VIERZEHNTES KAPITEL

LEBENSWEISE UND SITTEN DER BICOLINDIER.

Bei der zweiten Reise nach Camarínes, die ich im Februar unternahm, fuhr ich zu Wasser von Polángui über Bátu bis Nága. Der Quináli, der SO. in den Batusee fliesst, tritt am Nordrande als Bicolfluss wieder aus, und läuft in NW. Richtung bis zur Bay von S. Miguél. Er vermittelt einen nicht unbedeutenden Handel zwischen Albáy und Camarínes, namentlich in Reis, da der in erster Provinz gewonnene für die in Folge des Abacábau’s sehr gestiegene Bevölkerung nicht ausreicht und Camarínes Ueberfluss davon hat. Der Reis wird in grossen Kähnen flussaufwärts bis Quináli geschafft und von dort in Büffelkarren weiter verführt; die Boote gehn leer zurück. Die Breite des sehr windungsreichen Bicol beträgt in der trocknen Jahreszeit am Seeausfluss wenig über 60 Fuss und nimmt nur sehr allmälig zu. Die Vegetation der Ufer bietet ziemliche Abwechslung, besonders anziehend ist das Thierleben, namentlich das Treiben der zahlreichen Affen und Wasservögel. Unter letzteren waren Plotus (P. melanogaster) besonders häufig — aber schwer zu schiessen. Bewegunglos sitzen sie auf den Bäumen am Ufer, nur ihr dünner Hals und Kopf ragt wie eine Baumschlange aus dem Laube hervor. Bei dem Annähern des Bootes stürzen sie jäh in’s Wasser und erst nach vielen Minuten sieht man den dünnen Hals wieder empor tauchen, weit entfernt von der Stelle, wo der Vogel verschwunden war. Im Fliegen scheint der Plotus nicht minder gewandt als im Schwimmen und Tauchen.

Halbwegs zwischen Batu und Bula steht ein Kalkofen; das Gestein, ein fester, gelblicher Kalk voll Steinkerne von Korallen (Seriatopora? und unbestimmbaren Zweischalern), kommt aus einem flachen Hügelzug, zwei Stunden Büffelschritt WSW, anscheinend einem gehobenen Korallenriff. Weiter stromabwärts wird die Gegend flacher, nur die grossen Vulkane ragen über die von Reisfeldern eingenommene Ebene.

In Nága, der Hauptstadt von Süd-Camarínes, stieg ich im Tribunal ab, wurde aber alsbald von dem wegen seiner Gastfreundschaft weit über die Grenzen seiner Provinz berühmten Administrador in sein Haus geholt und mit Liebenswürdigkeit und Gefälligkeiten überhäuft. Der allgemein beliebte Herr setzte alles in Kontribution um meine Sammlungen zu bereichern, und that was er konnte um mir den Aufenthalt angenehm zu machen und meine Zwecke zu fördern.

Nága ist die Hauptstadt von Süd-Camarínes, Sitz eines Bischofs und der Provinzial-Regierung. In amtlichen Dokumenten wird es Nueva-Cáceres genannt zu Ehren des aus Cáceres gebürtigen General-Kapitäns D. Fr. de Sande, der 1578 neben dem Indierdorf Nága eine spanische Stadt gründete. Zu Anfang des 17ten Jahrhunderts zählte sie gegen 100 spanische Einwohner (Morga f. 151), gegenwärtig kaum ein Dutzend. Schon Murillo Velarde (XIII, 272) bemerkt, dass, im Gegensatz zu Amerika, von allen in den Philippinen gegründeten Städten, mit Ausnahme Manila’s, nur noch die Skelette, die Namen ohne die Substanz sich erhalten haben. Der Grund liegt, wie schon mehrfach hervorgehoben, darin, dass es bis jetzt an Pflanzungen und mithin an eigentlichen Ansiedlern fehlt. Früher war Nága Hauptstadt des ganzen östlich von Tayábas gelegenen Theiles von Luzon, der bei zunehmender Bevölkerung in die drei Provinzen Nord- und Süd-Camarínes und Albáy zerlegt wurde. Die Grenzen dieser Verwaltungsbezirke sind namentlich zwischen Albáy und Süd-Camarínes ziemlich willkürlich gezogen, während das Gesammtgebiet, wie die Karte zeigt, geographisch sehr gut begrenzt ist. Im Verkehr wird es auch wohl noch gegenwärtig im Zusammenhang Camarínes genannt; am passendsten könnte man es das Land der Bicol nennen; denn es ist von einem Volksstamm, den Bicolindiern bewohnt, der sich sowohl durch seine Sprache, als durch manche Eigentümlichkeiten von seinen Nachbarn, den Tagalen im Westen und den Bisayern, auf den Inseln im Süden und Osten unterscheidet.

Die Bicol sind auf das in Rede stehende Gebiet und einige kleine unmittelbar davor liegende Inseln beschränkt. Ueber ihre Herkunft geben die umfangreichen, inhaltlosen Geschichten spanischer Mönche keinen Aufschluss. Morga hält sie für Eingeborene der Insel, dagegen sei durch Ueberlieferung bekannt, dass die Bewohner von Manila und Umgebung von vor Zeiten dort eingewanderten Malayen und Bewohnern anderer Inseln und ferner Provinzen abstammen.[1] So wie ihre Sprache zwischen der der Tagalen und Bisayer mitten innen steht, so scheinen die Bicols selbst auch in ihren Fähigkeiten und Sitten einen Uebergang zwischen beiden zu bilden, den Tagalen körperlich wie geistig im Allgemeinen nachzustehn, den Bewohnern der östlichen Bisaya-Inseln überlegen zu sein. Bicol wird nur in beiden Camarínes und Albáy auf Luzon, und auf den Inseln Masbáte, Burías, Ticáo, Catanduánes und den kleinen benachbarten Eilanden gesprochen. Am reinsten sprechen es die Bewohner des Vulkanes Ysaróg und seiner unmittelbaren Umgebung. Von dort gen Westen nimmt die Bicolsprache immer mehr tagalisch, nach Osten hin bisaya auf, und geht allmälig, wohl noch ehe sie die Grenzen ihres ethnographischen Gebietes erreicht, in diese beiden Nachbarsprachen über. Es dürfte zweckmässig sein, die hervorragendsten Züge in der Lebensweise der Bicolindier, deren Mehrzahl sie mit den Tagalen und Bisayern gemein haben, hier an einander zu reihen.

