Java.
Erstes Kapitel. Batavia. — Buitenzorg. — Botanischer Garten. — Gunong Salak. — Reisbau. — Kultursystem. — Warongs. — Erdnüsse. — Megamendong-Pass. — Telaga warna. — Pasanggrahans und Gasthäuser. — Preanger Regentschaften. — Bandong. — Junghuhn
Zweites Kapitel. Reise nach Trogon. — Strassen. — Waringibäume. — Bogenschiessen. — Religion der Javanen. — Vulkan Guntur. — Erdtransport durch Wasser. — Solfataren. — Theebau. — Vulkan Papandayan. — Telaga bodas. — Kaffeebau. — Schattenspiel. — Hirschjagd. — Malayische Küche. — Tänzerinnen in Sumedang. — Gamelang-Musik
Drittes Kapitel. Reise nach dem Malabar. — Cinchonenpflanzungen daselbst. — Cinchonenbau in Java und Vorderindien. — Tischchen deck' dich. — Bambus. — Gärtnerei. — Pangerango
Viertes Kapitel. Vulkan Tankubang-prau. — Kostbare Waffen. — Tiger. — Kawali. — Schirme. — Fest in Pandjalu. — Ausbruch des Gelungung. — Büffelkarren. — Teakholz. — Kindersee. — Universalmittel. — Pfahldorf. — Zimmet. Loro-Kidul. — Essbare Vogelnester und abergläubische Gebräuche beim Einsammeln derselben. — Kampf zwischen Tiger und Büffel. — Tigerstechen. — Reise nach dem Slamat. — Rhinozerosse
Fünftes Kapitel. Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren. Tempel. — Vogelscheuchen. — Tempel Perot. — Affengemeinde. — Bad. - Fliegende Hunde. — Borobudor. Pavon. Mundut. — Sultan von Jokjokarta und seine Familie. — Salzgewinnung. — Karang-tritis. — Getäuschter Gastfreund. — Landpächter. — Indigofabriken. — Begräbnissplatz Imogiri. — Tempel bei Kalasan und Prambanan. — Surakarta. — Der Kaiser und sein Hofstaat. — Betelkauen. — Pangerans. — Tanz. — Der alte Blücher. — Batek. — Berg Lawu. Raden Rio. — Neujahrsfest in Surakarta
Sechstes Kapitel. Festung Ambarawa. — Samarang. Schule. Waisenhaus. — Surabaya. Maschinenfabrik. — Tempel um Malang. — Ardjuno. Legende. — Semeru. — Lamongan. Gewitter. — Rückkehr nach Batavia
Singapore.
Erstes Kapitel.
Seereise. — Flaggensprache. — Feuer an Bord. — Gefärbte See. — Ankunft in Singapore.
Im Juni 1857 verliess ich Hamburg und landete nach 105 Tagen in Singapore. Für unser Schiff, das selbst bei dem besten Winde selten mehr als sechs Seemeilen in der Stunde machte, war es eine sehr schnelle Reise, die ohne die besondere Gunst des Wetters und den rastlosen Eifer des Kapitäns nicht möglich gewesen wäre. Klipperschiffe fahren oft mit mehr als doppelter Geschwindigkeit und dennoch pflegen sie den Weg kaum in kürzerer Zeit zurückzulegen, da sie bei Windstillen, deren fünf Zonen zu passiren sind, leicht wieder einbüssen, was sie bei gutem Winde gewonnen haben. So kam es auf hoher See mehrere Male vor, dass bessere Segler uns überholten, und dennoch fand sich bei Vergleichung unserer Daten, dass sie Europa vor uns verlassen hatten, also länger unterwegs waren, als wir.
Ausgenommen zwei kleine wüste Felsen, Martin Vas und Trinidad, die in 201/2° südlicher Breite vor der Küste von Brasilien liegen, sahen wir auf der ganzen Reise kein Land; zwar hätten wir den 12,172 Fuss hohen Pik von Teneriffa erblicken müssen, da wir nur 30 Seemeilen davon vorüberfuhren, der Nebel verhüllte ihn aber.[1]
Als wir Ende Juli bei Tagesanbruch mit dem leisesten Luftzug an jenen Felsen vorübertrieben, waren vom Mast aus dreizehn Schiffe in Sicht, deren Wege sich hier kreuzten. Mit Hülfe der Marryat'schen Flaggensignale entstand bald eine lebhafte Unterhaltung; jeder fragt und versteht die Antwort in seiner eigenen Sprache, unbekümmert um das Idiom seines Korrespondenten, man tauscht die Namen aus, erkundigt sich, woher, wohin, und schliesst nach einigen Spezialfragen gewöhnlich mit einem freundlichen Gruss. Ein schönes Schiff, nach seiner Reisedauer gefragt, erwiderte aber barsch: das geht Niemand etwas an; wahrscheinlich war es lange unterwegs und ärgerte sich darüber.[2]
Maury hat so anschaulich geschildert, wie das scheinbar pfadlose Meer in Wirklichkeit von grossen Handelsstrassen durchschnitten wird, auf welchen sich alle Schiffe bewegen, wie die Karawanen in der Wüste, und hier befanden wir uns offenbar an einem Kreuzpunkt: Schiffe, die um das Kap Horn, andere, die um das Kap der guten Hoffnung gekommen waren, und solche, die von Europa kamen und nach den östlichen oder westlichen Gestaden des stillen Meeres wollten, begegneten sich hier. Bei gutem Winde eilen die Schiffe schnell an einander vorüber; eine so zahlreiche Versammlung ist nur bei Windstillen auf solchen Hauptstrassen möglich.
Wir befanden uns zwischen der südlichen Grenze des SO.-Passats und der nördlichen des westlichen Gegenstromes. Am Nachmittag begannen wir allmälig den Einfluss des letzteren zu fühlen und schon am folgenden Tage empfanden wir seine volle Wirksamkeit. Diese westlichen Winde sind viel kräftiger und konstanter, als der SO.-Passat, sie brachten uns schnell um's Kap; wir fuhren aber 5° südlich daran vorbei, sowohl um die Agulhas-Strömung zu vermeiden, die, aus dem indischen Ozean kommend, sich dicht um's Kap herum drängt und dann im südatlantischen Ozean fächerförmig ausbreitet (sie wird von den heimkehrenden Schiffen benutzt), als auch, um den Weg abzukürzen, indem wir nicht einem Parallel-, sondern einem grössten Kreise folgten. Auf der Mercators Projection scheint unser Kurs ein Umweg zu sein, auf dem Globus ergiebt sich der Vortheil sogleich.
So lange wir uns in diesen Breiten befanden, waren, da der August unserm Februar entspricht, Sturmvögel, Sturzwellen, Schnee und kaltes Wetter unsere beständigen Begleiter, freilich hatten wir auch immer frische Brisen, die sich zuweilen bis zum Sturm steigerten. Das Schiff war aber schon seit Wochen darauf vorbereitet; alles, was nicht fortgestaut werden konnte, war festgemacht, alle nicht ganz zuverlässigen Segel und Taue durch neue ersetzt und, da gegen die Tüchtigkeit des Schiffes wie des Kapitäns kein Zweifel bestand, so war es ein grosses Vergnügen, pfeilschnell durch die hohen Wellen getrieben zu werden.[3]
Als wir uns schon wieder in wärmeren Breiten im indischen Ozean befanden, brach Nachts Feuer aus. Es schlief Alles, ausgenommen der Steuermann und vielleicht die wachthabenden Matrosen, die sich auf dem Vorderdeck aufhielten. Durch einen Zufall wurde die Gefahr bemerkt, als schon der ganze Salon mit dichtem Rauch erfüllt war. Die Wand einer Kajüte brannte in hellen Flammen, und wenig fehlte, so wäre der daneben liegende Raum, in welchem Theer, Firniss und andere Brennstoffe aufbewahrt wurden, von der Flamme ergriffen worden und jede Rettung unmöglich gewesen. Wir hatten 1000 Centner Pulver an Bord, die der Rheder bis zum Tage vor der Abfahrt klug verschwiegen hatte. Das Feuer wurde schnell gelöscht. Wie so häufig bei wirklich grosser Gefahr, verlor Niemand den Kopf; eine gewisse Aufregung war nur an dem Schiffsjungen zu bemerken, der als Urheber des Brandes eine Tracht Prügel erhielt.
Am 20. September mussten wir nach der Schiffsrechnung ganz nahe bei der Sunda-Strasse sein. 52 Tage waren vergangen, seitdem wir jene Felsen gesehen, deren astronomisch bestimmte Lage uns zum letzten male Gelegenheit gegeben hatte, den Gang unseres Chronometers zu prüfen.[4] Es war ein sehr trüber Tag, alle Augen suchten den Horizont ab, um zuerst Land zu entdecken. Endlich schien an einer Stelle der Nebel etwas dichter zu werden; es war keine Wolke, die Form zeichnete sich immer bestimmter, mehr und mehr Einzelheiten traten hervor, wie bei dem Entwickeln einer Photographie, und bald lag Javahoofd deutlich vor uns in der Gegend, wo es liegen sollte. Das Tageslicht reichte noch aus, um uns den Felsen, die Brandung und die üppige Vegetation der Südostspitze Java's deutlich erkennen zu lassen; da es aber nicht rathsam schien, uns Nachts in die enge Sunda-Strasse zu wagen, so wurde beigedreht, um den Tag abzuwarten. Javahoofd bildet den östlichen Pfeiler des einen Hauptthores zur indischen Inselwelt. Es ist im Besitz der Holländer. Als das zweite Hauptthor muss man die Strasse von Malacca betrachten, durch welche der ganze Handel zwischen China und Indien geht. Es ist durch die Niederlassungen von Pulo-Pinang, Malacca und Singapore in den Händen der Engländer; das südliche Ufer, die Küste von Sumatra, gehört zwar den Holländern, doch ist es für die Schifffahrt nicht geeignet, so dass die Engländer in ungestörtem Besitze dieser Strasse sind.
Von hier an war die Fahrt höchst angenehm; wie ein grosses bewegliches Panorama zogen lange Küstenstriche von Java, Sumatra, Banca und viele kleine Inseln, bis an den Meeresspiegel dicht bewaldet, an uns vorüber. Gleich an der Eingangspforte ragte der Vulkan Krokotan aus dem Meere hervor, stark rauchend, während der dahinter liegende Vulkan Pulo-Besi nur seinen Umriss durch den Nebelschleier erkennen liess. An Anjer, wo die Sundanesen den Schiffen gewöhnlich das erste Willkommen in der Tropenwelt darbringen, kamen wir leider Nachts vorüber, so dass wir von den köstlichen Früchten und anderen Erfrischungen nichts erhielten. Das Meer wurde immer belebter, in ganzen Geschwadern erschienen die sonderbarsten kleinen Schiffe, zwischen deren hohen Mattensegeln fast nackte Eingeborne wie Katzen herumkletterten. Die letzten Sturmvögel hatten uns in 26° südl. Br. verlassen, jetzt schwebten Tropikvögel hoch über uns hin, mehrere kleine bunte Sänger kamen an Bord, um auszuruhen, und die Matrosen litten nicht, dass die Schiffsjungen das Gastrecht gegen sie verletzten. Auch einen Schmetterling trug uns der Wind zu und einige glänzende Käfer.
In diesem von Inseln eingeschlossenen Meere regte sich nur ein sanfter Luftzug, wir brauchten eine Woche bis Singapore, obgleich die Entfernung von Javahead wenig über 500 Seemeilen beträgt. Doch war dies immerhin noch kein ungünstiges Verhältniss. Ein Klipper, der einige Monate nach uns in Singapore eintraf, hatte die Reise von Australien bis zu jenem Kap in ungewöhnlich kurzer Zeit zurückgelegt, und brauchte von dort sechs Wochen, um den Hafen zu erreichen. Die Segelschiffe sind hier so häufigen Windstillen ausgesetzt, dass man die wahrscheinliche Reisedauer nach Europa gehender Schiffe gewöhnlich erst von dem Tage an rechnet, wo sie die Sunda-Strasse passirt haben. In Anjer werden alle aus- und einfahrenden Schiffe verzeichnet und in besonderen Listen bekannt gemacht; die Betheiligten suchen mit Ungeduld den Namen ihres Schiffes darin, weil erst ausserhalb der Sunda-Strasse auf beständige Winde zu rechnen ist.
Am 21. September war das Meer mit einer Substanz bedeckt, die vom Schiff aus täuschend wie Sägespähne aussah (wahrscheinlich Cook's sea saw-dust); sie war nicht gleichmässig über die Oberfläche vertheilt, sondern in parallele Streifen geordnet, die 1 bis 10 Fuss breit waren und in sehr verschiedenen Zwischenräumen einander folgten. Zuweilen fuhren wir stundenlang durch Bänder, die nur wenige Fuss von einander getrennt waren, dann kamen Zwischenräume von 10 bis 20 Minuten vor, die bei unserer langsamen Fahrt Entfernungen von 1/2 bis 11/2 Seemeilen entsprachen. Selbst vom Mast aus gesehen, reichten die Streifen bis an den Horizont. Fast drei Tage lang fuhren wir durch diese Substanz, am Nachmittag des dritten Tages wurde das Meer bewegter, die Streifen vermischten sich, die ganze Oberfläche nahm eine gleichmässige schmutzige Färbung an, am nächsten Morgen war die Erscheinung verschwunden. Unter dem Mikroskop erschienen die einzelnen Partikelchen als zierlich verflochtene Fäden; jeder Faden bestand aus einer Reihe von Zellen, deren Scheidewände in der Mitte des Fadens flach, nach beiden Enden hin gewölbter wurden und an den Enden selbst halbkugelförmig waren; jede dieser Zellen war noch durch eine gerade Querwand getheilt, längs der Mittellinie lagen Chlorophyllkügelchen. Bei dem Filtriren des Wassers, in welchem die Substanz schwebte, röthete sich das Filtrum, wie von Jod, die Färbung verschwand bald wieder. Es ist die von Professor Ehrenberg im rothen Meer entdeckte, später von vielen Reisenden beobachtete Pflanze Trichodesmium erythraeum. Wo sie vorkommt, findet sie sich immer in ungeheurer Menge beisammen. Vielleicht entstehen diese Pflanzen in geschützten Buchten, die durch Treibholz oder ähnliche Hindernisse zeitweise geschlossene Becken bilden, und wuchern darin so lange fort, bis durch einen Zufall der schützende Damm zerbrochen wird. Dann würde der äussere Rand der Einwirkung der Wellen blossgelegt werden, die bei so ruhiger See vielleicht gerade die rechte Kraft besässen, um je einen schmalen Streifen vom Rande zu lösen und fortzuschwemmen. Da dies nur bei Ebbe stattfinden könnte, indem die Fluth die Substanz zurückdrängen würde, so entsprechen vielleicht die grossen Zwischenräume, die wir zuweilen unter den Streifen wahrnahmen, den Fluthzeiten.
Am Sonntag, nachdem wir zuerst das Land erblickt, kam ein leichter Sampan auf uns zu und brachte einen malayischen Lootsen an Bord, der uns durch die Rhiow-Strasse führte; es war ein ruhiger, intelligenter Mensch, doch verstand er, mit Ausnahme der Schiffs-Ausdrücke, fast kein Wort englisch. Mit Sonnenuntergang liessen wir auf der Rhede von Singapore den Anker fallen. Natürlich gingen wir noch an's Land, obgleich es schon Nacht war, es war entzückend wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, den würzigen Duft der Bäume einzuathmen, unter Palmen zu wandeln. Einen eigenthümlichen Reiz, mit einem Anklang von Bangigkeit, hatte es auch, die Eingeborenen vorübergleiten zu sehen, die in der Dunkelheit so wild aussahen. Alles war so fremdartig, nicht eine europäische Kleidung war zu sehen, bevor wir das Gasthaus erreichten, wo wir den Abend mit Champagner, Chesterkäse und englischen Zeitungen beschlossen.
Zweites Kapitel.
Rhede von Singapore. — Junken. — Prauen. — Nipa-Palme. — Rhizophoren. — Palankinfahrt. — Hindufest.
Als wir am andern Morgen an Bord erwachten, war das Schiff von einem Kranz von Booten umgeben, die Geschäfte mit uns machen wollten. Am willkommensten war uns eine grosse Mannichfaltigkeit tropischer Früchte, von denen ich nur Ananas, Cocos und Bananen kannte. Es kamen Schneider, Schuhmacher, Wäscher, Klempner, Händler mit Getränken, Fleisch, Geflügel, Glaswaaren, Steingut, Kuriositäten; ein wahrer schwimmender Markt, als hätte die Stadt eine Probe geschickt von Allem, was sie zu leisten vermag, und unser Steuermann, der nach einer Fahrt von mehr als 100 Tagen noch nicht Lust hatte, an's Land zu gehen, konnte sich hier wenigstens einen allgemeinen Ueberblick verschaffen. Die meisten Leute sprachen ein paar Worte englisch, alle waren von einem ungeheuren Schachergeist besessen, am eifrigsten, lautesten und zudringlichsten gebahrten sich die Chinesen, wie sie auch die zahlreichsten waren.
Um uns auf der Rhede lag eine grosse Anzahl stattlicher europäischer und amerikanischer Schiffe, und hinter ihnen eine solche Musterkarte der allersonderbarsten Fahrzeuge und Flaggen, wie sie vielleicht kein anderer Hafen der Welt aufzuweisen haben möchte. Doch waren keine chinesischen Junken darunter, diese fangen erst im December an, ihre Heimath zu verlassen, wenn der NO.-Monsun in Kraft ist, und kommen frühestens gegen Neujahr hier an.[5] Sind sie einmal hier, so richten sie sich ganz häuslich ein, da sie vor dem Monat Juni, wenn der SW.-Monsun beständig ist, selten zurückkehren. Obgleich ihre Zahl mit jedem Jahre abnimmt und von europäischen Schiffen ersetzt wird, sah ich doch einige Monate später ihrer viele hier liegen. Die Gestalt der Junken ist aus chinesischen Bildern allgemein bekannt. Interessant ist aber das Treiben an Bord und rings umher. Das Schiff wird gleich nach Ankunft abgetakelt und in ein schwimmendes Waaren-Magazin verwandelt, oder vielmehr in einen Bazar; denn die Ladung ist nicht einem Superkargo anvertraut, sondern jeder handeltreibende Passagier (und jeder Chinese treibt Handel) hat sein Geld in denjenigen Waaren angelegt, die ihm den meisten Gewinn versprechen, und feilscht mit seinen Kunden auf eigene Hand. Lange rothe Papierstreifen, mit grossen Buchstaben bemalt, vertreten die Handelsschilder, Proben der verkäuflichen Waaren werden an den Seiten der Junke ausgehängt. Durch eben so viele Käufer und Verkäufer wird auch die Rückfracht beschafft, und da die nie müssigen Chinesen, wenn sie sonst nichts zu thun haben, die bösen Geister durch Gong-Musik und Knall-Feuerwerk vertreiben, so herrscht immer um die Junken ein wüster Lärm. Jetzt wimmelte der Hafen von „Prauen” aller Art, die sich aber nun bald in Bewegung setzen, um nach den östlich gelegenen Inseln und Küsten zurückzukehren. Diese Fahrzeuge sind nur klein, aber sehr malerisch, manche reich mit Schnitzwerk verziert, bunt bemalt und vergoldet. Die Mattensegel und groben Stricke aus Rotang (spanisch Rohr) oder Palmenfasern, die hölzernen Anker und die Bewaffnung vermehren das eigenthümliche Ansehen. Die Kabel und Taue dieser Prauen bestehen zuweilen aus dünngespaltenem, zusammengedrehtem Stuhlrohr, häufiger aus der schwarzen Faser, die bei der Gomutipalme (Arenga saccharifera) den Ursprung der Blattstiele am Stamm bekleidet (daher sie bei den Spaniern Cabo negro heisst), oder aus Coir, der Faser, welche den Kern der Cocosnuss umgiebt, derselben, die jetzt so viel zu Fussdecken verarbeitet wird. Beide letztere sind zwar weniger stark, als Hanfstricke, aber leichter und elastischer. Vor Erfindung der Ankerketten hatten viele Schiffe in den indischen Gewässern dergleichen Kabel, und hielten vor Anker Stürme aus, bei denen stärkere, aber weniger elastische Hanfkabel zerrissen. Zu Passagierbooten benutzt man die weitberühmten Sampans, leichte, bequeme, schnelle Kähne mit einem Sonnendach für den Passagier. Sie sollen nicht europäischen Booten nachgebildet sein, sondern diesen zum Theil als Muster gedient haben. Obgleich die Mannschaft aus vier Ruderern und einem Steuermann besteht, sind sie sehr billig. Eine Fahrt in solchem Boot, namentlich in der Gegend, wo die Schiffe der Eingeborenen am dichtesten liegen, gehört zu den angenehmsten Ausflügen und liefert eine Unzahl interessanter Genrebilder. Noch billiger, sicherer, freilich auch viel langsamer, fährt man auf dem Schuhboot der Chinesen; es ist fast so breit als lang, und wenn ein schneller Raubfisch das Modell zum Sampan geliefert hat, so ist das Schuhboot wohl der Schildkröte nachgebildet. Vorn hat es einen Schnabel, wie andere Boote auch, an seinem abgestutzten Hintertheil aber zwei kurze Schwänze, vorn ist natürlich auch auf jeder Seite ein grosses, in die Tiefe schauendes Auge angebracht, sie fehlen keinem chinesischen Fahrzeuge („no got eye, how can see?”). Gegen das Land hin nimmt das Gewimmel der kleinen Boote und Leichter immer mehr zu, und an der Mündung des kurzen Flusses ist ein Gedränge und Gesumme, wie am Eingang eines Bienenkorbes.
Wie bedeutend der Schiffsverkehr in Singapore, und wie sehr die deutsche Rhederei daran betheiligt ist, zeigt folgender Auszug aus der Singapore Free Press vom 6. Mai 1865: „Abgesehen von inländischen (d. h. nicht europäischen und amerikanischen) Schiffen, liegen jetzt 154 grössere Schiffe mit Raaen (square rigged vessels) im Hafen, wovon 3 britische und 2 Kolonial-Kriegsdampfer, 2 englische, 2 amerikanische Handelsdampfer, 2 holländische Postdampfer, 78 englische Kauffahrer, 19 hamburger, 9 bremer, 8 französische, 5 dänische, 5 preussische, 4 amerikanische, 4 holländische, 3 oldenburger, 2 hannoveraner, 2 schwedische, 2 siamesische, 1 norwegisches, 1 belgisches. Von den Kauffahrern verhalten sich die unter deutscher Flagge (38) zu den englischen wie 1 zu 2 und zu denen aller übrigen Nationen wie 2 zu 1 (dies würde stimmen, wenn die unter dänischer Flagge fahrenden Schiffe, wie es früher meist der Fall war, holsteiner wären). Vor acht Jahren lagen um dieselbe Zeit nur 60 Kauffahrer im Hafen; das Verhältniss der deutschen zu den englischen Schiffen war damals wie 1 zu 11, und das der deutschen zu denen aller übrigen Nationen, wie 1 zu 8. So weit haben es Freihandel und deutscher Unternehmungsgeist gebracht. Wir würden uns durchaus nicht wundern, wenn in wenigen Jahren das Verhältniss noch mehr zu ihren Gunsten wäre.”
Vom Hafen aus gesehen zeigt die Insel Singapore einen langgestreckten, stellenweis steilen Küstensaum, über den sich einige sanfte Hügelwellen erheben. Von der Stadt ist nur ein Theil sichtbar, in der Nähe derselben liegen viele einzelne Häusergruppen, weiterhin ist Alles mit dichtem Wald bedeckt, der einen zusammenhängenden einförmigen immergrünen Teppich bildet, nur in der Nähe des Strandes mit einigen Landhäusern geschmückt. Der Anblick ist lieblich, aber nicht besonders schön, da es an Kontrasten und hervorragenden Gegenständen fehlt. Die schöne grosse Kirche, die künftig die Hauptzierde der Stadt sein wird, ist noch im Bau begriffen. Die Insel liegt bekanntlich unmittelbar vor der südlichen Spitze der malayischen Halbinsel, des südlichsten Punktes von Asien, und ist nur durch eine Meerenge getrennt, die im Allgemeinen eine Meile, an einer Stelle aber nur 2000 Fuss breit ist. Früher ging der ganze Handel nach China durch diese schmale Gasse, jetzt fahren die Schiffe um die Südseite der Insel unmittelbar an der Stadt Singapore vorbei. Die Insel besteht, wie das gegenüberliegende Festland selbst, aus Granit und älteren geschichteten Gesteinen, letztere nehmen den grössten Theil des Flächenraumes ein, es ist noch nie ein Fossil darin gefunden worden; auch fehlen alle Anhaltspunkte, um ihr relatives Alter genauer bestimmen zu können. Uebrigens haben sie ganz den Habitus unserer ältesten Gesteine und gehören auch wohl den ältesten Gebilden an; es sind Sandsteine, Thone, Letten; an vielen Stellen tritt ein sehr eisenhaltiger Thoneisenstein auf, meist in Nestern, seltener in Bänken; bis jetzt wird er ausschliesslich zum Strassenbau benutzt, obgleich er sich wegen seiner geringen Festigkeit wenig dazu eignet. Der Granit, der einen viel kleineren Flächenraum einnimmt, tritt nie an die Küste, er bildet den Centralkern der Insel; aus ihm besteht auch der höchste Punkt derselben, Bukit-tima. Der Boden ist nicht fruchtbar, in den Niederungen häufig versumpft; die dem Meere näher gelegenen Sümpfe sind brakisch, in ihnen wuchert die stammlose Nipa-Palme und ein Dickicht von Mangelbäumen (Rhizophoren), das an flachen Stellen weit in's Meer hinein reicht und die ganze Insel, ausser wo die Ufer steil sind, mit einem Sumpfgürtel umgiebt. Aus den Wurzeln der Nipa-Palme (Nipa fruticans) wird in Borneo Salz gewonnen; die Blüthe liefert in den Philippinen und in Siam Zucker und Branntwein, wie viele andere Palmen, und nach demselben später zu beschreibenden Verfahren. In Singapore werden nur die Blätter zum Behuf der Dachdeckung zu „Atap” verarbeitet und die ganz jungen, noch gelben unentfalteten zur Herstellung von Cigaretten, indem man Tabak darin einrollt. Die Ataps sind eine wesentliche Vervollkommnung ihres Prototyps, des längs des Blattstiels gespaltenen Palmenwedels. Man erhält sie, indem man die Seitenblätter im Drittel ihrer Länge, von der Basis an gerechnet, umknickt, sie auf einen mehrere Fuss langen Stock dachziegelförmig aneinander reiht und durch einen Rotang-Splitt in dieser Lage befestigt. Die einzelnen Ataps werden beim Dachdecken wie Dachschiefer übereinander gelegt. Ein solches Dach ist sehr leicht, völlig regendicht, nur muss es häufiger ausgebessert werden, als ein Ziegeldach.
Die Mangelsümpfe (mangrove swamps) werden durch die merkwürdige Ordnung der Rhizophoraceen gebildet, die in tropischen Meeren alle flachen Küsten umsäumen. Es sind fast die einzigen Bäume, die im Meere wachsen und auf Kosten desselben das Land vergrössern, indem sie immer weiter darin vordringen und mit dem dichten Faserwerk ihrer Wurzeln das durch die atmosphärischen Wasser in das Meer geschwemmte Erdreich zurückhalten, so dass man oft nicht weiss, ob man schon am Lande oder noch im Meere ist. Bei keiner Pflanze tritt die Fortpflanzungsfähigkeit so schlagend vor die Augen, als bei dieser, wo die Früchte, noch an den Zweigen der Mutterpflanze hängend, sich schon in junge Bäume verwandeln mit langer spindelförmiger Wurzel. Beim Abfallen bleiben sie senkrecht im Sumpf stecken und wachsen sogleich weiter, oben Blätter, unten Wurzeln entwickelnd, während die an den niedrigeren Zweigen hängenden, ohne sich abzulösen, den Sumpf erreichen und darin fortwachsen. So sendet der Wald immer einen Gürtel junger Pflanzen vor sich her, indem er weiter in's Meer rückt. Sind die Bäumchen etwas grösser geworden, so entspringen am Umfange des Stammes Luftwurzeln, die in einem Bogen den Sumpf erreichen. Diese Wurzeln senden seitlich wieder Wurzeln aus, und schliesslich steht der Stamm, der 30 bis 40 Fuss hoch wird, auf einem domartigen Geflecht von Luftwurzeln, das bei Ebbe entblösst, bei Fluth gewöhnlich bis an den Stamm bedeckt ist, dann hat man einen Wald im Meer. Auch von den Aesten senken sich Luftwurzeln herab, die, wenn sie den Boden erreichen, darin weiter wachsen als Stützen der Aeste, aber zu selbstständigen Bäumen werden, wenn die Verbindung mit der Mutterpflanze aufgehoben wird. Das Holz wird hauptsächlich zur Feuerung benutzt, die Rinde zum Gerben (sie enthält mehr Tannin als die Eichenrinde), auch zum Färben dient sie den Eingebornen. Die Rizophorenwälder sind ein Lieblingsaufenthalt für Krokodile, Krabben, Einsiedlerkrebse und viele Gastropoden; auch Austern sitzen an den Stämmen; mit der Behendigkeit einer Eidechse kriecht und hüpft mittelst der Brustflossen ein sonderbarer Fisch auf dem Schlamme umher (Periophthalmus sp. div.). Dergleichen Sümpfe sind ein sicherer Zufluchtsort für Seeräuber, und gewöhnlich wegen ihres dichten, für die Sonnenstrahlen undurchdringlichen Laubdaches eine Quelle böser Miasmen. In Singapore aber, wo sie nur einen schmalen Gürtel bilden, werden sie durch die beständig mit einander wechselnden Land- und Seebrisen hinreichend gelüftet.
Wie gefährlich dergleichen Sumpfwaldungen zuweilen sind, zeigt folgende Notiz aus meinem Tagebuch: „14. Juni 1858. Als wir uns bei der dicht vor der NW.-Küste von Borneo (5° 04' N' 115° 12' O.-Gr.) liegenden Insel Moarro befinden, kommt ein Boot auf uns zu und meldet, dass das vor uns vor Anker liegende Schiff, die englische Barke Anna Maclean, in Noth sei. Unser Kapitän begiebt sich an Bord, bald darauf nehmen wir das Schiff in's Schlepptau und bugsiren es in den Hafen von Labuan. Das Schiff hatte, um Kohlen zu laden, auf Moarro, der Mündung eines Flusses gegenüber, angelegt, der viele Meilen weit durch die Sumpfwälder fliesst, aus denen hier die Küste von Borneo besteht. Der Nachts wehende Landwind hatte ihm die giftigen Miasmen wie aus der Mündung eines Trichters zugeführt; in wenigen (2?) Tagen war die ganze Mannschaft theils erkrankt, theils gestorben. Der Kapitän, der Steuermann, 3 Matrosen waren todt, nur ein Mann war noch dienstfähig.”
