ZWÖLFTES KAPITEL
REISEN IN SÜD-CAMARINES. — GLIEDERUNG DER PROVINZ. — SPANISCHE PRIESTER. — ALKALDEN UND MANDARINE.
In Albáy war vor Januar nicht auf besseres Wetter zu rechnen, es stürmte und regnete täglich; ich ging daher in die westlich davon gelegene Provinz Süd-Camarínes, die, durch hohe Berge an ihrem NO. Rande gegen die herrschenden Winde geschützt, gutes Wetter hatte. Abgesehn von der in NO. vorliegenden, nur durch eine vom Ysaróg gebildete Landenge mit Camarínes verbundenen Halbinsel Caramúan, streicht Camarínes NO. SW. und bildet eine im Mittel zehn Leguas breite an mehreren Stellen von tiefen Buchten ausgezackte Halbinsel. In ihrer nordöstlichen Hälfte liegt eine Reihe von Vulkanen und Trachyt- und Doleritkuppen; der südwestliche Rand besteht, so weit ich Gelegenheit hatte ihn zu untersuchen, aus Kalk, anscheinend gehobene Korallenriffe. Zwischen beiden Bergzügen dehnt sich ein vielfach gewundenes fruchtbares Thal aus, in welchem sich die von den innern Abhängen herabfliessenden Gewässer sammeln und einen schiffbaren Fluss, den Bicol, bilden, an welchem sich der Reihe nach eine Anzahl blühender Ortschaften angesiedelt hat. So reichlich ist die dem Bicol aus den östlichen Bergen zuströmende Wassermenge, so gering die Neigung der Thalsohle, die ein fast ununterbrochenes Reisfeld bildet, dass an vielen Stellen kleine Seen entstehn. Fast jede Ortschaft hat einen solchen; der bedeutendste ist der Batu-See, die kleinsten schrumpfen in der trocknen Jahreszeit zu blossen Wasserpfützen ein. Von Südosten anfangend, liegen in dem nordöstlichen Streifen die Vulkane Bulusán, Albay, Mazarága, Yriga, Ysaróg und, jenseits der Bucht von S. Miguel, der Colási, in einer geraden Linie, wie die ganze Landzunge selbst, von NW. nach SO. streichend. Der Vulkan Buhi oder Malináo, auch Tikát genannt, tritt in NO. ein wenig über diese Linie hinaus. Parallel dieser Vulkanenreihe sind die Ortschaften der Provinz in der Mittellinie geordnet; der südliche Streifen ist spärlich bewohnt, und sendet in seiner ganzen Erstreckung nur wenige Bäche in das Thal, was auch dafür zu sprechen scheint, dass er aus Kalk bestehe. Der vulkanische Bergwall hält, wie erwähnt, die NO. Winde ab und verdichtet ihre Wasserdämpfe an seinem dem Meere zugewandten Abhang, so dass der südwestlich davon liegende Theil der Provinz während des NO. Monsuns trocken ist, während des SW. Monsuns Regen hat. Die sogenannte trockene Jahreszeit, die für Süd-Camarínes mit November beginnt, ist aber von häufigen Regenschauern unterbrochen; verhältnissmässig trocken sind nur die Monate Januar bis Mai. Im Mai und Juni findet der Monsunwechsel statt, der sich durch starke Gewitter und Stürme aus SW. verkündet, die zuweilen eine bis zwei Wochen fast ohne Unterbrechung dauern und von starkem Regenfall begleitet sind. Sie leiten die eigentliche Regenzeit ein, die bis in den Oktober währt.