Ein allgemeiner Ueberblick der geographischen Verhältnisse und der durch sie bedingten Vertheilung der trockenen und nassen Jahreszeiten ist bereits S. 94 gegeben worden.

Der Pflug, Arado,

ist von dem noch heut in Spanien gebräuchlichen wenig verschieden. Ausgenommen d und e ist alles von Holz, selbst die Nägel. — a, tokod 0m71; b, timon 0m21; c, caballo 1m67; d, lipia, Länge 0m21, Breite oben 0m16, unten 0m11; e, sodsod 0m21 lang, 0m16 breit; g, pakanap 0m71; d ist mit a, g mit a und c durch Stuhlrohr verbunden.

Ackergeräth der Bicolindier.

Fig. 1 und 2 Soród: a, tampong aus Bambus 0m52; b, badas von Caryota 0m68; c, papan aus dem sehr harten Holze des Camagon, einer Ebenacee 0m73 lang, 0m12 dick; d, tagiak, aus knorrigen Aesten, zum Anspannen des Büffels; e, nipon (Zahn) aus Caryota 0m31; f, Bänder von Stuhlrohr.

Fig. 3 und 4 Azadón.

Fig. 5 und 6 Kag-kag (ganz von Bambus) Länge der Zähne 0m16.

Reismesser.

NB. Der Reishalm ist aus Versehn zu gross dargestellt, ist nicht dicker als ein Strohhalm.

Die Aussaat des Reises in Beeten beginnt in Süd-Camarínes im Juni oder Juli, je nach dem Eintritt der Regenzeit; in künstlich berieselten Feldern früher, weil die Frucht dann zu einer Zeit reift, wo ihr Vorrath im Lande gering, ihr Preis hoch ist. Obgleich Rieselfelder sehr wohl zwei Ernten jährlich liefern könnten, so werden sie doch nur einmal bestellt. Im August wird umgepflanzt mit handbreiten Zwischenräumen zwischen den Linien und den einzelnen Pflanzen, vier Monate später ist der Reis reif. Die Felder werden nie gedüngt und nur selten gepflügt, gewöhnlich lässt man durch einige Dutzend Büffel das Unkraut und die Stoppeln in den schon durchweichten Boden eintreten, der dann nur noch mit einer stachlichten Walze gerollt, oder mit dem Sorod gelockert wird. Ausser den genannten Ackergeräthschaften, sind noch die spanische Hacke (Azadón) und ein Rechen von Bambus (Kag-kag) in Gebrauch. Bei der Ernte geht es eigenthümlich zu. Der Reis, welcher zuerst reift, wird für 10% geschnitten, d. h. der Arbeiter empfängt für seine Mühe das 10te Bündel vom Eigenthümer. Um diese Zeit ist der Reis sehr knapp, oft ist Noth vorhanden und Arbeitskraft billig; je mehr Felder aber in Reife kommen, um so theurer wird der Schnitterlohn, er steigt auf 20, 30, 40 selbst 50%, ja die Behörden halten es zuweilen für nöthig, die Leute durch Körper- und Gefängnissstrafe zum Ernten zu zwingen, damit nicht ein grosser Theil auf dem Halm verfaule. Dennoch geht in sehr fruchtbaren Jahren immer ein Theil der Ernte verloren. Man schneidet den Reis Halm für Halm (wie in Java), mit einem eigentümlich geformten Messer, oder in Ermangelung eines solchen, mit der scharfrandigen Klappe einer in den Gräben der Reisfelder lebenden Muschel[2]; man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzunehmen.

Ein Quiñon bestes Reisland gilt 60–100 Dollars (8 bis 13 Thaler per Morgen). Am theuersten sind Rieselfelder auf Anhöhen, die nicht wie die Felder in der Ebene verheerenden Ueberschwemmungen ausgesetzt sind, und so bewirtschaftet werden können, dass ihre Frucht zur Zeit der höchsten Preise reift.