Unser Lootse, der uns gestern durch die Rhiow-Strasse gebracht, führte uns heut durch das Gewirr der Gassen von Singapore nach dem Handelshaus, dem unser Schiff konsignirt war. Man hatte uns frühestens 14 Tage später erwartet, ich fand die liebenswürdigste Aufnahme.
Zunächst wollte ich eine Fahrt durch die Stadt machen, und nahm deshalb einen Palankin, so heissen die hiesigen Miethswagen; es sind länglich viereckige, vierrädrige Kasten, mit Vorder- und Rücksitz, ringsum von Jalousien umgeben und mit einem kleinen Pony bespannt, beispiellos billig (1 Dollar pro Tag) und sehr zweckmässig, bis auf den Anstrich, der weiss statt schwarz sein sollte. Der Kutscher war ein Kling (Telinga von der Küste Koromandel), fast schwarz, mit einem grossen Turban und einem Lendentuch, sonst unbekleidet, doch sah er nicht unanständig aus, da die dunkle Farbe den Eindruck des Nackten fast aufhebt. Mitten auf der Stirn trug er einen Fleck von rothem Ocker, so gross wie eine Oblate. Alle Hindus haben dergleichen Abzeichen von verschiedener Form an der Stirn, und bezeichnen dadurch die religiöse Sekte, der sie angehören.
Ich liess mir die Tour, die ich machen wollte, ins Malayische übersetzen, lernte die Worte nach dem Klang auswendig, und hatte die Genugthuung, sogleich vom Kutscher verstanden zu werden, was er durch einen Salam (Anlegen der Hände an die Stirn und Verneigung) ausdrückte. Er ergriff das Pferd am Zügel und lief in kurzem Trabe mit ihm davon. Einige Male setzte er sich während der Fahrt auf das vorn angebrachte Brett und versuchte, das Pferdchen von dort aus zu lenken. Dies gelingt aber selten auf die Dauer, da die meisten hiesigen Ponies zu eigenwillig sind, dann muss der arme Bursche wieder absteigen und nebenher laufen. So kamen wir bald vor die Stadt, die Landstrasse wurde immer einsamer. Ich liess halten und stellte den Kutscher zur Rede, er vertheidigte sich sehr fliessend, doch konnten wir gegenseitig kein Wort verstehen. Endlich kehrte er aber um und führte den Wagen an die Stelle zurück, wo ich eingestiegen war. Hier brachte ein vorübergehender Kling, der Englisch verstand, Alles in Ordnung. Es ergab sich, dass der Kutscher fast ebenso fremd war, als ich, kein Wort Malayisch verstand und nur auf meine Ortskenntniss gerechnet hatte. Ich habe dies so ausführlich erzählt, weil ganz ähnliche Auftritte täglich vorkommen und sie so bezeichnend für die Art der Eingebornen sind, die auf die Frage, ob sie Dies oder Jenes wissen oder können, immer Ja antworten, wenn sie glauben, dass solche Kenntniss oder Fähigkeit ihnen Vortheil bringen werde; sehen sie aber mehr Mühe als Lohn voraus, so machen sie es natürlich umgekehrt.
Nachmittags begegnete mir eine grosse Kling-Prozession, der ich folgte. Den Zug eröffnete eine Musikbande, dann kamen einige Paare, die lange Stecken trugen, mit denen sie gegenseitig Schein-Angriffe machten und parirten; sie besassen grosse Gewandtheit und Sicherheit. Ihnen folgte paarweis ein Zug von Hindus, deren nur um die Hüften verhüllter, sonst nackter Körper mit gelbem Turmerikpulver[6] eingerieben war. Die Meisten trugen Hals- und Armbänder aus aufgefädelten kleinen weissen Blüthen. Einige dieser Leute hatten sich einen etwa fusslangen Spiess durch Lippen und Zunge, einen zweiten Spiess durch Backen und Zunge gestossen. Andere hatten sich auf jeder Seite des Körpers in der Gegend der Hüften zwei zwei Zoll lange Einschnitte gemacht, und durch die so entstandenen Oesen lange Stricke gesteckt, die von davor- und dahintergehenden Männern beständig hin- und hergezogen wurden. Unmittelbar auf sie folgten die Götter, deren Gunst durch diese Verstümmelungen erlangt werden sollte, theils auf Schultern getragen, theils auf Ochsenkarren gezogen. Es waren schöne Gruppen darunter: vor den reich drapirten Nischen, in welchen sich die Bilder der Gottheiten, von Gold und Silber glitzernd, befanden, standen je zwei junge Hindu-Mädchen in sehr glänzender Kleidung von Gold- und Silberbrokat, die auffallend an die Festkleider der Mutter Gottes in katholischen Kirchen erinnerte. Sie trugen langgestielte Wedel von weissen Federn, die sie feierlich hin- und herbewegten. Später überzeugte ich mich, dass es keine wirklichen Mädchen waren, sondern Knaben, die ihre Rollen so täuschend spielten. Auf einem freien Platz vor der Stadt machte der Zug Halt. Es waren viele Zuschauer anwesend, vorwiegend Klings, Chinesen, Malayen, fast kein Europäer. Die Meisten kauerten, hockten, sassen auf dem Boden, nur die hintersten Reihen standen. Jeder hatte gewiss die ihm behaglichste Stellung eingenommen, die aber zum Theil der Art war, dass sie bei uns kaum ein Turner auf die Dauer ausgehalten hätte. Diese Leute, die von Jugend auf nie einen Stuhl oder Tisch benutzen, weder enge Kleider, noch Schuhe tragen, wissen aus ihren unteren Gliedmassen viel mehr Nutzen zu ziehen, als wir. Die Beine müssen häufig als Arme aushelfen, wobei die Füsse die Stelle der Hände vertreten; so heben sie Sachen vom Boden auf, ohne sich zu bücken, halten das eine Ende eines Gegenstandes mit den Füssen fest, während sie das andere Ende mit den Händen bearbeiten. Besonders verstehen sie sich durch die grosse Gelenkigkeit ihrer Beine eine Auswahl bequemer Stellungen zu verschaffen und die Last des Oberkörpers so geschickt zu balanciren, dass sie nicht ermüden können. Selbst wenn man ihnen einen Stuhl anbietet, ziehen sie die Beine in die Höhe und richten sich auf dem Sitz ein, als ob sie am Boden sässen. Diese beneidenswerthe Fertigkeit ist aber leider nur in der ersten Jugend zu erlernen, in Kinderstuben, wo es keine Stühle giebt, und nur, wenn die Ausbildung der Füsse nicht durch Schuhe gehemmt wird.
Mitten auf dem Platz war ein grosses Feuer angezündet. Als es ausgebrannt war, lag die Gluth fast fusshoch und hatte gegen 20 Fuss Umfang. Die freiwilligen Märtyrer wurden bis an den Rand geführt, sprangen hinein, gingen langsam hindurch und taumelten in einen mit Wasser gefüllten Graben am jenseitigen Rande. Ihre Freunde liefen herbei, ermunterten, unterstützten sie und führten sie nach einer kurzen Erholungspause einzeln in einen grossen Kreis, den die Zuschauer offen gelassen hatten. Hier wurden sie mit einer gewaltigen Peitsche gegeisselt, bis sie vor Schmerz hinstürzten, worauf sie von ihren Freunden mit triumphirendem Gemurmel durch die Reihen getragen wurden. Es war ein ekelhaftes Schauspiel, das diese Leute von schönster kaukasischer Rasse hier vor den Malayen und Mongolen aufführten.
Ueber die Bedeutung des Festes konnte ich in Singapore nichts Zuverlässiges erfahren, später aber fand ich in den Blaubüchern der Präsidentschaft Madras, dass auch dort das Naruppuh-terunaul oder Feuerfest immer noch besteht, die Theilnahme sich jedoch, ebenso wie hier, auf die untersten Volksklassen beschränkt und überall im Abnehmen begriffen ist. Es ist keine von der Hindu-Religion vorgeschriebene Feierlichkeit. Nach einigen Berichten hat sie insofern eine religiöse Bedeutung, als sie mit der Verehrung der Gottheit Durmarasawney der Tamil, oder Veerbudrasawney der Telegu, in Beziehung steht, deren Zorn dadurch abgewendet werden soll; nach den meisten Berichten aber hat die Religion gar nichts damit zu schaffen, es ist nur ein alter Brauch, dem die niederen Klassen aus roher Schaulust zugethan sind, während die Gebildeteren fern bleiben. An manchen Orten sind es dieselben Individuen, die alljährlich die Feuerprobe bestehen und dafür bezahlt werden, wie andere Gaukler. Häufig aber sind es beschränkte Menschen aus den niedrigsten Kasten und Parias, die sich zur Erfüllung eines Gelübdes die Peinigung auferlegen. Es sollen fast nie üble Folgen eintreten, namentlich keine Todesfälle (zwei in den Berichten erwähnte waren jedenfalls nur mittelbar durch die Feuerprobe veranlasst), und wahrscheinlich ist ein grosser Theil des Eindrucks der guten Aufführung zuzuschreiben. Die indische Regierung beschloss in Folge jener Berichte, das Fest nicht amtlich zu verbieten, da sie ihr Ziel sicherer zu erreichen glaubte, indem sie ihren Beamten empfahl, für das allmählige Aufhören unter der Hand nach Kräften zu wirken.
Drittes Kapitel.
Landhaus. — Klima. — Muskatnuss-Pflanzung. — Europäer. — Früchte. — Nahrungsmittel. — Diener.
Der preussische Konsul, dem ich während meines Aufenthalts in Singapore sehr viel verdankte und der mir auch noch später, so weit der Einfluss seiner Empfehlungen reichte, mit der freundschaftlichsten, angelegentlichsten Fürsorge den Weg ebnete, hatte mir auf seinem Landhause eine Wohnung einrichten lassen, die ich wenige Tage nach meiner Ankunft bezog. Es war wohl die schönste Besitzung auf der Insel, jetzt dient sie dem Guvernör zum Aufenthalt. Fast alle grossen Kaufleute haben ein Haus vor der Stadt, gewöhnlich auf dem Gipfel eines Hügels, wo die Seebrise alle Räume durchweht und abkühlt. Die hiesigen Landhäuser sind die angenehmsten und zweckmässigsten, die ich in heissen Ländern kennen gelernt habe, fast alle nach demselben Typus gebaut. Der leitende Gedanke dabei ist, die bewohnten Räume allseitig von Luft umkreisen und durchdringen zu lassen und sie gegen die Sonnengluth zu schützen. Das Haus ruht auf steinernen Pfeilern, gegen 15 Fuss hoch, der Raum zwischen den Pfeilern ist meist offen, nur wo es an Platz gebricht, werden einzelne Räume zwischen den Pfeilern durch leichte Holzwände oder Gitter abgetheilt. Der obere Stock, die eigentliche Wohnung, ist rings von einer breiten Gallerie, Veranda, umgeben, die vom Dach weit genug überragt wird, um gegen den Regen geschützt zu sein. An der äusseren Seite der offenen Veranda sind dunkelgrüne Rouleaux aus feingespaltenem Bambus angebracht, ein chinesisches Substitut für Jalousien; sie lassen die Luft durch, schliessen aber das blendende Licht aus. Durch rechtzeitiges Aufziehen und Herablassen derselben wird die Veranda und die von ihr umgebene Wohnung stets angenehm kühl erhalten. Die Zimmer haben nur Jalousien statt Glasfenster und massiver Thüren und öffnen sich alle nach der Veranda. So ist der ganze bewohnte Kern des Hauses ringsum von einer isolirenden Luftschicht umgeben. Von jedem Schlafzimmer führt eine kleine Treppe in ein zur ebenen Erde befindliches Badezimmer. Küche, Stallung, Remise, sowie die Wohnungen der Dienerschaft befinden sich in kleinen Nebenhäusern, durch einen bedeckten Gang mit dem Haupthause verbunden, wodurch aller widerwärtiger Geruch und Lärm ferngehalten wird. Im Speisesaal und in den Gesellschaftszimmern fehlt nie die Punka, ein grosser Fächer, bestehend aus einem mit Zeug bespannten Rahmen, der von der Decke herabhängt und durch ein Loch in der Wand mittelst einer Schnur von Aussen in Bewegung gesetzt wird.[7] Rings um das Haus des Konsuls war ein Garten, der eine Auswahl der schönsten Pflanzen des Archipels und neben anderen ausländischen Zierpflanzen auch europäische Rosen enthielt, denen man aber ansah, dass sie hier nicht heimisch sind. Der frühere Besitzer, der auch als Botaniker bekannte Arzt Oxley, hatte durch eifriges Sammeln und Tauschen den schönen Garten geschaffen. Da stand die Amherstia nobilis, das einzige grössere Exemplar auf der ganzen Insel, neben der Poinciana regia und dem Prachtstrauch Duranta Plumieri, umgeben von Ixoren in allen Farben und ebenso mannigfaltigen Hibiscusarten, darunter die Rose der Chinesen, von den Bedienten Schuhblume genannt, weil sie die lackirten Schuhe ihrer Herren damit putzen, Bauhinien, Passifloren und unter dem dichten, von sonderbar verschlungenen Luftwurzeln gestützten Schattendach eines Ficus die herrlichsten Orchideen und epiphytischen Farne. Fast Alles war in Blüthe, wie denn die meisten Pflanzen hier das ganze Jahr hindurch gleichzeitig Blüthe und Frucht tragen.
Da Singapore nur 1° 17' nördlich vom Aequator liegt, so herrscht dort ein ewiger Sommer. Der Unterschied zwischen dem längsten und kürzesten Tag beträgt nur 71/2 Minuten; praktisch genommen sind also alle Tage des Jahres durchaus gleich lang. Der Temperaturunterschied zwischen dem Mittel des kältesten und des wärmsten Monats beträgt weniger als einen halben Grad, die mittlere Jahreswärme 221/2° R. Die äussersten Thermometerstände sind 17° und 26° R. Die Morgen sind angenehm kühl, aber die Sonne steigt schnell so hoch, dass alles mit blendendem Lichte und sengender Gluth übergossen sein würde, wenn nicht Wolken, häufige Regenschauer und regelmässig wechselnde Land- und Seebrisen Licht und Hitze milderten. Es regnet an 180 Tagen etwa 90 Zoll; im Winter etwas mehr als im Sommer, doch vergeht selten eine Woche ohne Regen; trockene und Regenzeit, die weiter nach den Wendekreisen hin fast ebenso deutlich, wenn auch nicht so schroff gesonderte Jahreszeiten bilden, wie unsere Sommer und Winter, fehlen hier in der unmittelbaren Nähe des Aequators. Der erste Januar ist vom ersten Juli nicht zu unterscheiden. Bei einer so beträchtlichen Regenmenge in so hoher Temperatur ist die Feuchtigkeit der Luft immer sehr gross. Es ist sehr schwer, Eisengeräthe gegen Rost zu schützen. Das Leder verschimmelt, Papier verstockt, der Phosphor läuft von den Zündhölzern ab.
Der Garten ging allmälig in eine Muskatnuss-Pflanzung über, die den Rest des „Oxley-Hügels” einnahm. Das ganze Grundstück, sowie die Fahrwege in demselben, sind von Hecken aus Zwergbambusen umschlossen, so gesundheitstrotzend und immergrün, wie keine andere Hecke der Welt. Die Hauptstiele sind höchstens fingerdick; die Seitenschösse wie starker Draht und ebenso steif, starren nach allen Richtungen hin so gleichmässig dicht, dass die immer sorgfältig unter der Scheere gehaltenen Hecken wie riesige Bürsten aussehen. Wer die vielen schönen, anscheinend so gesunden Muskatbäumchen betrachtete, die mit Bevorzugung vor jeder anderen Kulturpflanze die Häuser aller Europäer umgaben, konnte nicht ahnen, dass diese mit so vieler Mühe und grossen Kosten angesiedelten Fremdlinge bereits den Keim des Todes in sich trugen. Der Muskatnussbaum (Myristica moschata) ist so oft und gut beschrieben worden, dass ich nur Einiges erwähnen möchte, was sich besonders auf seine Kultur in Singapore bezieht. Heimisch ist er nur auf den Molukken und den umliegenden Inseln. Sein Produkt, die Muskatnuss und die Macis, sind, seitdem die Europäer zuerst in jene Meere kamen, Gegenstände des strengsten Monopols gewesen. Die Banda-Inseln, auf welche die Holländer der leichteren Kontrolle wegen den Anbau beschränkten, obwohl ihnen dies nie ganz gelang, lieferten Jahrhunderte hindurch allein dies Gewürz. Nachdem die ursprüngliche Bevölkerung der Inseln, die sich dem Zwange nicht fügen wollte, ausgerottet worden, wurde der Anbau durch Sklaven, jetzt durch Sträflinge, betrieben, unter der Leitung von Europäern, die zwar die Pflanzungen eigenthümlich besitzen, das Produkt aber nur an die Regierung zu einem festgesetzten Preise verkaufen dürfen (Perkeniers). 1798, als die Engländer die Molukken inne hatten, übersiedelten sie die Pflanze nach Sumatra, von wo sie 1819 durch Raffles nach Singapore gebracht wurde. Ihr Anbau kam hier schnell in Mode, fast alle Landhäuser wurden mit dergleichen Pflanzungen umgeben. Der Baum, der in seiner Heimath 70 Fuss hoch werden soll (ich fand später in Camarines auf Luzon einen fast 100 Fuss hohen, sehr mächtigen, wilden Muskatnussbaum, dessen Früchte nicht grösser als kleine Kirschen, aber ganz ohne Aroma waren), bleibt hier strauchartig und übersteigt selten 20 Fuss. Sein Habitus hält die Mitte zwischen einem Lorbeer und einer Orange. Der einzelne Baum ist sehr schön, eine Pflanzung aber hat ein zu einförmiges Ansehen. Die Frucht gleicht einer Aprikose, doch läuft das Ende, an welchem der Stiel sitzt, spitz zu, wie bei einer Birne. Ist die Frucht reif, so springt sie auf. Dann sieht man im Innern hinter einem intensiv karminrothen Netzwerk, der sogenannten Muskatblüthe oder Macis des Handels, die glänzend schwarze Hülle der Nuss. Die Nuss selbst ist schwer herauszuschälen. Erst durch sehr langes Trocknen über schwach glimmendem Feuer schrumpft sie allmälig so weit zusammen, dass die Hülle, welche die ursprüngliche Grösse behält, durch vorsichtiges Klopfen zersprengt und abgelöst werden kann. Die Muskatblüthe wird an der Sonne getrocknet und gepresst und erhält dadurch ihre gelbe Farbe. Es dauert 9 bis 10 Jahre, bevor die aus Samen gezogenen Bäume Früchte tragen. Ein grosser Uebelstand ist, dass die männlichen und weiblichen Blüthen auf verschiedenen Bäumen sitzen, so dass später ein Theil der unfruchtbaren männlichen Bäume umgehauen und durch neue weibliche ersetzt werden muss. Gewöhnlich lässt man auf 10 weibliche Bäume einen männlichen stehen. Während die Pflanze in Banda ohne alle Pflege wuchert, fordert sie hier unausgesetzt die grösste Sorgfalt. Der Uebelstand, dass sie erst nach so langen Jahren den vollen Ertrag giebt, tritt um so mehr hervor, wenn man berücksichtigt, dass der hier übliche Zinsfuss 12% beträgt. Trotzdem erlangte der Anbau dieses Gewürzes doch schnell eine grosse Ausdehnung. Einerseits ist sowohl der Boden als das Klima von Singapore für die Erzeugung der meisten andern Kolonial-Produkte nicht geeignet. Zucker, Kaffee, Baumwolle, Cacao, Arrow-root zu ziehen ist versucht worden, jedoch ohne rechten Erfolg. Andererseits konnten die Muskatgärten bequem vom Besitzer übersehen werden, da sie keine grosse Ausdehnung haben und unmittelbar sein Haus umgeben. Auch der Umstand, dass die Pflanze in anderen tropischen Ländern, wo man ihren Anbau versucht hatte, nicht hinreichend gedieh, um ihr Produkt zum Handelsartikel zu machen, war nicht übersehen worden; man hoffte dem indischen Archipel das Monopol zu bewahren. Die Erwartungen der Pflanzer sind aber gänzlich zu Schanden geworden. Schon bei meiner letzten Anwesenheit, 1859, begannen viele Bäume zu kränkeln und trotz aller Bemühungen der Gärtner abzusterben. In fast allen Stufen seiner Entwickelung wurde der Baum von verschiedenen Insekten angegriffen. Das Uebel verbreitete sich so schnell, dass jetzt, 1864, fast alle Pflanzungen sowohl in Pinang, als in Singapore völlig zerstört sind. Der Verlust an Kapital wurde schon 1862 auf mehr als 500,000 Dollars angeschlagen. Durch das Aussterben der Muskatbäume haben alle ländlichen Grundstücke eine bedeutende Entwerthung und die Hypothekengläubiger entsprechende Verluste erlitten. Nach einer Privatmittheilung hatte beispielsweise ein reicher Chinese 4000 Dollars auf eine Pflanzung geliehen, die nach dem Absterben der Bäume nicht für 300 zu verkaufen war. Wäre aber das Unglück auch nicht eingetreten, so würden doch die hochgespannten Erwartungen der Pflanzer nicht in Erfüllung gegangen sein, da der Verbrauch und mithin auch der Preis aller Gewürze, mit Ausnahme des Pfeffers, fortwährend abnimmt.[8]
Von der Veranda des schönen Landhauses übersah man einen grossen Theil der Insel. Zunächst um den Fuss des Hügels und im Thal zwischen den nächsten Anhöhen liegen in hübschen Gruppen die kleinen Häuschen der Eingebornen, unter Bambusbüschen und Obstbäumen, von Arecapalmen überragt, die auf langem, zierlich dünnem Schaft eine Blätterkrone tragen, so leicht, wie ein Federbusch. Es ist die eleganteste aller ostasiatischen Palmen, Hooker vergleicht sie mit einem vom Himmel geschossenen Pfeil; die Eingebornen pflanzen sie aber nicht ihrer Schönheit wegen, sondern weil sie die Arecanüsse liefert, die sie mit dem Betelpfeffer kauen. Die besseren dieser Häuser sind aus Brettern erbaut, viele aber nur aus Bambus, Matten, Palmenblättern und allerlei Nothbehelf; sie stehen auf Füssen von Palmenstämmen, einige Fuss hoch über der Erde. Der Fussboden besteht aus gespaltenen Bambusen oder Nibongpalmen (Caryota urens), die neben einander liegen, ohne sich zu berühren, so dass Luftzug von unten durchdringt. Das Ganze überragt wie ein Sonnenschirm ein hohes Dach aus Palmenblättern, das auf den Seitenwänden nicht fest aufliegt, sondern dem Luftzug eine Oeffnung freilässt. Solche Häuschen sind recht kühl.
Nach Süden sieht man die Strasse, die zur Stadt führt, aber bald hinter einem Hügel verschwindet, der auch den grössten Theil der Stadt verbirgt; im Hintergrund erscheint das Meer mit seinem Inselgürtel. Nach dem Innern zu erheben sich eine Menge kleiner Hügel; jeder der näher gelegenen trägt auf dem Gipfel ein schönes geräumiges Landhaus, neben welchem häufig einzelne Bäume emporragen, deren spärliche Blätterkrone in gar keinem Verhältniss zu dem enormen Stamm zu stehen scheint. Es sind die letzten Ueberreste des Urwaldes, der vor Kurzem noch Alles bedeckte, sie wurden ihrer Grösse wegen als Erinnerungssäulen geschont, können sich aber nicht in die neuen Verhältnisse schicken; ihr Stamm, an die Feuchtigkeit und den Schatten des dichten Waldes gewöhnt, kann die freie Luft und Sonne nicht ertragen und vertrocknet schnell. Weiterhin werden die Landhäuser immer seltener, dichter Wald überzieht gleichmässig die ganze Landschaft, deren Einförmigkeit nur durch sanfte Hügelwellen unterbrochen wird. Ziemlich in der Mitte der Insel hebt sich Bukit-tima deutlich über die kleineren Anhöhen hervor, und in äusserster Ferne erblickt man bei heiterem Wetter hinter immer zarter abgetönten Hügelreihen den Gunong-Pulaï, der dem jenseitigen Festlande angehört.
Zur völligen Behaglichkeit fehlte mir noch ein Diener; denn obgleich mein Gastfreund deren über ein Dutzend hielt und den grössten Theil des Tages nicht zu Haus war, konnte ich doch nur sehr schwer Dienstleistungen von seinen Leuten erlangen, da es die hiesigen Diener für eine ungerechte Zumuthung halten, einem Anderen, als ihrem Herrn behülflich zu sein. So ist es auch bei Tisch. Ist man eingeladen, so bringt man seinen Diener mit, weil man sonst Gefahr läuft, nichts zu essen zu bekommen. Hinter dem Stuhl eines jeden Gastes steht dessen Bedienter, gewöhnlich ein Chinese mit langem Zopf, oder ein Kling mit grossem Turban. Jeder von diesen sorgt ausschliesslich für seinen Herrn und sucht ihm die besten Stücke zu verschaffen. Oft sieht man sie sich darum balgen, wobei sie aber immer ihr würdevolles Wesen bewahren, wie es sich in Gegenwart grosser Herren, für welche hier alle Europäer gelten, ziemt. Einem Freunde ihres Herrn erweisen sie auch wohl mitunter eine kleine Gunst, verlangt aber ein Fremder etwas von ihnen, so stehen sie wie versteinert und in ihrem feierlich-respektvollen Gesicht malt sich die tiefste Entrüstung über die ungebührliche Zumuthung.
Alle Europäer, die auf dem Lande wohnen, bringen die Geschäftsstunden von 9 bis 4 Uhr in der Stadt zu. Während dieser Zeit steht ihr Haus gewöhnlich ganz leer, selbst die Bedienten sind dann meist nicht anwesend oder schlafen so fest, dass sie ebenso gut abwesend sein könnten. Das Haus steht offen, keine Thür ist verschlossen, man kann frei durch alle Räume gehen, die zum Theil mit werthvollen Gegenständen ausgestattet sind. Aber sonderbarer Weise wird nichts gestohlen. Obgleich unter den Eingebornen Diebstähle, auch Räubereien, häufig vorkommen, so war doch kein Fall bekannt, dass je das Haus eines Europäers beraubt worden wäre. Die Eingebornen haben eine gewisse Scheu, solches Grundstück zu betreten, die sich aus der Furcht vor den Hunden nicht genügend erklären lässt; denn Hunde giebt es nicht überall, auch würden sie entschlossenen Dieben kein Hinderniss sein. Es scheint daher fast, wenigstens schmeicheln sich die Europäer damit, dass ein gewisser Nimbus das Haus beschütze.[9]
Die Europäer, deren Zahl sehr gering ist und zum grossen Theil aus wohlhabenden Kaufleuten und hoch besoldeten Beamten besteht, geniessen in mancher Hinsicht eine bevorzugtere Stellung, als der hohe Adel in Europa. Sie sind durch Reichthum, Bildung, Intelligenz, Unternehmungsgeist und Ehrenhaftigkeit den anderen hier vertretenen Nationen sehr überlegen. Ausserdem bilden Farbe und äussere Haltung eine natürliche unübersteigliche Schranke für alle ehrgeizigen Asiaten, deren einige ebenfalls grosse Reichthümer ansammeln. Auch der Luxus, in dem sie leben, die Freigebigkeit, mit der sie bezahlen, sind Mittel, bei den Asiaten Achtung zu erlangen. Einer der angenehmsten Vorzüge, die aus diesem Verhältniss entspringen, ist das unbegrenzte Vertrauen, das alle Europäer geniessen. Keiner von ihnen trägt Geld bei sich, und kann dennoch in jedem Laden kaufen, was er will. Ich hatte einmal in Johore, auf dem asiatischen Kontinent, jenseits der kleinen Meerenge, eine Anzahl Jungen benutzt, um Thiere und Pflanzen zu sammeln. Da ich kein Geld hatte, erhielt jeder für das, was er ablieferte, ein Stückchen Papier, auf das ich mit Bleistift die Anzahl Cents schrieb, die er dafür empfangen sollte. Als ich Abends abfuhr, rechnete ich die einzelnen Zettel zusammen und gab dem ältesten Jungen einen Schein für die ganze Summe, zahlbar in Singapore. Keiner hatte das geringste Misstrauen, sie schienen alle so befriedigt, als hätte ich sie baar bezahlt, obgleich wir einander völlig fremd waren. Als ich Singapore verliess, fuhr mich mein Kutscher an den Platz der Einschiffung und setzte meinen letzten Koffer ins Boot. Ich schuldete ihm mehrere Monate Fuhrlohn, schrieb mit Bleistift einige ihm unverständliche Worte auf einen Zettel, den er bei meinem Banquier abgeben sollte, er machte seinen Salam und wünschte mir eine glückliche Reise. Sogar die Hunde, die in dergleichen Dingen immer eine richtige Witterung haben, erkennen die bevorzugte Stellung an. Sobald ein ganz fremder Europäer zum ersten Male das Grundstück eines andern betritt, kommen sie ihm bis an die Hecke entgegengelaufen und geleiten ihn freundlich bellend und wedelnd ins Haus. Wenn erst die europäische Bevölkerung mehr zunimmt, Unbemittelte oder gar Industrieritter hierher kommen, wird dieser Zustand natürlich aufhören.
Die Lebensweise der reicheren Europäer ist äusserst angenehm und mit Ausnahme der zu kopiösen Mahlzeiten sehr zweckmässig. Die Billigkeit der Landhäuser, der Dienerschaft und der Pferde erlaubt ihnen mit verhältnissmässig geringen Kosten einen fürstlichen Haushalt zu führen. Sie stehen gewöhnlich vor Tagesanbruch auf, nehmen ein Bad und machen einen grossen Spaziergang. Nach einem einfachen Frühstück, um 9, fahren sie zur Stadt, arbeiten bis um 4 in ihren meist sehr luftigen Kontoren und kehren nach Haus zurück. Bei der Ankunft bietet der erste Diener seinem Herrn ein Glas Sherry an und berichtet, ob etwas vorgefallen, dann folgt Bad, Ausfahrt in eleganter offener Equipage, gegen 7 Uhr Diner, nach Tisch wird gelesen, geplaudert, Billard gespielt. Man geht früh zu Bett, wenn keine Gäste da sind; sonst dauern die Gesellschaften gewöhnlich bis 11 Uhr. Mit Sonnenuntergang wird das ganze Haus verschwenderisch beleuchtet, wenn auch kein Besuch da ist.
Frauen sind auch in der europäischen Gesellschaft wenig zahlreich. Sie leben meist auf so kostspielige Weise, dass nur wenige Männer reich genug sind, Frauen in dem zum herrschenden Ton gewordenen Luxus zu erhalten. Auch vertragen dieselben meistens das Klima weniger gut als Männer; sie werden bald apathisch, kränkeln und sind genöthigt, zur Wiedererlangung ihrer Gesundheit nach Europa zurückzukehren. Tritt dieser Fall nicht ein, so zwingt sie bald die Sorge für die Erziehung der heranwachsenden Kinder zur Heimreise, während der Mann, wenn er noch kein hinreichendes Vermögen erworben, zurückbleibt.
