war, ebenso gründlich zu beseitigen verstanden, indem er sich, um schnell Wurzel schlagen, den bestehenden Formen und Missbräuchen in fast unglaublicher Weise anschmiegte.[2]
Die in der Kultur wenig vorgeschrittenen Philippiner nahmen schnell die Aeusserlichkeiten der fremden Religion an, und zugleich die Aeusserlichkeiten im Wesen ihrer neuen Herren; die eignen Sitten lernten sie, als heidnisch und wild, verachten. Jetzt singen sie andalusische Lieder und tanzen spanische Tänze, aber wie! Alles äffen sie nach, ohne den Geist zu erfassen, aus dem es hervorgegangen. Deshalb sind sie selbst und ihre Kunsterzeugnisse meist langweilig und charakterlos, man möchte sagen unächt, trotz der auf letztere zuweilen verwendeten grossen Geschicklichkeit und Geduld. Diese beiden Eigenschaften werden übrigens bei allen wenig fortgeschrittenen Nationen wahrgenommen; die bewunderte Geduld ist aber oft nur Verschwendung von Zeit und Mühe, im Missverhältniss zum Zweck; die grössere Anstelligkeit eine Folge der weniger vorgeschrittenen Arbeitstheilung.
Betritt man das Haus eines wohlhabenden Eingeborenen, der spanisch spricht, so empfängt er uns mit denselben Redensarten wie sein Vorbild; man hat aber dabei immer das Gefühl, dass sie nicht am Platz sind. In den Ländern, wo die einheimische Bevölkerung ihren alten Sitten treu geblieben, wird dies nie empfunden; selbst wenn uns nicht mit der gebührenden Rücksicht begegnet werden sollte, bemerken wir es kaum, da sich bei ganz verschiedenen gesellschaftlichen Formen, wie bei fremdem Maass und Gewicht, nicht unmittelbar Vergleiche aufdrängen. — Während in Java und namentlich in Borneo und den Molukken die Gegenstände des täglichen Gebrauchs häufig mit so feinem Gefühl für Form und Farbe verziert sind, dass sie von unseren Künstlern als Muster der Ornamentik gerühmt werden und den Beweis liefern, dass die Arbeit mit Lust und Liebe und innigem Verständniss vollbracht wurde, ist in den Philippinen von solchem Schönheitssinn wenig wahrzunehmen. Alles ist Nachahmung oder liederlicher Nothbehelf. Selbst die wegen ihrer Feinheit so berühmten, mit unglaublicher Geduld und nicht minderem Geschick ausgeführten Piña-Stickereien sind in der Regel geistlose Nachahmungen spanischer Muster. Zu ähnlichen Betrachtungen gelangt man unwillkürlich, wenn man die Kunstprodukte der spanisch-amerikanischen Völker mit denen der wilden Stämme vergleicht. Das ethnographische Museum in Berlin bietet dazu Stoff in Fülle.
Die Ruder bestehn in den Philippinen häufig aus einer Bambusstange, an deren Ende ein Brett mit Rotangstreifen festgebunden ist; bricht es unterwegs entzwei, um so besser; bis es geflickt ist, muss die anstrengende Arbeit nothwendig unterbrochen werden.
In Java sind die völlig regendichten Büffelkarren auf das Mannichfaltigste und Geschmackvollste gemustert. In den Philippinen wird der dachlose Karren gewöhnlich erst im letzten Augenblick zusammengeflickt. Soll die Ladung durchaus vor Nässe geschützt werden, so wirft man ein paar alte Matten darüber, mehr in der Absicht, die Ansprüche des Castila zu beschwichtigen, als um den Regen abzuhalten.