Auf vier Topones (1 Topon = 1 Loan) pflanzt man 1 Ganta und erntet 100 Manojos (Bündel), die je ½ Ganta Reis geben, also das fünfzigste Korn. Man darf die alte Ganta von Naga wohl = 1½ Gantas setzen, dann berechnet sich der Ertrag auf 75 Cabanes per Quiñon, etwa 9¾ Scheffel per Morgen, ungefähr soviel wie in Preussen.[3] In Büchern werden gewöhnlich 250 Cabanes als Ertrag eines Quiñon angegeben, als Durchschnitt wohl eine Uebertreibung. Die Ergiebigkeit der Felder ist allerdings eine sehr verschiedene, aber wenn man erwägt, dass die Aecker in den Philippinen nie gedüngt werden, sondern zur Erhaltung ihrer Fruchtbarkeit ausschliesslich auf den durch die Ueberfluthungen aus den Bergen ihnen zugeführten Schlamm angewiesen sind, so mögen obige Zahlen dem wirklichen Durchschnitt wohl eher entsprechen. In Java beträgt in vielen Provinzen die Ernte nur 50 Cabanes per Quiñon, in manchen freilich das Dreifache[4]; in China bei sorgfältigster Kultur und reichlicher Düngung 180 Cabanes.[5] Ausser Reis wird Camote (süsse Kartoffel, Convolvulus batatas) gebaut, die wie Unkraut wuchert, ja sie wird zuweilen sogar angepflanzt, um auf dem zum Kaffee-, Cacao- oder Abacábau bestimmten Boden das Unkraut zu vertilgen. Sie breitet sich zu einem dichten Teppich aus, und ist, da die Ausläufer Wurzel schlagen und Knollen bilden, eine fast unversiegbare Vorrathskammer für den Besitzer, der das ganze Jahr hindurch seinen Bedarf dem Felde entnehmen kann. Auch Gabi (Caladium), Ubi (Dioscorea), Mais und zwei Arum-Arten sind Gegenstände des Feldbaus.

Nach der Reisernte werden Büffel, Pferde und Rinder auf die Felder gelassen. Während des Reisbaues bleiben sie in den Gogonales, Rohrsteppen, die namentlich dort entstehn, wo für den Bau von Bergreis gelichtete Stellen wieder verlassen werden. Gogo ist der Name eines 7 bis 8′ hohen Rohres (Saccharum sp.). Transport findet dann fast nicht statt, weil während der Regenzeit die Wege nicht benutzbar sind und das Vieh nichts zu fressen fände. Der Indier füttert sein Vieh nicht; er lässt es verhungern, wenn es sich nicht selbst erhalten kann. In der nassen Jahreszeit kommt es nicht selten vor, dass ein Büffel, während er den Karren zieht, vor Hunger zusammenstürzt. Ein Büffel kostet 7–10 Dollars, ein Pferd 10–20, eine Kuh 6–8. Sehr schöne Pferde bezahlt man mit 30–50 Dollars, ausnahmsweise sogar bis 80 Dollar, doch werden die hiesigen Pferde in Manila nicht geschätzt, weil sie nicht aushalten; das schlechte Wasser, das schlechte Heu und die grössere Hitze daselbst, richten sie schnell zu Grunde, sonst würde es vortheilhaft sein, Pferde in der guten Jahreszeit nach Manila zu verschiffen, wo sie etwa das Doppelte kosten. Nach Morga (f. 130) gab es weder Pferde noch Esel auf der Insel, bis die Spanier sie aus China und Neu-Spanien einführten.[6] Erstere waren klein und bösartig; auch aus Japan wurden Pferde bezogen, »nicht schnell aber stark mit grossen Köpfen und dicker Mähne, wie Friesen aussehend«.[7] Die Pferde vermehrten sich schnell, die im Lande geborenen, meist von gekreuzter Rasse, schlugen gut ein.

Das Rindvieh ist gewöhnlich in den Händen Einzelner. Es giebt in Camarínes Individuen, welche 1000 bis 3000 Stück besitzen, in der Provinz ist es kaum verkäuflich, doch wird es seit einigen Jahren mit Vortheil nach Manila ausgeführt. Das Rindvieh der Provinz ist klein aber wohlschmeckend, zur Arbeit wird es nie benutzt, auch die Kühe werden nicht gemolken. Die Indier ziehen das Büffelfleisch dem Rindfleisch vor, essen es aber nur an Festtagen, gewöhnlich geniessen sie nur Fische, Krebsthiere, Muscheln und wilde Kräuter zum Reis.

Die alte, von den Spaniern vor Jahrhunderten eingeführte Rasse von Schafen hält sich gut und vermehrt sich leicht; die gelegentlich von Shanghai und Australien gebrachten stehn im Rufe, nicht so gut auszudauern; sie sollen unfruchtbar sein, gewöhnlich bald sterben. In Manila ist Hammelfleisch täglich zu haben, im Innern aber, wenigstens in den östlichen Provinzen fast nie, obgleich die Schafzucht ohne Schwierigkeit, an manchen Orten mit grossem Vortheil getrieben werden könnte. Man ist aber zu nachlässig, um die jungen Lämmer zu hüten, und klagt, dass sie von den Hunden zerrissen werden, wenn sie frei herumlaufen. Die Schafe scheinen sich schwer akklimatisirt zu haben. Morga (f. 130) sagt, dass sie viele male aus Neu-Spanien mitgebracht wurden, sich aber nicht vermehrten, so dass zu seiner Zeit diese Art von Hausthieren nicht vorhanden war. Schweinefleisch wird von wohlhabenden Europäern nur dann gegessen, wenn das Schwein von Jugend auf im Hause erzogen worden ist. Um zu verhüten, dass es sich herumtreibe, wird es gewöhnlich in einen Bambuskäfig, einen weitmaschigen zylindrischen Korb, eingeflochten, und geschlachtet, wenn es denselben ausfüllt. Von den Schweinen der Eingeborenen zu essen ist zu ekelhaft; die Thiere leben unter dem Abtritt, der in manchen kleinen Häusern nur aus den Zwischenräumen der aus Bambuslatten gebildeten Diele besteht und ernähren sich von seinen Abfällen, die sie gierig verschlingen; häufig sieht man sie im Dorfe herumlaufen, Kopf und Hals mit den Resten ihrer Malzeit besudelt.