Wie aber fast jedes Uebel auch seine gute Seite hat, so ist der Verkehr unter den Männern innerhalb derselben gesellschaftlichen oder eigentlich finanziellen Schichten, denn in solche ist die hiesige Gesellschaft streng gesondert, um so bequemer und herzlicher; während in fast allen kleinen Kolonien, wo es Frauen und gar arme Beamten- und reiche Kaufmannsfrauen giebt, das Leben durch die Eifersüchteleien der sonst so liebenswürdigen Wesen sehr verbittert wird. Auch sind Frauen als Hüterinnen des Anstandes und der Sitte in englischen Kolonien entbehrlicher, als in jeder andern. Der starre Schematismus der englischen Erziehung hält für das ganze Leben vor. Während kontinentale Europäer in fernen Ländern gern jeden lästigen Zwang so bald als möglich ablegen, sich vernachlässigen, „ihre Kaste verlieren”, bleiben die Engländer überall Engländer — Insulaner — Fremde. Daher ist auch ihr Einfluss auf die Sitten der Eingebornen ein sehr geringer. Eben so gering sind auch die Leistungen ihrer wohl besoldeten, fein gebildeten Missionäre im Vergleich zur Mehrzahl der katholischen, die, ungestört durch wissenschaftliche Bildung, gesellschaftliche Stellung, häuslichen Wohlstand und Familienbande, in besonderen Seminaren mit militärischer Disziplin zum Bekehren erzogen, in ein viel näheres und daher einflussreicheres Verhältniss zu ihren Täuflingen treten.
Die hiesigen englischen (aber nicht die deutschen) Häuser sind meist nur Agenturen grösserer Firmen, deren Hauptsitz in England oder Kalkutta ist, und die noch an mehreren andern Plätzen in China und am Archipel ihre Kontore haben. Daher finden unter dem Personal häufige Versetzungen statt. Als ich nach 6 Monat langer Abwesenheit Singapore wiedersah, traf ich die Hälfte meiner Freunde nicht mehr an; sie waren nach allen Richtungen zerstoben und durch neue Ankömmlinge ersetzt.
Unter den Europäern herrscht grosse Gastfreundschaft. Fast täglich ist man eingeladen. Als ich mich zum ersten Male in einer solchen Gesellschaft befand, machten die geographischen Spezialkenntnisse der Anwesenden einen grossen Eindruck auf mich. Mein Nachbar rechts war 10 Jahre auf den Philippinen gewesen, der zur Linken hatte so eben einen grossen Theil Borneo's durchreist; der gegenüber hatte fast alle grösseren Inseln des Archipels besucht, auch Neu-Guinea und die Nordküste Australiens. Ein anderer (Col., jetzt General Mac Leod) war zu Fuss durch Birma bis an die Grenze von China gegangen, durch Länder, die ausser ihm noch kein Europäer betreten hatte. Wie erweiterte sich aber erst der geographische Horizont, als die Damen die Kartoffelfrage behandelten! „Sind dies javanische oder chinesische Kartoffeln?” — „Neuseeländische.” — „Ich ziehe die kalifornischen vor.” — Die eine bezog ihren Bedarf aus Holland, die andere aus Neuholland. — Europäische Gemüse und Früchte gedeihen hier nicht. Von den hier gebauten Gemüsen sagen fast nur Bohnen und mehrere Gurkenarten unserem Geschmack zu. Dagegen liefern die hiesigen Gärten in grosser Fülle die besten Früchte der heissen Zone. Am häufigsten ist die Banane oder Pisang (Musa paradisiaca), in sehr vielen Varietäten, bei weitem die verbreitetste und nützlichste aller tropischen Früchte. Ihr Geschmack hält die Mitte zwischen Birne und gekochter Kartoffel; sie dient als Obst und Gemüse, und wird selbst von Europäern reichlich gegessen, die sonst die meisten Früchte, sogar die köstliche Ananas, aus Gesundheitsrücksichten ängstlich vermeiden, was, so weit meine Erfahrung reicht, ein Vorurtheil ist. Keine Frucht ist leichter zu kultiviren; sobald die Fruchttraube abgenommen, wird der Stamm umgehauen, um für die aus der Wurzel aufgeschossenen jüngeren Triebe Platz zu machen; so geht es fort und fort. — Die Ananas, malayisch Nanas (Ananas sativa), von Singapore übertreffen an Wohlgeschmack alle in Java, Siam oder auf den Philippinen gebauten, und werden selbst von den in europäischen Treibhäusern gezogenen an Duft nicht übertroffen. An Süssigkeit und Saftfülle bleiben diese aber hinter der Singapore-Ananas zurück. Sie ist so billig, dass man sie in Verbindung mit feinem Sand benutzt, um das Verdeck der Schiffe zu scheuern. Man isst gewöhnlich nur die untere, süssere Hälfte und wirft die obere fort. — Von Vielen wird der Mangustan (Garcinia mangostana) für die Königin aller Früchte erklärt. Sein Vorkommen ist auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt; weder in Ost- noch Westindien gelang es bisher, ihn zu ziehen. (Es gilt als einen der grössten Triumphe der Kunstgärtnerei, dass der Herzog v. Devonshire einige Mangusten zur Reife gebracht hat.) — Nur in gewissen Jahreszeiten häufig sind die Mangos (Mangifera indica), die, wenn sie nicht sehr gut sind, wie Aprikosen mit Terpentin, oft aber auch wie Terpentin mit Aprikosen schmecken. Dies ist eine der wenigen tropischen Früchte, von denen es viele durch Kultur entstandene Varietäten giebt.
Die grösste aller Baumfrüchte ist wohl die Nangka, Jackfruit (Artocarpus integrifolia), von denen eine einzige über einen halben Centner schwer wird. Obgleich sie sehr angenehm würzig schmeckt, wird sie von Europäern fast nie gegessen. Sie ist eine nahe Verwandte der Frucht des Brodbaums (A. incisa), die hier nicht geschätzt und nur von den Eingebornen als Gemüse genossen wird. Häufiger erscheint die Papaya auf der Tafel, die Frucht des Melonenbaumes (Carica papaya), die weder die Grösse, noch den Geschmack einer sehr mittelmässigen Melone erreicht. In der inneren Höhlung liegen eine grosse Menge dunkelgrüner Kerne; sie sehen aus wie Kapern, riechen wie Kresse und schmecken gar nicht. Der Saft der unreifen Frucht enthält aber Fibrin, das ausser bei Pilzen noch bei keiner Pflanze nachgewiesen wurde. Dieser Saft, ja die blosse Ausdünstung der Blätter, mehr noch die Berührung hat die höchst auffallende Eigenschaft, die Muskelfaser zu zersetzen, das zäheste Fleisch zart zu machen.[10]
Sehr schön modellirt und gefärbt, wie aus Wachs gebildet, sind die Jambusen (Eugenia spec. div.), deren einige wie Rosen duften. Sie erfrischen, ohne den Geschmack zu befriedigen, da ihr loses, schwammiges Zellengewebe nur schwach säuerliches Wasser enthält.
Angenehmer schmecken die Anonen-Arten, die aber in Singapore noch nicht die verdiente Verbreitung gefunden haben.
Der Lei-tschi der Chinesen (Nephelium lichi), der in Siam so gut fortkommt, scheint in Singapore nicht zu gedeihen; der Rambutan, eine ihm verwandte Nephelium-Art (N. lappaceum?), ist häufig und kommt ihm im Geschmack sehr nahe. Die fleischige Hülle haftet aber durch unzählige Fäserchen so fest am Kern, dass ihr Genuss unbequem ist.
Apfelsinen sind in zahlreichen Varietäten vorhanden, in allen Grössen, vom kleinen Kumqwat, nicht grösser als eine Walderdbeere, bis zur Pumpelmuse (Citrus decumana), die fast kopfgross wird. Letztere hat zwar einen grossen Verbreitungsbezirk, erlangt aber nur an gewissen eng begrenzten Lokalitäten ihr volles Aroma. Am besten geräth sie in Batavia und in Amoy. Sie ist lange nicht so saftreich, aber würziger, als alle andren Oranien. Der Name Pumpelmuse klingt sehr holländisch, kommt aber wahrscheinlich vom Tamil-Wort Bambalmas. Die Engländer nennen sie gewöhnlich Shaddock nach einem Schiffskapitän, der sie von Batavia nach Westindien übersiedelte. Dr. de Vry sagt in einem vor der British Assoc. in Birmingham gehaltenen Vortrage, dass die Pumpelmusen in Bandong (Java) in 2300' Meereshöhe ungeniessbare Früchte, nicht grösser, als gewöhnliche Apfelsinen, tragen, dass er aber von einem einzigen Baum in seinem Garten 200 ℔ Blüthen (!) gepflückt habe und dass er von 1000 ℔ Blüthen 1 ℔ Neroli bester Qualität erhielt (Chemical News. Sept. 29. 65).
Als Unkraut wuchert die Guajava (Psidium pomiferum und P. pyriferum), deren den Holzbirnen und Aepfeln ähnlich aussehende Früchte die Stelle unserer Quitten vertreten, ohne ihrem Aroma gleichzukommen; sie werden fast nur eingemacht gegessen.
Eine der merkwürdigsten Früchte von allen ist der Durian (Durio zibethinus); nach Crawfurd ist er auf dasselbe kleine Gebiet beschränkt, wie der Mangustan und wächst auf hohen Bäumen, häufiger im Walde, als kultivirt, hat ziemlich die Grösse und Gestalt der Ananas, aber die pyramidalen Warzen, die seine holzige Schale bedecken, sind hart und spitz. Bei der reifen Frucht springt die Schale an vier Stellen der Länge nach bis zum Stiel auf und enthüllt eine weiche, weisslich gelbe, creme-artige Substanz, welche die Zwischenräume zwischen den nussgrossen Samenkernen ausfüllt. Sie schmeckt besser als der beste Creme, und riecht schlechter als Knoblauch. Dieser ungemein penetrante Geruch ist anfänglich Jedem zuwider, der Wohlgeschmack aber so gross, dass der ursprüngliche Widerwille sich bald in eine wahrhaft leidenschaftliche Zuneigung verwandelt. Man zahlt oft einen Dollar für das Stück, während Ananas nur einen Cent kosten, so gross ist die Nachfrage ihrer Verehrer. — Hoch bezahlt sind auch steinharte, fade Birnen und Aepfel, die der Norden von China liefert; sie sind fast ungeniessbar für neue Ankömmlinge, aber länger Ansässige, denen sie das Obst der geliebten Heimath versinnlichen, dichten ihnen in frommer Erinnerung einen Wohlgeschmack an, den sie durchaus nicht besitzen.
Die Sehnsucht nach der Heimath ist ein stehender Zug bei allen Europäern, die in diesen fernen Landen leben. Eine hübsche Sitte, die sich darauf gründet, ist der Toast: „Auf die fernen Freunde”, der zum Schluss des Mahls im besten Wein mit feierlicher Stille getrunken wird.
Viele hiesige Früchte, wenn auch in Gärten gewachsen, sind kaum als veredelt zu betrachten und unterscheiden sich wenig oder gar nicht von ihren Stammeltern im Walde. Aber auch diejenigen, die man nicht wild, sondern nur um die Wohnungen der Menschen antrifft, haben sich nur wenig von dem ursprünglichen Typus entfernt, da fast keine Varietäten vorhanden sind (ebenso ist es mit den Zierblumen). Doch ist wohl nicht zu zweifeln, dass sich aus den vorhandenen Obstarten eine eben so grosse Menge hochedler Sorten erzielen liesse, als man in Europa aus fast ungeniessbaren ursprünglichen Arten gezogen hat. Für's Erste ist aber keine Aussicht auf dergleichen Versuche vorhanden. Die hiesigen Europäer wenden ihre ganze Energie und Intelligenz dem Handel zu und kehren, sobald sie können, nach Europa zurück. Die wenigen, die hier bleiben, haben meist ihre Strebsamkeit verloren, sie nehmen immer mehr von der Gleichgültigkeit der Eingebornen an. Von ihnen sind Versuche, die so viel Zeit, Kenntniss und Mühe verlangen, kaum zu erwarten.
Ausser Obst, etwas Gemüse und Geflügel, vielen Fischen und Krebsen liefert die Insel keine Nahrungsmittel. Es wird aber Alles in Menge eingeführt, ja oft sind manche Artikel hier billiger, als am Produktionsort. Hühnerfleisch und Reis isst man täglich wenigstens zwei Mal. Hammelfleisch ist sehr theuer und gilt für einen grossen Leckerbissen. Die besten Hammel kommen aus Bengalen, darauf folgen die vom Peiho, weniger geschätzt sind die von Shanghai und Australien. Puter kommen aus Java und kosten 5 bis 6 Dollars das Stück. In Singapore können sie nicht gezogen werden, auch die eingeführten sterben bald.
Von europäischen Speisen sind namentlich die national-englischen in Blechbüchsen immer vorhanden, sie sind meist aus englischer Fabrik, daher weder sehr wohlschmeckend, noch mannigfaltig. In anderen Kolonien lässt man sich dergleichen Sachen lieber aus Frankreich kommen und steht sich besser dabei. Die gewöhnlichen Getränke sind englisches Bier, Bordeaux-, Rheinwein. Geeisten Champagner trinkt man so häufig, dass die chinesischen Bedienten das Wort ihrer Aussprache akkommodirt haben, indem sie aus Cham-paign sim-kin machen.
Von der Wichtigkeit der Erfindung, Nahrungsmittel in hermetisch-verschlossenen Büchsen aufzubewahren, bekommt man erst auf Seereisen und mehr noch in den Kolonien, besonders in den abgelegenen Stationen, eine richtige Vorstellung.[11] Wenn aber die Zubereitung nicht sehr schmackhaft ist, so stellt sich nach fortgesetztem Gebrauch allmälig ein solcher Ekel ein, dass selbst die Matrosen Salzfleisch vorziehen. Dies tritt namentlich bei englischen Präparaten bald ein, bei französischen habe ich es nie empfunden. Hoffentlich ist der Zeitpunkt nicht mehr fern wo man wenigstens die für die Passagiere bestimmten Nahrungsmittel während der ganzen Reisedauer nur durch Kälte frisch erhalten wird. Wenn die Eismaschinen erst den nöthigen Grad von Vollkommenheit erreicht haben, dürfte es wohl an der Zeit sein, sie mit einem System von Röhren zu verbinden, die, mit einer schwer erstarrenden Flüssigkeit gefüllt, einen angemessenen Raum hinreichend kalt erhalten, um alle darin niedergelegten Nahrungsmittel völlig frisch zu bewahren. Man sollte glauben, dass die Kosten der Einrichtung und des Betriebes, besonders auf Dampfschiffen, wo ein kleiner Bruchtheil der vorhandenen Kraft zu diesem Zweck abgezweigt werden könnte, beträchtlich geringer sein würden, als die des jetzt eingeführten Gebrauchs, lebende Thiere sammt Futter und Wärter mitzunehmen. Abgesehen aber vom Kostenpunkt würden die Annehmlichkeiten für die Reisenden sehr gross sein. Der Zahlmeister könnte auf jeder Station diejenigen Artikel in Fülle einkaufen, die gerade dort am vorzüglichsten sind; statt des Fleisches von Thieren, die durch die Seereise gelitten haben, könnte man den Reisenden mit wahrscheinlich geringeren Kosten stets das beste, gleich in geeigneten Stücken eingekaufte Fleisch vorsetzen. Führte man ein solches Röhrensystem durch die von den Passagieren bewohnten Schiffsräume, wie man Häuser durch warmes Wasser heizt, so könnte die in niederen Breiten, besonders an Bord überfüllter Dampfschiffe, so unerträgliche Hitze auf ein Minimum herabgedrückt werden. Namentlich aber für die Fahrt auf dem rothen Meere, die während einiger Monate so verrufen ist, dass die Gesellschaften während dieser Zeit genöthigt sind, ihre Preise herabzusetzen, würde eine solche Einrichtung von grossem Werthe sein.
Nachdem ich in dem schönen Landhause einige Wochen zugebracht, die unter der Masse neuer Eindrücke und Bekanntschaften sehr angenehm verflogen, entschloss ich mich, die wahrhaft fürstliche Gastfreundschaft unseres Konsuls nicht länger in Anspruch zu nehmen, bezog eine kleine Wohnung in der Stadt und wollte anfangen, recht fleissig zu sammeln und zugleich Individuen der verschiedenen Rassen, welche die völlige Freiheit des Verkehrs hier zusammenführt, zu photographiren. In Europa hatte ich viel von der Vortrefflichkeit und Billigkeit der indischen Diener gehört und meine Ansprüche, sowie meine Ausrüstung danach zugeschnitten. Einen Diener wollte ich zum Sammeln und Präpariren von Thieren, einen zweiten auf Pflanzen, einen dritten auf photographische Handleistungen abrichten. Auch konnte ich, wenigstens im Anfang, Diener genug bekommen, sie fanden aber keinen Geschmack an meinen Liebhabereien und verliessen mich gewöhnlich wieder nach einigen Tagen. Durch Vermittelung eines gefälligen Freundes wurde mir ein kleines, niedliches Bretterhaus, 100 Schritt vom Meer, das der Regierung gehörte und zur Zeit unbenutzt stand, zur Verfügung gestellt. Ich liess mich mit meinem Gepäck darin nieder und verlebte hier einige sehr angenehme Monate. Die Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, die ich ohne Ausnahme von allen Europäern erfuhr, wird mir immer eine der liebsten Erinnerungen bleiben. Einmal zeigte mir Jemand ein Glas voll Schlangen und Eidechsen in Spiritus, ohne sie mir anzubieten, und ich erinnere mich noch, dass ich von einem so unerwarteten Verfahren ganz betroffen war. Ich wüsste die Gefälligkeiten, die mir ununterbrochen von allen Seiten erwiesen wurden, nicht schlagender anzudeuten, als durch dies Geständniss. Der Tag verging unter den mannigfachsten Beschäftigungen, die Abende brachte ich gewöhnlich auf dem Landhaus irgend eines Freundes zu. Freilich fehlte es auch nicht an allerlei kleinen Miseren, welche aber gegen die Freuden des damaligen Lebens sehr zurücktraten. Eine dauernde Unbequemlichkeit war die Schwierigkeit, einen guten Diener zu finden. Als ich in meinem Häuschen die grossen Kisten geöffnet hatte und der Bediente den Inhalt erblickte, schüttelte er bedenklich den Turban und sprach halb englisch, halb malayisch: „Viel, viel Sachen, Herr, nehmt einen andern Diener, zu viel Mühe!” und ging ab. Ich wagte nicht auszugehen, da das Haus nicht verschliessbar war. Bald kam ein Platzregen, der durch das schadhafte Dach drang und die ausgepackten Sachen durchnässte. Nach einigen Tagen erbarmte sich meiner eine Dame und verschaffte mir ein wahres Muster von Bedienten, der Alles allein zu machen versprach. Auch stattete sie mich noch mit allerlei Gegenständen der Bequemlichkeit aus, um mir den Aufenthalt in meiner neuen Wohnung angenehm zu machen. Als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich aber dasselbe offen, der Diener war nicht da, weil er, wie er mir am andern Tage sagte, noch keine Schlafmatte hatte. Um eine zu suchen, verbrachte er den grössten Theil des zweiten Tages ohne Erfolg. Am dritten Tage kam er spät und brachte noch einen Landsmann mit, der ihm helfen sollte; dieser schien ein Literat zu sein, er las den ganzen Tag, deklamirte und schrieb; verlangte ich etwas von ihm, so seufzte er und sprach: „much, much trouble.” Nachmittags fand ich ihn in meiner Geldtasche wühlend und entliess ihn. Den andern behielt ich noch 6 Tage, davon war er 2 Tage krank, einmal musste er vor Gericht, ein andermal hatte er dringende Geschäfte in Familienangelegenheiten. Nachdem ich in kurzer Zeit einige Malayen und mehrere Klings gehabt, bekam ich einen berühmten, kleinen Chinesen. Leider verstand er nicht malayisch und ich nicht chinesisch. Er verstand überhaupt nichts, da er noch nicht gedient hatte, besass aber grossen Eifer. Meine Schuhe putzte er nicht nur von aussen, sondern auch von innen, und als ich ihm auftrug, meinen schwarzen Frack zu reinigen, um darin bei einem amtlichen Diner des Guvernörs zu erscheinen, wusch er ihn mit Seife und Wasser. Dadurch wurde der kleine Bursche so berühmt. Seine angenehmste Eigenschaft aber war, dass er immer lief, wenn ich „lakas” rief. Dies hatte für mich einen solchen Reiz, nachdem ich mich so lange mit den faulen, mürrischen Klings beholfen hatte, dass ich den armen Jungen fast nur in diesem schnellen Tempo benutzte. Aber nach 6 Wochen war er's müde. Als auch er mich verlassen hatte, blieb ich längere Zeit ohne alle Bedienung. Mein Haus war eigentlich nur dem Scheine nach verschlossen, obgleich ich oft den ganzen Tag und einen Theil der Nacht abwesend war. Auf meinem Balkon hingen mehrere Thermometer ganz frei, mir ist aber nie etwas gestohlen worden. Und doch stand das Haus auf einem Grundstück, das nur zum Theil durch eine Hecke eingefasst war und an einer wenig frequenten, Abends nicht beleuchteten Strasse lag. Den Grund weiss ich mir nicht zu erklären.
Wenn aber auch ein hiesiger Diener den Anforderungen, die man in Europa an einen solchen stellt, nicht entspricht, so kann man sich doch sehr gute Bedienung verschaffen, wenn man für verschiedene Dienstleistungen im Hause verschiedene Diener annimmt, was bei ihren bescheidenen Ansprüchen nicht sehr theuer ist. Auch verlangt die Gerechtigkeit, zu erwähnen, dass ich schliesslich einen vorzüglichen Diener bekam, treu, anstellig, fleissig, bescheiden; zu meinem grossen Bedauern zog er sich später in den Wäldern von Malacca ein Junglefieber zu, wodurch ich gezwungen wurde, ihn in Singapore unter der Pflege eines Arztes zurückzulassen.
Viertes Kapitel.
Ueberblick der Stadt. — Strassenleben. — Reis. — Chinesen. — Malayen. — Malayische Sprache.
Die Stadt bildet ein Kreis-Segment, dessen Sehne, der Strand, von NO. nach SW. streicht, während der nach NW. gerichtete Bogen im N. von einem Kanal, in seinem weiteren Verlauf durch eine Reihe von Anhöhen begrenzt wird. Gegen 20 dieser, im Durchschnitt 100 Fuss hohen Hügel treten unmittelbar an den Rand der Stadt und schon beginnen die Häuser, sich an den Abhängen in die Höhe zu ziehen. Jeder Gipfel gewährt einige hübsche Bilder, die alle aus denselben, aber immer anders gruppirten Elementen bestehen. Die schönste Rundsicht hat man vom Government-hill, jetzt Fort Canning, das mitten in der Stadt liegt. Hart an seinem Fuss fliesst der kleine Fluss, der die Stadt in zwei Theile sondert. Die nördliche, räumlich grössere Abtheilung enthält die meisten öffentlichen Gebäude, viele Wohnhäuser reicher Kaufleute und Beamten, die noch unvollendete Kirche und die Esplanade, einen schönen grossen Rasenplatz dicht am Meere, auf welchem jeden Abend ein kleiner Korso und Cricket, das nationale Ballspiel der Engländer, mehrere Male in der Woche auch Militärmusik stattfindet. Auf der Südseite ist das Geschäftsleben konzentrirt. Diese vertritt die „City”, jene das „Westend”; letzteres liegt aber östlich. Dicht an seiner Mündung hat der Fluss nach Süden zu ein quadratisches Stück Land von etwa 1000 Fuss Länge und Breite angeschwemmt; Raffles, der Gründer der Stadt, hat die Trümmer eines Hügels, der früher an der Mündung stand, darauf geschüttet. Es hängt nur auf einer Seite mit dem Lande zusammen, zwei andre Seiten werden vom Meere, die vierte vom Fluss gebildet. In diesem Viereck befinden sich alle grösseren Geschäftshäuser und Speicher der Europäer sowohl, als der Asiaten. Auf den dem Meere zugekehrten Seiten ragen Landungsdämme ins Wasser, an welchen die Güter für die verschiedenen Firmen unmittelbar in die daran stossenden Speicher gebracht werden. In der Mitte des Vierecks liegt der Commercial square, der Centralpunkt des Verkehrs für die Europäer, und vertritt fast die Stelle einer Börse. Noch lebhafter aber ist das Gewimmel auf und an dem kleinen Flusse: an seinen beiden Ufern liegt eine fast ununterbrochene Reihe von Leichtern und andern kleinen Booten, welche Waaren aus- und einladen, die von stämmigen chinesischen Kulis oder durch Ochsenkarren weiter geschafft werden. In der Mitte bewegen sich vom frühesten Morgen bis spät Abends dichte Züge ein- und ausfahrender Lastboote aller Grössen.
Die Rhede ist umschlossen von dichtbewaldeten Inseln, über die sich die Kronen zahlreicher Palmen erheben. Gewöhnlich ist das Meer so ruhig, wie ein Binnensee und bedeckt mit Schiffen aller Länder, zwischen denen unzählige kleine Boote hin- und herfahren. Eine ganze Kette solcher kleinen Eilande und Felsen liegt im Süden der Hauptinsel und setzt in SO-Richtung den Umriss der Küste wie in einer punktirten Linie fort. Die südlichste derselben, St. John, musste früher von allen grösseren Fahrzeugen umschifft werden, bis man unmittelbar an der Südküste von Singapore selbst eine Durchfahrt entdeckte, tief genug für die grössten Schiffe. Sie wird im Süden von der Insel Blakang-mati begrenzt, welche fleissige Bugis in ein Ananasfeld verwandelt haben, und bildet den sogenannten neuen Hafen, New harbour, in dem jetzt die grössten Dampfschiffe anlegen und ihre Kohlendepots haben. Es sind daselbst Docks und Landungsbrücken errichtet, so dass die Schiffe unmittelbar am Lande anlegen und löschen können, während in Singapore Alles durch Leichter gelandet werden muss. New harbour hat aber so wenig Raum, dass er kaum für die Bedürfnisse der Dampfschifffahrt ausreicht.[12]
| MALAYIN (SINGAPORE) | CHINESIN (FU-TSCHAU) | CHINESE (OPIUMRAUCHER) |
| BATTA (SUMATRA) | MALAYE (JOHORE) | BATTA (FRAU) |
Das bunte Treiben in den Strassen entspricht dem, was die Schiffe auf der Rhede vermuthen liessen. Die Stadt ist der Sammelplatz aller Völker des fernen Ostens. Weitaus überwiegend an Zahl und Bedeutung sind die Chinesen. Dann folgen der Menge nach die Völker malayischer Rasse, Bewohner des Archipels: Bugis, Javanen, Sundanesen, echte Malayen und endlich die Klings, wie hier allgemein sämmtliche Bewohner Vorder-Indiens ohne Unterschied genannt werden, obgleich das Wort, eine Korruption von Telinga, ursprünglich nur die Eingebornen der Ostküste der vorderindischen Halbinsel bezeichnet. Diese drei Völkerschaften bilden die Hauptmasse; mehr vereinzelt erscheinen zwischen ihnen Araber, Perser, Parsis, Armenier, Siamesen, Birmanen, Anamiten, Tagalen und Juden in alttestamentarischer Tracht.
In allen Hauptstrassen der Stadt sind die Häuser im Erdgeschoss mit fortlaufenden Bogengängen versehen, unter welchen man zwar Schutz gegen die Sonne findet, aber nicht gegen die Zudringlichkeit der kleinen Handelsleute, die hier als Geldwechsler, öffentliche Schreiber und Krämer ihr Wesen treiben. Bei letzteren findet man oft das sonderbarste Gemisch von Waaren, namentlich bei den Klings: neben europäischen Eisen- und Kurzwaaren sieht man die verschiedensten Produkte des Archipels, indische Medikamente, Hülsenfrüchte und mitten unter den Nahrungsmitteln grosse Stücke Arsenik in offenen Schalen, das namentlich nach Madras zum Einbalsamiren der Leichen, auch nach anderen Häfen zum Präpariren der Häute geht. Eine andere in die Augen fallende Waare, die man aber nur an den Thüren der Grosshändler trifft, sind Kanonen von jedem Kaliber, für die immer ein guter Markt ist, da sich hier sowohl die Seeräuber zum Angriff, als die friedlichen Kauffahrer zur Vertheidigung ausrüsten.
Besonders auffallend im hiesigen Strassenleben ist die fast gänzliche Abwesenheit der Frauen. Chinesen und Klings, die mit der Absicht kommen, nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in ihr Vaterland zurückzukehren, bringen keine Frauen mit, und ein grosser Theil der Bevölkerung ist fluktuirend, kommt mit dem einen Monsun und kehrt mit dem andern in die Heimath zurück, die Familie bleibt daheim. Von den wenigen Frauen, die hier ansässig sind, werden die meisten, der Sitte des Orients gemäss, im Hause gehalten. Nach den statistischen Berichten ist das Verhältniss der Frauen zu den Männern ohnehin nur wie 1: 8, aber auf der Strasse fehlen erstere fast ganz. Nie geht eine Frau neben ihrem Mann, oder gar von ihm geführt, es könnte die Würde des Mannes beeinträchtigen, ihn lächerlich machen. Die malayischen Familien gehen gewöhnlich Einer hinter dem Andern, zuerst die Kinder, dann die Mutter, dann der Vater und die Erwachsenen. Auch Männer gehen immer nur hinter einander, der Vornehmste voran, die andern folgen genau nach ihrem Range. Sie haben diese Gewohnheit wohl in der Heimath angenommen, wo nur schmale Pfade durch den Wald führen, und befolgen sie hier auch auf den breitesten Strassen. Derselbe Gebrauch ist unter den Indiern in Amerika allgemein: daher der englische Ausdruck: Indian file. Manche können es auch nicht unterlassen, wenn sie an Hecken vorbeigehen, einige Zweige einzuknicken, wie sie es im Walde gewöhnt sind, zu thun, um den Rückweg zu finden.
| TELINGA. (BAYADERE.) | TELINGA. | JAVANE. |
| BUGIS. (CELEBES.) MANN. | BALINESIN. | BUGIS. (CELEBES.) FRAU. |
Den buntesten, interessantesten Anblick gewährt die Stadt wohl Abends zwischen 8 und 10 Uhr. Die Strassen, in welchen die Geschäftshäuser der europäischen Kaufleute liegen, sind dann öde und finster, aber in den anderen Stadttheilen, besonders im Viertel der Chinesen, herrscht die grösste Lebendigkeit. Hier sind alle Läden offen und mit grossen, bunten Papierlaternen, die zugleich als Firmaschilder dienen, beleuchtet,[13] alle Werkstätten in voller Thätigkeit. Längs der Häuser haben sich ganze Reihen kleiner Geschäftsleute, Hausirer, besonders aber viele Garköche mit ihren tragbaren Gestellen eingefunden, welche an dem einen Ende eines Bambus die Küche, am andern sämmtliches Geschirr tragen. Dazwischen wogt eine dichte Menschenmenge, die hier ihre Abendmahlzeit kauft und meist gleich an Ort und Stelle verzehrt.