Engländer und Holländer bleiben Fremdlinge unter den Tropen, sie üben keinen Einfluss auf die alten Gebräuche, die in der Landesreligion gipfeln. Die Völker aber, die Spanien durch den Katholizismus unterworfen, haben alles Ursprüngliche, Volksthümliche verloren; die fremde Religion ist bei ihnen nicht in’s Innere gedrungen, es fehlt ihnen an moralischem Halt, und wohl kein zufälliges Zusammentreffen ist es, dass sich alle diese Völker mehr oder weniger kennzeichnen durch einen gewissen Mangel an Würde, grosse Leichtlebigkeit und selbst Liederlichkeit.
Abgesehn von diesem Mangel an nationalen Eigenthümlichkeiten und überlieferten Gebräuchen, deren Vorhandensein vielen Ländern Ostasiens einen Hauptreiz verleiht, ist der Eingeborne höchst anziehend als Typus des Menschen unter bequemsten äussern Verhältnissen. Die Willkürherrschaft der Häuptlinge und die Sklaverei wurden von den Spaniern bald nach ihrer Ankunft abgeschafft, an Stelle der häufigen Raubzüge und Kriege trat Ruhe und Sicherheit. Das spanische Regiment ist in diesen Inseln im Ganzen immer milde gewesen, nicht weil die Leyes de Indias so sehr wohlwollend, ja fast zärtlich für den Indier lauten, den sie wie einen Minorennen behandeln, sondern weil die Ursachen fehlten, die in Spanisch-Amerika trotz derselben Gesetze und in den Kolonien anderer Völker so grosse Grausamkeiten veranlassten.
Es war ein Glück für die Eingeborenen, dass ihre Inseln keine Reichthümer an edlen Metallen und kostbaren Gewürzen besassen. Die voluminösen Produkte des Ackerbau’s konnten bei den ehemaligen Verkehrsverhältnissen keine Ausfuhren bilden; es lohnte daher nicht, sie nachdrücklich auszubeuten. Die wenigen in der Kolonie lebenden Spanier fanden im Handel zwischen China und Mexico durch die Nao (S. 10) ein so bequemes Mittel zum Gelderwerb, dass sie sich fern hielten von allen wirthschaftlichen Unternehmungen, die ihren eignen adelshochmüthigen Neigungen wenig entsprachen und die angestrengte Arbeit der Eingeborenen erfordert hätten. Für Spanien, dem schon übergrosse Besitzungen in Amerika eine erschöpfende Menschensteuer auflegten, war es bei der damals so langwierigen, gefahrvollen Schifffahrt unmöglich, in den Philippinen eine starke, bewaffnete Macht zu halten. Die durch einige glänzende militärische Unternehmungen eingeleitete Unterwerfung ward wesentlich durch Mithülfe der Mönchsorden vollendet, deren Missionäre vorwiegend Klugheit und Geduld anwenden mussten. So wurden die Philippinen zum grossen Theil durch Conquista pacifica (Pacifacion, Poblacion) gewonnen.
Die den Eingeborenen aufgelegten Abgaben waren so gering, dass sie nicht entfernt für den Kolonialhaushalt genügten. Der Ausfall wurde durch jährliche Zuschüsse aus Mexico gedeckt. An Erpressungen gewissenloser Beamten hat es freilich nicht gefehlt. Grausamkeiten, wie in den amerikanischen Bergwerksdistrikten oder in den Fabriken von Quito werden aber von den Philippinen nicht gemeldet.