Crawfurd (338) bemerkt, dass die Namen aller Hausthiere in den Philippinen fremden Sprachen angehören. Hund, Schwein, Ziege, Büffel, Katze, selbst Huhn und Ente seien malayisch oder javanisch; Pferd, Ochs, Schaf, spanisch. Wenn jene Thiere erst von den Malayen eingeführt wurden, so waren die Ureinwohner übler daran, als die Amerikaner, die doch das Alpaca, Llama und Vicuña hatten. — Auch die Namen der meisten Kulturpflanzen, Reis, Yams, Zuckerrohr, Kokos, Indigo seien malayisch, so wie die für Silber, Kupfer, Zinn. Von den auf Gewerbe bezüglichen Wörtern sei ein Drittel malayisch, von Handelsausdrücken die grosse Mehrzahl; auch die Benennungen für Maasse, Gewichte, für den Kalender, soweit ein solcher vorhanden, so wie die (sehr entstellten) Zahlwörter, die Wörter für Schreiben, Lesen, Sprache, Erzählung. Dagegen ist nur eine Minderzahl der Ausdrücke, die sich auf den Krieg beziehn, dem malayischen entlehnt.

Aus den ächt einheimischen Wörtern schliesst Crawfurd auf den Grad der Zivilisation, den die Philippiner vor ihrem Verkehr mit den Malayen besassen: sie baueten kein Getreide, ihre Pflanzenkost bestand in Bataten (?) und Bananen. Sie besassen nicht ein Hausthier, kannten Eisen und Gold, aber kein anderes Metall, und kleideten sich in selbst gewebte Baumwollen- und Abacá-Stoffe. Sie hatten ein eignes phonetisches Alphabet erfunden. Ihre Religion bestand im Glauben an gute und böse Geister und Hexen, in Beschneidung und etwas Sterndeuterei. Somit waren sie den Bewohnern der Südsee voraus durch den Besitz von Gold, Eisen und Geweben und standen ihnen nach, indem sie weder Hund, Schwein noch Huhn besassen.

Lässt man die obige nur mit Hülfe mangelhafter sprachlicher Quellen entworfene Skizze des vorchristlichen Kulturzustandes gelten und vergleicht damit den gegenwärtigen, so ergiebt sich ein grosser Fortschritt, den die Philippiner den Spaniern verdanken. Insofern er die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft, ist er bereits mehrfach im Text hervorgehoben worden. Die Spanier haben das Pferd, das Rind, das Schaf, den Mais, den Kaffee, Rohrzucker, Cacao, Sesam, Tabak, Indigo, viele Früchte und wohl auch die Bataten eingeführt, die sie unter dem Namen Camotli in Mexico vorfanden.[8] Daraus scheint die in den Philippinen allgemeine Benennung Camote entstanden zu sein, die Crawfurd wohl irrthümlich für einheimisch hält. (Wie mir Dr. Witmack mittheilt, neigt man neuerdings zu der Ansicht, dass die Batate nicht nur in Amerika, sondern auch in Ostindien heimisch sei, da sie im Sanskrit zwei Namen habe: Sharkarakanda und Ruktaloo.)

In den Gewerben, ausgenommen in der Stickerei, im Weben und Mattenflechten haben die Eingeborenen nur geringe Fortschritte gemacht. Die Handwerke werden hauptsächlich von Chinesen betrieben.

Die Ausfuhr besteht in Reis und Abaca. Die Provinz führt etwa zweimal so viel Reis aus als sie verzehrt, hauptsächlich nach Albay, das zum Reisbau weniger geeignet, fast nur Abacá erzeugt. Ein Theil geht nach Nord-Camarínes, das sehr bergig und wenig fruchtbar ist. Nach Manila kann der Reis kaum verschifft werden, da eine Landstrasse nach dem der Hauptstadt nahen Südrande der Provinz nicht vorhanden und der Wassertransport vom Nordrande und dem ganzen östlichen Theil von Luzon das Produkt zu sehr vertheuern würde. Die Einfuhr beschränkt sich auf das Wenige, was chinesische Krämer einführen. Die Händler sind fast alle Chinesen, sie allein besitzen Läden, in denen namentlich Kleiderstoffe und Tücher, theils inländischer, theils europäischer Fabrik, gestickte Frauenpantoffeln und unächte Schmucksachen zu haben sind. Das Gesammtkapital, welches in diesen Läden steckt, erreicht gewiss nicht 200,000 Dollar. In den übrigen Pueblos von Camarínes giebt es keine chinesischen Handelsleute, sie müssen sich also aus Naga versorgen.

Das Land gehört dem Staat, wird aber einem Jeden, der es bebauen will, umsonst überlassen; der Niessbrauch geht auf die Kinder über, und hört nur dann auf, wenn der Boden zwei Jahre lang unbenutzt liegen bleibt. Es steht dann der Behörde frei, zu Gunsten eines Andern darüber zu verfügen.

Jede Familie besitzt ihr eignes Haus. Gewöhnlich erbaut es der junge Ehemann mit Hülfe seiner Freunde. An manchen Orten kostet es nicht über 4 bis 5 Dollar; zur Noth kann er es auch selbst herstellen, ohne Auslagen, ohne andres Handwerkzeug als das Waldmesser (Bolo) und ohne andres Material, als Bambus, spanisches Rohr und Palmblätter. Dergleichen Häuser, die wegen der Feuchtigkeit immer auf Pfählen stehn, und oft nur einen einzigen überdachten Raum haben, in welchem alle Verrichtungen vorgenommen werden, sind Ursache grosser Liederlichkeit und schmutziger Gewohnheiten; die ganze Familie schläft darin gemeinschaftlich und jeder Durchreisende ist ein willkommener Gast. Ein schönes Haus von Brettern für die Familie eines Cabeza mag gegen 100 Dollar kosten. Das Vermögen einer solchen Familie an Immobilien, Möbeln, Schmuck u. s. w. (sie müssen jährlich ein Inventarium einreichen) beläuft sich auf 100 bis 1000 Dollars. Einige haben sogar über 10,000, der Reichste der ganzen Provinz wird auf 40,000 Dollars geschätzt.