Die Chinesen bedienen sich zum Essen der bekannten kleinen Stäbchen; alle andern hiesigen Asiaten essen mit den Fingern, zuweilen auf sehr unappetitliche Weise. Noch unappetitlicher ist die Art, wie die Gäste ihrem Wirth nach beendigter Mahlzeit ausdrücken, dass sie völlig satt sind. Die Mehrzahl der hiesigen Bevölkerung lebt fast nur von Reis. Viele geniessen kaum etwas anderes.[14] Fleisch und sonstige Zuspeisen werden von den Aermeren nur in so geringer Menge dazu genossen, als bei uns Pickles oder andre Reizmittel. Darauf sind auch die Garköche eingerichtet; für ein paar Pfennige kann sich dort Jeder die kleinsten Portionen seiner Lieblingsgerichte kaufen, die zuweilen auf römischen Wagen, nicht grösser als eine Goldwage, abgewogen werden. Es sieht drollig aus, wenn eine Anzahl chinesischer Kulis ihre Mahlzeit einnehmen. Sie hocken um einen Eimer voll Reis, um welchen im Kreise herum eine Anzahl pikanter Zuspeisen in kleinen Tassen stehen. Jeder füllt sich eine geräumige Schale mit dem Nationalgericht, fasst seine beiden Essstäbchen, die so dick wie Bleistifte und anderthalb mal so lang sind, indem er sie mit Daumen und Mittelfinger gegen den Zeigefinger presst, und schaufelt sich mit den beiden Enden, den Athem dabei einziehend, eine grosse Anzahl Reiskörner zu, die einzeln, aber in enggeschlossener Reihe, in den weit geöffneten Mund fliegen, um auf einmal verschlungen zu werden; ab und zu holt er sich mit seinen Stäbchen, indem er sie wie eine Zange gebraucht, ein Stück Fleisch oder Fisch aus einer der Tassen, beisst ein wenig davon ab, legt den Rest in seine Schale und schaufelt von neuem weiter. Es ist auffallend, wie die hiesige chinesische Bevölkerung gesund und kräftig bleiben kann bei einer Kost, die fast nur aus Stärkemehl besteht und an Stickstoffgehalt selbst von der Kartoffel übertroffen wird, wenn man von dieser den 3/4 des Gewichts betragenden Wassergehalt ausser Rechnung lässt; die chinesischen Lastträger, wenigstens die im Dienst der Europäer, essen allerdings nicht unbedeutende Mengen Schweinefleisch.
Die Chinesen sind als sehr geschickte Köche bekannt; auch haben sie ein grösseres Feld, als die unsrigen, da sie viele Dinge verwenden, die dem Europäer als unrein gelten. Die von Max Müller (Science of language S. 346) nach Farrar erzählte Geschichte, welche ihm Veranlassung giebt, eine der Annahmen über den Ursprung der Sprache als die Bau-Bautheorie im Gegensatz zur Puh-Puhtheorie zu kennzeichnen, ist noch heute in China unter den Europäern gang und gäbe. Ein Engländer nämlich, dem man eine Schüssel vorgesetzt hatte, die ihm verdächtig schien und der wissen wollte, ob es Ente sei, fragte: Quack-Quack? und erhielt die klare, offene Antwort: Bau-Bau! Einige ihrer Leckerbissen sind für uns geradezu Ekel erregend, z. B. faule oder angebrütete Eier, deren Schale etwas geöffnet wird, damit der Käufer sehe, dass er nicht etwa getäuscht werden und statt des begehrten ein frisches Ei erhalten solle.[15] Diese Liebhaberei scheint aber doch nicht allgemein zu sein. Sie haben auch ein Verfahren, Eier sehr lange frisch zu erhalten. Hier ist das Rezept: 2 Maas Asche, 1 Maas Salz mit Wasser zu einem Brei gemischt, mit dem die aufzubewahrenden frischen Eier bedeckt werden.
Das chinesische Element tritt namentlich in einigen Theilen der Stadt so sehr in den Vordergrund, dass man sich in China wähnen könnte. Alle Handwerke, besonders solche, die Geschick und Ausdauer verlangen, werden fast nur von Chinesen betrieben. Sie mögen wohl das fleissigste Volk auf Erden sein, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht sieht man sie arbeiten. Mit Ausnahme des Neujahrsfestes giebt es für sie keinen Feiertag. Neben dem grossen Fleiss bilden auch Sparsamkeit und Genügsamkeit sehr hervorragende Züge in ihrem Charakter. Ihr Handwerkszeug, ihre Kleidung und ihre Nahrung sind von der einfachsten Art, auch sind sie in fast allen ihren Genüssen sehr mässig; ihre Tabakspfeife hat kaum die Grösse eines Fingerhuts, von einer Cigarre rauchen sie gewöhnlich nur einige Züge hinter einander und heben den Rest auf. Sie trinken fast nur dünnen Thee, der sehr billig ist, immer ohne Milch und Zucker aus ganz kleinen Tässchen. Die reichsten Chinesen gehen kaum besser gekleidet, als die armen; eine kurze, weite Hose, eine baumwollene Jacke, und bei den Wohlhabenden Schuhe ohne Strümpfe, bilden nebst Zopf und Fächer den ganzen Anzug.
Ein grosser Theil des Handels und der Schifffahrt ist in ihren Händen, nur an dem direkten Handel nach Europa und Amerika bleiben sie bis jetzt unbetheiligt.[16] Alles aber, was an Produkten des Archipels nach Europa kommt, geht erst durch Vermittelung der Chinesen an die europäischen Exportöre über, ebenso wie die meisten europäischen Waaren erst durch ihre Hände zu den Eingebornen gelangen. Noch ehe ein einheimisches Schiff Anker geworfen hat, ist schon ein Chinese an Bord, der mit dem Patron Bekanntschaft macht, ihn während der ganzen Dauer seines Aufenthalts nicht aus den Augen verliert, ihm Geld vorschiesst, seine Schwächen erlauscht und ausbeutet und schliesslich Eigenthümer der Ladung wird. Ich versuchte einige Male Muscheln oder Kuriositäten an Bord neu angekommener Prauen zu kaufen, es gelang aber nie, da Alles immer schon von Chinesen belegt war. Wollte ich aber von diesen einen Gegenstand erwerben, so boten sie ihn entweder umsonst als Probe und fragten, wie viel Pikul sie mir davon liefern sollten, oder verlangten einen enormen Preis dafür, in der Meinung, dass der Gegenstand für mich einen ganz besonderen Werth haben müsste.
Die Handwerke werden alle, wie schon erwähnt, in offenen Läden oder auf der Gasse selbst betrieben, so dass man im Schlendern durch die Strassen bequem zusehen kann. Am auffallendsten ist dabei der geringe Raum, der dem Chinesen genügt, und die einfachen Werkzeuge, deren er sich bedient. Unglaubliche Sparsamkeit an Zeit, Raum und Stoff, wie sie sich nur unter einer so überdichten Bevölkerung, wie China sie besitzt, ausbilden konnte, tritt Einem auf immer neue Weise vor Augen. In einem schmalen Laden werden häufig zwei verschiedene Handwerke betrieben, auf der einen Seite arbeitet ein Schneider mit einem Dutzend Gesellen, auf der andern ein Schuster, jeder Einzelne nimmt kaum mehr Raum ein, als der Stuhl, auf dem er hockt. Einzelne Handwerke weichen in ihren Manipulationen von den unsrigen ab: die Zinngiesser giessen ihre Zinn- und Blei-Legirungen auf dickes Bambuspapier, worauf es sich gleichmässig flach ausbreitet, und benutzen die so erhaltenen dünnen Kuchen statt der gewalzten Tafeln, die man bei uns anwendet. Noch viel dünnere Tafeln erhalten sie nach Lockhart, indem der hockende Arbeiter mit geschickter Handbewegung je einen Löffel voll geschmolzenen Metalls zwischen zwei auf dem Boden liegende mit dergleichen Papier bezogene Steine schleudert, wobei er den obersten Stein auf einen Augenblick mit den Fersen lüftet und gleich wieder fallen lässt. Ein kleiner tragbarer Thonofen bringt zugleich die Legirung in Fluss und erhitzt die Löthkolben. Die Drehbank besteht aus einem rohen Gestell, in welchem horizontal eine um ihre Axe drehbare Walze liegt. Um diese ist eine Schnur geschlungen, deren Enden an zwei unten angebrachten Tretbrettern befestigt sind, durch welche die Walze, wie bei uns das Rad eines Scheerenschleifers, in Bewegung gesetzt wird. Ein Schwungrad ist nicht vorhanden. An dem, dem Arbeiter zugekehrten Ende der Walze, das mit Harz überzogen ist, wird der zu drehende Gegenstand, nachdem er vorher erwärmt worden, festgeklebt.
Manche Handwerke, die von Hausirern auf offener Strasse getrieben werden, sind den Chinesen eigenthümlich. So werden zerbrochene Gläser auf folgende Weise geflickt: Nachdem die Scherben aneinandergefügt sind, bohrt man zu beiden Seiten des Sprunges paarweis feine Löcher, dann wird ein feiner weicher Draht von der konvexen Seite durch ein Löcherpaar gesteckt, an der anderen Seite fest angezogen und so abgeschnitten, dass nur zwei kurze Enden hervorragen. Diese werden mit einem Hämmerchen platt geschlagen, so dass dadurch zwei Nieten entstehen. Manche alte Lampenglocken sind wohl mit 20 solcher kleinen Anker zusammengeflickt. Man kann daraus auf den hohen Werth des Glases im Innern Chinas schliessen. In Singapore verschwindet dieser Industriezweig immer mehr, da hier das Glas fast so billig als in Europa ist.
Die interessanteste Strassen-Industrie ist das Flicken eiserner Pfannen; diese Pfannen sind von sehr sprödem, dünnem Gusseisen und springen leicht. Der chinesische Pfannenschmied schlägt erst zu beiden Seiten des Sprunges einen dünnen Streifen Eisens ab, um die Oeffnung zu erweitern und frischen Bruch zu erhalten, dann zündet er einen kleinen tragbaren Kohlenofen aus feuerfestem Thon, 10 Zoll hoch, 6 Zoll Durchmesser, an, stellt einen Schmelztiegel hinein, der einige Stückchen Eisen enthält, und bläst an. Das Gebläse ist das Miniaturmodell eines Cylindergebläses; jedoch noch einfacher in seiner Einrichtung, indem der Windbehälter nicht zwei, sondern nur ein Ventil hat. Auch steht es nicht aufrecht, sondern wird bei dem Gebrauche auf den Boden gelegt. In einem fusslangem Bambusrohr von etwa 11/2 Zoll innerem Durchmesser bewegt sich als Kolben eine am Rande mit Baumwollenwatte umgebene, an einem Stäbchen befestigte Scheibe. In jeder Endfläche des Bambuscylinders ist eine sich nach innen öffnende Klappe zum Eintritt der Luft angebracht. Während durch die Bewegung des Kolbens die eine Klappe Luft einlässt, schliesst sich die andere und umgekehrt. Die zusammengepresste Luft strömt abwechselnd durch eins von zwei in der Wand des Bambus nahe den Endflächen befindlichen Löchern in den Windkasten, einen hölzernen Trog von vierseitigem Querschnitt, der mit seiner offenen Seite an dem Bambusrohre luftdicht befestigt ist. Aus diesem Behälter entweicht die Luft durch ein in der Mitte der dem Cylinder gegenüberliegenden Seite befindliches Loch. An diesem nun ist ein trichterförmiges Blechrohr befestigt, dessen Spitze in eine unter der Feuerung befindliche Oeffnung gesteckt wird. Damit aber der Luftstrom ununterbrochen sei, was zum Schmelzen des Eisens durchaus erforderlich ist, hängt in der Mitte des Windkastens an der Bambuswand der Austrittsöffnung gerade gegenüber eine zungenförmige, in den Trichter hineinragende Klappe, welche, durch den komprimirten Luftstrom abwechselnd nach rechts oder links gestossen, diesem den Ausgang öffnet und zugleich die Verbindung mit dem Raume schliesst, in welchem die Luft verdünnt ist. Ist das Eisen in Fluss, so schöpft der Arbeiter ein wenig davon auf einen mit Thon beschmierten, mit Kohlenpulver bestäubten Lappen und drückt damit das Metall von unten in die Spalte, indem er gleichzeitig mit der Basis eines walzenförmigen Stückes Holzkohle auf die oben herausquellende Masse drückt, welche sich fest anlegt, einen Theil der Spalte ausfüllt und oben und unten eine dünne Ausbreitung bildet. Bei grösseren Sprüngen wird dann dasselbe Verfahren so lange wiederholt und werden so viele eiserne Flicken aneinander gereiht, bis der ganze Riss ausgefüllt ist.
Die chinesischen Einwanderer kommen fast ausschliesslich aus den beiden südlichen Küsten-Provinzen Quang-tong und Fuh-kien und bestehen grösstentheils aus dem elendesten Proletariat, auch sollen sich die dortigen Behörden der Auswanderer-Schiffe bedienen, um ihre Krüppel und Taugenichtse loszuwerden. Die Schiffe setzen sich während des NO.-Monsun in Bewegung und treffen in Singapore frühestens um Neujahr ein. Bei der Ankunft schuldet der Einwanderer fast immer die Ueberfahrt und vermiethet sich auf ein Jahr ohne Lohn gegen Beköstigung und eine kleine Geldunterstützung an einen schon ansässigen Chinesen. Dieser bezahlt dafür die Ueberfahrt, deren Betrag mit dem Bedürfniss nach Arbeitskräften steigt oder fällt. Ein solcher Einwanderer heisst Sinkay, der freie Arbeiter dagegen Kuli. Nicht alle, die hier ankommen, bleiben in Singapore, mehrere tausend landen hier jährlich auf ihrer Durchreise nach anderen Ländern des Archipels. Die meisten kommen mit der Absicht, nachdem sie ein kleines Kapital erübrigt, in ihre Heimath zurückzukehren. Es scheint aber, dass dies nur der Minderzahl gelingt. Sehr Viele ergeben sich dem Opiumgenuss und Spiel und gehen daran zu Grunde. Einige bleiben auch im Archipel und verheirathen sich mit eingebornen Frauen. Es giebt Familien hier, die schon seit Generationen in europäischen Kolonien leben, grosses Ansehen und bedeutende Reichthümer besitzen und im Verkehr mit den Europäern viele gute Eigenschaften von diesen angenommen haben. Die Zahl der jährlich hier ankommenden Chinesen beträgt jetzt schon weit über 10,000. Es ist aber wahrscheinlich, dass die Auswanderung aus dem übervölkerten China sehr zunehmen wird, da immer mehr die künstlichen Schranken fallen, welche ihr einerseits von den chinesischen Behörden, andererseits von den europäischen Kolonial-Regierungen entgegengestellt sind. Auch war von China aus das Auswandern der Frauen streng verboten, wodurch die Mehrzahl der Männer bewogen wurde, wieder in ihre Heimath zurückzukehren. In neuester Zeit gehen aber viele Frauen sowohl nach Kalifornien als nach dem Archipel, und wenn sie auch nicht zu den respektabelsten gehören, so ist es doch immerhin ein Anfang. Die inneren Unruhen in ihrem Vaterlande veranlassen seit Kurzem auch viele im Archipel als Handwerker oder Kaufleute etablirte Chinesen, ihre Familien nachkommen zu lassen. Noch zahlreicher sind die Einwanderungen unabhängiger Frauen, die hier ein grosses Feld für ihre Thätigkeit finden. Viele von ihnen werden auf Kosten der geheimen Gesellschaften hergebracht, die den Einfluss derselben auf die Männer für ihre Zwecke ausbeuten (im November 1863 kamen 72 in einem Schiffe an).
In den holländischen und spanischen Kolonien legt man den Chinesen allerlei Hindernisse in den Weg, indem man ihre Anwesenheit nur an einzelnen Lokalitäten gestattet, ihre Thätigkeit auf gewisse Gewerbe beschränkt, sie hohen Steuern und einer lästigen Polizeiaufsicht unterwirft: alles in der ausgesprochenen Absicht, die Eingebornen gegen die Habsucht, Schlauheit, Gewissenlosigkeit der Chinesen zu schützen. Trotz aller gesetzlichen Beschränkungen hat aber die Einwanderung der Chinesen stetig zugenommen; in den Philippinen soll sie eine beträchtliche Einnahmequelle derjenigen Beamten sein, von deren Ermessen die Erlaubniss zum Verbleib im Lande abhängig ist. Jetzt scheinen beide Regierungen zu einer freisinnigeren Politik übergehen zu wollen und es ist daher zu erwarten, dass sich bald ein stets wachsender Strom von Arbeitskräften aus China über die Inseln ergiessen und die grossen Hülfsquellen erschliessen wird, die jetzt in den spanischen Kolonien fast ganz schlummern und in den holländischen nur sehr unvollkommen ausgebeutet werden. Für das chinesische Proletariat wird der Archipel daher wohl bald eine noch grössere Bedeutung erhalten, als Amerika für das europäische. Die Länder der einheimischen Fürsten kommen immer mehr und mehr unter den Einfluss der europäischen Regierungen, wodurch die Sicherheit für Person und Eigenthum zunimmt, deren Mangel bisher auch ein grosses Hinderniss für die Ausbreitung der Chinesen war. Bis jetzt werden noch viele im Gebiet malayischer Fürsten liegende Zinngruben von Malacca aus betrieben.
In den englischen Niederlassungen der Meerenge ist die Einwanderung der Chinesen immer begünstigt worden. Sie geniessen dort Ansehen und Freiheit und Sicherheit gegen Erpressungen, wie wohl in keinem anderen Lande der Welt. Dass aus dieser unbeschränkten Freiheit der Kolonie ernste Gefahren erwachsen könnten, ist kaum zu befürchten, da in einem solchen Falle sich Alles gegen die Chinesen verbinden würde. Bedeutende Störungen haben sie freilich schon oft veranlasst; sie bilden einen Staat im Staate; fast Alle gehören geheimen Gesellschaften an, gegen deren Thätigkeit die Regierung nichts vermag. In Bezug auf diese Gesellschaften sagt der Guvernör in seinem amtlichen Berichte 1858–59: „Ein anderes grosses Hinderniss bei Entdeckung schwerer Verbrechen sind die chinesischen Hoeys, oder geheimen Gesellschaften.... Es ist kein Zweifel, dass diese Gesellschaften sich dazu hergeben, den Gang der Gerechtigkeit zu hemmen. Man nimmt allgemein an, dass sie den Ehrgeiz haben, alle Kriminalfälle unter ihren Landsleuten vor ihr eigenes Tribunal zu ziehen. In Civilsachen wird ihre Schlichtung von Streitigkeiten eher günstig als anders aufgenommen, und nach ihrer Auffassung sind ihre Ansprüche, Kriminalfälle zu entscheiden, ebenso wohl begründet. Dass dergleichen Tribunale bestehen, unterliegt keinem Zweifel, und es ist zu befürchten; dass, um dieselben aufrecht zu erhalten und zu verhindern, dass man sich an unsere Gerichtshöfe wende, sowie auch, um die Wirksamkeit der letzteren zu lähmen, die Chinesen kein Bedenken tragen, zu den gewaltsamsten Maassregeln zu greifen. Mord und Menschenraub sollen häufig vorkommen, um lästige Zeugen zu beseitigen, vielleicht aber ist einige Uebertreibung in der angeblichen Häufigkeit dieser Verbrechen.” Schliesslich zweifelt der Guvernör an der Möglichkeit, diese Gesellschaften auf dem Wege des Gesetzes auszurotten und glaubt, dass alle Verordnungen dagegen nur den Zweck haben würden, die Gesellschaften noch vorsichtiger zu machen und ihren Widerstand zu verstärken.
Ich führe aus den Artikeln der einen geheimen Gesellschaft zur Probe zwei Paragraphen an (das Original-Dokument wurde von der Polizei in Beschlag genommen und befindet sich gegenwärtig in der Berliner Bibliothek): „§ 4. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft Hung müssen alle Brüder bei jeder Gelegenheit, wo die Brüderschaft sich gegen die Regierung erhebt, und die Soldaten ihr Widerstand entgegensetzen, nach ihren äussersten Kräften Hülfe leisten; sie müssen sich bemühen, alle Gefangenen, die gemacht wurden, zu befreien, und dürfen nichts thun, was ihrer Flucht hinderlich sein könnte. Mögen Alle, die anders handeln, binnen eines Monats sterben, vom Blitz getroffen, und ihre Gliedmaassen zerstreut werden.
§ 5. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft Hung darf Keiner gegen Bestechung Emissäre der Regierung führen, um andere Brüder gefangen zu nehmen. Sollten Habsüchtige oder lasterhaft Gesinnte also handeln, so mögen sie umkommen innerhalb eines Monats unter 10,000 Schwertern. Werden sie aber entdeckt, so sollen sie sicherlich von den Brüdern erschlagen werden.”
Ausser diesen Hoeys, die von China übergesiedelt und zum Theil sehr alt sind, werden auch fortwährend geheime Gesellschaften zu besonderen Zwecken, namentlich zur Erhöhung der Löhne, gebildet. Ist einmal ein Europäer von einer solchen Gesellschaft in die Acht erklärt, so kann er keinen chinesischen Bedienten bekommen, kein Handwerker arbeitet mehr für ihn. Zwischen den verschiedenen Gesellschaften bestehen alte Fehden, die schon häufig zu blutigen Strassenkämpfen Veranlassung gaben, namentlich im Jahre 1854; aber auch in der allerneuesten Zeit scheinen dergleichen wieder in grösserem Massstabe stattgefunden zu haben, wie aus einem interessanten Artikel der Overland Straits Times vom 21. November 1863 hervorgeht: „Die unaufhörlichen Unruhen und Fehden der Chinesen, die oft in Strassenkämpfe ausarten, haben ihren Ursprung in dem gegenseitigen Hass der verschiedenen geheimen Gesellschaften, mehr noch in dem Hass der verschiedenen Faktionen oder Clans, in welche die Chinesen gespalten sind. Es scheint, dass die Chinesen weniger Individualität besitzen, als irgend ein anderes Volk; sich, wie schwache Thiere, erst in Heerden wohl fühlen, und von jeher das Bedürfniss fühlten, sich auf diese Weise zu schaaren. In China aber bewegt sich jede Heerde auf ihrem eigenen Gebiet, während hier Mitglieder der verschiedensten Verbindungen nur ein gemeinschaftliches Gebiet haben und daher häufig in Kollision kommen. In den holländischen Kolonien ist in jedem District, wo über 100 Chinesen wohnen, einer der Angesehensten von Amtswegen als Hauptmann angestellt, der mit anderen unter ihm Stehenden, auch amtlich ernannten Gehülfen die chinesische Bevölkerung in Ordnung zu halten hat und bis zu einem gewissen Grade für sie verantwortlich ist.”
In neuester Zeit hat man sich in Singapore damit geholfen, die vornehmsten Chinesen nach englischer Sitte zu Spezial-Konstablern zu machen, eine Massregel, die den besten Erfolg gehabt hat. Man beabsichtigt, künftig bei Unruhen die angesehensten Chinesen, welche gewöhnlich die höchsten Aemter in den Gesellschaften bekleiden, nicht eher als Konstabler zu entlassen, bis die Unruhen völlig gedämpft sind.
Bisher blieben diese Kämpfe lediglich auf die Chinesen selbst beschränkt, natürlich nicht ohne grosse Störungen der öffentlichen Ruhe. Erwägt man übrigens, dass die hiesige chinesische Bevölkerung nur aus den untersten Klassen und zum Theil aus dem Auswurf der südlichen Küstenprovinzen Chinas hervorgegangen ist, dass ihnen die Frauen, und also die Mittel zur Begründung einer Familie, gänzlich fehlen, dass auch nicht die Spur einer Polizeikontrolle besteht, so kann man sich nur wundern, dass so selten ernstliche Unruhen vorkommen. Der Grund liegt gewiss in der Leichtigkeit des Erwerbes und in dem „Selfgovernment”, das sich unter so freien Institutionen, an deren Erhaltung Alle ein gleiches Interesse haben, nothwendig entwickeln muss.
Einige Chinesen haben sich grosse Reichthümer erworben und gehören zu den geachtetsten Bürgern der Stadt; manche haben bedeutende Summen zu öffentlichen Zwecken geschenkt. Einer der hervorragendsten unter ihnen ist Tan-kim-tsching. Sein Haus in der Stadt ist ein so schönes Beispiel chinesischer Bauart, dass eine kurze Beschreibung von Interesse sein dürfte. Durch eine kunstvolle Thür in durchbrochener Arbeit tritt man in die Vorhalle. An der rechten, wie an der linken Wand derselben steht eine ununterbrochene Reihe geschnitzter Stühle und Tische, je zwei Stühle und ein kleiner Tisch aus demselben Holz. Die Tische sind höher und schmäler als die Stühle, haben aber dieselbe Tiefe, so dass die ganze Reihe wie aus einem Guss erscheint. Durch diese Anordnung hat jeder Gast zur Rechten oder Linken die Hälfte eines Tischchens zur Verfügung, um den Arm aufzulegen oder seine Theetasse abzusetzen. Die Einrichtung ist so hübsch und zweckmässig, dass sie Nachahmung verdient. Da hier zu Lande ein harter, kühler Sitz angenehmer ist als ein warmes Polster, so sind die Böden der Stühle gewöhnlich aus Holz oder spanischem Rohr gefertigt. In diesem Hause aber bestehen sie aus eigenthümlichen Steinplatten, einer Art Kalkstein, vom Ansehen des Florentiner Ruinenmarmors,[17] dem aber die Kunst nachgeholfen, indem sie durch gewisse Beizen an passenden Stellen Infiltrationen erzeugt hat. Bei einigen Platten ist die von der Natur gelieferte Zeichnung sehr geschickt benutzt und durch Hinzufügung einiger Striche und Drucke ein ganz nettes Bildchen zu Stande gebracht worden, während man bei andern Platten im Nachhelfen zu weit gegangen, so dass sich sogleich die Hand des Menschen verräth. Diese Platten sollen aus Yünan und Szechuen kommen, die Kunst, sie zu fertigen, ist aber jetzt verloren gegangen; so erfuhr ich wenigstens später in Kanton auf vielfache Nachfrage. Vielleicht steht ihre Wiedergeburt in Europa durch Anwendung der Kuhlmannschen Entdeckungen bevor. Die Hinterwand der Vorhalle besteht aus reich geschnitzter, durchbrochener Holzarbeit mit Perlmutter eingelegt; sie wird durch zwei bis zur Decke reichende Pforten in drei Theile getheilt. Dahinter befindet sich ein Zimmer in demselben Stil, aber reicher dekorirt und möblirt: statt der Hinterwand ist nur eine Reihe zierlicher Säulen, durch welche man in den mit Fliesen belegten Hof tritt. Zu beiden Seiten desselben bildet ein vorspringendes Dach einen gegen den Regen geschützten Gang. Am gegenüberliegenden Ende des Hofes befindet sich die Wohnung der Frauen, Fremden nicht zugänglich. In den vier Ecken des Hofes sind Regengossen aus gebranntem Thon angebracht, grosse Bambusen in Form und Farbe täuschend darstellend. An ihrem unteren Ende lehnen sich schön modellirte Nelumbium-Blätter und Blüthen aus demselben Material gegen die Wände, und wurzeln scheinbar in den grossen Kübeln, die das Regenwasser aufnehmen. Aus gebranntem Thon bilden die Chinesen auch sehr schöne Reliefs, die sie mit den reichsten Farben verzieren. Die Figuren sind zwar für unsern Geschmack zu barok, aber ihre Nachbildungen von Pflanzen, Vögeln u. s. w. sind meisterhaft, naturgetreu und mit vollendeter Technik ausgeführt. Sie werden zur Verzierung der Wände, Thüren, Dächer und Giebel verwendet; auch der Hof, dessen Wände einfach grau gestrichen und mit einer rothen Borte eingefasst waren, enthielt eine Anzahl solcher Reliefs; ein ganzer Fries davon lief unter dem Dach entlang.
Für Dekorationen und Kostüme zeigen die Chinesen viel Geschmack, ihre Theatergewänder sind prachtvoll. Eine der schönsten Prozessionen, die mir je vorgekommen, sah ich in Singapore bei Gelegenheit einer Feierlichkeit, in welcher gewisse Götzenbilder aus einem Tempel in der Stadt wieder nach einem Tempel vor der Stadt, ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, zurückgebracht wurden. Den Glanzpunkt bildeten die Kinder reicher Eltern in Gewändern alter mythischer Helden, zum Theil zu Pferde, von vielen Dienern begleitet. Noch reicher und origineller waren einzelne Gruppen auf niedrigen Rollwagen, welche letztere aber durch die Dekoration so geschickt verhüllt waren, dass man einen grossen, künstlichen Felsen vor sich zu haben glaubte. Auf dem Felsen wuchsen prachtvolle, phantastische Blumen, und in dem Kelche oder auf dem äussersten Zweige sass, wie eine Elfe, ein ganz kleines, reich und sonderbar gekleidetes Mädchen, mit einem Fächer oder einer Blume in der Hand. Andere Felsen trugen Sträucher oder Rohr, über welchen ein Reiher oder grosser Raubvogel schwebte, und auf dem Vogel ritt oder stand ein ganz junger Knabe. Auf alten chinesischen Vasen sieht man wohl dergleichen Figuren, die uns wegen ihrer Abenteuerlichkeit für eine Verirrung der Phantasie des Malers gelten. Hier sah man alle diese Bilder leibhaftig vor sich. Dass Drachen und Ungeheuer aller Art nicht fehlten, versteht sich von selbst. Jede dieser Hauptgruppen war von einem langen Zug von Kulis begleitet, die von den Reichen zu diesem Zweck gemiethet und in schöne Livreen gesteckt werden. In den Händen trugen sie Fahnen, Laternen, Sonnenschirme, meist von schwerer Seide, mit reicher Stickerei, und an den Füssen Schuhe und Strümpfe, was einen besonders feierlichen Eindruck machte, da sie sonst immer barfuss, oder wenigstens ohne Strümpfe, gehen. Abends ging ich mit einem Freunde durch das Chinesen-Viertel, das aber nicht illuminirt war, wie wir erwartet hatten. In einem grossen Speicher, gedrängt voll von Zuschauern, wurde ein Schattenspiel aufgeführt. Der Puppenspieler sang mit näselnder Fistelstimme hinter dem aufgespannten Laken, auf welchem sich der Schatten einer Chinesin lebhaft bewegte. Das Publikum bildete den Chor. Die Bühne stellte ein Zimmer mit einem grossen Bett dar. Ein Anwesender erklärte uns das Stück: Der alte Ehemann der Dame ist verreist, ihr junger Freund, den sie von ganzem Herzen liebt, ist ins Haus gedrungen.... Wir warteten das Ende des Stücks nicht ab, obgleich unser Dolmetscher uns versicherte, das Beste käme noch.