Das unbebaute Land ist frei, gehört Jedem, der es urbar machen will, fällt aber, wenn es zwei Jahre unbenutzt bleibt, wieder an die Krone zurück.[3] Die einzige Abgabe, die der Indier zahlt, ist eine Kopfsteuer, Tributo genannt, die ursprünglich vor drei Jahrhunderten einen Dollar für je zwei Erwachsene betrug, was in einem Lande, wo Alle früh heirathen und die Geschlechter gleich vertheilt sind, fast gleichbedeutend mit Familie ist. Allmälig ist der volle Tribut auf 2 1⁄16 Doll. erhöht worden. Ein Erwachsener zahlt also 1 1⁄32 Doll. und zwar vom 16ten bis zum 60sten Lebensjahre, gleichviel ob Mann oder Frau. Ausserdem hat der Mann 40 Tage Arbeit für öffentliche Zwecke zu leisten. Diese Frohnden (Pólos y Servicios) zerfallen in ordentliche und ausserordentliche; jene bestehn in Wacht- und Botendienst, Reinhalten des Tribunals und anderen leichten Diensten, diese in Strassenbau und ähnlichen zum Besten des Dorfes oder der Provinz. Wie wenig aber diese Leistungen ausgenutzt werden, geht wohl am besten daraus hervor, dass Jedermann sich davon loskaufen kann für eine Summe, die im höchsten Falle nicht über 3 Doll. beträgt. Frauen sind von persönlichen Leistungen frei. Die wichtigsten Einzelheiten über den Tribut sind weiter unten in einem besonderen Kapitel, vorzüglich nach amtlichen Quellen, die mir im Ultramar-Ministerium zugänglich waren, kurz zusammengestellt.
In andern Ländern, wo das Klima ebenso milde, der Boden ebenso ergiebig, wird der Eingeborene von einheimischen Fürsten fast erdrückt, von Ausländern rücksichtslos ausgebeutet oder vertilgt, wenn er nicht schon eine höhere Zivilisationsstufe einnimmt. In diesen abgelegenen, von der Natur so reich ausgestatteten Inseln, wo der Druck von oben, der innere Trieb und jede äussere Anregung fehlte, hat sich das behagliche Leben bei geringen Bedürfnissen in voller Breite entfalten können. Von allen Ländern der Welt mögen die Philippinen wohl den Anforderungen an ein Schlaraffenland am meisten entsprechen. Wer das Dolce far niente nur von Neapel her kennt, hat noch keinen Begriff davon; es gedeiht nur unter Palmen. Die folgenden Reiseberichte werden Beispiele genug enthalten, um dies zu bekräftigen; aber schon eine Fahrt auf dem Pásig giebt einen Vorgeschmack des Lebens im Innern. Niedliche Bretterhäuser und Bambushütten, von üppigster Laub- und Blüthenfülle umgeben, gruppiren sich malerisch mit Arecapalmen und hohen gefiederten Bambusen am Ufer. Zuweilen reichen die Zäune in den Fluss und grenzen Räume zur Entenzucht ab — oder zum Baden. Der Saum des Wassers ist von Kähnen, Senknetzen, Flössen, Fischapparaten und dergleichen eingenommen. Beladene Boote ziehen den Fluss entlang und kleine Nachen schiessen zwischen Gruppen von Badenden hindurch von einem Ufer zum andern.
Am Lebhaftesten geht es bei den Tiendas zu, grossen, den javanischen Warongs entsprechenden Schuppen, deren offene Seite aber dem Fluss, der Hauptverkehrsstrasse, zugewendet ist. Sie üben eine mächtige Anziehung auf die vorüberziehenden Schiffer, die dort ausser Speisen und andern Lebensbedürfnissen gewöhnlich auch müssige Gesellschaft beiderlei Geschlechts, Hazard-Spiel, Tuba, Betel und Tabak finden.
Zuweilen sieht man einen Indier im Schlafe auf einem grossen Berg von Kokosnüssen hockend mit der Ebbe den Fluss hinabtreiben. Strandet er, so erwacht der Schläfer, macht sich mit Hülfe eines langen Bambus wieder frei und treibt im Halbschlaf mit der Strömung weiter. Durch einen Schlag mit dem Waldmesser ist es leicht, von der Faserhülle der Nuss einen schmalen Streifen so weit zu lösen, als nöthig ist, um sie mit einer andern zu verknüpfen; so wird ein Kranz gebildet, der die in der Mitte lose aufgethürmten Nüsse umgürtet und zusammenhält.