Die Strasse führt um den Südostrand der Vulkane Máyon und Mazarága, über die Ortschaften Camálig, Guinobátan, Ligáo, Oas, Polángui, die alle in einer geraden Linie SO. NW. an einem Flüsschen, Quínali, liegen, das nach Aufnahme zahlreicher Bäche bald hinter dem letzten Ort schiffbar wird. Es stehn dort einige Hütten, die wie der Fluss selbst, Quínali heissen. Eine ausgenommen, haben alle genannte Ortschaften über 14,000 Seelen, doch liegen sie meist weniger als eine Legua von einander entfernt. Die Conventos sind grosse stattliche Gebäude, die damaligen Curas, grösstentheils ältere Leute, waren im höchsten Grade gastfrei und liebenswürdig. Bei jedem musste eingekehrt werden, worauf der Señor Padre anspannen liess und seinen Gast zum nächsten Amtsbruder fuhr. In Polángui wollte ich ein Boot miethen, um nach dem See von Batu zu fahren; es war aber keines vorhanden, nur zwei grosse aus einem Baumstamm gezimmerte Barotos von 80 Fuss Länge lagen da, mit Reis aus Camarínes beladen. Damit ich nicht aufgehalten werde, kaufte der Padre den Inhalt des einen Bootes unter der Bedingung des sofortigen Ausladens, so dass ich Nachmittags meine Reise fortsetzen konnte.
Steht der Reisende mit dem Cura gut, so kommt er nicht leicht in Verlegenheit. Ich wollte einmal mit einem Pfarrer eine kleine Reise gleich nach Tisch antreten, um 11¼ Uhr waren alle Vorbereitungen fertig. Ich äusserte, dass es schade sei, die ¾ Stunden bis zur Malzeit zu warten. Gleich darauf schlug es 12; alle Arbeit im Dorfe hörte auf; wir sowohl als unsere Träger setzten uns zu Tisch; es war Mittag. Dem Glockenschläger war die Botschaft zugegangen: »Der Señor Padre liesse ihm sagen, er schliefe gewiss wieder, es müsse längst 12 Uhr sein, denn der Señor Padre habe Hunger.« — »Il est l’heure, que Votre Majesté désire.«
Dorfglocke in Camarines.
Ein ausgehöhlter Baumstamm, mit einem horizontal schwebendem Holzklotz als Klöppel.
Die grosse Mehrzahl der Geistlichen in den östlichen Provinzen von Luzon und Samar besteht aus Franziskaner-Mönchen (Religiosos menores descalzos de la regular y mas estrecha observancia de nuestro Santo Padre San Francisco en las Islas Filipinas de la Santa y Apostolica Provincia de San Gregorio magno), die in besonderen Seminarien in Spanien für die Mission in den Kolonien erzogen werden. Früher stand ihnen frei, nach zehnjährigem Aufenthalt in den Philippinen in ihr Vaterland zurückzukehren; seitdem aber in Spanien die Mönchsklöster aufgehoben, ist ihnen dies nicht mehr gestattet, da sie gezwungen sein würden, dort der Ordensregel zu entsagen und als Rentner zu leben. Sie wissen, dass sie jetzt ihre Tage in der Kolonie beschliessen müssen und richten sich danach ein. Bei ihrer Ankunft werden sie gewöhnlich zu einem Priester in die Provinz gesandt, damit sie die Landessprache erlernen, erhalten dann zunächst eine kleine, später eine einträgliche Pfarre, in der sie meist bis an ihr Lebensende verbleiben. Der grösste Theil dieser Männer ist aus den untersten Volksschichten hervorgegangen. Zahlreiche, in Spanien vorhandene fromme Stiftungen machen es dem Armen, der für seinen Sohn nicht die Schule zahlen kann, möglich, ihn in das Seminar zu schicken, in welchem er ausser dem besonderen Dienst, zu dem er abgerichtet wird, nichts lernt. Wären die Mönche von feinerer Bildung, wie ein Theil der englischen Missionäre, so würden sie wohl ebenso wenig Neigung haben sich unter das Volk zu mischen und ebenso wenig Einfluss auf dasselbe erlangen wie diese in der Regel. Die früheren Lebensgewohnheiten der spanischen Mönche, ihr enger Gesichtskreis befähigen sie ganz besonders dazu, mit den Eingeborenen zu leben. Gerade dadurch haben sie ihre Macht über dieselben so fest begründet.