Ein anderes Mal sah ich eine chinesische Leichenfeier. Vor dem Hause des Verstorbenen stand ein gedeckter Tisch, auf welchem verzierte Gerichte aufgestellt waren, daneben erklang rauschende Musik. Nachdem der Sarg auf Böcke gestellt worden, führte man die Kinder des Verstorbenen heraus, einen Knaben und zwei Mädchen. Sie waren in Sackleinen gekleidet, ganz verhüllt; der Zopf war aufgelöst, zwischen dem losen Haar hingen Baststreifen herunter. Nachdem die Mädchen eine Zeit lang am Sarge geweint, gingen sie in das Haus zurück. Der Knabe legte sich mit untergezogenen Beinen flach auf den Boden, wie ein Schwimmender, und blieb so, mit dem Gesicht die Erde berührend, während der ganzen Dauer der Feierlichkeit liegen. Ein Mann trat nun an den Tisch und opferte, unter verstärkten Gongschlägen, dem Geist des Todten, indem er dabei abwechselnd kniete und sich mit weit ausgestreckten Armen erhob. Der Sarg war inzwischen mit einem bunten, seidenen Tuch bedeckt und mit Blumen bestreut worden. Zum Schluss wurde den Göttern zu Ehren eine grosse Menge Goldpapier verbrannt. Aber die verschmitzten Chinesen machen sich kein Gewissen daraus, selbst ihre Götter zu betrügen; nur das erste Päckchen, dessen Blätter mit Ostentation einzeln ins Feuer geworfen wurden, bestand durchweg aus Goldpapier; bei den übrigen Päckchen, die ungeöffnet verbrannt wurden, war nur das oberste Blättchen vergoldet, das Uebrige gemeines Packpapier. Der Sarg wurde dann von Kulis auf die Schultern genommen und nach dem Kirchhof getragen. Die Musik schritt voran, neben dem Sarge gingen die Hausgenossen, es folgte ein grosser Haufe gemeinen Volks. Die Chinesen halten sehr viel auf ihre Gräber und legen dieselben oft schon bei Lebzeiten an, zuweilen mit grossen Kosten. Der katholische Provikar erzählte mir, dass ein Chinese, der zur Zeit, wo das Hasardspiel noch erlaubt war, als Spielpächter viel Geld erworben, sich bei Lebzeiten einen kostbaren Sarg verfertigen und ganz mit Dollars ausfüttern liess. Als vorsichtiger Mann hinterliess er eine Stiftung zur Besoldung von vier Grabwächtern, aber bald nach seiner Beerdigung kam eine Schaar Kulis, vertrieb die Wächter, warf den Leichnam aus dem Sarge und theilte sich in die Beute. Die Todtenverehrung ist für Viele die einzige religiöse Uebung; sie hängt unmittelbar mit der grossen Ehrfurcht zusammen, welche die Kinder ihren Eltern erweisen.
Das Familienleben, soweit man es zu sehen bekommt, d. h. das Verhältniss zwischen Vater und Kindern, bildet einen der angenehmsten Züge im Charakter dieses so selbstsüchtigen Volkes.
Die Malayen, obwohl sie hier zu Hause sind, nehmen nur eine untergeordnete Stellung ein. Unter den Armeniern, Persern, Arabern, Juden und Vorderindiern sind viele grosse Kaufleute von beträchtlichem Reichthum; die Malayen bleiben arm, sie haben weder Geschick zu Gewerben noch zum Handel, und stehen hier an Fleiss, Ausdauer und Umsicht den übrigen Asiaten nach. Ihnen haften mehr die ritterlichen Tugenden und Untugenden an. Im Verhältniss zu den Andern sind sie stolz, zurückhaltend, verschlossen, gleichgültig, ernst, fast traurig, bei guter Behandlung aber anhänglicher, zuverlässiger, gegen Beleidigungen empfindlicher. Im Verkehr unter einander sind sie sehr rücksichtsvoll, sie gebrauchen keine Schimpfwörter; „orang tjelaki, Unglücklicher!” vertritt deren Stelle. Sie lügen auch weniger als die Anderen. Während die Handlungen des Chinesen nur durch Eigennutz, niemals durch Ehrgefühl bestimmt zu werden scheinen, ist bei dem Malayen mit Geld oft nichts auszurichten. Liegt er nach genossener Mahlzeit auf seiner Matte hingestreckt, so ist es schwer, ihn durch Geldanerbietungen zum Aufstehen zu bewegen.
Die Farbe der Malayen ist gelbbraun, bei den Vornehmen heller, bei denen, die viel im Freien sind, dunkler. Ihr Kopfhaar ist schwarz, schlicht, drähtig; sonst sind sie fast unbehaart. Sie sind klein, wohlgebaut, haben zierliche Hände; ihr Gesicht ist breit, flach; die kleine Nase hat breite Flügel, der Mund ist gross, die Lippen sind nicht aufgeworfen, ragen aber fast so weit vor, als die Nase.
ROCHOR SINGAPORE
Die Malayen sind überwiegend eine seefahrende Nation; ein Theil derselben, die Orang-laut, Seemenschen, auch Seezigeuner genannt, leben auf Kähnen vom Einsammeln von Agar-agar, Trepang (essbare Holothurien), Muscheln und Schildkröten, vom Fischfang, Tauschhandel und Raub; auch die Angesessenen schlagen ihre Wohnsitze am liebsten an oder in Flussmündungen auf. Zwei Vorstädte Singapores, Kampong-Malacca und Rochor, jene von Malayen, diese von Bugis bewohnt, können als Beispiele dienen. Die Häuser stehen auf Pfählen im Wasser oder am sumpfigen Ufer, der Fussboden besteht aus Latten von Bambus oder Nibong (Caryota urens) mit Zwischenräumen, durch welche aller Unrath entfernt wird. Die Wände sind aus gespaltenen Bambusen, Matten oder Palmenblättern, die Dächer aus Atap. Vor den Häusern läuft ein Steg hin, schwankend, elastisch, voll Lücken. Bei Ebbe steht das ganze Dorf im Schlamm, die Kinder waten darin herum, suchen Muscheln, Krabben und Würmer als Köder für die Angeln und holen aus den Reusen die Fische, die bei der zurücktretenden Fluth hineingeriethen. Während der Fluth steht Alles unter Wasser, dann fahren kleine Kähne hin und her, einige kaum gross genug, um einen kleinen Jungen zu tragen, der ganz nackt in der Spitze hockt und sich mit den Händen fortplätschert, so dass er fast wie eine Seejungfer aussieht. Alt und Jung angelt dann unter dem Sonnendach, vor der Hausthür liegend.
Die in Singapore ansässigen Malayen sind grösstentheils Bootsleute, Fischer, Sammler von Muscheln, Korallen, Agar-agar und Waldprodukten. Sie decken die Häuser mit Atap, flechten Körbe und Matten und verrichten viele untergeordnete Geschäfte, auch als Gärtner werden sie von Europäern den hiesigen Klings und Chinesen vorgezogen. Als Diener sind sie fauler und weniger anstellig, aber treuer und bescheidener als jene.
Das wesentliche Kleidungsstück für beide Geschlechter ist der Sarong, ein baumwollenes Tuch von der Grösse eines Plaid, aber etwas breiter, dessen beide kürzere Ränder übereinandergelegt und zusammengenäht werden, so dass eine Art Unterrock entsteht, der vorn in Falten zusammengenommen und mittelst eines Knotens, seltener durch einen Gürtel, um die Hüften befestigt wird. Die Männer tragen oft unter dem Sarong, der dann höher aufgeschürzt ist, eine bis zur Wade reichende Hose, fast immer ein Kopftuch und zuweilen eine Jacke. Die Frauen ziehen über den bis an die Knöchel reichenden Sarong einen Kattunrock, der, vorn offen, nur durch ein Paar Knöpfe zusammengehalten wird und bis ans Knie reicht. Im Hause und auf dem Felde tragen beide Geschlechter nur den Sarong; Nachts hüllen sie sich darin ein zum Schlafen; sie baden sogar darin; nach dem Bade wird er gegen einen reinen vertauscht und gewaschen; so legt selbst derjenige, der nur zwei Sarongs besitzt, täglich frische Wäsche an.
In Singapore ist das Tragen von Waffen verboten, sonst aber sieht man nie einen Malayen ohne Kris oder Waldmesser; die Waffe gehört zum Anzuge und ist bei der Unsicherheit der Person in den Malayenländern wohl kaum zu entbehren. Die Frauen gehen meist im blossen Kopf, sie haben üppiges, schwarzes Haar, schön von Ansehen, aber hässlich anzufühlen, da es drähtig ist und dick wie Pferdehaar. Die kleinen Kinder gehen meist ganz nackt, doch tragen kleine Mädchen zuweilen ein silbernes Feigenblatt, wie unsere Statuen. Zum Putz gehören bei den Frauen gestickte Pantoffeln, goldene Haarnadeln, Ringe; zu dem der Männer Sandalen. Auf längeren Wegen legen auch die Lastträger Sandalen von Büffelleder an, sonst geht gewöhnlich Alles barfuss.
Einen der widerwärtigsten Eindrücke habe ich von einem Besuch bei dem Sultan von Johore behalten. Er ist der Sohn des Tuanko-Long, der Singapore an die Engländer abgetreten. Sein Palast, von seinem Vater aufgeführt, ist ein grosses, steinernes Haus, von aussen ganz stattlich, aber unbewohnt und in raschem Verfall begriffen. Der von einer steinernen Mauer umgebene Hof ist wüst und schmutzig; auf einer Seite desselben befand sich ein langes, niedriges, hölzernes Gebäude mit weit vorspringendem Dach aus Palmenblättern, das dem Sultan und seinem Hofstaat zur Wohnung dient. Nachdem ich ein Empfehlungsschreiben des Guvernörs vorgezeigt, wurde ich vor einen verschlossenen Fensterladen geführt, vor dem eine hölzerne Bank stand, auf der ich Platz nahm. Es dauerte einige Zeit, bis der Laden geöffnet wurde; nun erblickte ich den Sultan, einen noch jungen, sehr fetten Mann. Auf dem Kopf trug er eine schmutzige Mütze, um den Unterleib ein Tuch, sonst war er völlig nackt. Er schien eben aus dem Schlaf zu erwachen und lag auf einer Matte. Auf drei Seiten seines Stalles hingen schmutzige Kattun-Gardinen, um ihn kauerten einige gräuliche, alte Weiber. Er brauchte fast eine Viertelstunde, um die wenigen Zeilen des Briefes zu lesen. Dann stierte er mich mit idiotischem Lächeln an, gähnte und rollte sich auf ein Kissen. Essen, Schlafen und Opiumrauchen sollen seine einzigen Beschäftigungen sein. Der ganze Auftritt erinnerte an die Schaustellungen von fetten Schweinen oder Riesinnen auf Jahrmärkten. In Folge der gänzlichen Unfähigkeit des Sultans übertrugen die Engländer willkürlich die Souveränität von Johor auf den Tumongong, einen sehr fähigen Malayen, der durch den Rath von Europäern geleitet, eine geordnete Verwaltung dort eingeführt hat und bedeutende Einkünfte bezieht.
Die allgemeine Verkehrssprache hier sowohl, als in allen Küstenstädten des Archipels, ist die malayische, die sich zu dem Zweck sehr eignet durch leichte Aussprache, einfache Satzbildung, grosse Wortarmuth und Unveränderlichkeit der Wörter. Die Sprache ist wohlklingender als alle europäischen Sprachen, italienisch nicht ausgenommen, die Satzbildung erinnert an die Sprache der Kinder; es giebt weder Deklinationen, noch Konjugationen, die Wörter erfahren gar keine Beugung durch Veränderung ihres Stammes oder durch Affixe. Während in unsern Sprachen die Partikeln meist zu einsilbigen Wörtern oder zu blossen Buchstaben eingeschrumpft sind, an denen die ursprüngliche Bedeutung längst nicht mehr erkennbar ist, werden im Malayischen fast immer noch die Stämme unverkürzt als Formwörter gebraucht. Max Müller (Science of lang. 279) vergleicht den Unterschied zwischen den arischen Sprachen, welchen fast alle in Europa gesprochenen angehören, und den turanischen, zu denen das Malayische gezählt werden muss, mit dem zwischen einer guten und einer schlechten Mosaik. Die arischen Wörter scheinen aus einem Guss, die turanischen zeigen deutlich die Stellen, wo sie zusammengesetzt sind. Er hebt hervor, weshalb die turanischen Sprachen auf dieser Stufe der Entwickelung stehen geblieben: sie werden nämlich fast nur von Nomaden gesprochen, die keine Literatur besitzen, wenig Verkehr mit einander treiben, und so war es durchaus nothwendig, dass die Stammwörter ihr deutliches Gepräge behielten und nicht durch phonetische Korruption unkenntlich wurden.
Oft kommt im Malayischen dasselbe Wort unverändert als Hauptwort, Zeitwort oder Formwort vor, aber auch da, wo die Sprache für das Wurzelwort eine Vor- oder Nachsilbe verlangt, entzieht sich das hiesige Publikum dieser geringen Mühe und braucht den Stamm meist unverändert in den verschiedenen Redetheilen, wie es im Chinesischen geschieht. Diese Neuerung muss wohl der überwiegend chinesischen Bevölkerung zugeschrieben werden. Unter solchen Umständen sind geschlossene Konstruktionen und schwierige Perioden gar nicht möglich. Man zerlegt, was man zu sagen hat, in ganz kurze Sätze und darf sich häufige Wiederholungen nicht verdriessen lassen. Während in unseren Sprachen nicht nur für jeden spezifischen Begriff, sondern auch für die Schattirungen desselben besondere Wörter vorhanden sind, hat die malayische Sprache oft für eine ganze Gattung von Begriffen nur ein Wort. So gering der malayische Wortschatz an und für sich aber auch ist, so kursirt doch nur ein Bruchtheil desselben als Verkehrsmünze in Singapore. Und wie wenig besitzen die Meisten selbst von dieser! Es ist wunderbar, wie geringe sprachliche Mittel den Bedürfnissen eines so grossartigen Handels genügen. Einige Beispiele für das Gesagte dürften nicht ohne Interesse sein.
Suda: schon oder, abis: fertig, vollendet, drückt das Präteritum, nanti: warten, oder mau: wollen, das Futurum aus, di bezeichnet das Passivum, z.B. makan: essen, di makan: gefressen werden; tuwan suda makan: der Herr hat gegessen, tuwan nanti makan: der Herr wird essen; suda: geschehen! antwortet der Bediente, wenn man ihm etwas befiehlt; suda! schreit auch der kleine Junge, wenn er Schläge bekommt, und wünscht, dass die Gegenwart zur Vergangenheit werde; makan nassi: Reis essen, überhaupt zu Mittag essen; api makan ruma: das Feuer verzehrt das Haus; angin makan layer: der Wind bläht die Segel; piso makan kayu: das Messer schneidet Holz; saratu makan lima: 100 frisst 5, d. h. 5% Zinsen; so frisst das Löschpapier Dinte, der Bediente Lohn, der Kummer das Herz, und schliesslich orang-puti makan angin: weisse Männer fressen Wind, d. h. gehen spazieren (den Malayen war dieser Gebrauch so neu, dass sie erst einen Ausdruck dafür erfinden mussten).
Unter den aus zwei Wörtern zusammengesetzten Begriffen kommen einige hübsche Verbindungen vor: mata: Auge, ayer: Wasser, mata-ayer: Brunnen, ayer-mata: Thräne, mata-hari: Sonne (das Auge des Tages), hidop: leben, mata-hari-hidop: Osten, Sonnenaufgang; mati: todt, mata-hari-mati: Westen, Sonnenuntergang, auch mata-hari-djato: das Auge des Tages gefallen, versunken; djalan: gehen, Weg, Reise; mata-djalan: Vortrab, Späher; mata-kaki: der Fussknöchel; mata-mata (Augen, Augen): der Spion, der Aufseher, der Polizist; besi: Eisen, brani: tapfer, unternehmend, besi-brani: der Magnet; anak: Kind, anak-kontji: Schlosseskind, Schlüssel; anak-ayer: Bach, anak-dayong (Ruder-Kind): der Ruderer; anak-prau: Schiffer; anak-duit (duit kommt vom holländischen deut und heisst Geld): Kind des Geldes, Rente; anak-songej (Fluss-Kind): Flussarm und viele Andere. So sagt man Kuhkind für Kalb, Mannkind für Knabe, Fraukind für Mädchen, Schweinekind für Ferkel, und im Kirchenstyl anak-kambing-wolanda: Kind einer holländischen Ziege für Lamm Gottes; bunga: Blüthe, duit: Geld, tana: Erde, und daraus bunga-duit: Zinsen, bunga-tana: Landrente; obad: Medizin, bedil: Flinte, obad-bedil: Schiesspulver; isi: Inhalt, isi-negri: die Bevölkerung einer Stadt, isi-prut (Bauch): die Eingeweide; bedil trada (nicht) isi: die Flinte ist nicht geladen.
Fünftes Kapitel.
Fischen mit Toba. — Tiger. — Termiten. — Pfeffer. — Gambir. — Sago.
BEI NEW HARBOUR. SINGAPORE.
Da von der Stadt aus nach mehreren Richtungen Fahrwege ausgehen, Wagen in Fülle vorhanden, und schnelle Sampans für Spazierfahrten immer bereit stehen, kann man zu jeder Zeit angenehme Excursionen machen. Sehr interessant und für den Sammler ergiebig ist eine Fahrt nach Pulo brani, einer kleinen bei New harbour, N-O. von Blakang-mati belegenen Insel, wo ein bei niedriger Ebbe fast trockenes Korallenriff eine reiche Ernte von Korallen, Seeigeln, Ophiuren, Muscheln und Krebsen liefert. Unter jedem Block, den man aufhebt, ist Leben. In jedem Tümpel haben Actinien und verwandte Polypen ihre blumengleichen Tentakel entfaltet; in den grösseren Becken schwimmen Schwärme kleiner einen oder ein paar Zoll langer Fische, die in so prächtigen, intensiven, metallisch glänzenden Farben prangen, dass man sie die Kolibris des Meeres nennen könnte. Ich hatte oft mit einem Freunde versucht, die behenden Thierchen zu fangen, immer vergeblich, bis wir uns endlich entschlossen, es mit Toba zu versuchen. — Toba oder Tuba (Dalbergia sp. div.) ist ein im Jungle häufiger kletternder Strauch mit rothen Schmetterlingsblüthen. Wir hatten für unsern Versuch auf dem Riff einen ziemlich kreisrunden Raum von etwa 100 Fuss Durchmesser gewählt, der durch Zurücktreten des Wassers bei der Ebbe ein fast abgeschlossenes Becken, etwa 1/2 Fuss tief, bildete. Wurzel und Holz der Toba wurde zwischen Steinen zerklopft und an verschiedenen Stellen ins Wasser geworfen. Nach wenigen Minuten schwammen die Fische betäubt an der Oberfläche und liessen sich mit der Hand greifen; nach 1/4 Stunde krochen Aale und andre in Löchern verborgene Thiere hervor, nach 1/2 Stunde lagen fast alle todt auf dem Rücken. Die Wirkung des Gifts erstreckte sich weit über unser Wasserbecken hinaus. Ringsum waren Malayen beschäftigt, die betäubten Fische mit der Hand zu greifen.
Blakang-mati ist von Fiebern heimgesucht. Dr. Little schreibt sie, wohl ohne genügenden Grund, der Nähe der Korallenbank zu. Eine Bugisfamilie, die wir besuchten, schien sehr daran zu leiden. In ihrem praktischen, aus Erfahrungen hervorgegangenen Aberglauben meinen sie, dass ein böser Geist, der in den hohen Bäumen wohnt, sie hervorbringe. Daher wollten sie diese Bäume, die ihre Hütten umgeben und feucht und ungesund machen, umhauen.
Eine andere hübsche Excursion war nach dem 519' hohen sogenannten Zinnberg (bukit-tima), dem höchsten Punkt der Insel. Man kann bis an seinen Fuss im Wagen fahren, und wenn der Pony Lust hätte, bis auf den Gipfel, auf welchem einige hohe Damar-Bäume stehen, aus deren Stamm das geschätzte Harz reichlich ausquillt. Nach Versicherung eines französischen Missionärs sind an seinem Fuss Spuren von Zinn und auch von Gold gefunden worden, aber in zu geringer Menge, um zur Ausbeutung anzuregen.
Eine kleine Abtheilung Sträflinge war hier beschäftigt, Tigerfallen anzulegen und die Strasse von der seitlich eindringenden Vegetation zu säubern, ein Geschäft, das oftmals wiederholt werden muss, da der Wald sonst bald den ihm abgenommenen Boden wieder besetzt. Von der Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit einer solchen Waldung geben die unsrigen keine Vorstellung. Zwischen den Hochstämmen, die sich meist astlos bis an das 60–80' hohe Laubdach erheben, zieht sich nach allen Richtungen ein so dichtes Gewirr von Unterholz, Schling- und Kletterpflanzen, dass es unmöglich ist, ohne Waldmesser einzudringen. Das grösste Hinderniss bilden die Calamusarten, Palmen, deren lange, dünne Stämme dicht mit Stacheln besetzt sind. Die Blätter, und namentlich deren peitschenförmig verlängerte Mittelrippe, tragen an der unteren Seite scharfe Widerhaken, vermittelst welcher sie sich überall festhängen, wo sie Halt finden, und so dem Stamm, der viel zu dünn und elastisch ist, um sich selbst zu tragen, die nöthige Stütze verschaffen. Einige Arten sollen über 1000 Fuss lang werden, nach Rumphius sogar bis 1800 Fuss;[18] sie ziehen sich wie Stricke nach allen Richtungen quer durch den Wald; auch werden sie ja, nachdem die Blätter und Stacheln entfernt sind, als Taue, und gespalten als Stricke, benutzt. Zu diesen kletternden Palmen gehört auch unser spanisches Rohr oder Stuhlrohr (Rotang der Malayen), es ist auf allen Inseln des Archipels sehr häufig und für manche ein wichtiger Ausfuhrartikel.
Aber auch wo eine kleine Lichtung oder ein schmaler Pfad erlaubt hätte, den Weg zu verlassen und tiefer in den Wald zu dringen, wurde ich durch die Sträflinge daran verhindert, weil überall an solchen Stellen Tigerfallen angelegt sind, tiefe Gruben mit Reisig und Erde so geschickt bedeckt, dass sie selbst den vorsichtigen Tiger zuweilen täuschen. (Am Tage vor meinem ersten Besuch waren in einer solchen Grube zwei Tiger lebend gefangen worden.) In den Boden derselben sind häufig spitze Pfähle eingerammt. Daher sind die Excursionen in diesem Walde, wenn man vom Wege abweicht, sowohl durch die Tiger selbst, als auch durch die Fallen in hohem Grade gefährlich. Meine Begleiter schienen allerdings nur die letzte Gefahr im Auge zu haben. An einen Ueberfall von Tigern dachten sie gar nicht, obgleich an mehreren Stellen frische Spuren zu sehen waren.
Die Tiger spielen in Singapore eine grosse Rolle. Nach dem Urtheil der ältesten Residenten und der am besten darüber unterrichteten Beamten werden auf dieser kleinen Insel, die nur ein Drittel grösser ist als die Insel Wight, jährlich 350–400 Menschen von Tigern zerrissen,[19] und dennoch fürchtet sich Niemand vor ihnen, die Chinesen auf den Gambirpflanzungen ausgenommen, die ausschliesslich als Opfer fallen. Ich werde später darauf zurückkommen. Alle Versuche, das Thier auszurotten, werden wohl fruchtlos bleiben, so lange nicht die ganze Insel von Strassen durchschnitten und gleichmässiger bewohnt ist. Für jedes gefangene oder getödtete Thier zahlt die Regierung 50 Dollars,[20] ebensoviel fügt ein Verein von Privaten hinzu, der die Insel gern von dieser Geissel befreien möchte. Aber trotz der hohen Prämie, und obgleich ein Theil der Sträflinge zum Anlegen von Fallen verwendet wird, scheint die Zahl der Tiger doch eher zu- als abzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sie über die Meerenge schwimmen,[21] angelockt durch die bequeme, reichliche Beute. Denn während der ersten Jahre, nachdem die Engländer die Insel in Besitz genommen, befand sich kein Tiger auf derselben. In einem kleinen Aufsatz des damaligen Guvernörs John Crawfurd über den Ackerbau von Singapore, 1824, heisst es: „der Tiger und Elephant, die für den Ackerbau in Sumatra und auf der malayischen Halbinsel so verderblich sind, kommen in Singapore nicht vor.”
Es ist interessant, die wirklich vorhandene Gefahr mit der gänzlichen Verachtung derselben zu vergleichen, wie sie hier ganz allgemein verbreitet ist. Was für eine wilde Flucht würde in Europa unter den Spaziergängern stattfinden, wenn plötzlich in einem zoologischen Garten die Tiger aus ihren Käfigen ausbrächen, wie Wenige würden sich wohl in den Garten wagen, bevor die Thiere wieder eingefangen! Hier fahren aber die Damen mit ihren Kindern ohne allen Schutz und ohne alle Furcht in kleinen, offenen Ponywagen noch vor Tagesanbruch und nach der Dämmerung spazieren, während zu beiden Seiten der dichte Wald, in dem notorisch Tiger vorhanden sind, hart an die Strasse tritt. So fest ist die Ueberzeugung von der Feigheit und Menschenfurcht dieser Thiere eingewurzelt! Frisch angekommene Fremde sind die einzigen, die, wenn sie von ihrer ersten Excursion heimkehren, mitunter „nicht ganz sicher sind, aber kaum zweifeln, dass sie im Dickicht ein Paar grosse Augen sahen, wahrscheinlich von einem Tiger,” sie werden aber regelmässig dafür ausgelacht, weil Jedermann überzeugt ist, dass es nur ein Phantasiebild war.
Mehr als die Tiger fürchtet man die Termiten, rajap oder ani-ani, auch semut puti, weisse Ameisen genannt, obgleich sie den Menschen unmittelbar höchstens dann etwas belästigen, wenn die zur Paarungszeit geflügelten Männchen und Weibchen in dichten Schaaren, Wasserhosen vergleichbar, aus der Erde emporsteigen, in die Zimmer fliegen, nach kurzem Herumflattern ihre Flügel verlieren und sammt diesen zu Boden fallen. Sie kommen in solcher Menge und erscheinen gegen einen dunklen Hintergrund so weiss, dass ihre Schwärme an die grossflockigen Schneewetter warmer Wintertage erinnern. Nach dem Verlust ihrer Flügel laufen sie zwar nicht unbehende, jedoch nicht schnell genug, um sich ihren zahlreichen Feinden zu entziehen, denn Menschen (Eingeborene) und Thiere betrachten sie als grossen Leckerbissen. Wahrscheinlich geht nach diesem kurzen Ausflug der ganze Schwarm mit Ausnahme einiger befruchteten Weibchen zu Grunde, die als Stammmütter einer neuen Kolonie erzogen werden. Die Männchen kommen wohl alle um, da sie sich nicht selbst erhalten können und für ihre Erhaltung durch die andern kein Grund vorhanden ist; denn ein einmal befruchtetes Weibchen legt viele Millionen Eier[22] (Berlepsch schätzt die Anzahl Eier, die eine Bienenkönigin legen kann, auf 11/2 Millionen und Dr. Gerstaecker schliesst aus der Vergleichung der Ovarien, dass ein Termitenweibchen wenigstens 2 bis 3 mal so viel Eier legen könne). Sehr viel zahlreicher, als die erwähnten, sind die geschlechtslosen Termiten, die Arbeiter, die nie Flügel erhalten, sondern ihr ganzes Leben in einer Art von Larvenzustand verbleiben. Sie wissen sich so geschickt vor dem Menschen zu verbergen, dass sie ihm fast nie zu Gesicht kommen, wenn sie auch in seiner unmittelbaren Nähe beschäftigt sind, ihm Haus und Habe zu zerstören. In unterirdischen Gängen nähern sie sich den Häusern, führen dann aus an einandergereihten Erdkügelchen einen bedeckten Gang in die Höhe, der schnell verhärtet, da ihr Speichel wie Mörtel wirkt. Von diesem aus schreiten sie ungesehen in ununterbrochenen Zügen zum Angriff. Die fast fingerdicken Gänge sind leicht zu erkennen und zu beseitigen, werden aber gewöhnlich sehr geschickt an den dunkelsten Stellen des Hauses, in verborgenen Winkeln angelegt. Die Termiten vernichten alles Holzwerk, Teak und Kampferholz ausgenommen; eine Kiste von weichem Holz, von der Art, in welcher Flaschenweine Dutzendweis nach den Kolonien gesandt werden, kann in einer Nacht gänzlich zerstört werden, wenn sie im Freien unmittelbar auf dem feuchten Boden steht. Metall greifen sie nicht an; in früheren Zeiten, wo man in entfernten Kolonien nicht immer über gewissenhafte Beamte verfügen konnte, sollen sie zwar oft das in den Regierungskassen vorhandene Geld ohne Rückstand verzehrt haben. In den Häusern zerstören sie alle Möbel und Vorräthe, doch gehen sie nicht in Baumwolle und fürchten sich vor Reishülsen, deren scharfe Spitzen ihren weichen, nackten Körper wohl empfindlich verletzen würden. In allen Speichern werden deshalb fusshoch Reishülsen auf den Boden ausgeschüttet, bevor man Kaufmannsgüter darauf lagert, die Pfosten aller Betten, Schränke und schweren Möbel stehen in gusseisernen, mit Wasser oder Oel gefüllten flachen Schalen, zugleich zum Schutz gegen Ameisen, die zwar nicht das Holz, aber die Vorräthe fressen.