Wir haben freilich vollkommenere Transportmittel als Errungenschaft Jahrtausende langer mühevoller Arbeit, hier aber kann der Mensch sehr Vieles unmittelbar aus den Händen der Natur für seine Zwecke verwenden und sich durch geringe Mühe verhältnissmässig grosses Behagen schaffen.
Auf der Insel Talim im grossen See von Bay kauften meine Bootleute für einige Cuartos mehrere Dutzend fast fusslanger Fische; diejenigen, die sie nicht verzehren mochten, wurden gespalten, gesalzen und auf dem Dach des Bootes in wenigen Stunden an der Sonne getrocknet. Als die Fischer ihr beabsichtigtes Frühstück verkauft hatten, bückten sie sich und füllten ihre Kochtöpfe mit Sumpfmuscheln (Paludina costata Q. & G.), die sie händevoll vom Boden des flachen Wassers aufnahmen, indem sie die todten zum Theil fortwarfen.
Fast alle Ortschaften liegen am Wasser. Der Fluss ist eine von der Natur gegebene, sich selbst erhaltende Strasse, auf welcher Lasten bis an den Fuss der Berge befördert werden können. An seinem Ufer und besonders an seiner breiten Mündung erheben sich auf Pfählen die Hütten der Eingeborenen, Pfahlbauten von unmittelbar ersichtlicher Zweckmässigkeit. Dort vorzugsweise ist der Sitz des Lebens, weil es dort am bequemsten ist. Bei jeder Ebbe liefern die Fischreusen mehr oder weniger reichliche Ausbeute; Weiber und Kinder holen dann, ohne sich zu bücken, vermittelst ihrer Zehen, mit denen sie greifen können, Zweischaler aus dem Schlamm, oder sammeln am Strande Krebse, Seethiere, essbare Algen.
Ein hübscher Anblick ist es, wenn Frauen, Männer und Kinder im Schatten von Palmen baden und scherzen, Andere ihre Wassergefässe füllen: geräumige Bambusen, die geschultert, oder Krüge, die auf dem Kopf getragen werden, und wenn die Knaben auf dem breiten Rücken der Büffel aufrecht stehend diese jubelnd in’s Wasser reiten.
Dort ist es auch wo die Kokospalme am besten gedeiht, die dem Menschen nicht nur Speise und Trank, sondern auch das gesammte Material für seine Hütte und allerlei Geräth liefert. Während sie landeinwärts nur bei grosser Pflege spärlich Früchte trägt, giebt sie am unmittelbaren Seestrande auf dem schlechtesten Boden ohne menschliche Bemühung reichen Ertrag. (Im Treibhaus ist sie wohl noch nie zur Blüte gekommen?). Thomson[4] hebt hervor, dass sie auf solchem Standorte ihren Stamm gern über das Meer neigt, dessen Fluthen die herabfallenden Früchte an öde Küsten und niedere Inseln tragen und diese dadurch zu menschlichen Wohnsitzen geschickt machen. So mag wohl die Kokospalme einen wesentlichen Antheil an dem maritimen Vagabundenthum der malayischen und polynesischen Völkerschaften haben.
Neben dem Kokoshain zieht sich ein Saum stammloser Nipapalmen hin, die nur in brackischem Wasser wachsen[5]; ihre Blätter liefern die besten Ataps zum Dachdecken. Aus ihrem Saft wird Zucker, Branntwein und Essig bereitet. Schon Pigafetta fand vor 350 Jahren diese Gewerbe in vollem Betriebe, sie scheinen auch heut noch auf die Philippinen beschränkt zu sein. Auch derjenige Pandanus, aus dessen Blättern die weichsten Matten geflochten werden, entfernt sich nicht weit vom Strande.
Bambusbusch.