Im Allgemeinen lässt sich behaupten, dass jedes Pueblo seine Bedürfnisse selbst erzeugt und wenig darüber hervorbringt. Für den indolenten Indier, namentlich für den der östlichen Provinzen, ist das Dorf, in dem er geboren worden, die Welt. Er verlässt es nur unter dringenden Umständen. Uebrigens würde das von der Kopfsteuer unzertrennliche strenge Passwesen der Reiselust, falls sie vorhanden wäre, grosse Schwierigkeiten in den Weg legen.

Der Indier isst täglich dreimal: um 7 Uhr Vormittags, 12 und 7 oder 8 Abends; die kräftigsten Arbeiter verzehren bei jeder Malzeit eine Chupa Reis, gewöhnliche Individuen eine halbe zum Frühstück, eine zum Mittag, eine halbe zum Abend, zusammen 2 Chupas. Jede Familie erntet ihren Reisbedarf selbst und bewahrt ihn in Scheuern auf, oder kauft ihn enthülst auf dem Markt, und dann gewöhnlich nur den Bedarf eines Tages oder einer Malzeit auf einmal. Der mittlere Einzel-Preis ist 3 Cuartos für 2 Chupas (14 Chupas del Rey für 1 r.). Für jede einzelne Malzeit wird der Reisbedarf in einem hölzernen Mörser von den Frauen gestossen um ihn zu enthülsen — aus alter Gewohnheit, und auch wohl aus Furcht, dass der Vorrath sonst zu schnell verschmaust werden würde. Der Reis wird nur halb gar gekocht. Es scheint, dass dies überall geschieht, wo er einen wesentlichen Theil der Nahrung ausmacht; schon in Spanien und Italien ist dies wahrzunehmen. An Würzen werden Salz und viel spanischer Pfeffer (Capsicum) genossen, der, ursprünglich aus Amerika eingeführt, überall um die Häuser wächst. Die Eingeborenen ziehn sogenanntes Steinsalz dem gemeinen Kochsalz vor; es wird durch Eindampfen von Meerwasser erhalten, das vorher durch Asche filtrirt worden. Eine Chinanta (12,6 Zoll-Pfund) kostet 1½ bis 2 r. Der Salzverbrauch ist äusserst gering.

Die Genussmittel des Indiers sind Buyo[9] und Zigarren, eine Zigarre kostet 1, ein Buyo 0,1 cu. Die Zigarre wird fast nie geraucht, sondern in Stücke zerschnitten und mit dem Buyo gekaut, auch die Frauen kauen Buyo und Tabak, aber gewöhnlich sehr mässig, sie färben sich auch nicht die Zähne schwarz, wie die Malayen, die jungen und hübschen putzen sich sogar dieselben fleissig mit der Hülle der Arecanuss, deren parallel und eng neben einander liegende starre Fasern im Queerschnitt eine vortreffliche Zahnbürste bilden, baden mehrere male täglich, und übertreffen an Sauberkeit die Mehrzahl der Europäerinnen. Wohl jeder Indier hält sich einen Kampfhahn; selbst wenn er nichts zu essen hat, findet er Geld zum Hahnenkampf.

Hausrath: Zum Kochen dient ein irdener Topf für 3–10 cu., beim Reiskochen wird er mit einem Bananenblatt fest zugebunden, so dass der Dampf einer sehr geringen Wassermenge hinreicht. Ein anderes Küchengeräth ist bei Aermeren nicht vorhanden. Reichere haben auch einige gusseiserne Pfannen, irdene Töpfe und Schüsseln. Der Heerd besteht in den kleineren Häusern aus einer tragbaren irdenen Pfanne oder einem flachen Kasten, oft einer alten Zigarrenkiste voll Sand, mit drei Steinen, welche als Dreifuss dienen; in den grossen Häusern hat der Heerd die Form einer Bettstelle, die statt einer Matratze mit Sand oder Asche gefüllt ist. Das Wasser für kleine Haushaltungen wird in dicken Bambusen geholt und aufbewahrt; Jedermann besitzt ausserdem in seinem Bolo (Waldmesser) ein Universalinstrument, das er in einer selbstgefertigten Holzscheide an einer aus Bastfaser nachlässig zusammengedrehten Schnur um den Leib trägt. Dies und der Reismörser (ein Holzklotz mit einer entsprechenden Vertiefung) sammt Stösser und einige Körbe bilden das gesammte Hausgeräth einer ärmeren Familie; zuweilen findet sich noch eine grosse Schnecke mit Binsendocht als Lampe. Man schläft auf einer Matte von Pandanus oder Buri (Fächerpalme, Corypha), wenn eine vorhanden, sonst auf den Bambusspliessen, womit das Haus gedielt ist. Oel zur Beleuchtung wird von den Armen fast gar nicht verwendet, sondern Harzfackeln, die je 1–2 Tage dauern und auf dem Markt für ½ cu. verkauft werden.