Wenn dergleichen junge Leute eben frisch aus ihrer Pflanzschule kommen, sind sie unglaublich beschränkt, unwissend, zuweilen auch ungezogen, voll Dünkel, Ketzerhass und Bekehrungseifer. Allmälig schleift sich diese rauhe Aussenseite ab; die geachtete Stellung, die reichlichen Einkünfte, die sie geniessen, machen sie wohlwollend. Der gesunde Menschenverstand und das Selbstvertrauen, die den niedern spanischen Volksklassen eigen sind und sich bei Sancho Panza als Guvernör so ergötzlich offenbaren, haben in dem einflussreichen, verantwortlichen Posten, den der Cura einnimmt, volle Gelegenheit, sich geltend zu machen. Sehr häufig ist der Cura der einzige Weisse im Ort und meilenweit wohnt kein andrer Europäer. Er ist dann nicht nur Seelsorger, sondern auch Vertreter der Regierung, das Orakel der Indier, dessen Ausspruch namentlich in Allem, was sich auf Europa und Zivilisation bezieht, ohne Appell ist; — in allen wichtigen Angelegenheiten wird er um Rath gefragt und hat Niemand, bei dem er sich Rath holen kann. Unter solchen Verhältnissen kommen alle seine geistigen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung. Derselbe Mensch, der in Spanien hinter dem Pflug hergegangen wäre, führt hier grosse Unternehmungen aus; ohne technische Bildung, ohne wissenschaftliche Hülfsmittel baut er Kirchen, Strassen, Brücken. So vorteilhaft aber auch diese Verhältnisse für die Entwicklung der Fähigkeiten des Geistlichen sind, so wäre es doch für die Bauten selbst besser, wenn sie von Fachmännern ausgeführt würden; denn die Brücken stürzen gern ein, die Kirchen sehn oft wie Schafställe aus, die anspruchsvolleren haben zuweilen gar tolle Fassaden, und die Strassen verfallen bald wieder; aber Jeder macht es eben so gut, wie er kann. Fast Allen liegt das Wohl ihrer Ortschaft am Herzen, wenn auch der Eifer und die eingeschlagenen Wege, auf denen sie dieses Ziel verfolgen, nach den Persönlichkeiten sehr verschieden sind. Ich habe in Camarines und Albáy viel Umgang mit den Curas gehabt und sie ausnahmlos liebgewonnen. Sie sind in der Regel ohne allen Dünkel und in den abgelegenen Orten so glücklich, wenn sie einmal Besuch erhalten, dass sie Alles aufbieten, um ihrem Gast den Aufenthalt so angenehm als irgend möglich zu machen. Das Leben in einem grossen Convento hat viel Aehnlichkeit mit dem bei einem Gutsbesitzer im östlichen Europa. Nichts kann zwangsloser sein. Man lebt so unabhängig wie im Gasthaus, und manche Gäste betragen sich auch so, als wären sie in einem solchen. Ich habe einen Subalternbeamten ankommen sehn, der ohne Weiteres den Mayordomo vor sich beschied, sich ein Zimmer anweisen liess, sein Essen bestellte und nur beiläufig fragte, ob der Pfarrer, mit dem er doch nur ganz oberflächlich bekannt war, zu Hause sei.