Landeinwärts breiten sich Reisfelder aus, die durch jährlich wiederkehrende Ueberschwemmungen eine Lage fruchtbaren Erdreichs aus den Bergen erhalten und daher nie gedüngt werden. Der Büffel, das Lieblingshausthier des Malayen, dasjenige welches er vorzugsweise zum Feldbau zu benutzen pflegt, zieht diese Orte allen andern vor; er liebt, sich im Schlamm zu wälzen und ist nicht zur Arbeit tauglich, wenn er sich nicht häufig baden kann. Aus den Reisfeldern an den Flussufern neben den Hütten erheben sich fein gefiederte Bambusbüsche. Wie sehr dies Riesengras zur Bequemlichkeit des Lebens der Tropenbewohner beiträgt, hat Verfasser in früheren Reiseskizzen (S. 174) zu schildern versucht. Noch manche interessante Verwendungen sind ihm seitdem bekannt geworden, deren Beschreibung hier nicht am Ort wäre.[6] Es sei ihm aber vergönnt, noch nachträglich an einigen Beispielen deutlich zu machen, mit wie einfachen Mitteln alle jene vielfältigen Ergebnisse erzielt werden. Die Natur hat diese herrliche Pflanze, die vielleicht alle andere auch an Schönheit übertrifft, mit so vielen nützlichen Eigenschaften ausgestattet, und liefert sie dem Menschen so fertig zum unmittelbaren Gebrauch in die Hand, dass meist einige kecke Schnitte genügen, um die mannichfaltigsten Geräthe daraus herzustellen. Der Bambus hat eine, im Verhältniss zu seiner Leichtigkeit ausserordentlich grosse Festigkeit, bedingt durch die Röhrenform und die in angemessenen Abständen vorhandenen Zwischenwände. Wegen des Parallelismus und der Zähigkeit seiner Fasern ist er sehr vollkommen und leicht spaltbar; gespalten aber, von ausgezeichneter Biegsamkeit und Elastizität. Dem Reichthum an Kieselerde verdankt er grosse Dauerbarkeit, und eine harte, glatte, stets reine Oberfläche, deren Glanz und schöne Farbe im Gebrauch zunehmen. Von besonderer Wichtigkeit endlich für Völker mit geringen Verkehrsmitteln ist der Umstand, dass der Bambus in Fülle auf sehr verschiedenen Standorten, in allen möglichen Dimensionen von wenigen Millimetern bis zu zehn, fünfzehn Centimetern und mehr, ausnahmsweise sogar von doppeltem Durchmesser, angetroffen wird, und überdies wegen seiner unübertrefflichen Flössbarkeit selbst in jenen strassenarmen, aber wasserreichen Ländern mit grösster Leichtigkeit fortgeschafft werden kann.
Ein Schlag mit dem Waldmesser reicht gewöhnlich aus, um ein starkes Rohr zu fällen, entfernt man die dünnen Zwischenwände, so hat man Röhren, deren Enden in einander geschoben werden können. Durch einmaliges Spalten erhält man Rinnen, Tröge, Dachziegel; durch mehrmaliges Latten, die wiederum bis in die feinsten Streifen und Fäden, zur Anfertigung von Rahmen, Gestellen, Körben, Stricken, Matten und feinen Geflechten zerlegt werden können. Zwei Schnitte in die Seite geben ein rundes Loch, in welches ein Halm von entsprechendem Durchmesser fest eingepasst werden kann (a). Macht man solchem Ausschnitt gegenüber einen zweiten, so kann ein Halm durchgesteckt werden (b), auf diese Weise werden Thüren wagerecht oder senkrecht verschiebbar, oder um eine senkrechte oder wagerechte Axe mit oder ohne Reibung drehbar, hergestellt.
Zwei tiefere Schnitte gestatten das Rohr in einen Winkel (c) , oder wenn sie weit genug auseinander, um einen andern Halm zu biegen, z. B. für Dachfirsten (d), für Gestelle von Stühlen oder Tischen (e), auf denen dann ein aufgeschlitztes, plattgedrücktes Rohr, statt eines Brettes oder Bambus-Latten (f) mittelst Stuhlrohr befestigt werden. Eben so leicht ist es eine längliche schmale Oeffnung herzustellen zum Einpassen von Latten (g).