An Kleidung braucht eine Frau: Camisa de Guinara (kurzes Hemd von Abacáfasern), ein Patadíon (Rock der von der Hüfte bis zum Knöchel reicht), ein Tuch, einen Kamm. Ein Stück Guinara zu 1 r. giebt 2 Hemden, die gröbsten Patadíon kosten 3 r., ein Tuch höchstens 1 r., Kamm 2 cu, zusammen 4 Realen 12 cu = 24 Sgr. Die Frauen besserer Klasse tragen Camisa 1 bis 2 r, Patadíon 6 r, Tuch 2–3 r., Kamm 2 cu. Der Mann trägt Hemd 1 r, Hose 3 r, Hut (Tararura), aus spanischem Rohr, 10 cu, oder Salacot (grosser Regenhut, häufig verziert) wenigstens 2 r, oft mit Silberbeschlag bis zum Werthe von 50 Dollar. Es werden jährlich wenigstens drei, wohl eher vier Anzüge verbraucht, die Frauen pflegen aber fast den ganzen Bedarf für die Familie selbst zu weben.

Arbeitslohn: Für den gewöhnlichen Arbeiter 1 r, kein Essen; Arbeitszeit von 6–12 und von 2–6 Uhr. Die Frauen verrichten in der Regel keine Feldarbeit, doch pflanzen sie den Reis um und helfen ihn ernten; in beiden Fällen ist ihr Lohn gleich dem der Männer. Holz- und Stein-Arbeiter erhalten 1,5 r. per Tag, Kalfaterer 1,75 r.

Ein ziemlich gebräuchlicher Kontrakt bei dem Landbau ist der des Tercio: der Eigenthümer überlässt das nackte, aber urbar gemachte Land für den dritten Theil der Ernte. Einzelne Mestizen besitzen viele Grundstücke, aber selten zusammenhängend, da sie ihnen gewöhnlich als Schuldpfänder zu einem geringen Theil des Werthes zufallen.

Verdienst einer kleinen Familie: Der Mann verdient täglich 1 r, die Frau, wenn sie grobe Stoffe webt ¼ r. und Essen (1 Stück Guinara kostet ½ r. Weberlohn und erfordert 2 Tage Arbeit). Die geschickteste Weberin feinerer Stoffe erhält für das Stück 12 r. Arbeitslohn; und vollendet es in einem Monat, der aber wegen der vielen Feiertage im allerhöchsten Fall gleich 24 Arbeitstagen zu rechnen ist, sie verdient also ½ r. per Tag und Essen. Für das Aneinanderknüpfen der Ananasfasern zur Piña-Weberei (Sugot genannt) wird nur ⅛ r. und Essen bezahlt.

In allen Pueblos sind Schulen vorhanden. Der Schullehrer wird von der Regierung bezahlt, und erhält gewöhnlich 2 Dollars monatlich, weder Wohnung noch Beköstigung. In grossen Pueblos steigt das Gehalt auf 3½ Dollars, davon muss aber ein Gehülfe besoldet werden. Die Schulen stehen unter Aufsicht des Ortsgeistlichen. Es wird Lesen und Schreiben gelehrt, die Vorschriften sind spanisch. Der Lehrer soll eigentlich seine Schüler spanisch lehren, er versteht es aber selbst nicht, andererseits verstehn die spanischen Beamten nicht die Landessprache, die Priester aber haben keine Neigung an diesen Zuständen zu ändern, die ihrer Macht sehr förderlich sind. Es können fast nur solche Indier spanisch, die im Dienst von Europäern gewesen sind. Gelesen wird in der Landessprache (bicol) zuerst eine Art religiöser Fibel, später die Doctrina cristiana, das Lesebuch heisst Casayayan. Durchschnittlich geht die Hälfte aller Kinder in die Schule, gewöhnlich vom siebenten bis zehnten Jahr, sie lernen etwas lesen, einige auch ein wenig schreiben, vergessen es aber bald wieder; nur solche, die später als Schreiber Dienst nehmen, schreiben geläufig und haben meist eine gute Handschrift. Einige Pfarrer dulden nicht, dass Knaben und Mädchen dieselbe Schule besuchen, in diesem Fall besolden sie noch eine besondere Lehrerin mit 1 Dollar monatlich. Rechnen lernen die Indier sehr schwer, sie nehmen gewöhnlich Muscheln oder Steine zur Hülfe, die sie in Häufchen legen und dann zählen.

Die Frauen heirathen selten vor dem vierzehnten Jahre, — zwölf Jahre ist der gesetzliche Termin. Im Kirchenbuche von Polangui fand ich eine Trauung (Januar 1837) verzeichnet zwischen einem Indier und einer Indierin, die den ominösen Namen Hilaria Concepcion führte und bei Vollziehung der Ehe, wie aus einer Randbemerkung hervorgeht, nur 9 Jahre und 10 Monate alt war. Es kommt vor, dass Leute ungetraut zusammen leben, weil sie die Kosten der Trauung nicht zahlen können. Mädchen, die als Geliebte von Europäern Kinder bekommen, rechnen es sich fast zur Ehre. Noch mehr ist dies der Fall, wenn das Kind vom Pfarrer ist; der Cura erhält immer seine Kinder, aber unter angenommenen Namen. In Fällen ehelicher Untreue, die nicht selten sind, wird die schuldige Frau gewöhnlich geprügelt, der Verführer geht frei aus; fast nie gelangen Beschwerden an das Gericht. Die Männer sind meist liederlich. Eine Frau brachte die Geliebte ihres Mannes durch Zureden zum Geständniss ihrer Schuld, und schnitt ihr darauf mit einer bereit gehaltenen Scheere das ganze Haupthaar ab; dies ist das einzige Beispiel von Rache, das in den letzten Jahren vorgekommen war. Europäerinnen, ja selbst Mestizinnen, lassen sich, nach Versicherung ihrer Männer, nie mit Indiern ein. Die Frauen werden im Allgemeinen gut behandelt, verrichten nur leichte Arbeit, Nähen, Weben, Sticken, Besorgung des Haushalts; alle schwere Arbeit mit Ausnahme des Reisstampfens fällt den Männern zu. Oeffentliche Mädchen verkehren mit allen Frauen und verheirathen sich auch oft, zuweilen bieten Väter ihre Töchter Europäern an, indem sie ein Darlehn erbitten und die Tochter dafür als Näherin in’s Haus bringen.