Häufig wird den Priestern in den Philippinen ihre grosse Liederlichkeit vorgeworfen; das Convento stecke voll hübscher Mädchen, unter denen der Cura wie ein Sultan lebe. Auf die eingeborenen Priester mag dies oft passen; bei den zahlreichen spanischen Pfarrern, deren Gast ich war, habe ich nicht ein einziges Mal etwas Anstössiges in dieser Beziehung zu sehn bekommen, die Dienerschaft bestand nur aus Männern und vielleicht einem oder zwei alten Weibern. Ribadeneyra behauptet[1]: »Die Indier, welche sehn, wie die Barfüsslermönche ihre Keuschheit bewahren, sind in ihren Gedanken dahin gekommen, sie nicht für Menschen zu halten. . . . und obgleich der Teufel sich bemüht hat, viele, bereits verstorbene, keusche Geistliche zu verführen und auch solche, die noch leben, indem er sich der Frechheit einiger Indierinnen als Werkzeug bediente, so sind sie dennoch zur grossen Beschämung der Indierinnen und Satans siegreich geblieben.« Dieser Autor ist aber sehr unzuverlässig, sagt er doch (Kap. III. S. 13), die Insel Cebu hiesse mit anderem Namen Luzon! Jedenfalls passt seine Schilderung nicht auf die heutigen Zustände. Der junge Geistliche lebt in seiner Pfarre wie ein Gutsherr früherer Zeit; die Mädchen rechnen es sich für eine Ehre an, mit ihm umzugehn, die Gelegenheit ist für ihn viel bequemer, da er durch keine eifersüchtige Frau bewacht wird und als Beichtiger und geistlicher Rathgeber beliebig mit den Frauen allein zu sein Gelegenheit hat.[2] Die Beichte muss namentlich eine gefährliche Klippe für ihn sein. Im Anhange zur tagalischen Grammatik, der in den für das Publikum käuflichen Exemplaren fehlt, ist zur Bequemlichkeit des jungen Pfarrers, welcher der Sprache noch nicht mächtig ist, eine Reihe von Fragen enthalten, die er der Beichtenden vorlegen soll; mehrere Seiten derselben beziehn sich auf den geschlechtlichen Umgang.
Da die Alkalden nur drei Jahre in einer Provinz bleiben dürfen, die Landessprache niemals verstehn, durch ihre amtlichen Geschäfte sehr in Anspruch genommen sind und keine Zeit, gewöhnlich auch keine Lust haben, die Eigenthümlichkeiten der Provinz, die sie verwalten, kennen zu lernen, während der Cura in der Mitte seiner Pfarrkinder lebt, sie genau kennt und auch ihnen gegenüber die Regierung vertritt, so kommt es, dass er die wirkliche Behörde in seinem Distrikt ist. Die Stellung der Geistlichen, den Regierungsbeamten gegenüber, spricht sich auch in den Wohnungen aus. Die »Casas reales« meist klein, schmucklos, oft baufällig entsprechen nicht dem Range des ersten Beamten der Provinz; das Convento dagegen ist gewöhnlich ein sehr geräumiges, stattliches, wohleingerichtetes Gebäude. Früher, als die Guvernör-Stellen an Abenteurer verkauft wurden, die nur darauf bedacht waren sich zu bereichern, war der Einfluss der Geistlichen noch viel grösser als gegenwärtig.[3] Folgende Verordnungen deuten ihre ehemalige Stellung besser an, als lange Beschreibungen:
»Obgleich einige frevelhafte Eingriffe (atentados) gerechten Grund zum Kapitel X. der Ordonnanzen gegeben haben, worin der Guvernör D. P. de Arandia befiehlt, dass die Alkalden und Justizbeamten nicht anders als schriftlich mit den Missions-Geistlichen verkehren, und sie nicht anders als in Begleitung besuchen sollen, so wird dennoch verordnet, dass dies nicht also geschehn soll . . . in der Voraussetzung, dass die Kirchenprälaten ihren ganzen Eifer aufwenden werden, um ihre Untergebenen innerhalb der Grenzen der Mässigung zu halten.« . . »Die Alkalden sollen dafür sorgen, dass die Pfarrer und Diener der Religion besagte Gobernadorcillos und Justizbeamte mit der nämlichen Achtung behandeln, ohne zu gestatten, dass sie dieselben prügeln, züchtigen oder misshandeln . . . noch sich bei Tische von ihnen bedienen lassen.«[4]
Die ehemaligen Alkalden, die ohne vorhergehende Uebung in amtlichen Geschäften, oft ohne Bildung und Kenntnisse und ohne die zu einem so verantwortlichen einflussreichen Amte erforderlichen geistigen und moralischen Eigenschaften, ihre Stellen kauften oder sie durch Gunst erwarben, empfingen vom Staat ein nominelles Gehalt und zahlten ihm eine Patentsteuer für die Berechtigung Handel zu treiben. Nach Arenas (S. 444) galt diese Patentsteuer als eine den Alkalden für Uebertretung des Gesetzes auferlegte Geldstrafe: »denn da ihnen durch verschiedene Gesetze[5] jede Art Handelsbetrieb untersagt war, so geruhte S. Majestät dennoch, ihnen die Erlaubniss dazu zu ertheilen.«[6] Dieser Unfug wurde erst durch R. D. 23. September und 30. Oktober 1844 aufgehoben.