Zwei Schnitte genügen beinahe, um eine Gabel oder Zange (h), einen Haken (i) anzufertigen.
Macht man ein durch Auflegen des Fingers verschliessbares Loch in die Seite, dicht unter einem Knoten, so erhält man einen Heber und zugleich ein Filtrum (k), wenn man über das offene Ende ein Läppchen bindet.
Spaltet man ein abgestutztes Rohr bis auf einen Knoten in Streifen, die man auseinander biegt und mit andern Streifen durchflicht, so erhält man einen konischen Korb, der unter dem Knoten kurz abgeschnitten als Tragkorb (l), langgestielt, mit Harz gefüllt als Signalfackel dient. (m) Steckt man in solche spitzkegelförmige Körbe flachere von gleichem Umfang, deren Knoten abgeschnitten oder durchstossen sind, so erhält man Fangkörbe für Krabben und Fische. (n) Spaltet man aber einen kurz über einem Knoten abgestutzten Halm so, dass nur ein Kranz kurzer Zähne stehn bleibt, so hat man, wenn man die Scheidewand durchstösst, einen Erdbohrer (o) und zugleich ein Brunnenrohr und so weiter und endlos weiter. — Als Beispiele sinnreicher Bambuskonstruktion mögen ausser nachstehender, die Zeichnungen zu S. 177. 193. 210 der Reiseskizzen dienen.
Floss mit Senknetzen (Salambau),
alles von Bambus
Auch der im Innern reisende Fremde hat täglich neue Gelegenheit, die Gastfreiheit der Natur in vollen Zügen zu geniessen. Die Luft ist so gleichmässig warm, dass man mit Ausnahme eines Sonnenhutes und leichter Schuhe alle Kleider entbehren könnte. Uebernachtet man im Freien, so ist aus Palmen- oder Farnwedeln in kürzester Zeit eine Hütte gebaut. Im kleinsten Dörfchen aber befindet sich ein Gemeindehaus (casa real), in dem man wohnen kann und die nöthigen Lebensbedürfnisse zum Marktpreis geliefert erhält. Auch ist dort immer eine Anzahl Semanéros (Leute, die den Wochendienst haben) anwesend und gegen geringen Tagelohn als Boten oder Träger zur Verfügung des Reisenden. Bei längerem Verkehr zeigt sich, dass ihr Dienst hauptsächlich in Nichtsthun besteht. Es ist mir vorgekommen, dass ich einen Mann, der mit den übrigen Karten spielte und Tuba (frischer oder schwach gegohrener Palmensaft) trank als Boten senden wollte, dieser sich aber, ohne im Spiel inne zu halten, damit entschuldigte, dass er Gefangener sei; so musste denn einer seiner Hüter den unbequemen Gang in der Hitze machen. Die Gefangenen haben nicht zu klagen. Das einzige Unangenehme sind die Rotangschläge, die für geringe Vergehn von den Lokalbehörden freigiebig dutzendweis verordnet werden. Sie scheinen aber auf den von Jugend auf dagegen abgehärteten Eingeborenen in den meisten Fällen durchaus keinen andern Eindruck als den des unmittelbaren körperlichen Schmerzes zu machen. Seine Bekannten stehn häufig um ihn, sehen zu und fragen scherzend, wie es geschmeckt hat.
Nach längerem Aufenthalt unter den ernsten, schweigsamen, würdevollen, für ihre Ehre ängstlich besorgten, gegen Vornehmere unterwürfigen Malayen empfindet man den Gegensatz im Charakter der hiesigen Eingeborenen, die doch auch wesentlich malayischer Rasse sind, um so greller. Er scheint eine natürliche Folge der oben skizzirten spanischen Herrschaft: in Spanisch-Amerika begegnet man ähnlichen Verhältnissen. Unter ihren einheimischen Häuptlingen mögen sich die Eingeborenen in Folge der Rangunterschiede und des despotischen Druckes wenig von den heutigen Malayen in ihrem Wesen unterschieden haben.