In dem Landhause eines Freundes hatten die Termiten einige mit Oelfarbe gestrichene hölzerne Pfeiler, die das Gebäude trugen, fast aufgezehrt, jedoch ohne die äussere Farbenschicht zu verletzen, so dass von dem angerichteten Schaden nichts bemerkt wurde, bis jemand, der mit seinem Stock gegen einen Pfeiler stossen wollte, diesen durchstiess. Durch die grosse Gefahr veranlasst, wandte man sich an einen Malayen, dessen Gewerbe das Aufsuchen und Vertreiben der Termiten war. Nach längerem, sorgfältigem Suchen bezeichnete er eine Stelle im feuchten Rasen, etwa 30 Schritt vom Hause entfernt als diejenige, unter welcher man das Nest finden würde. Für uns war nur eine kleine, kaum merkliche Erhöhung, auf welcher bei genauer Untersuchung einige kleine Larven erkannt wurden, wahrnehmbar; denn ungleich den meisten Arten, deren Baue oft mehrere Fuss hoch über die Erde ragen, baut die fragliche Art, die Hagen als T. gilvus beschrieben hat, unterirdisch, anscheinend ohne irgend welche Anzeichen an der Erdoberfläche, die auf das Vorhandensein des Nestes schliessen lassen. Der Boden, ein sandiger Lehm, wurde in einigen Zollen unter der Oberfläche fester und zeigte Spuren von Struktur; in etwa 1 Fuss Tiefe stiessen wir auf sehr unregelmässige, wabenartige, festere Erdmassen, bestehend aus vielfach gewundenen, einen Zoll hohen, eine Linie dicken Wänden von oolithartigem Gefüge. Die einige Linien weiten Zwischenräume, labyrinthische Gänge, sassen dicht voll kleiner, geschlechtsloser Termiten (Arbeiter). Die nach oben ziemlich lockeren Zwischenwände wurden nach unten zu fester. Unterhalb der eben beschriebenen Erdmassen mit aufrechten Wänden, die aber in ihrem unregelmässigen Aussehen mehr an Maeandrinen (Korallen) als an Waben erinnerten, lagen dünne, festere, flach gewölbte Erdkrusten von ähnlicher oolithischer Struktur, lose neben und über einander, oft an den Rändern einander überragend, anscheinend konzentrisch um einen Kern geordnet, durch mehrere Linien hohe fast horizontal verlaufende Zwischenräume getrennt, die ebenfalls voll Termiten steckten. Sie waren radial von engen, runden Quergängen durchbohrt, deren Mündungen von den sogenannten Soldaten mit dem von Reisenden oft geschilderten Heldenmuthe vertheidigt werden. Die Soldaten, die bei allen Termiten vorkommen, sind geschlechtslos, arbeiten nicht; ihnen liegt der Schutz des Staates gegen äussere Feinde und nach den Berichten mancher Reisenden auch die Polizei ob, indem sie die Arbeiter zur Arbeit antreiben. Sie tragen am Kopfe ausserordentlich starke, scharfe, zangenartige Kiefern, schnellen, sobald ihnen die Hand unvorsichtig nahe gebracht wird, voll Wuth aus ihrer Höhle und können, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, mit einem Biss die gefaltete Cutis am Gelenk des gebogenen Zeigefingers durchschneiden, so dass die Wunde blutet. Der Kern des ganzen Baues bestand aus der Wohnkammer der Königin und hatte die Form eines Stückes Toilettenseife ohne Ecken, jedoch mit dem Unterschiede, dass sie bei etwa gleicher Dicke fast doppelt so lang und breit war. Sie bestand aus einer sehr festen Lehmmasse ohne wahrnehmbares Gefüge, von einem kleinen, trichterförmigen Loche durchbohrt, dem einzigen Zugang. Als ich die Kammer aufschnitt, zeigte sich im Innern ein hohler Raum, der, weil die Wände gleich dick waren, der äusseren Form genau entsprach. Er enthielt die Königin, ein garstiges, fingerdickes, fast zwei Zoll langes, walzenförmiges Thier, das den inneren Raum zum grossen Theil ausfüllte und von einer Anzahl kleiner Termiten umgeben war, wahrscheinlich ihrer Dienerschaft, denn sie ist unbeholfen bis zur Hülflosigkeit, eine wurstartig aufgeschwollene Masse, voll Eierstöcke. Der Name einer Königin ist ihr in Folge eines nicht stichhaltigen Vergleiches mit der Bienenkönigin gegeben worden, denn sie ist eher eine Gefangene, als eine Gebieterin. Ihre Zelle kann sie nie verlassen, sie ist völlig wehrlos, so dass sie sich keine Nebenbuhlerin abwehren kann; oft trifft man daher in ein und demselben Bau mehrere Königinnen in verschiedenen Entwickelungsstufen an. Unter dem Bau der Königin war die Erde sehr lose; verschiedene Gänge führten von dort aus nach mehreren kleinen Nestern, die keine Königin, wenigstens keinen Königsbau besassen, sondern nur aus den oben erwähnten wabenartigen Massen bestanden; es waren wohl neu angelegte, bisher nur vom Mutterstaat aus bevölkerte Kolonien. In der Absicht, sie härter zu machen, wurden einige Stücke des Baues der Sonne ausgesetzt. Die Gänge waren dicht mit Termiten, Arbeitern und Soldaten, angefüllt. Bald stellten sich einige kleine, schwarze Ameisen ein, rekognoszirten, kehrten um, und nach nicht ganz 10 Minuten erschienen lange Züge derselben Art, die im Verlauf einiger Stunden sämmtliche Termiten, obgleich sie doppelt so gross waren als die Ameisen, aus ihren Schlupfwinkeln holten und davon schleppten. Es war erstaunlich, zu sehen, wie diese kleinen Thierchen die ungleich grösseren packten und sie davon trugen. Selbst die Soldaten wurden auf diese Weise fortgeschleppt, wobei allerdings einige der Kleinen das Leben liessen, denn wenn sie einem Soldaten unvorsichtig nahten, schnitt er sie mit seiner scharfen Zange mitten durch; während sie noch zuckte, kam ein andres Thierchen desselben Stammes und rettete den Leichnam.
Smeathman, dem man die erste ausführliche Schilderung der Termiten verdankt, giebt an, dass eine alte Königin die Grösse von 20,000 bis 30,000 Arbeiterinnen erreichen könne! was aber eine Uebertreibung zu sein scheint. Bei Wägungen an Spiritusexemplaren, die ich mit Dr. Gerstaecker vornahm, ergab sich für eine Termitenkönigin von T. bellicosus (der Spezies, auf die sich Smeathman's Mittheilungen beziehen), dem grössten Exemplare der Berliner Sammlung, 16,135 Gramm, für ein junges, befruchtetes, aber nicht weiter entwickeltes Weibchen 0,490, also 1/33 des obigen Gewichts (ein Arbeiter von dieser Species war nicht vorhanden). Die Termitenkönigin T. gilvus (Hagen) von Singapore wog 5,200 Gramm, ein junges, befruchtetes Weibchen (das aber exenterirt war) 0,068 Gr., ein Arbeiter 0,005 Gr., also etwas weniger als das Tausendfache der verhältnissmässig grossen Königin.
Die Termiten sind in mehreren Gattungen und vielen Arten über alle wärmeren Erdtheile verbreitet, aber nicht überall gleich zahlreich oder schädlich. In Rochefort sind sie seit 1797 amtlich bekannt und richten dort fortdauernd grosse Zerstörungen an. Wahrscheinlich durch Hölzer von San Domingo eingeschleppt, verbreiteten sie sich allmälig über viele Städte und Ortschaften der Charente inférieure, so dass sie dort zu einer sehr ernsten Plage geworden sind und den Wohlstand des ganzen Departements bedrohen, indem sie Gebäude, Dächer, Korn und Mehlvorräthe, Bibliotheken, Pflanzungen u. s. w. zerstören; alle vorgeschlagenen Schutzmittel erwiesen sich bisher erfolglos.
Eines Tages besuchte ich eine Pfeffer- und Gambir- Pflanzung, die ganz in der Nähe von Bukit-tima lag. Ich stieg bei einem französischen Missionär ab, der mich überallhin begleitete und mir das Chinesische der Pflanzer verdolmetschte. Es war ein Mann, wie ich deren später noch öfter unter den katholischen Missionären getroffen habe, der Allem entsagt hatte, um sich seinem selbstgewählten Berufe zu opfern. Ein kleines Vermögen, das ihm durch Erbschaft zugefallen, hatte er dazu verwendet, eine Kirche zu bauen, für sich selbst behielt er nichts zurück und lebte, obgleich kränklich und alt, in grosser Dürftigkeit von dem elenden Gehalt, das für alle diese würdigen Männer ohne Unterschied monatlich 10 Dollars beträgt. Ich besah die Pflanzung und die Fabrik in allen Einzelnheiten, doch waren die Angaben der Chinesen so ungenau, zum Theil durch die Schuld des Dolmetschers, der die einfachsten technischen Fragen nicht richtig zu verstehen schien, so widersprechend, dass ich zur Ergänzung des selbst Gesehenen vorziehe, das Uebrige einigen gediegenen Aufsätzen zu entlehnen.
Der Pfeffer wird hier immer zusammen mit dem Gambir gebaut. Die ausgekochten Blätter der letzteren Pflanze dienen zur Düngung der ersteren. Auf je 10 Acres Gambir rechnet man gewöhnlich einen Acre Pfeffer. Der Pfeffer wächst sehr leicht und scheint nur sehr geringe Pflege zu erfordern. Mit besonderer Sorgfalt wird er jedenfalls nicht behandelt. Nicht einmal schattengebende Bäume, die man in anderen Ländern für das Gedeihen der Pfefferrebe nothwendig erachtet, werden ihm gewährt. Die Hauptsorge ist die Vertilgung des Unkrauts und die Entfernung der seitlichen Ausläufer. Er wächst, der grellsten Sonne ausgesetzt, an Pfählen aus gespaltenen Waldbäumen, die er, wie Epheu kletternd, mit seinen dunkelgrünen herzförmigen Blättern dicht bekleidet. Aus dem Laube hängen in grosser Fülle die langen schmalen Trauben hervor, mit grünen Beeren, die bei völliger Reife scharlachroth werden. Der Anblick der Pflanzen ist sehr schön. Die Vermehrung der Reben geschieht durch Stecklinge, nach 4 bis 5 Jahren giebt sie schon einen geringen Ertrag, der bis zum 7ten oder 8ten Jahr zunimmt. Wenige Jahre, nachdem er sein Maximum erreicht, vermindert sich der Ertrag fast ebenso allmälig, als er zunahm, so dass in einer wohlgeordneten Pflanzung alle Jahre eine Anzahl junger Pflanzen gezogen werden müssen, die der Reihe nach an die Stelle der abgestorbenen treten. Die Rebe trägt gleichzeitig Blüthen und Früchte. Vier Monate nach Entfaltung der ersteren sind die Beeren zum Pflücken reif, sie sind dann grün mit einem Stich ins Rothe und werden in flachen Körben aus Bambussplinten über Rauchfeuer getrocknet, wobei sie schwarz werden und einschrumpfen. Das Aroma wird grösstentheils durch Lokalität und Boden bedingt, wie beim Wein. Uebrigens aber geben die schwersten, vollsten, am wenigsten runzligen Körner das beste Gewürz. Lässt man die Beeren völlig reif werden, so löst sich die äussere scharlachrothe Hülle durch Mazeration in Wasser ab; der zurückbleibende Kern bildet den weissen Pfeffer des Handels, der theurer als der schwarze ist, weil bei dieser Zubereitungsart immer eine grosse Menge durch Abfallen der völlig reifen Beeren verloren geht. Von allen Gewürzen ist Pfeffer das verbreitetste und wohl das einzige, dessen Verbrauch auch jetzt noch immer zunimmt, während alle übrigen immer mehr aus der Mode kommen. Zur Zeit der Entdeckung des Seewegs nach Indien und lange nachher, bevor Zucker, Kaffee, Thee, Indigo und die Produkte der indischen Wälder in Europa bekannt waren, bildete Pfeffer den Hauptartikel des indischen Handels und war Gegenstand der heftigsten Kämpfe zwischen den seefahrenden Völkern, sowie der drückendsten Monopole, die mit der herzlosesten Zwangsarbeit für die Eingebornen gepaart gingen. Nach Crawfurd war der Preis des Pfeffers zu Plinius Zeiten 1 Thlr. 5 Sgr. das Pfund und blieb so bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Durch das Monopol der Portugiesen stieg er auf 1 Thlr. 10 Sgr.; als die Holländer die Portugiesen verdrängt hatten, etwa 100 Jahre später, trieben sie den Preis auf das Doppelte. Durch Konkurrenz der Engländer und Franzosen fiel der Preis wieder und schwankte Jahrhunderte lang zwischen 16 und 10 Sgr. Erst in diesem Jahrhundert fielen die Monopole, wodurch der Pfeffer auf seinen Preis von 21/2 bis 3 Sgr. kam. Jetzt liefert die Westküste von Sumatra den meisten Pfeffer. Crawfurd schätzt den Gesammtertrag des indischen Archipels, mit Inbegriff der geringen Menge, welche Malabar, das Vaterland des Pfeffers, jetzt noch produzirt, auf 40 Millionen Pfund. Ausser Hinter-Indien erzeugen auch noch Guyana, Liberia, die Antillen dies Gewürz. Die Gesammtproduktion dürfte gegenwärtig 50 Millionen Pfund wohl nicht übersteigen.
Pfeffer und Gambir, die Haupt-Erzeugnisse des Landbaus in Singapore, das ausserdem nur noch Kokosnüsse, Früchte und Gemüse für den eigenen Bedarf produzirt, werden ausschliesslich durch Chinesen gewonnen. Es ist ein mühsames, bei den gegenwärtigen Preisen der Erzeugnisse nicht sehr lohnendes Geschäft voll Entbehrungen und wegen der vielen Tiger voll Gefahr. Gewöhnlich sind es neuangekommene Einwanderer, die ihre Ueberfahrt nicht zahlen können, welche von ihren reicheren Landsleuten zu dieser Kultur verwendet werden. Nach dem Kontrakt müssen sie ein Jahr für ihren Gläubiger arbeiten, während welcher Zeit sie nur kärgliche Beköstigung und noch kärglicheren Lohn erhalten. Dennoch wissen sie bald, häufig schon im ersten Jahre, etwas zu sparen und so viel Kredit zu erwerben, dass sie ein kleines Geschäft anfangen oder als selbstständige Arbeiter sich vortheilhaft verdingen können. Oft auch thun sich mehrere zusammen und bewirthschaften gemeinschaftlich eine Pflanzung. Nachdem eine passende Stelle im Walde gelichtet, wird das Unterholz verbrannt, die gefällten Bäume bleiben liegen, da sie später als Brennholz benutzt werden, ausser der Asche davon erhält der Boden keinen Dünger. Man säet den Gambir (Uncaria Gambir) in Beeten, hält die Sämlinge schattig und pflanzt aus, wenn sie 5 bis 6 Zoll hoch sind in 5 bis 6 Zoll Abstand. Hat die Pflanze eine gewisse Höhe erreicht, so wird sie abwärts gebogen, so dass sie seitlich fortwächst. Dadurch wird die Holzbildung gehemmt, die Blattbildung vermehrt, das Pflücken erleichtert[23]. Nach 13 bis 14 Monaten sammelt man die ersten Blätter, 6 Monate später giebt die Pflanze den vollen Ertrag. Aber schon nach wenigen Jahren (ca. 15) ist der Boden so erschöpft, dass die Pflanzung aufgegeben und eine neue an einer andren Stelle errichtet werden muss. Auf der verlassenen Stätte wuchert das so schwer zu vertilgende Lalanggras (Saccharum imperatum), das mühsamer auszurotten ist, als Urwald. Die Regierung fängt endlich an, durch eine bessere Waldwirthschaft diesem Uebelstande und dem Treiben der chinesischen Squatters ein Ende zu machen, indem sie dieselben zwingt, das Land zu kaufen, das sie bepflanzen wollen; ein sicheres Mittel, um es in Kulturland, statt in Graswildnisse zu verwandeln.
Das Pflücken der Blätter dauert das ganze Jahr über, jeder Strauch kommt jährlich 3 bis 4 mal an die Reihe. Die Morgens gesammelten Blätter werden am Nachmittag versotten, die Nachmittags gesammelten am folgenden Morgen; ein Absud erfordert 5 bis 6 Stunden. Die Fabrikation ist sehr einfach. Ein grosser Schuppen aus Stangen und Palmenblättern, mit einigen Bänken aus gespaltenem Bambus versehen, die als Tisch und Betten dienen, ist zugleich Wohnung und Fabrik. Der Kessel besteht aus einer eingemauerten, flachen Pfanne aus Gusseisen, von etwa 3 Fuss Durchmesser, auf welcher ein hohler Cylinder von Baumrinde steht, die in einem Stück von einem entsprechend grossen Baum abgelöst worden. Die Fugen und die ganze Aussenseite sind mit Thon verschmiert, um sie gegen das Feuer zu schützen. Man giesst etwas Wasser in die Pfanne, schüttet die Blätter ein und wirft sie, nachdem sie etwa eine Stunde gesotten, auf eine geräumige, ebenfalls aus einem Stück Baumrinde bestehende, schräge Rinne, deren unteres Ende in den Kessel hineinragt. Der Arbeiter knetet diese Blätter, damit das ihnen anhaftende Wasser in den Kessel zurücklaufe. Der zur Konsistenz von dünnem Syrup eingedampfte Absud wird in Eimer geschöpft. Ist er kühl genug, so beginnt eine eigenthümliche Hantirung. Bekanntlich enthält der Gambir ausser der in kaltem Wasser löslichen Catechugerbsäure auch in kaltem Wasser unlösliches Catechin; anstatt nun einfach umzurühren, damit die Flüssigkeit überall gleichmässig erstarre, klemmt der Arbeiter in jeden Eimer in schräger Richtung einen Stock aus weichem Holz. Er stellt zwei solcher Eimer vor sich hin und fährt mit jeder Hand an einem der Stöcke auf und ab. Die Flüssigkeit verdickt sich zunächst am Stock, und da sie dort immer abgestreift, die Masse überdies in beständiger Bewegung erhalten wird, erstarrt sie gleichmässig, was nach Behauptung der Arbeiter durch Umrühren nicht zu erreichen sein soll. Gewiss ist hier wieder ein Stückchen Aberglauben im Spiel. Die hinreichend verdickte Masse wird in flache, viereckige Kasten gefüllt, und wenn sie erhärtet ist, wie Seife in Stücke geschnitten und im Schatten getrocknet. Die gekochten Blätter werden noch einmal ausgesotten und schliesslich in dem Wasser ausgewaschen, das zum Kochen der Blätter verwendet wird.
Eine Pflanzung von 5 Arbeitern enthält im Mittel 70–80,000 Sträuche und liefert täglich 40–50 Katti (1 Katti = 11/3 ℔ Engl.) Gambir. Die Arbeiter behaupten, nur das Holz eines gewissen Baumes besitze die Eigenschaft, den Absud im Eimer erstarren zu machen und zeigten mir ihn später, es war Artocarpus incisa. Nachher sagte man mir aber, dass jedes weiche Holz sich dazu eigne, doch nehme man gewöhnlich einen Zweig des eben genannten.
Gambir, besser unter dem Namen Terra japonica in Europa bekannt, wird von den Malayen mit dem Betel gekaut, zu welchem Zweck er zuweilen noch besonders raffinirt und in kleine, zierliche Kuchen geformt wird. Er enthält 50–60% Gerbstoff und wird in steigender Menge nach Europa für die Schnellgerbereien und Färbereien exportirt. Die sehr beständige, schöne Holzfarbe der französischen Tapeten verdankt man dem Gambir. Die Produktion wächst so schnell, als die Nachfrage, denn der Preis steigt nicht. In Singapore nehmen die Pflanzungen ab, doch mögen wohl noch nahe an 1000 auf der Insel vorhanden sein. Da es aber jetzt den Chinesen nicht mehr gestattet wird, ohne alle Abgaben den Boden in Besitz zu nehmen und den Wald zu zerstören, so ziehen sie sich mehr nach Johor. Die Hauptproduktion ist aber auf den Inseln Bintang, Batam und Linga, die unter holländischer Botmässigkeit stehen.
In Europa scheint einige Verwirrung in Bezug auf die Namen Gambir, Terra japonica, Cutch, Catechu, Cachou zu herrschen. Abgesehen von den unter dem Namen Cachou in Apotheken käuflichen Bonbons, die nur aus Lakritzen und Salmiak bestehen, und mit Catechu (Cachou der Franzosen) nichts als den Namen gemein haben, versteht man unter Gambir oder Terra japonica gewöhnlich das Präparat von der Nauclea Gambir. Das eigentliche Catechu (Cutch) dagegen wird von einer Mimose, Acacia Catechu (Willd.), und zwar aus dem Herzen des Stammes und den Schoten, durch Auskochen und Eindicken des Absuds gewonnen. Man erhält es namentlich aus Birma (Pegu), Malabar und dem nördlichen Bengalen. Beide Substanzen sind übrigens sowohl chemisch, als in Bezug auf ihre technische Verwendung fast identisch. Das aus Arecanüssen bereitete Catechu scheint ganz vom Markt verschwunden zu sein.
Die Chinesen auf diesen Plantagen sind es, die so häufig von Tigern umgebracht werden. Wann der Kuli fast nackt im dichten Gebüsch hockt, um die Blätter zu pflücken, so beschleicht ihn der Tiger von hinten und tödtet ihn gewöhnlich mit einem Biss in den Nacken. Finden die Kameraden den Leichnam, so verscharren sie ihn so schnell als möglich, denn wenn die Polizei es erfährt, so zwingt sie die Leute, die vielleicht schon stark verweste Leiche zur Stadt zu tragen, damit sie vom Todtenbeschauer besichtigt werde, ohne ihnen dafür irgend eine Entschädigung zu gewähren. Erwägt man, wie ungern die Chinesen einen Schritt umsonst thun, wie höchst beschwerlich und ekelhaft der ihnen aufgezwungene Dienst ist, und dass sie überdies schon aus der Heimath eine heilige Scheu vor der Polizei mitbringen und jeden Kontakt mit derselben vermeiden, berücksichtigt man ferner, dass weder ein Passwesen, noch irgend eine Kontrolle über die sich hier aufhaltenden Personen besteht, dass namentlich die Pflanzer in ihren entlegenen Schlupfwinkeln im Walde fast nie aufgesucht werden, so darf man sich nicht wundern, wenn nur eine sehr geringe Zahl dieser Todesfälle den Behörden zu Ohren kommt. Dennoch werden im Jahr durchschnittlich 75 Fälle gemeldet, und auf der Annahme, dass die wirkliche Zahl der Opfer wenigstens das Fünffache betrage, beruht die Angabe, dass jährlich 300–400 Personen von Tigern umgebracht werden. Ich habe mich an den sichersten Quellen häufig über diesen Gegenstand erkundigt und kann nur wiederholen, dass die bestunterrichteten Beamten diese Zahl eher für zu gering, als zu gross halten. Zum Beweise, dass es auch in der neuesten Zeit nicht besser geworden, füge ich einen Auszug aus den Straits Times, Overland Journal, 21. Nov. 1863, bei: „Singapore. Die Todesfälle durch Tiger sind wieder im Zunehmen. In den letzten 14 Tagen sind 7 Fälle bei der Polizei angemeldet und die verstümmelten Leichen aufgefunden worden, die keinen Zweifel über die Ursache des Todes liessen. Alle, die auf diese Weise ihren Tod gefunden, waren Arbeiter auf Gambirpflanzungen.... Es ist bemerkenswerth, dass bei diesen Leichen immer nur ein kleiner Theil des Körpers verzehrt ist, es fehlt nur ein Bein, ein Arm, häufig nur der Kopf.”.. Der Redaktör schliesst mit der Betrachtung: „Es ist ein Jammer, dass die Thiere nicht ein Opfer ganz verzehren, bevor sie ein anderes angreifen, es würde ein grosses Ersparniss an Menschenleben sein.”
Ausser den angeführten landwirthschaftlichen Produkten verdient noch ein Industrieerzeugniss besondere Erwähnung: der Sago, welcher in beträchtlicher Menge (jährlich für 60–70,000 Dollars) von Singapore ausgeführt wird. Der rohe Sago kommt von Sumatra und Borneo, wird in Singapore durch Schlämmen gereinigt und dann als Sagomehl, grösstentheils aber, nachdem er vorher geperlt worden, als Perlsago ausgeführt. Um es zu perlen, wird das noch etwas feuchte Mehl ein wenig geknetet, in einem durch einen Kreuzstock weit offen gehaltenen flachen Sack in rotirende Bewegung gesetzt, wobei sich kleine Klümpchen bilden, die, nachdem sie durch ein grobes und ein feines Sieb gegangen, gleiche Grösse haben. Sie werden in einer schräg eingemauerten, flachen, mit Oel bestrichenen, eisernen Pfanne über gelindem Feuer mit einem hölzernen Spaten vorsichtig umgerührt, wobei durch die an der Oberfläche eintretende Kleisterbildung die Kugeln eine gewisse Festigkeit bekommen, aber auch zusammenbacken; um sie zu trennen, werden sie noch einmal gesiebt und dann abermals gedörrt, bis sie die gehörige Härte erlangt haben.
Deutsche Hausfrauen pflegen die Perlform für das Kennzeichen des Sago zu halten und unter Sago Perlen von beliebigem Stärkemehl zu verstehen. Der eigentliche Sago ist aber das Produkt der Sagopalmen (Sagus laevis und S. genuina), die besonders im Osten des Archipels sehr verbreitet sind; sie liefern fast allein den Sago des Handels. Die Eingebornen gewinnen ihn aber, besonders bei missrathener Reisernte, noch aus mehreren andern Palmen- und Cycasarten für ihren eignen Bedarf. In Singapore kommt die Sagopalme nur vereinzelt vor und wird nicht ausgebeutet. Die Art, den rohen Sago zu gewinnen, habe ich nicht gesehen, sie ist von J. R. Logan im Journal of the Ind. Arch. III. 288 ausführlich beschrieben.
Die Sagopalmen sind von sehr grossem Interesse, weil keine Pflanze, selbst nicht die Banane und Kokospalme, bei so geringer Mühe eine solche Menge Nahrungsstoff liefert. Die Produktion kann bei der ausserordentlichen Fülle des Materials unbegrenzt gesteigert werden. Wegen der jetzt gebräuchlichen, unvollkommenen Methoden der Bereitung und besonders, weil der Sago nicht gleich an Ort und Stelle für die Ausfuhr raffinirt wird, ist sein Preis zu hoch.[24] Nach Logan sollte ein Pikul nicht mehr als 1/4 Dollar (11 Sgr.) kosten.
Ueber den ausserordentlichen Ertrag der Sagopalme geben folgende, Logan's Aufsatz entnommene Angaben eine Vorstellung. In den östlichen Inseln des Archipels, in Neu-Guinea, in Borneo und Sumatra ist die Sagopalme am häufigsten und bildet in sumpfigen Niederungen grosse Wälder. Dort ist Sago das Hauptnahrungsmittel. Eine Ertrag gebende Pflanzung ist gar nicht mehr auszurotten, denn unähnlich andern Palmen pflanzt sich die Sagopalme nicht nur durch Samen fort, sie treibt auch Schösse aus der Wurzel, wie die Banane, und liefert so eine ununterbrochene Ernte. Sie blüht terminal und stirbt, wenn die Früchte reif sind, allmälig ab. Will man aber den Sago gewinnen, so wird der Baum kurz vor der Blüthezeit umgehauen; der Stamm ist dann ein Cylinder von 20 Zoll Durchmesser und 15–20 Fuss Länge; die Rinde bildet nur eine dünne Schale, das ganze Innere ist mit Mark erfüllt, das aus Cellulose und Stärkemehl besteht. Man rechnet, dass ein Baum durchschnittlich 700 ℔ Stärkemehl (Sago) liefert. Nach Logan's Berechnung geben 3 Bäume mehr Nahrungsstoff als 1 Acre Weizen und 6 Bäume mehr als 1 Acre Kartoffeln. Ein Acre mit Sagobäumen bepflanzt, giebt, wenn er auf einmal umgehauen wird, 5220 Bushel (= 3452 Scheffel Preuss.) oder so viel, wie 163 Acres Weizen; und je nachdem man 7 oder 15 Jahre als den Zeitraum annimmt, den der Baum zu seiner Entwicklung nöthig hat (darüber sind die Angaben schwankend), kommt ein Acre Sago in seinem jährlichen Ertrag 10 oder 23 Acres Weizen gleich. (Da 163 Acres = 258,35 Morgen, so nimmt Logan etwas mehr als 131/3 Scheffel Weizen pro Morgen an.)
In Berlin kostet durchschnittlich der Zentner „Kartoffel-Sago”, d. h. geperlte Kartoffel- oder Weizen-Stärke, 10–11 Thlr., Palmen-Sago 16–17 Thlr., Tapioka-Sago, d. h. geperltes Manihot-Mehl, 22–23 Thlr. In Singapore kostet 1 Ztr. Palmen-Sago durchschnittlich 2 Dollars als Mehl, 3 Ds. in Perlform; Tapioka-Mehl 3 Ds., Perlen 4 Ds. Die Fracht übersteigt selten 1 Dollar per Zentner. Der grosse Unterschied im Preise ist die Prämie der Zwischenhändler; sie zeigt, wie unvollkommen, unsere Verkehrsverhältnisse noch sind.
Sechstes Kapitel.
Opium.
Die hervorragendste Leidenschaft der Hinterindier, namentlich der Chinesen, scheint die Spielsucht. In Canton spielt der hungrige Kuli mit dem Garkoch um das Essen; gewinnt er, so speist er gratis, im andern Fall verliert er den Einsatz und speist gar nicht. Das Spielen ist aber hier sowohl als in Pinang und Malacca streng verboten, und wird deshalb heimlich getrieben. Es ist ein öffentliches Geheimniss, dass die niederen Polizeibeamten, alle selbst Asiaten, im Sold der Spielunternehmer stehen und nicht nur die Spielhäuser nicht verrathen, sondern sie gewöhnlich bei Zeiten warnen, wenn einmal von Seiten der höheren Beamten ein Ueberfall gegen ein verdächtiges Haus ausgeführt werden soll. Im Anfang des Bestehens der Kolonie waren auch Spielhäuser gestattet, die Konzession dazu wurde, wie zum Opium- und Branntwein-Handel dem Meistbietenden verpachtet und bildete eine der bedeutendsten Einnahmen. Der einflussreichere Theil der europäischen Bevölkerung fand aber hierin etwas Unsittliches; so ist denn jetzt das Spiel seit einer Reihe von Jahren verboten, obgleich jedermann weiss, dass die polizeilichen Mittel zur wirklichen Unterdrückung desselben nicht vorhanden sind. In neuester Zeit wird daher die Ansicht immer allgemeiner, dass es unter den bestehenden Verhältnissen angemessener wäre, wieder öffentliche Spielhäuser einzurichten und sie zu einer Steuerquelle zu benutzen, wie die Holländer und Spanier thun. — In diesem Sinne hat sich auch die Grand-Jury in ihrem letzten Bericht über den Zustand der Kolonie (1865) ausgesprochen. Jedenfalls scheint es eine grosse Inkonsequenz, das Spiel aus moralischem Zartgefühl zu verbieten und das Opiumrauchen zu gestatten, das noch schlimmer ist, als Hasardspiel, da es, einmal zur Leidenschaft geworden, den Menschen nicht nur eben so sicher, wie jenes, moralisch und finanziell, sondern auch physisch zu Grunde richtet. Die Ursache der Inkonsequenz liegt wohl in dem grossen Gewinn, den die britische Regierung aus der Bereitung des Opiums, die Kolonial-Regierung aus der Accise und die Kaufleute aus dem Vertrieb ziehen, an dem sich übrigens nicht nur Engländer, sondern Leute von allen Nationen mit gleichem Eifer und mit derselben Unbefangenheit betheiligen, wie am Handel mit Tabak oder Spirituosen.