Die Alkalden waren Guvernöre und Richter, Befehlshaber der Truppen und zugleich die einzigen Händler in ihrer Provinz.[7] Sie kauften in Manila die Sachen, die in ihrer Provinz gebraucht wurden, gewöhnlich mit Geld der obras pias; (s. S. 14, Anmerkung 17) denn sie selbst kamen ohne alles Vermögen nach den Philippinen. Die Indier mussten dem Alkalden ihre Produkte verkaufen und seine Waaren abnehmen zu Preisen die er selbst feststellte.[8] Unter solchen Verhältnissen waren die Priester die Einzigen, welche die Indier gegen diese Blutsauger schützten, wenn sie nicht, was auch zuweilen vorkam, mit ihnen gemeinschaftliche Sache machten.
Gegenwärtig sendet die Regierung Rechtskundige als Alkalden in die Philippinen, die etwas besser besoldet sind, und nicht Handel treiben dürfen. Ueberhaupt ist die Regierung bemüht den Einfluss der Curas zu mindern, den der Zivilbehörden zu vermehren, was ihr indessen nur sehr unvollkommen gelingen wird, wenn sie nicht die Amtsdauer der Alkalden verlängert und letztere so stellt, dass sie nicht in Versuchung kommen Nebenverdienste zu machen.[9]
Ich finde in Huc[10] eine Stelle über die Folgen des schnellen Beamtenwechsels in China, die manche zu beherzigende Winke enthält:
. . . »Weil die Magistratur nicht mehr Personen anvertraut wird, die Freunde der Gerechtigkeit sind, sieht man dies ehemals so blühende und wohl regierte Reich von Tag zu Tag verfallen und einer furchtbaren, vielleicht nahen Auflösung entgegeneilen.
Wenn wir die Ursachen dieser allgemeinen Zersetzung, dieser Verderbniss aufsuchen, die sichtlich alle Klassen der chinesischen Gesellschaft auflöst, so glauben wir sie in einer wichtigen Abänderung des alten Regierungssystems zu finden, welche die Mantschu-Dynastie eingeführt hat. Es wurde bestimmt, dass kein Mandarin sein Amt länger als drei Jahre an demselben Ort ausüben dürfe, und dass Niemand in seiner eigenen Provinz Beamter sein könne. Man erräth leicht den Gedanken, der ein solches Gesetz ersann. Sobald die Mantschu-Tartaren sahen, dass sie Herren des Reichs waren, erschraken sie über ihre geringe Zahl, die in dieser unzähligen Menge von Chinesen wie verloren war . . . Das Ansehn, welches die hohen Beamten in den Provinzen genossen, konnte ihnen grossen Einfluss geben um das Volk aufzureizen . . .