Fälle von hohem Alter sind unter den Indiern, namentlich in Camarínes häufig. Das Diario de Manila vom 13. März 1866 berichtet über einen Alten in Darága (Albay) den ich wohl gekannt habe: Juan Jacob 1744 geboren, 1764 verheirathet, 1845 verwittwet, hat bis 1840 viele öffentliche Aemter bekleidet, hatte 13 Kinder, von denen 5 leben, 170 direkte Nachkommen, ist mit 122 Jahren noch rüstig, hat gute Augen und Zähne; — erhielt sieben mal die letzte Oelung!

Die ersten Excremente eines neugeborenen Kindes werden sorgfältig aufbewahrt und unter dem Namen Triaca (Theriacum) als ein besonders auch gegen den Biss von Schlangen und tollen Hunden wirksames Universalheilmittel aufbewahrt. Es wird auf die Wunde gelegt und zugleich eingenommen.

Eine grosse Anzahl Kinder stirbt in den ersten beiden Wochen nach der Geburt. Es fehlen darüber alle statistischen Daten, aber nach Ansicht eines der ersten Aerzte in Manila kommt wenigstens ein Viertel um. Die Ursache soll allein in der grossen Unreinlichkeit und schlechten Luft liegen, da in den Stuben der Kranken und Wöchnerinnen Thüren und Fenster so dicht verschlossen werden, dass vor Gestank und Hitze Gesunde krank werden, Kranke schwer genesen. Früher verstopfte bei Geburten der Mann alle Oeffnungen des Hauses, damit Patianac nicht eindringe, ein böser Geist der den Wöchnerinnen Unheil bringt und die Geburt zu hindern sucht. Der Gebrauch hat sich fort erhalten, bei Vielen wohl auch der Aberglaube ohne eingestanden zu werden; wo dieser erloschen, hat man in der Furcht vor Zugluft eine neue Erklärung für einen alten Brauch gefunden: Beispiele solcher Anpassungen finden sich bei allen Völkern. Eine sehr verbreitete Krankheit ist die Krätze, doch soll sie nach Versicherung des bereits erwähnten Arztes weniger allgemein sein, als Nichtärzte glauben, die jene Bezeichnung auf Hautausschläge überhaupt anwenden; an solchen haben die Eingeborenen in Folge schlechter Diät sehr zu leiden, Bicolindier mehr als Tagalen.[10] Unter gewissen Verhältnissen, welche die darüber befragten Aerzte nicht genauer zu bestimmen vermochten, können die Eingeborenen weder Hunger noch Durst ertragen (davon bin ich mehreremale Zeuge gewesen). Sie sollen, wenn sie in solchem Zustande gezwungen sind, das Bedürfniss ungestillt vorüber gehn zu lassen, bedenklich erkranken und oft an den Folgen sterben.

Die krankhafte Sucht des Nachahmens, in Java Sakit-latar genannt, kommt auch hier vor und heisst Mali-mali. In Java glauben Viele, dass die Krankheit nur Verstellung sei, weil die angeblich damit Behafteten es vortheilhaft finden, sich vor neu angekommenen Europäern sehn zu lassen. Hier aber beobachtete ich ein Beispiel, bei dem wohl keine Verstellung vorausgesetzt werden konnte; meine Begleiter benutzten den krankhaften Zustand einer armen Alten, die uns begegnete, um auf offener Strasse rohe Spässe mit ihr zu treiben. Die Alte ahmte alle Bewegungen nach, wie von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, und äusserte zugleich ihren lebhaftesten Unwillen über die Leute, die ihre Schwäche missbrauchten.

In R. Maak’s Reise nach dem Amur (Путешестіе на Амуръ pg. 83) heisst es: »Nicht gerade selten, leiden auch die Maniagrer an einer höchst sonderbaren Nervenkrankheit, mit welcher wir schon gründlich bekannt waren durch die Beschreibungen vieler Reisenden.[11] Man begegnet dieser Krankheit bei der Mehrzahl der wilden Völker Sibiriens, so wie auch bei den dort angesiedelten Russen. Im Gebiete der Jakuten, wo dieses Leiden sehr häufig vorkommt, sind die damit behafteten, sowohl bei den Russen als den Jakuten unter dem Namen Emiura bekannt; hier aber (d. h. in dem Theile Sibiriens, wo die Maniagri wohnen) werden dergleichen Kranke von den Maniagrern »Olon«, von den Argurischen Kosaken »Olgandshi« genannt. Die Anfälle der von mir hier besprochenen Krankheit bestehn darin, dass ein daran leidender Mensch, wenn er in Schrecken oder Bestürzung geräth, unbewusst und oftmals ohne das geringste Schamgefühl alles nachahmt, was vor ihm geschieht. Wird ein solcher Mensch geärgert, so geräth er in eine Raserei, die sich dadurch äussert, dass er ein wildes Geschrei ausstösst, auf andre Weise wüthet und sich sogar mit einem Messer oder irgend einem andern Gegenstand, der ihm gerade in die Hände fällt, auf diejenigen losstürzt, die ihn in diesen Zustand versetzten. Bei den Maniagrern leiden vorzugsweise Frauenspersonen an dieser Krankheit, besonders sehr alte; übrigens sind mir auch Beispiele von Männern bekannt, welche damit behaftet waren. Bemerkenswerth ist, dass die von diesem Leiden heimgesuchten Weiber dessen ungeachtet kräftig waren, und sich in allen übrigen Beziehungen einer guten Gesundheit erfreuten.«