Opium ist bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des Gartenmohns (Papaver somniferum) und wird besonders in der Türkei und in Indien gewonnen. Das türkische Opium wird in Europa und Java, das indische in China und Hinterindien genossen. In Britisch-Indien ist die Opiumerzeugung Monopol der Regierung, in den Malwa- und andern Staaten unter einheimischen Fürsten steht sie jedem frei; das Fabrikat zahlt aber in Bombay einen Transitzoll von 400 Rupien per Kiste. Das Opium von Behar, im Handel als Patna bekannt, und das von Benares, beide unter der strengen Aufsicht englischer Beamten dargestellt, sind besser als Malwa-Opium. Letzteres geht fast ausschliesslich nach Nord-China.[25]
Zum Rauchen ist das Opium, wie es aus Indien kommt, noch nicht geeignet; es wird erst durch ein umständliches Verfahren, das 18 Stunden Zeit in Anspruch nimmt, im Wesentlichen aber nur im Ausziehen der in Wasser löslichen Bestandtheile und Eindicken des Auszugs besteht, in die von den Rauchern beliebte Substanz Tschandu verwandelt, die wie Melasse aussieht, aber noch konsistenter ist.[26]
Das Recht, das Tschandu zu bereiten, ist in Singapore Monopol der Regierung, die es dem Meistbietenden verpachtet. Diese Pacht bildet ihre Haupt-Einnahme; der Pächter ist immer ein Chinese, keinem Andern würde es möglich sein, unter der hiesigen Bevölkerung eine gewinnbringende Kontrolle auszuüben. Der Pächter, der gewöhnlich sehr reich wird, verkauft das Tschandu an die Opiumkrämer, von denen es die Raucher in einzelnen Dosen entnehmen. Die Wiederverkäufer erhalten gar keinen, oder nur sehr geringen Rabatt, der höchstens für solche, die entfernt wohnen, bis auf 8% steigt. Die Konsumenten kaufen ihr Tschandu bei dem Pächter nicht billiger, als bei dem Kleinhändler; der Gewinn des letzteren besteht lediglich in den Abfällen. Das Tschandu hinterlässt nämlich beim Rauchen einen Rückstand, bestehend aus Kohle, brenzlichen Oelen, einigen Salzen und etwas unverbranntem Opium. Dieser Rückstand heisst Tinko und beträgt fast die Hälfte des ursprünglichen Tschandu. Er wird an die ärmere Klasse zum halben Preis verkauft; man raucht oder verschluckt ihn. Im ersterem Falle lässt er wieder einen Rückstand, Samsching, der von noch Aermeren gekauft und verschluckt wird, da er nicht mehr brennt. Aus dem Verkauf der Rückstände bestreitet der Opiumkrämer die Miethe seines Lokals und den Unterhalt seiner Familie.
Wohlhabende rauchen ihr Opium zu Haus, Aermere bei den Krämern, die zu dem Zweck einen besonderen Raum verfügbar halten, in welchem mehrere Bambuspritschen angebracht sind. Diese engen, heissen, von Opiumrauch erfüllten Räume werden als eine der Sehenswürdigkeiten Singapores gewöhnlich von Fremden besucht. Daher sind die „Gräuel dieser Höllen, der fürchterliche Qualm und die Entsetzen erregenden Gestalten der Unglücklichen, die dem Laster fröhnen”, schon oft mit sehr lebhaften Farben beschrieben worden. Ich habe diese Orte mehrere Male besucht, fand aber den Qualm nie so unerträglich, als den Tabaksqualm mancher deutschen Bierstuben, auch gelang es mir ebenso wenig, die schrecklichen Folgen des Lasters gleich auf den Gesichtern der Raucher zu lesen, als die Folgen der Trunksucht auf den Gesichtern von Stammgästen, oder die des Spielens auf denen, die in Baden den Roulettetisch umgeben. Der Raucher liegt auf einer Pritsche ausgestreckt, nimmt mit einer langen Nadel eine kleine Menge Tschandu, zündet sie an, wozu einige Geschicklichkeit gehört, da die Masse schwer brennt, und bringt sie auf die feine Oeffnung eines birnförmig gestalteten Pfeifenkopfs, zieht den Rauch mit einem oder einigen langen Athemzügen ein, behält ihn einige Zeit bei sich und bläst ihn aus.
Nach Crawfurd wird an keinem Ort der Welt im Verhältniss zur Kopfzahl so viel Opium konsumirt als in Singapore. Den Grund dafür sieht er in den hohen Löhnen und in der überwiegend chinesischen Bevölkerung. Nach ihm soll sich der Opiumverbrauch in Singapore zu dem in China und in Java verhalten wie 33 zu 14 zu 4. C. giebt aber die Quellen dieser Zahlen nicht an. Ich habe vergeblich versucht, ihre Richtigkeit zu prüfen, da die in den mir zugänglichen Schriftstellern und Reports enthaltenen einander so widersprechen, dass sie nicht in Einklang zu bringen sind. Es wäre aber eine sehr interessante Arbeit für Jemand, dem ausreichendes Material zur Verfügung steht, eine auf zuverlässige Zahlen begründete, vergleichende Uebersicht der schnellen Zunahme des Opiumverbrauchs nicht nur in Asien, sondern auch in Europa und Amerika aufzustellen; besonders für England scheint Gefahr im Anzuge.
Ob die Regierung von Singapore die Macht besässe, das Opiumlaster jetzt noch zu unterdrücken, ist eine andre Frage; ist es doch selbst in den europäischen Polizeistaaten nicht gelungen, die Ueberhandnahme des Tabakrauchens zu verhindern; um wie viel schwieriger wäre es in einem Freihafen wie Singapore, wo alle Mittel zum Zwange fehlen, dem mit viel grösserer Leidenschaftlichkeit getriebenen Opiumrauchen ein Ende zu machen. Geradezu unmöglich wäre es vielleicht nicht, wenn der ernste Wille vorhanden wäre und das Bestehen der Kolonie davon abhinge; gelingt es doch dem Opiumpächter, dem Schmuggeln der Droge vorzubeugen.
Wie wenig übrigens an eine solche Maasregel gedacht wird, geht aus folgenden Auszügen aus dem Chinese Commercial Guide, Hongkong 1863, hervor: danach betrug die jährliche Opiumeinfuhr in China während der letzten 10 Jahre 70,000 Kisten. Das reichte für den Bedarf nicht aus und beförderte die Produktion in China, wo gegenwärtig 20,000 bis 30,000 Kisten durch einheimische Pflanzer erzeugt werden. Die Nettoeinnahme in Indien beträgt ungefähr 4,000,000 £ jährlich, das Produkt kostet der Regierung etwa 400 Rupies (40 £) per Kiste. Der Opiumbau soll dort sehr ausgedehnt und der Preis herabgesetzt werden, um das chinesische Opium vom Markt zu verdrängen, was, wie man glaubt, stattfinden wird, wenn das indische zu 450 Ds. per Kiste geliefert werden kann, während sein Durchschnittspreis in den letzten 4 Jahren 800 Ds. betrug. Die Gesammtausfuhr aus Indien von 1798–1855 betrug 1,197,041 Kisten und stieg von 4000 Kisten im ersten Jahre auf 78,454 im letzten Jahre, die indische Regierung zog daraus einen Gesammtgewinn von 67,000,000 £ und darüber. 180,000 Kisten davon wurden in den malayischen Ländern verbraucht.... In China wird das Opium in Schan-si, Schen-si, Kwei-tschau, Yun-nan und Sze-tschuen gebaut. Sein Preis schwankt zwischen 25 und 30 tael per 81/2 ℔ Englisch.[27] Auch in der Mongolei und in Nord- China, sowie in Fuh-kien und Hün-nan wird der Mohn gebaut. Der Werth des gegenwärtig in China eingeführten Opiums ist dem Werth der Ausfuhr von Thee und Seide fast gleich. Als eine Errungenschaft des letzten Krieges ist der Opiumhandel jetzt gesetzlich erlaubt. Der Gebrauch der Droge hat sich über das ganze Reich verbreitet und seine Billigkeit für Raucher, die fern von der Küste wohnen, wird den Verbrauch wohl bedeutend steigern, sowie auch die damit verbundenen Uebel ... Die Geschichte der Anstrengungen, welche die Beherrscher dieses heidnischen Volks gemacht haben, um die Einführung des Opiums abzuwehren, weil sie fühlten, dass es für die Einkünfte, die Sittlichkeit und den Gewerbfleiss ihres Volkes schädlich war, und das gänzliche Misslingen dieser Anstrengungen bildet eines der lehrreichsten Kapitel in den chinesischen Annalen ...
Es ist zugleich die Geschichte der Anstrengungen des christlichen Volks der Briten, um den „umnachteten Heiden” trotz allem Widerstande, durch Schmuggel, Bestechung der Mandarine und offenbare Gewalt, ja sogar durch zwei Kriege das Gift aufzuzwingen. Man sieht daraus, was es mit der civilisatorischen Mission auf sich hat, wenn sie mit dem Eigennutz kollidirt.
Dies hat unter der Ostindischen Kompanie stattgefunden. Jetzt aber steht Indien und seine Opiumproduktion unmittelbar unter der englischen Krone, die nun für eigene Rechnung Opium produzirt und verkauft, und auf jede mögliche Weise das lukrative Gewerbe auszudehnen bemüht ist. Nach der Times vom Mai 1865 ist der jüngste Ausfall im indischen Budget hauptsächlich der über alle Maassen gesteigerten Opiumproduktion in Indien zuzuschreiben (man hatte aus übergrossem Eifer weite Strecken Landes, die dafür nicht geeignet waren, mit Mohn bebaut, auch fehlte es an geübten Händen für die so sehr vermehrte Produktion).[28] Lockhart druckt im „Medical Missionary in China” einen im Verein mit Rev. Medhurst für ein Blaubuch geschriebenen Aufsatz über das Opium in China ab, der viele interessante Thatsachen enthält; besonders geht daraus die schnelle Ausbreitung des Lasters über das ganze chinesische Reich hervor, „es hat als ein Bächlein begonnen und wäre jetzt eben so schwer zurückzudrängen, als die Meeresfluth.”
Als Mittel der Abhülfe schlägt Lockhart der englischen Regierung vor, den Opiumbau in ihrem Gebiet und den Transit durch ihr Gebiet ganz zu untersagen; die englische Regierung zieht aber aus dieser Quelle 4,000,000 £ (nach Lockhart sogar 5,000,000 £)! Ausserdem empfiehlt er das Gebet der Missionäre, Ermahnungen an die Chinesen und ähnliche Mittel, auch fordert er die Opiumhändler in China auf, der Quelle ihrer Reichthümer aus Rücksicht für ihre Nebenmenschen zu entsagen. Von allen diesen Mitteln scheint das dritte noch das wirksamste, doch ist auch von ihm nicht viel zu erwarten, denn die ungläubigen, genusssüchtigen, eingebildeten, die Fremden verachtenden, auf ihre alte Kultur stolzen Chinesen sind der schlechteste Rohstoff für christliche Missionäre. In gleichem Maasse, wie die Nachfrage, wird auch die Opiumproduktion zunehmen. Es wird wohl schwerlich ein anderes Mittel zur Beschränkung des Missbrauchs erfunden werden, als das, welches sich in allen ähnlichen Fällen bewährt hat: allgemeine Zunahme des Wohlstandes und der Bildung und der in gleichem Maasse steigenden Selbstachtung und Selbstbeherrschung.
Nach dem Urtheil mancher Aerzte und anderer am Opiumhandel nicht Betheiligter soll mässiger Opiumgenuss nicht schädlicher sein als mässiger Genuss von Spirituosen. Für diese Ansicht scheinen allerdings die Tüchtigkeit und Körperkraft der chinesischen Bevölkerung von Singapore zu sprechen, von der nach Dr. Little jeder Dritte ein Opiumraucher sein soll. Manche geben sogar dem Genuss des Opiums den Vorzug vor dem der Spirituosen. Jedenfalls ist der Opiumraucher für seine Umgebung weniger lästig, da er sich während seines Rausches am liebsten gegen die ganze Aussenwelt abschliesst, während sich der Säufer aufdrängt und Händel sucht. Man sieht in den Ländern, wo Opium geraucht wird, nicht die durch Völlerei veranlassten hässlichen Auftritte, ausser in der Nähe der von europäischen, namentlich englischen Matrosen besuchten Branntwein-Kneipen. Mässig genossen, befähigt es zum Ertragen von Strapazen und Entbehrungen, denen der Mensch sonst erliegen müsste, worüber Johnston's Chemistry of comm. life sehr schlagende Beispiele enthält. Die grosse Gefahr liegt in dem zauberhaften Reiz, den das Opium auf seine Verehrer ausübt, in der unwiderstehlichen Gewalt, die es über ihre Willenskraft erlangt, in der Nothwendigkeit, die Dosis allmälig zu steigern, um gleiche Empfindungen hervorzurufen. Daher ist es besonders für reiche Wüstlinge verderblich, die weder durch den hohen Preis der Droge noch durch ernste Beschäftigungen verhindert werden, dies immer bereite Mittel zum Sinnenrausch anzuwenden.
Die in vielen ärztlichen und andern Büchern beschriebenen physiologischen Wirkungen des unmässigen Genusses auf Geist und Körper sind vielleicht noch abschreckender als die der Trunksucht.[29] Abgesehen von den spezifisch verschiedenen physiologischen Folgen nehmen unmässige Opiumraucher ein ähnliches Ende, wie Säufer. Sie verlieren ihre gesellschaftliche Stellung, bringen sich und ihre Familie in die tiefste Noth und sterben elend auf der Gasse. Darin stimmen Alle überein, dass es sehr viel leichter ist, sich den Trunk abzugewöhnen, als das Opium, wenn es einmal zur Leidenschaft geworden ist; Viele halten es für unmöglich. Auch geschieht es nie ohne grosse Qualen des Körpers und Geistes, und nur unter grosser Gefahr für die Gesundheit. Lockhart erzählt aber, dass im Hospital von Shanghai Tausende von Opiumrauchern behandelt wurden, von denen viele den Gebrauch aufgaben.
Ueber die oben angedeutete schnelle Zunahme des Opiumkonsums in England haben die dortigen Zeitungen schon oft berichtet, doch scheint man in Deutschland von dem Umfang des Uebels keine Vorstellung zu haben. Johnston sagt: „Der Opiumverbrauch in Grossbritannien ist, mit China oder Indien verglichen, freilich unbedeutend, die Zunahme aber sehr beträchtlich. Die eingeführte Menge betrug 1839, 41,000 ℔; 1852, 114,000 ℔: nach 15 Jahren fast das Dreifache!”
Johnston giebt leider ebensowenig wie Crawfurd die Quellen seiner Zahlen an, und scheint zwischen Einfuhr und Verbrauch keinen Unterschied zu machen, was bei steuerbaren Waaren richtig ist, da solche nur, nachdem sie für den Verbrauch im Lande versteuert worden, in den Importlisten aufgeführt werden, während die unversteuerten, für den Transit bestimmten, bei der Wiederausfuhr unter „Transshipment” stehen. Bei steuerfreien Gegenständen, wie Opium, trifft aber diese Annahme gewiss nicht immer zu, da es keinen erheblichen Unterschied in den Unkosten machen kann, ob man eine so theure, wenig voluminöse, steuerfreie Droge vom eignen Lager oder von den Docks aus verschifft.
In dem Annual Statement of Trade and Navigation of the United Kingdom 1864 finden sich über Opium folgende Angaben:
| Import. | Export. | Transshipment. | ||||
| 1859 | 141,168 | ℔ | 79,059 | ℔ | 90,794 | ℔ |
| 1860 | 210,867 | „ | 98,072 | „ | 91,922 | „ |
| 1861 | 284,005 | „ | 290,120 | „ | 53,580 | „ |
| 1862 | 221,381 | „ | 146,337 | „ | 57,820 | „ |
| 1863 | 254,314 | „ | 110,101 | „ | 104,756 | „ |
Der mittlere Preis ist 1 £ per ℔.[30]
Nimmt man an, dass die Einfuhr nach Abzug der Ausfuhr den Verbrauch in England darstellt, so erhielte man als das 5jährige Mittel 1859/63: 77609,2 ℔. Es ist aber sehr fraglich, ob diese Annahme zutrifft, da 1861 284,005 ein- und 290,120 ℔ ausgeführt, also 6115 ℔ mehr aus- als eingeführt sind, während England doch kein Opium produzirt und viel konsumirt. Bei einem Verbrauch von 77609,2 ℔ zu 7000 Gran und einer Bevölkerung von 30,000,000 kämen 18,11 Gran jährlich auf den Kopf. Legt man Johnston's Zahl 114,000 ℔ für 1852 zu Grunde, so erhält man 26,6 Gran per Kopf und Jahr. (Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass ein beträchtlicher Theil des in England verbrauchten Opiums zur Darstellung des Morphins auch für das Ausland verwendet wird.)
Nach Crawfurd ist der Verbrauch in Singapore per Kopf und Jahr 330 Gran, in China 140 Gran, in Java 40 Gran. Da aber bei der in China und Hinterindien üblichen Art, das Opium im Wege des Rauchens zu geniessen, die Hälfte seines Nutzeffekts verloren geht, so muss man diese Mengen halbiren, um sie mit dem Konsum in England zu vergleichen. Man erhält dann 165, 70 und 20 Gran gegen 18, resp. 26,6 Gran in England. Nach der Angabe des Commercial Guide, dass China jetzt 100,000 Kisten per Jahr verbrauche, erhielte man, die Kiste zu 70 Katti Tschandu (rauchbaren Extrakt) = 931/3 ℔ engl. gerechnet, 1631/3 Gran per Kopf und Jahr bei einer Bevölkerung von 400 Millionen, d. h. für China so viel, als Crawfurd für Singapore annimmt!
Johnston sagt, dass trotz der grossen Zunahme des Opiumverbrauchs in England durchaus die statistischen Daten fehlen, auf welchen man die Annahme begründen könnte, dass der Opiumgenuss schon jetzt unter der Bevölkerung Grossbritanniens ein Nationallaster geworden sei oder bald werden würde. Nach ihm soll die ländliche Bevölkerung noch frei davon sein.
Eine England eigenthümliche Form des Opiummissbrauchs, dessen ausgedehnte Verbreitung nach J. auf unbestreitbarem Zeugniss beruht, ist aber die folgende: Die Mütter in den Fabrikstädten geben ihre Kinder an Pflegemütter und diese beruhigen die Kinder und bringen sie in Schlaf durch Opium. Rev. Clay gab an, dass allein in Preston 1843, 1600 Familien die Gewohnheit hatten, Godfrey's Cordial oder eine andre ebenso schädliche Komposition zu gebrauchen, und dass in einem der Begräbnissklubs jener Stadt 64% der Mitglieder vor dem fünften Jahre starben.
Seitdem scheint sich aber das Uebel auch in der ländlichen Bevölkerung eingebürgert zu haben, wie nachfolgende wörtlich übersetzte Stellen aus dem 6th. Report of the Medical Officers to the Privy Council 1863 pg. 81 zeigen:
„Es kann, sagt Dr. Hunter, kein Zweifel an der Wahrheit der entsetzlichen Thatsache sein, die fast jeder Arzt in den Marschländern angiebt, dass daselbst keine Tagelöhnerwohnung zu finden sei, in welcher man nicht die Opiatflasche sähe, und kein Kind, das nicht davon auf eine oder andre Weise erhielte. In andern Gegenden, wo Frauen ausser dem Hause arbeiten, wie in den Fabrikstädten, wird es den Kindern von den Pflegemüttern eingegeben, und man braucht sich nicht zu wundern, dasselbe Verfahren hier in Anwendung zu finden; aber andre Umstände treten hinzu, die es zu einer allgemeinen Gewohnheit machen, dieses System des Dokterns in einer Ausdehnung zu betreiben, wie man es nur in dem fraglichen Distrikt kennt.
Die schmerzhaften Rheumatismen und Neuralgien, die in den Mooren immer noch häufig sind (d. h. unter älteren Leuten, aber wahrscheinlich ohne allen Verdacht, dass kleine Kinder daran leiden), behandelt man allgemein durch reichlichen Gebrauch von Opium, und die ganze Bevölkerung ist mit dieser Droge durchaus vertraut geworden. Die Drogengrosshändler berichten, dass sie ungeheure Mengen nach diesen Gegenden senden, und die Drogenkrämer verkaufen oft bis zu 200 ℔ im Jahr[31]. Sie wird in Pillen und Penny-Stangen verkauft und ein Laden mit guter Kundschaft versieht wohl an einem Samstag Abend 300–400 Kunden mit diesem Artikel. Die Drogisten meinen, dass ihre grössten Konsumenten nicht die Bewohner der Dörfer oder kleinen Städte seien, in welchen sich ihr Laden befand, sondern vielmehr die Bewohner kleiner Weiler oder einzeln gelegener Bauernhöfe in den Mooren.
Opium wird oft unter irgend einem rothwälschen Namen verlangt, und die damit verbundene Vorstellung ist die einer verbotenen Lust. Die Menge, die ein Opiumesser zu sich nehmen kann, ist oft angeführt worden (etwa eine halbe Unze täglich ist nicht ungewöhnlich), sie findet ihre Grenze eher im Preise, als in der Stärke der Droge. Ein Mann in Süd-Lincolnshire beklagte sich, dass seine Frau 100 £ für Opium ausgegeben habe, seit seiner Verheirathung. Man sieht mitunter auf dem Felde einen Mann im Schlaf, auf seine Hacke gelehnt, — er fährt auf, wenn man ihm nahe kommt, und arbeitet eine Zeit lang rüstig weiter. Ein Mann, der ein schweres Stück Arbeit vorhat, nimmt seine Pille als eine Vorbereitung, und Viele trinken ihr Bier nie, ohne ein Stück Opium hineinzuwerfen. Um dem volksthümlichen Geschmack zu entsprechen, aber zur höchsten Unbehaglichkeit für Fremde, werden dem Bier narkotische Mittel von den Brauern oder Wiederverkäufern zugesetzt. Vor einem halben Jahrhundert wurde der Bau des Gartenmohns für den Londoner Drogenmarkt in diesem leichten Boden betrieben. Damals nahm der Landmann Mohntrank mit aufs Feld, und jetzt bildet der Mohnkopf, obgleich der Anbau des Artikels für den Handel fast aufgegeben ist, den Hauptbestandtheil der Kräuterthees und Hausmittel der Umgegend. Bei solcher Vertrautheit mit der Droge ist es kein Wunder, dass ein Jeder bereit ist, sie anzuwenden, um ein schreiendes Kind zu beruhigen, obgleich es dann sicher wieder schreit, sobald es erwacht. Opiumesser sollen immer Proselytenmacher sein und einem Kinde wohl Opium hinter dem Rücken der Mutter oder Amme geben. Die beliebteste Form für Kinder ist Godfrey's Cordial, eine Mischung von Opium, Syrup und einer Infusion von Sassafras. Es ist dickflüssig und wird häufig in einer Theetasse geholt. Wenn die Mutter auf Feldarbeit geht und ihr Kind einer Wärterin übergiebt, so hält sie es für das Beste, ihre eigene Flasche Godfrey zurückzulassen, denn die Praeparate in den verschiedenen Läden sind verschieden, und es giebt keinen kleinen Dorfladen, der überhaupt etwas verkauft, welcher nicht auch seinen eigenen Godfrey verkaufte. Den Absatz der Opiate in diesen kleinen Läden zu steigern, ist das eifrige Bestreben einiger unternehmender Grosshändler. Bei den Drogisten gelten sie für den „Haupt-Artikel” und der Gewinn daran ist gering, wenn er im rohen Zustande verkauft wird. Nicht selten ist es vorgekommen, dass eine Pflegeamme ihren eigenen Godfrey statt desjenigen ihrer Clientin gereicht, und über die Wirkung erschrocken, den Wundarzt herbeigerufen hat, der ein halbes Dutzend kleiner Kinder im Zimmer umherliegend antrifft, einige schnarchend, andere schielend, alle bleich mit hohlen Augen, und vergiftet.”
Auch unter den wohlhabenden Klassen soll der Gebrauch immer mehr zunehmen, namentlich bei nervösen Frauen und geistig thätigen Männern in Form von Medizin. Nach Angabe der Aerzte und Missionäre nehmen auch in China die Meisten das Opium zuerst als schmerzstillendes, angenehm erregendes Mittel und gewöhnen sich allmälig so an den Genuss, dass sie ihm nicht mehr entsagen können. De Quincey's angeblich gegen das Opiumlaster geschriebene Buch hat auch gewiss schon manchen Proselyten unter müssigen Reichen gemacht.
Bei solchen Verhältnissen wird man unwillkürlich an eine geistreiche Aeusserung Huc's erinnert (Chine I, 32). Nachdem er darauf aufmerksam gemacht, wie die Engländer durch Konterbande, Bestechung der Beamten und offene Gewalt trotz allem Widerstande der Regierung, das Opium in China verbreitet haben, führt er an, dass es jetzt schon im Lande selbst gebaut wird. In seiner allerdings sehr lebhaften Phantasie sieht er die Zeit kommen, wo die Chinesen das Opium am billigsten produziren, dann werden die englischen Schiffe, da der Verbrauch in England so schnell zunimmt, ihren Bedarf aus China holen. Er schliesst mit der Bemerkung: Beim Anblick dieser Schiffe, welche den giftigen Stoff aus dem himmlischen Reich heimtragen, um England zu vergiften, wäre es erlaubt, auszurufen: „Laissez passer la justice de Dieu!”
Nach der Tydschrift voor Staathuiskunde en Statistiek 1863 pg. 339 war der Opiumverbrauch in Java 1854 48,660, 1855 61,602, 1856 70,787, 1857 84,629, 1858 91,300, 1859 99,807, 1860 105,537 Katti, in 6 Jahren mehr als das Doppelte!
Die holländische Regierung ist ernstlich bemüht, den Opium-Konsum in Java zu vermindern, hat aber auch noch kein wirksames Mittel ersinnen können. Obgleich die Anzahl Opiumläden verringert wurde, stieg der Verbrauch. Zu der so schnellen Steigerung in den letzten Jahren haben Duymaer van Twist's wohlgemeinte, aber verfehlte Maasregeln beigetragen, welche den Verbrauch zu beschränken beabsichtigten. Nach Bleeker betrug die Bevölkerung von Java und Madura 1860: 12,718,717 Seelen, darnach würde der Opiumverbrauch per Kopf 77,4 Gran für das Jahr 1860 betragen, so dass Crawfurd's Annahme, die sich auf eine wenigstens 6 Jahr frühere Zeit bezieht, wohl eher zu hoch als zu tief gegriffen ist.
Als die gewöhnliche tägliche Dosis eines Opiumrauchers in China giebt Lockhart 1 Drachme an (Little nimmt für Singapore etwa halb so viel an), woraus sich bei einer Einfuhr von 67,000 Kisten die Zahl der Raucher in ganz China auf wenig über 2 Millionen berechnet (nach meiner Rechnung fast doppelt so viel, da eine Kiste 70 Katti = 931/2 ℔ ✕ 226 Drachmen rauchbaren Extrakts enthält); manche verbrauchen bis 10 Drachmen per Tag, dies sind aber nur die Reichen.
Ueber die Dosen, die ein Opiumesser in Europa zu sich nimmt, führt Husemann, Toxicologie pg. 595, höchst auffallende Thatsachen an:
„Eine der merkwürdigsten, dem Opium wohl mehr als irgend einem andern Narkotikum eigenthümliche Eigenschaft ist die ausserordentlich verschiedene Wirkung, die es in verschiedenen Ländern, auf verschiedene Rassen, auf verschiedene Individuen, in verschiedenen Lebensaltern, unter verschiedenen Idiosynkrasien hervorbringt. Auf Kinder ist die Wirkung ausserordentlich intensiv und inkonstant. Abgesehen von 2 vielleicht nicht ganz sicheren Fällen, wo 1/90 und 1/20 Gran tödtlich wirkten, sind viele Fälle bekannt, wo Kinder bis zu 5 Jahren durch 1/6 bis 1/2 Gran getödtet wurden.... Die Quantitäten, an welche sich Erwachsene gewöhnen können, sind wahrhaft erschreckend. Mir ist eine Dame bekannt, welche 1/2 Unze Opiumtinktur pro Dose nahm; Bäcker erzählt von einem Arzt, der täglich 30 Gran Opium in Substanz verzehrte. Die Confessions of an Opiumeater zeigen am besten, wie weit es ein Europäer bringen kann. Christison erzählt von einem alten Weibe, das 40 Jahre lang täglich 1/2 Unze Laudanum nahm; aber dies ist nichts gegen den Verfasser der Confessions, der es bis zu 8000 Tropfen des „dread agent of unimaginable pleasure” brachte.[32] Nach Zeviani verzehrte ein Frauenzimmer in 33 Jahren 2 Zentner Opium, nach Krüger Hansen ein Kranker in 1 Jahr 4700 Gran. Christison erzählt sogar von einer Steigerung der Gabe bis zu 17 Unzen Laudanum!”
Als Fälle sonderbarer Idiosynkrasien bei Erwachsenen sind in demselben Werk angeführt: 3 Tage anhaltende Intoxication durch 1/2 Gran Opium; Sopor nach 1/3–1/2 Gran Opium; Vergiftung durch 1 Gran Opium per Clysma.
Siebentes Kapitel.
Gründung und schnelles Aufblühen Singapores. — Rhiow. — Seeräuberei. — Malayische Kronik. — Uebersicht der Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. — Ausbreitung der Chinesen. — Dampfschiffe.
Singapore ist sehr neuer Entstehung. Als die Holländer nach dem Frieden von 1815 ihre ostindischen Besitzungen zurückerhielten, die ihnen die Engländer während der französischen Kriege abgenommen hatten, breiteten sie mit Eifer ihren Einfluss immer weiter über jene Meere aus durch Besitznahme neuer Territorien und durch Verträge mit einheimischen Fürsten, die ihnen grosse Vorrechte vor anderen Nationen einräumten. In England sowohl als in Britisch-Indien wurde damals die grosse Wichtigkeit des indischen Archipels für den Handel wenig gewürdigt, und es möchte vielleicht den Holländern gelungen sein, ihre Nebenbuhler zeitweis aus diesen Gewässern ganz zu verdrängen, wenn jene nicht in Sir Stamford Raffles einen unüberwindlichen Gegner gefunden hätten. Dieser hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Monopol der Holländer in jenen Meeren zum Vortheil seiner Landsleute zu brechen. Mit eben so viel Kühnheit als Geschick und Beharrlichkeit schuf er durch die Gründung von Singapore einen Stützpunkt für den britischen Handel in demselben Augenblick, als die Engländer durch die traktatmässige Rückgabe Malaccas an die Holländer den letzten Quadratfuss Landes in jenen Gegenden verloren. Der Plan sowohl, als die Ausführung und die spätere Vertheidigung seiner Schöpfung gegen die heftigsten Angriffe sind fast ausschliesslich sein Werk. Es würde zu weit führen, hier alle Hindernisse aufzuzählen, die er zu bekämpfen hatte. Am heftigsten war natürlich der Widerstand von Seiten der Holländer, die sich in ihren vertragsmässigen Rechten gekränkt hielten. Aber auch bei seinen Landsleuten fand Raffles nur geringe Unterstützung, von mehreren Seiten grossen Widerstand. Besonders von Pinang aus, das in Singapore einen gefährlichen Nebenbuhler erkannte, wurden ihm viele Schwierigkeiten bereitet. In England, wo die schwache Regierung der ostindischen Kompanie nichts gegen die Beschwerden des holländischen Gesandten vermochte, und die Wichtigkeit der neuen Kolonie nicht gewürdigt wurde, kam es so weit, dass Lord Bathurst im offenen Parlament Raffles desavouirte. Auch von den Direktoren der Kompanie erhielt er einen Verweis. Nur bei den Kaufleuten fand er einige Unterstützung.