Die Magistratspersonen, die nur einige Jahre auf demselben Posten verbleiben dürfen, leben darin wie Fremde, ohne sich um die Bedürfnisse der von ihnen regierten Bevölkerung zu kümmern, kein einziges Band verknüpft sie mit derselben, ihre ganze Sorge besteht darin, so viel Geld als möglich zusammen zu schlagen, um später an einem andern Orte dasselbe Geschäft von neuem zu beginnen, bis sie endlich in ihre Heimat zurückkehren und ein Vermögen geniessen können, das sie nach und nach in den verschiedenen Provinzen erpresst haben . . . Sie sind ja nur Vorübergehende — was schadet es? morgen ziehen sie an das andre Ende des Reichs, wo sie das Schreien der von ihnen geplünderten Opfer nicht mehr hören. . . So sind die Mandarinen selbstsüchtig und gegen das Gemeinwohl gleichgültig geworden. Der Urgrundsatz der Monarchie ist vernichtet, denn der Magistrat ist nicht mehr ein Familienvater, der inmitten seiner Kinder lebt, sondern ein Marodör, der ankommt, ohne dass man weiss woher, und wieder abzieht, niemand weiss wohin? Daher stockt alles . . . man sieht nicht mehr, wie ehedem, jene grossen Unternehmungen . . Heut wird nicht nur nichts Aehnliches ausgeführt, man lässt die Werke früherer Dynastien gänzlich verfallen . . . Der vorübergehende Mandarin sagt sich: Wozu soll ich unternehmen was ich doch nicht vollenden kann? warum sollte ich säen, damit ein Andrer ernte? . . . Die Mandarinen sind niemals mit den Angelegenheiten der Oertlichkeit vertraut. Am häufigsten sehn sie sich plötzlich inmitten einer Bevölkerung versetzt, deren Sprache sie nicht verstehn. Wenn die Mandarine in ihrem Mandarinat ankommen, so finden sie dort fest angesessene Dolmetscher vor, subalterne Beamte, die, weil sie mit den Angelegenheiten der Oertlichkeit vertraut sind, ihre Dienste unentbehrlich zu machen wissen; sie sind im Grunde die eigentlichen Verwalter.«
In den Philippinen ist letzteres Amt unentbehrlich, da der Alkalde nie die Landessprache versteht; zum Glück für Spanien muss es in wichtigen Angelegenheiten der eingeborene Schreiber meist mit dem Cura theilen, der in vielen Fällen die eigentliche Behörde ist. Er kennt den Charakter der Insassen, und alle ihre Angelegenheiten, wobei ihm der intime Verkehr mit den Frauen sehr zu Statten kommt. Wie mir 1867 ein hoher Beamter in Madrid mittheilte, lag damals dem Minister ein Antrag zur Erwägung vor, wodurch die Beschränkung der Amtsdauer auf drei Jahre aufgehoben werden sollte.[11] Die ihr zu Grunde liegende Furcht, dass der Beamte in einer entfernten Provinz zu mächtig, sein Einfluss dem Mutterlande gefährlich werden könne, passt nicht mehr in die heutigen Verhältnisse. Die Verkehrserleichterungen haben die frühere Abgeschlossenheit der fernen Provinzen aufgehoben. Die neuen Zollgesetze, die wachsende Nachfrage nach Kolonialprodukten, das den Fremden gewährte Niederlassungsrecht müssen eine bedeutende Steigerung des Landbaus, des Handels und einen entsprechenden Zuzug von Weissen und Chinesen zur Folge haben. Dann wird an Stelle jener Bedenken die Notwendigkeit treten, das Ansehn und den Einfluss der Beamten zu heben, durch Verminderung ihrer Zahl, sorgfältige Wahl der Personen, Beförderung nach Fähigkeit und Leistung, angemessene Besoldung und langen Verbleib in einer Stelle. Voraussichtlich werden besonders die Beziehungen mit Californien und Australien lebhaft werden. Aus diesen freien Ländern werden freie Ideen eindringen. Der Wohlstand der Mestizen wird beträchtlich zunehmen, um so ungeduldiger werden sie die wirkliche oder eingebildete Zurücksetzung der Regierung, den Hochmuth ungebildeter Spanier ertragen. Dann wird das Mutterland ernstlich zu erwägen haben, ob es klug ist, die Kolonie ferner durch Monopole und Geldentziehungen auszubeuten und einer unnützen, hungrigen Beamtenschaar preiszugeben.