Es ist vielleicht nur ein zufälliges Zusammentreffen, dass in den Malayenländern Sakit latar und Amok, wenn auch nicht bei demselben Individuum, doch bei denselben Völkern neben einander bestehn. Beispiele von Amok scheinen auch in den Philippinen vorzukommen.[12] Folgenden Bericht finde ich im Diario de Manila vom 21. Februar 1866: In Cavite drang am 18. Februar ein Soldat vom 8. Regiment in das Haus eines Schullehrers, gerieth mit diesem in Streit und erstach ihn, mit einem zweiten Dolchstoss tödtet er den Sohn des Lehrers, stürzt auf die Strasse, ersticht zwei junge Mädchen von 10 bis 12 Jahren, verwundet eine Frau in der Seite, einen neunjährigen Knaben im Arm, einen Kutscher (tödtlich) im Unterleib, ferner noch eine Frau, einen Matrosen, drei Soldaten. An seiner Kaserne angekommen, und von der Schildwache angehalten, stösst er sich selbst den Dolch in die Brust . . . Leider steht der Fall nicht vereinzelt da . . .

Es ist eine der grössten Beleidigungen über einen schlafenden Eingeborenen zu schreiten, oder ihn schroff zu wecken. Sie wecken einander, wenn es durchaus geschehen muss, mit der grössten Rücksicht und ganz allmälig.[13]

Der Geruchsinn ist bei den Indiern in so hohem Grade entwickelt, dass sie im Stande sind durch Beriechen der Taschentücher zu erkennen, welcher Person sie angehören, (Reisesk. pg. 39). Verliebte tauschen beim Abschied Stücke getragener Wäsche aus, und schlürfen während der Trennung den Geruch des geliebten Wesens ein, ebenso bei dem Küssen.[14]


[1] Arenas (Memorias 5. 9) glaubt, dass vielleicht die alten Jahrbücher der Chinesen, da dieses Volk schon früh mit dem Archipel verkehrte, Aufschluss über die Herkunft seiner heutigen Bewohner enthalten. »Ist dies aber nicht der Fall, so dürfen wir nicht danach forschen, denn Gott will uns den Ursprung dieser Indier verbergen, und seine Beschlüsse müssen wir achten«. [↑]

[2] Wahrscheinlich Anodonta purpurea Val. nach v. Martens. [↑]

[3] Das Mittel der Durchschnittsernten in den zwölf preussischen Provinzen ist 9,211 Scheffel Getreide per Morgen. (Nassau und Hohenzollern nur 7,98 und 7,19). [↑]

[4] 650 Pfund per Bünder. — De Rijst, Maatsch. tot nut S. 13. [↑]

[5] Scherzer, Fachmännische Berichte A. 91. [↑]

[6] Mehr als hundert Jahre später berichtet Pater Taillandier: »die Spanier haben aus Amerika Kühe, Pferde und Schafe kommen lassen, aber diese Thiere können dort nicht leben, wegen der Feuchtigkeit und der Ueberschwemmungen.« Letzteres soll sich wohl nur auf die Schafe beziehen. — (Taillandier au père Willard, Lettres édifiantes.) [↑]

[7] Gegenwärtig sollen die chinesischen Pferde plump, grossköpfig, buschig, behaart, die japanischen zierlich, ausdauernd, den arabischen ähnlich sein. Gute Manilapferde entsprechen letzterem Typus und werden in den chinesischen Hafenplätzen von den Europäern sehr geschätzt. [↑]

[8] Vergl. Hernandez Opera omnia; Torquemada, Monarchia Indica. [↑]

[9] Buyo nennt man in den Philippinen die mundgerechte Zurichtung des Betels. Ein Blatt Betelpfeffer (Chavica betel) von der Form und Grösse eines Bohnenblattes, wird mit einem erbsengrossen Stückchen gebrannten Kalkes bestrichen, und von beiden Rändern nach der Mittellinie hin zusammengerollt; dann wird das eine Ende der Rolle in das andere gesteckt, so dass ein Ring entsteht; in diesen wird ein flaches Stück Arecanuss von entsprechender Grösse eingepasst. [↑]

[10] Im Lande glaubt man, dass Fleisch von Schweinen, die sich auf die S. 124 angegebene Weise nähren, oft diese Krankheit hervorrufe; ein befreundeter Physiologe vermuthet die Ursache eher in reichlichem Genuss sehr fetten Schweinefleisches — Indier essen aber gewöhnlich nicht viel Fleisch und die Schweine sind selten sehr fett. [↑]

[11] Vergl. A. Erman Reise um die Erde durch Nordasien. Abth. I. Bd. 3, S. 191. [↑]

[12] Nach Semper S. 69 in Zamboanga und Basilan. [↑]

[13] Die Scheu den Schlafenden zu wecken beruht wohl auf dem sehr verbreiteten Aberglauben, dass im Traume die Seele den Körper verlasse (zahlreiche Beisp. davon in Bastian’s Werken). Bei den Tinguianes (Nord-Luzon) lautet der ärgste aller Flüche: mögest Du schlafend sterben (Informe I, 14). [↑]

[14] Lewin, (Chittagong Hill tracts 1869. S. 46,) erzählt von den dortigen Bergvölkern: »Ihre Art zu küssen ist sonderbar: statt Lippe an Lippe zu pressen, legen sie Mund und Nase auf die Wange, und ziehn den Athem stark ein. In ihrer Sprache heisst es nicht: Gieb mir einen Kuss, sondern: rieche mich.« [↑]