[1] Bertillon (Acclimatement & Acclimatation, Dict. encycl. des sc. méd.) schreibt die Fähigkeit der Spanier, sich in heissen Ländern zu akklimatisiren, vorzüglich ihrer starken Vermischung mit syrischem und afrikanischem Blut zu: die alten Iberer scheinen aus Chaldaea über Afrika gekommen zu sein, Phoenizier und Carthager hatten blühende Kolonien in Spanien, in neuerer Zeit haben die Mauren Jahrhunderte lang das Land besessen und grossen Glanz entfaltet, was der Kreuzung förderlich sein musste. So hat sich zu drei Malen afrikanisches Blut reichlich mit spanischem gemischt. Das heisse Klima der Halbinsel mag wohl auch dazu beitragen, ihre Bewohner für das Leben in den Tropenländern geschickt zu machen. Unvermischten Indo-Europäern ist es nie gelungen, am Südrande des Mittelmeers sich fortzupflanzen, noch weniger in heisseren Ländern.
In Martinique, wo 8–9000 Weisse von der Ausbeutung 125,000 Farbiger in Fülle leben, nimmt die Bevölkerung trotzdem nicht zu, sondern ab. Die französischen Kreolen haben die Eigenschaft verloren, sich im Verhältniss der vorhandenen Lebensmittel zu erhalten und zu vermehren. Familien, die nicht von Zeit zu Zeit durch Zuführung neuen europäischen Blutes gestärkt werden, erlöschen in drei bis vier Generationen. Ebenso geht es in den englischen Antillen, nicht aber in den spanischen, obwohl Klima und natürliche Verhältnisse dieselben sind. Nach Ramon de la Sagra ist die Zahl der Todesfälle unter den Kreolen geringer, die der Geburten grösser als in Spanien; die Sterblichkeit bei der Garnison aber sehr bedeutend. Danach scheint bei der spanischen Rasse eine ächte Akklimatisation durch Auswahl stattzufinden: die ungeeigneten Individuen sterben, die andern gedeihen. [↑]
[2] Ueber die in Amerika zu demselben Zweck angewendeten Mittel bemerkt Depons S. 171: »Man ist von jeher davon überzeugt gewesen, dass man der christlichen Religion auf keine andre Weise bei den Indianern Eingang verschaffen könnte, als wenn man ihre eigenen Neigungen und Gewohnheiten mit dem Christenthum vermischte; dies ist so weit gegangen, dass sogar in früheren Zeiten die Theologen die Frage aufgeworfen haben, ob es wohl erlaubt wäre, Menschenfleisch zu essen? Das allersonderbarste aber hierbei ist, dass die Frage wirklich zu Gunsten der Anthropophagen entschieden worden ist.« [↑]
[3] Thatsächlich ist urbares Land freilich immer in festen Händen und an manchen Orten hoch im Preise. Bei Manila und in Bulacán ist der Morgen schon vor Jahren über 150 Thaler bezahlt worden. [↑]
[4] Journ. Ind. Arch. IV. 307. [↑]
[5] Im Buitenzorger Garten, Java, sah Verfasser einige in Süsswasser gezogene Exemplare. [↑]
[6] Boyle (Adventures among the Dayaks, S. 67) fand sogar pneumatische Feuerzeuge aus Bambus bei den Dayaks in Gebrauch, Bastian traf solche in Birma. Auch sah Boyle einen Dayak etwas Zunder auf einen Porzellanscherben legen, ihn mit dem Daumen fest halten und einen scharfen Schlag damit gegen ein Bambusrohr führen: der Zunder fing Feuer. Dieselbe Art Feuer zu schlagen beobachtete Wallace in Ternate. [↑]