[12] Englische und holländische Kolonialbeamte werden für ihren schwierigen verantwortlichen Dienst besonders ausgebildet, erlangen ihre Anstellung durch ein strenges Examen in der Heimat, und rücken in der Kolonie nur allmälig je nach ihren Fähigkeiten in die höheren Stellen ein. Wie ganz anders werden die Philippinen mit Beamten versorgt. Ob es aber Spanien gelingen wird, einen den neuen Verhältnissen gewachsenen Beamtenstand zu schaffen, ist schwer vorauszusagen, werden doch in Spanien selbst die Aemter nicht sowohl durch Befähigung und Verdienst als durch politische Intriguen erlangt und eingebüsst.[13]
[1] Histor. de las islas. Cap. XI. [↑]
[2] St. Croix (II, 157) erzählt, dass sich zu seiner Zeit die Curas von jungen Mädchen bedienen liessen. Ein Franziskaner am See von Bay hatte deren zwanzig zu seiner Verfügung, von denen ihm immer zwei zur Seite waren. [↑]
[3] »Die Mönche sind Herren in den Provinzen . . . regieren dort als Herrscher . . . sind so unumschränkt, dass kein Spanier sich dort niederzulassen wagt. . . Die Mönche würden ihm zu viele Schwierigkeiten bereiten. Legentil 1, 183. [↑]
[4] Leg. ult. I, 266 §§. 87, 89. [↑]
[5] Namentlich durch No. 26 Tit. 6, 54 Tit. 16, Bch. II. und 5 Tit. 2 Recop. [↑]
[9] Die Alkaldien zerfallen in 3 Rangstufen: entrada, ascenso, termino. (R. O. 31 März 1837 Tit. I, 1.) In jeder dient der Alkalde 3 Jahre. (Tit. II, Art. 11, 12, 13) Niemand darf unter irgend einem Vorwand in der Magistratur der Provinzen von Asien länger als 10 Jahre dienen. (Art. 16.) [↑]
[11] Das Gesetz rührt aus der frühesten Zeit der Kolonisation Amerika’s her, daneben bestanden noch eine Anzahl argwöhnischer Vorkehrungen, um zu verhindern, dass die höheren Beamten in ein freundschaftliches Verhältniss zu den Kolonisten träten. Weder sie noch ihre Söhne durften in der Kolonie heirathen, liegende Gründe erwerben etc. vergl. Kottenkamp I, 509. [↑]
[12] Ein Weltgeistlicher in den Philippinen erzählte mir ganz unbefangen, was ihn zur Wahl seines Berufes veranlasst habe. Als Unteroffizier spielte er einst Karten auf einem schattigen Balkon: »Seht, rief einer seiner Kameraden, wie die Esel dort schwitzen, damit wir hier faulenzen können,« indem er auf die Bauern wies, die in voller Sonnengluth den Acker bestellten. Der glückliche Gedanke die Esel für sich arbeiten zu lassen, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er sofort beschloss, Geistlicher zu werden, wobei ihm sein ehemaliger Besuch einer lateinischen Schule zu Statten kam. Derselbe Gedanke hat wohl auch manchen mittellosen Caballero zur Wahl des Beamtenstandes geführt. Die geringe Achtung der bürgerlichen Arbeit in Spanien und Portugal, die Aussicht auf Nebenverdienste namentlich in den Kolonien tragen das Ihrige dazu bei. [↑]
[13] Ausbeutung des Staates durch die Parteien, Ausbeutung der Parteien durch die Personen . . . das eigentliche Geheimniss aller Revolutionen, ein über alle Maassen widerwärtiger Aemterkrieg . . . Man mag nicht arbeiten und will doch glänzend leben. Man kann es nur auf Kosten des Staats, den man gewissenlos ausbeutet. . . Es gab Orte wo (nach Vertreibung Isabela’s) das Amt eines Alkalden dreimal an einem Tage gewechselt wurde. . . (Preuss. Jahrb. Januar 1869.) [↑]
Dorf Batu.
Tribunal. Bambus.