Schon 1818 hatte Raffles dem damaligen General-Guvernör von Britisch-Indien einen Plan vorgelegt, um mitten im Archipel, am Ostende der Malaccastrasse, als Gegengewicht gegen den holländischen Einfluss ein Emporium zu gründen, und als im Januar 1819 Malacca aufgegeben wurde, zauderte Raffles nicht länger mit der Ausführung. Ohne vorher auf Instruktionen aus England zu warten, zum Theil auf eigene Verantwortlichkeit, da er Gefahr im Verzuge sah, verschaffte er sich bereits am 6. Februar 1819 ein Stück Land am südlichen Rande der Insel und begann sofort die Gründung einer Stadt. Erst am 2. August 1824 schloss Crawfurd einen neuen Vertrag, wodurch den Engländern die ganze Insel und Alles, was in einem 10 Miles breiten Gürtel darum liegt, mit Ausnahme des entsprechenden Streifens auf der Halbinsel Johor, überlassen wurde. Es befinden sich in diesem Gürtel 75 kleine Inseln, deren Flächeninhalt zusammen 17 □Miles beträgt. Singapore hat 206 □Miles (ungefähr 10 deutsche Quadratmeilen), die ganze Besitzung also 223 □M.
Ich erwähne nicht die diplomatischen Verhandlungen mit den einheimischen Häuptlingen, deren Dispositionsfähigkeit die Holländer bestritten, noch die Konflikte mit den letzteren, da sie zu verwickelter Art und von zu lokalem Interesse sind, führe aber am Schluss dieses Abschnitts einige Stellen aus einer von Raffles' malayischem Schreiber verfassten Kronik an, welche auch als ein Beispiel der Auffassungsweise eines sehr fähigen Eingebornen von Interesse sind.
Damals war Singapore eine von dichtem Urwald bedeckte Insel, ein Zufluchtsort der gefürchtetsten Seeräuber. Etwa 700 Jahre früher war von Palémbang aus eine Stadt Singa-pura (Löwenstadt) auf der Insel gegründet worden, die aber später von den Siamesen (?) zerstört wurde. Seit Jahrhunderten war Alles wieder mit dichtem Walde bedeckt. Erst 1811 hatte sich der Tumongong von Johor, Vater des S. 52 erwähnten, selbst einer der verrufensten Seeräuberfürsten, am Südrande der Insel mit einem Gefolge von etwa 150 Mann niedergelassen.
Eine der grössten Schwierigkeiten für Raffles war die Beschaffung eines Besitzers der Insel, von welchem diese rechtsgültig an die Engländer abgetreten werden konnte. Unter den verschiedenen Prätendenten, die nach dem Tode des letzten Sultans von Johor um die Erbschaft stritten, wählte Raffles den Tuanko-Long, dessen Anrechte durchaus nicht ohne Zweifel waren, und selbst diesen musste er den Holländern mit grosser Heimlichkeit und List aus Rhiow entführen. Die Holländer hielten darauf den Bruder Tuanko-Long's als Gegenkandidaten aufrecht, und Jahre lang bekämpften sich die beiden Seemächte hinter diesen vorgeschobenen Puppen. Erst 1824 wurde die Besitznahme von Singapore ausdrücklich durch die Holländer anerkannt. Aber unter allen diesen Stürmen hatte sich der gelegte Keim so schnell und kräftig entwickelt, dass Raffles bei seinem letzten Besuch, 1823, die Freude hatte, in der erst 4 Jahre alten Kolonie eine Bevölkerung von 10,000 Seelen und einen Handel von 2 Millionen Pfund Sterling vorzufinden![33] Der Grund des schnellen Aufblühens liegt einerseits in den freien Institutionen, die immer dort geherrscht haben, andererseits in der günstigen Lage am äussersten Ende der malayischen Halbinsel. Da Vorder-Indien und China viel weiter nördlich endigen, während die Halbinsel sich fast bis an den Aequator erstreckt, das Meer dort überdies frei von Gefahren und Stürmen ist, so drängt sich die ganze Schifffahrt zwischen Indien und China unmittelbar an Singapore vorbei, so dass die Rhede dieser Stadt einen Theil der grossen Handelsstrasse selbst ausmacht.
Die völlige Freiheit von allen Abgaben und aller Kontrolle, den drückenden Monopolen gegenüber, die bis dahin immer alle in jenen Meeren herrschende europäische Nationen zur Ausschliessung fremder Flaggen aufrecht erhalten hatten, andererseits die Sicherheit der Person und des Eigenthums gegenüber der Rechtlosigkeit und Lebensgefahr in den Staaten der einheimischen Fürsten, machten Singapore bald zum Stapelplatz der Produkte des ganzen Archipels sowohl, als zu dem der europäischen, namentlich englischen Waaren, die von hier aus ihre Weiterverbreitung nach allen Inseln und nahe gelegenen Küstenländern fanden. Der Schifffahrt zwischen Indien und China bot Singapore auch grosse Bequemlichkeiten als eine gerade in der Mitte gelegene Station. Dazu kommen noch sehr günstige klimatische Verhältnisse, eine für die Lage milde Temperatur, und trotz des Rhizophorensaumes, der den grössten Theil der Insel umgiebt, sehr gesunde Luft. Den Chinesen entgingen die Vortheile nicht, welche ihnen die englische Niederlassung darbot. Sie strömten massenweis herbei, die Regierung begünstigte ihren Zuzug, da sie als fleissige Arbeiter unter den trägen Völkern Hinterindiens willkommen waren.
1826/28 erklärten die Holländer das nahe gelegene Rhiow, auf der Insel Bintang,[34] zum Freihafen, in der Hoffnung, dadurch einen Theil des Handels von Singapore abzuziehen und ihm einen Nebenbuhler zu schaffen. Die Maasregel erwies sich aber als eine verfehlte, denn schon war Singapore der Mittelpunkt eines grossen Weltverkehrs geworden: es besass reiche Handelshäuser, Agenturen, Banken, Versicherungsgesellschaften und grosse Waarenmagazine; — Rhiow hatte nicht Einen Vorzug vor Singapore. Selbst in der Lage, worin es ihm noch am meisten nahe kommt, steht es ihm nach, da die zwischen Indien und China fahrenden Schiffe, um Rhiow zu erreichen, einen Umweg machen müssen, während sie an Singapore vorüberfahren, ohne einen Strich aus ihrem Kurs zu weichen. Auf Rhiow besteht kein grosses Handelshaus; mehrere, die sich daselbst aufthaten, wurden mit grossem Verlust wieder aufgelöst. Es ist fraglich, ob sich die Holländer nicht geschadet haben, indem sie Rhiow zum Freihafen erklärten, jedenfalls hat aber Singapore dadurch gewonnen, da der Schmuggelhandel, der von dieser Stadt nach den niederländischen Besitzungen getrieben wird, dort eine bequeme Station findet.
Ausser Raffles hat Singapore seine schnelle Entwicklung lediglich sich selbst zu danken. Man kann sich nicht der Betrachtung entziehen, wie in diesen sonst nur den Monopolen und der Willkür verfallenen Ländern die Einführung gesunder, freihändlerischer Grundsätze die glänzendsten Erfolge herbeigeführt hat: In diesem Hafen giebt es weder Einfuhr-, noch Ausfuhrzölle, Schiffe aller Nationen sind frei von jeder Abgabe. Jeder kommt und geht, woher und wohin es ihm beliebt.
Anfänglich stand Singapore unter der Regierung von Bencoolen (Sumatra), dessen Guvernör Raffles war. 1826, als die Engländer gegen ihre Besitzungen in Sumatra Malacca von den Holländern eintauschten, kam es mit dieser Kolonie zusammen unter Pinang. 1830 erhielten Singapore, Malacca und Pinang unter dem Namen „The Straits Settlements” einen gemeinschaftlichen der Regierung von Bengalen untergeordneten Guvernör; die Lokalverwaltung in jeder Kolonie führt ein Resident-Councillor. Bisher hat aber die Bengalische Regierung auf die Entwicklung Singapores eher hemmend, als fördernd gewirkt. Der Guvernör der Kolonien in der Meerenge hat sehr wenig Macht und muss sich oft selbst in reinen Lokalsachen nach Kalkutta wenden, wo die dringendsten Verbesserungsvorschläge häufig unbeachtet liegen bleiben. Wenn einige von dort ausgegangene Verordnungen, die für Singapore die schlimmsten Folgen gehabt haben würden (Einführung von Tonnengeldern, Einfuhrzöllen, einer neuen Geldwährung u. a.), nicht zur Ausführung kamen, so ist dies nur der Wachsamkeit und Energie seiner europäischen Bevölkerung zuzuschreiben, die gegen dergleichen Beschlüsse lebhaft opponirte und sich direkt an das englische Parlament wendete, von dem sie rückgängig gemacht wurden. Nicht mit Unrecht warf man der Regierung von Kalkutta vor, dass Singapore für sie kein anderes Interesse habe, als das einer Station zur Deportation von Sträflingen. Seine grosse Wichtigkeit für den Handel scheint dort nie volle Würdigung gefunden zu haben. Allem Anscheine nach wird aber binnen Kurzem die Verwaltung dieser blühenden Besitzungen von der indischen Regierung unabhängig gemacht und unmittelbar unter das Kolonialministerium gestellt werden.
Einer der grössten Uebelstände, die aus der Machtlosigkeit der Regierung von Singapore hervorgehen, ist ihre Unfähigkeit die Seeräuberei zu unterdrücken, die eher zu- als abzunehmen scheint. Wegen der Unsicherheit der dortigen Meere sind alle Schiffe bewaffnet, und wenn die Gelegenheit günstig ist, so greift das stärkere das schwächere an; nur ein sehr geringer Theil der Räubereien wird bekannt. — In seinem Bericht von 1859 klagt der Guvernör, dass die Seeräuberei im verflossenen Jahre sehr zugenommen habe, sowohl in Form von eigens ausgerüsteten Unternehmungen in grossem Massstab, als von Strassenraub auf offenem Meere, häufig von Mord begleitet; erstere in Junken, die in Singapore armirt werden.
Die Spanier und Holländer haben bisher mehr zur Vernichtung des Seeraubes im Archipel gethan als die Engländer. Am meisten hat aber wohl im Verhältniss zu seinen Mitteln ein englischer Privatmann, Sir James Brooke, der Rajah von Sarawak, geleistet. Wenn sich nicht alle vier Seemächte, die jetzt in jenen Meeren Kolonien haben, zu gemeinschaftlichen Massregeln auf längere Zeit vereinigen, wird es wohl nicht gelingen, die Seeräuberei auszurotten, denn viele unbewohnte Küsten und kleine Inseln gewähren Zufluchtsstätten, welche häufig mit Kokos- und Sago-Palmen versehen, und von einem schützenden Wall von Rhizophoren-Wäldern oder Korallenriffen umgürtet sind, die Trepang, Muscheln, Schildkröten und Fische liefern, und nur durch schmale, den Seeräubern allein bekannte, nur für ihre kleinen Boote zugängliche Kanäle unterbrochen sind. Die leichten, flachen, sehr stark mit Ruderern bemannten Boote sind so geschwind, dass nur die schnellsten Dampfer ihnen folgen können, diese verrathen sich aber schon aus grosser Ferne an ihrer Rauchsäule, so dass die nur wenige Fuss über das Wasser ragenden, und folglich in sehr geringer Ferne unsichtbaren „Pankos” gewöhnlich vollauf Zeit haben, zu entwischen. Auch wechseln die Räuber wohl Nachts ihren Aufenthalt, wenn Gefahr in der Nähe ist.
Sehr gegen den Willen der Bevölkerung hat die britisch-indische Regierung seit dem letzten chinesischen Kriege in Singapore grosse Befestigungen anlegen lassen, und unterhält jetzt daselbst eine kostspielige Garnison. Singapore fühlte sich hinreichend sicher in seinen freien Institutionen. Als neutrales Gebiet und Jedem offenes Asyl hat es einen zu grossen Werth für alle Völker Hinterindiens, als dass ernstliche Unruhen zu befürchten wären. Der Plan, die Stadt zu befestigen, entstand während der indischen Revolution in Kalkutta; man wollte den Europäern im Fall einer Empörung der Chinesen dadurch den nöthigen Schutz gewähren. Jene finden aber ihre Sicherheit in der Verschiedenheit der Elemente, aus welchen die dortige Bevölkerung besteht, in dem damit verbundenen Rassenhass und viel mehr noch in dem Interesse, das Alle gemeinschaftlich an der Aufrechthaltung der nöthigen Ruhe und Ordnung haben. Ueberdies fürchtet man, dass im Fall eines Krieges mit einer europäischen Seemacht Singapore grade jetzt wegen seiner Befestigungen der Beschiessung und Zerstörung durch feindliche Schiffe ausgesetzt sein würde.
In der oben (S. 82) erwähnten Kronik (Journ. Ind. Arch. 1854, S. 585) heisst es:
.... Zu jener Zeit wagte kein Sterblicher durch die Strasse von Singapore zu fahren, selbst Djins (Genien) und Teufel fürchteten sich, denn dies war der Ort, den die Seeräuber benutzten, um dort zu schlafen und nach einem glücklichen Angriff auf die Prauen oder Boote eines Schiffes ihre Beute zu theilen. Dort brachten sie auch ihre Gefangenen um, und sie selbst bekämpften und tödteten sich gegenseitig bei ihren Streitigkeiten um Theilung der Beute....
Was die Seemenschen, Oranglaut, betrifft, welche in Prauen leben, so sind sie wie wilde Thiere; wenn sie irgend Jemandem begegnen, so rudern sie gewöhnlich an's Land; wenn sie aber nicht Gelegenheit haben, auf diese Weise zu entkommen, so springen sie über Bord und tauchen wie Fische. Eine halbe Stunde vielleicht bleiben sie unter Wasser, worauf sie 100 oder 200 Faden entfernt wieder erscheinen. Männer, Weiber und selbst Kinder sind in dieser Beziehung gleich. Es ist unmöglich, ihre Bestürzung zu schildern, wenn sie civilisirte Menschen erblicken. Ihre Gesichter sehen aus, als wären sie einem Tiger begegnet. Mr. Farquhar bemühte sich, sie durch Geschenke von Reis, Geld und Kleidern zu ermuthigen, so dass sie bald zutraulich wurden; aber einige derer, die keine solche Gelegenheit hatten, waren dermaassen von Furcht befangen, dass ihnen unwohl wurde, und ein Bursche ertrank Teluk-ayer gegenüber ...
Jeden Morgen pflegte Mr. Farquhar (Raffles' Agent) herumzugehen, um das Land zu untersuchen, aber es war mit hohem Walde bedeckt, ausgenommen die Mitte der Ebene, wo nur Karmuntink- und Sikadudu-Büsche mit einigen Kaladbäumen standen, die Seeküste war bedeckt mit Ambong und Malpari und Aeste davon lagen umhergestreut, auf der andern Seite des Flusses stand Mangrove und Seraju mit umherliegenden Aesten. Es war nicht ein Fleck guten Landes vorhanden, ausser einem Stück, 10 Faden breit, das Uebrige war eine Sumpffläche, ausgenommen die Hügel....
Längs des ganzen Strandes lagen Hunderte menschlicher Schädel, einige alt, andre frisch, deren Haar noch daran sass, einige mit noch scharfen Zähnen und andre ohne Zähne, kurz in verschiedenen Stufen der Verwesung. Die Seemenschen wurden gefragt, wessen Schädel dies seien. Sie antworteten: „Dies sind die Köpfe von Menschen, die von den Seeräubern erschlagen worden sind. Wo immer diese Leute Prauen oder Schiffe angreifen, so kommen sie nach Singapore, um die Beute zu theilen. Hier zanken sie sich und tödten einander bei Vertheilung des Raubes. Einige ihrer Gefangenen binden sie am Rande des Strandes fest und versuchen ihre Waffen an denselben.” ...
Ueber die Unterredung mit Tuanko-Long, der heimlich aus Rhiow geholt worden war, heisst es in der Kronik:
„Mr. Raffles benahm sich mit grosser Höflichkeit und Hochachtung gegen Tuanko-Long. Ersterer begann das Gespräch mit einem Gesicht von Lächeln umkränzt, sehr liebreich und seinen Kopf neigend, kurz, sein Benehmen war süss, wie ein Meer von Honig. Wäre eines Menschen Herz von Stein gewesen, so hätte es schmelzen müssen beim Hören der sanften, süssen Worte des Mr. Raffles. Seine Stimme war wie entzückende Musik und darauf berechnet, Angst und Misstrauen aus den innersten Gedanken zu verscheuchen. Wie die tobende See, die gegen ein Korallenriff anprallt, sich legt, wie auf den herumschweifenden Wind in dunkler, stürmischer Nacht stilles, heiteres Wetter mit milden, duftigen Lüften folgt, im goldenen Licht eines vollen Mondes, so war die Wirkung der Aufrichtigkeit und Offenheit Mr. Raffles' auf Tuanko-Long. Freude verdrängte plötzlich den Kummer und sein Antlitz übergoss sich mit Huld. Sobald Mr. Raffles diese Veränderung wahrnahm, stand er auf, ergriff Tuanko-Long bei der Hand, führte ihn in eine Privat-Kajüte, wo sie bei verschlossenen Thüren zusammen sprachen, so dass Niemand den Gegenstand ihres Gespräches kennt. Nachdem sie also einige Zeit eingeschlossen gewesen, erschienen sie wieder, beide mit lächelndem Antlitz und einander die Hände gebend.”
Darauf landete Raffles mit Tuanko-Long, der immer noch grosse Angst hatte, dass man ihn als Gefangenen nach Kalkutta bringen wolle. Tuanko musste seine kostbarsten Kleider anlegen, worauf ihn Raffles im Namen des General-Guvernörs von Indien zum König von Singapore proklamirte, mit dem Titel „Sultan Mohamed Schah von Singapore und den dazu gehörenden Buchten, Flüssen und Provinzen.”
Sobald Tuanko-Long Sultan von Singapore geworden war, trat er es an die Englische Kompanie ab; er erhielt dafür einen Monatsgehalt von 4161/4 Dollars, der Tumongong die Hälfte. Später wurden die Gehalte bezüglich auf 1000 und 700 Dollars erhöht.
Wie glänzend auch die von Raffles für seine Schöpfung gehegten Erwartungen sich erfüllten, so scheint doch Alles anzudeuten, dass in den nächsten Jahrzehnten der Verkehr in jenen Meeren sich noch in viel schnellerem Maasse entwickeln wird als bisher. Und in demselben Maasse wird auch die Bedeutung von Singapore als Zentralpunkt der dortigen Schifffahrt zunehmen. Es scheint bestimmt, im fernen Osten ein zweites Cowes werden zu sollen.[35]
Beim Anblick der bunten, ungewöhnlichen Flaggen, die auf der Rhede von Singapore neben einander wehen, wird man unwillkürlich angeregt zur Betrachtung der grossen Veränderungen, die in den Ländern des fernen Ostens in neuester Zeit stattgefunden haben. In Europa erregen sie, ausgenommen bei den am Seehandel Betheiligten, durchaus nicht die Aufmerksamkeit, welche ihre der Erschliessung eines neuen Welttheils gleichkommende Bedeutung verdient. Ein schneller Ueberblick derselben wird daher gewiss von Interesse sein:
Bei der Gründung Singapores bestand in Vorder-Indien noch das Privilegium der ostindischen Kompanie, der Handel mit China war ein Monopol derselben und fand nur unter grossen Beschränkungen der chinesischen Regierung statt. Japan,[36] Cochinchina, Anam, Siam, Birma waren gänzlich, die holländischen und spanischen Kolonien, ebenso wie die englischen mehr oder weniger gegen fremde Flaggen verschlossen, und in den nicht unter europäischer Oberhoheit stehenden Malayenländern wurde mehr Seeraub als Handel getrieben.
Gegenwärtig ist Vorderindien frei von allen Privilegien und Monopolen (mit Ausnahme des Opiummonopols) und macht Riesenfortschritte. Nach Unterdrückung des furchtbaren Militäraufstandes hatten die Engländer zu wählen zwischen dem alten brutalen Mittel, ihre Herrschaft durch ruinöse Militärgewalt aufrecht zu erhalten, und dem kühneren, staatswissenschaftlichen, durch Entwicklung der natürlichen Hülfsquellen, milde Verwaltung, Schutz des Eigenthums, die Bevölkerung an sich zu fesseln. Sie wählten das letztere, und der Erfolg ist ein beispielloser in der Kolonialgeschichte! Eine nach dem Kriege aufgenommene Anleihe von 100 Millionen wurde hauptsächlich auf grossartige Eisenbahnbauten, Kanalisation, Strassenbau und ähnliche produktive Anlagen verwendet; grosse Gebiete unfruchtbaren Steppenlandes wurden durch Bewässerung in reichen Kulturboden verwandelt. In den letzten Jahren vor der Revolution hatte die Ostindische Kompanie trotz allen Monopolen und drückenden Steuern ein jährliches Defizit von 14,000,000 £ (fast 100 Millionen Thaler); die schweren Steuern wurden ermässigt und geben seitdem einen viel grösseren Ertrag, so dass schon 1863 das indische Budget, nachdem 6 Millionen auf Tilgung der Staatsschuld und 31 Millionen auf öffentliche Bauten (namentlich Strassen) verwendet worden, einen Ueberschuss ergab!
Nur durch die schnelle Anlage von Verkehrsmitteln war es Indien möglich, so grossen Vortheil aus der Baumwollenkrisis zu ziehen. Die Indier fühlen sich jetzt mit Stolz als britische Unterthanen und haben alle Ursache dazu, da Alle, Weisse und Indier, vor dem Gesetz gleich sind.
Birma, das vor 40 Jahren ein Seegestade von 1200 Miles, von Bengalen bis Junk-Ceylon besass, hat durch zwei Kriege (1825 und 1852) seine sämmtlichen Küstenprovinzen an die Engländer verloren und ist jetzt ein ohnmächtiger Binnenstaat. Seitdem haben sich aber Akyab, Bassein und namentlich Rangun unter liberaler englischer Verwaltung zu wichtigen Handelsplätzen erhoben, durch welche die grosse Reisproduktion des Irawaddideltas erst ihren normalen Werth im Welthandel findet. Durch einen 1865 abgeschlossenen Vertrag ist auch der Irawaddi den Europäern geöffnet worden, der wohl bald eine der wichtigsten Wasserstrassen der Welt werden wird, weil er die südwestlichen Provinzen Chinas direkt mit dem Meere verbindet. Der aufgeklärte König von Siam, durch das Schicksal Birma's gewarnt, schloss rechtzeitig (1856 und später) mit den europäischen Mächten Verträge, die denselben das bisher verschlossene Land eröffneten.
In Cochinchina sind die Franzosen auf ihre Weise bemüht, eine Kolonie zu gründen; sie haben Festungen und Kasernen erbaut und machen durch ihre Militärmacht ihren Einfluss auf Cambodia und Anam geltend. Ob sie neben dem Ruhm für die Idee des Christenthums und der Civilisation gekämpft zu haben, auch materielle Vortheile erzielen werden, muss die Zukunft lehren.[37] Jedenfalls wird die Bedeutung Saigons schnell zunehmen, da es ein äusserst fruchtbares Hinterland mit dichter, arbeitsamer Bevölkerung hat, die bisher allen Rechtsschutzes entbehrte. Auch hier ist bis jetzt Reis fast der einzige Ausfuhrartikel.
In China sind seit dem Vertrag von Tien-tsin 13 Häfen geöffnet (die auf Hainan und Formosa einbegriffen) und der Verkehr wächst mit reissender Schnelligkeit.[38] Englische, amerikanische und deutsche Rhederei haben die Junken fast ganz vom Küstenhandel verdrängt, und tief ins Innere des Reichs, den Yantsekiang hinauf, dringt amerikanische und englische Dampfschifffahrt. Spanische, französische und holländische Schiffe, durch schützende Tarife in ihren eignen Kolonien verwöhnt, scheinen die freie Konkurrenz nicht ertragen zu können, und sind bis jetzt verhältnissmässig wenig betheiligt. Russland hat an der Mündung des Amur eine Kolonie errichtet. Alle Versuche Japans, trotz der eingegangenen Verträge wieder in seine alte Abgeschlossenheit zurückzukehren, erzielen das Gegentheil dessen, was sie bezwecken, da jede Vertragsverletzung neue Zugeständnisse für die Fremden zur Folge hat. Nur Korea ist noch ebenso verschlossen wie immer, aber der Unternehmungsgeist der Kaufleute in Japan, Niutschwang und Nikolajewsk wird dies gewiss nicht viel länger dulden. Die Spanier haben in den Philippinen ihre Tarife ermässigt und neben Manila, dem einzigen Hafen, in welchem bisher der Verkehr mit dem Auslande gestattet war, vier neue Häfen eröffnet: Sual auf Luzon, Yloylo auf Panay, Cebu auf der gleichnamigen Insel, und Zamboanga auf Mindanao, Durch die Gründung von Sarawak hat sich auf der N-W.-Küste von Borneo mit ihrem Antimon- und Kohlenreichthum und ihren Sagowäldern ein beträchtlicher Handel entwickelt und wenn auch Labuan seinen ursprünglichen Zweck, die Seeräuber der Nord- und Westküste in Zaum zu halten, schlecht erfüllt, so wird es durch seine reichen Kohlenlager, die erst jetzt im Grossen ausgebeutet werden, und für 2 £ per ton nach Singapore und Hongkong geliefert werden können, sehr zur Vermehrung der Dampfschifffahrt beitragen.[39] In Niederländisch-Indien scheint dem früher so gepriesenen „Kultur-System”, einem genial ausgedachten mit Konsequenz durchgeführten System von Regierungsmonopolen im grössten Maasstabe trotz der bedeutenden Ueberschüsse, die es jährlich dem Mutterlande lieferte, keine lange Dauer mehr bevorzustehen, da es jetzt ausgemacht ist, dass die Ueberschüsse nur durch die seit Jahren immer steigenden Kaffeepreise erzielt werden. Fallen die Kaffeepreise, so fällt das Kultursystem, durch welches bis jetzt europäischer Unternehmungsgeist von dem ausserordentlich reichen Felde, das ihm Niederländisch-Indien darbietet, fast gänzlich ausgeschlossen war. Australiens Bedeutung wächst mit der nur den Goldländern eigenen Schnelligkeit, Queensland hat fast die Nordküste erreicht, eine neue Kolonie wird westlich vom Golf von Carpentaria errichtet; bestätigt es sich, dass das Klima dort weniger ungünstig ist als an andern Punkten dieser Küste, so wird sie gewiss schnell Bedeutung erlangen.
Erwägt man, dass China mit einer Bevölkerung von mehr als 400 Millionen, Japan mit 50 Millionen, Cochinchina, Anam, Siam, Birma mit wenigstens 25 Millionen hermetisch verschlossen waren und erst jetzt in den allgemeinen Weltverkehr hineingezogen worden sind, so lässt sich wohl voraussehen, dass in jenen Meeren Handel und Schifffahrt einen Aufschwung nehmen müssen, wie er in der Geschichte ohne Beispiel ist. Kein Wunder, wenn die Seemächte bemüht sind, sich dort neue Stützpunkte zu schaffen, um sich einen Antheil an der reichen Ausbeute zu sichern.
Die neue auf gesunden Freihandelsprinzipien gegründete Kolonialpolitik hat in jenen Meeren beispiellos glänzende Erfolge erzielt. Statt nach dem Kriege grosse Gebietsabtretungen zu verlangen, die nur durch kostspielige Militärverwaltung zu behaupten gewesen wären, begnügte man sich in China, Japan, Siam mit dem Raum zur Errichtung von Kontoren und Speichern, die den Regierungen nichts kosten als die Besoldung der Konsulate. Unter solchen Verhältnissen ist Shanghai, an der Mündung des Yantsekiang, erst 1844 den Europäern geöffnet, in 20 Jahren der grösste Handelsplatz von ganz Asien geworden, — nur London, Liverpool und Neu-York übertreffen es noch an Tonnenzahl.
So schlagenden Beispielen gegenüber kann sich die eifersüchtige Monopol- und Exklusionspolitik, wo sie noch als ein Vermächtniss aus früherer Zeit besteht, nicht mehr lange halten. Freisinnigere, humanere Anschauungen kommen immer mehr zur Geltung, und ihnen gehört die Zukunft um so sicherer, als nicht Wohlwollen, sondern Eigennutz zu ihrer Annahme zwingt. Die gegenseitige Eifersucht tritt nur noch da zu Tage, wo es sich um Gründung neuer Kolonien handelt. Denn obgleich diese in den ersten Jahren immer grosse Kosten verursachen und gewöhnlich, wenn sie herangewachsen sind, nicht gern die Bevormundung des Mutterstaats ertragen, so ist ihre Gründung für diesen dennoch ein grosser Gewinn: die eingeborne Bevölkerung wird von Anfang an an die Produkte des Mutterlandes gewöhnt; die Schifffahrt des letzteren, seine Industrie, sein Handel nehmen einen grossen Aufschwung. Die Ansiedler lernen die Hülfsmittel des Landes, die Produkte, den Geschmack der Eingebornen kennen und leiten den Handel in eine Bahn, aus welcher fremde Nationen gewöhnlich nur einen geringen Theil abzulenken vermögen.[40]
Die Erwartungen für die Zukunft gestalten sich aber noch viel glänzender, wenn man einen zweiten Faktor in Betracht zieht: ein grosser Theil der Bevölkerung der neu erschlossenen Länder war unter dem Druck unbeschränkter Willkürherrschaft besitzlos. In China hatten Vorurtheil und die gegen die Auswanderung errichteten Schranken die Arbeitskräfte der ungeheuren Volksmenge so aufgestaut, dass sie wie in einem abgeschlossenen See stagnirten und einen so geringen Werth hatten, dass der angestrengteste Fleiss, verbunden mit der grössten Sparsamkeit und Genügsamkeit kaum ausreichende Mittel für das blosse Leben gewährten. Wie sehr aber werden Verkehr und Handel zunehmen, wenn diese latenten Arbeitskräfte durch Auswanderung auf den günstigsten Boden versetzt, unterstützt, von europäischem Kapital, das immer mehr seine Scheu vor fernen Unternehmungen verliert, sich dem Anbau von Kolonialprodukten widmen; dann werden Millionen von Proletariern zu Konsumenten werden.
Alles scheint darauf hinzuweisen, dass die Ausbreitung der Chinesen wenigstens über die heissen Länder der Erde, wo Europäer nicht mit ihnen konkurriren können, in den nächsten Jahrzehnten sehr zunehmen wird. Ueber die indo-chinesische Halbinsel und den indischen Archipel sind sie schon jetzt zahlreich verbreitet; langsam aber stetig dringen sie in die Philippinen und in Niederländisch-Indien ein; die Nordküste von Australien bietet ihnen ein neues fruchtbares Feld, das ihnen nicht, wie in Südaustralien durch europäische Kolonisten streitig gemacht werden dürfte. Die Zuckerproduktion von Bourbon ist hauptsächlich in Händen von Chinesen, die meist von Bombay aus dahin gingen, in Tahiti bauen sie jetzt Kaffee und Baumwolle. In Westindien haben chinesische Kulis schon auf vielen Inseln die Negersklaven ersetzt; vielleicht ist ihnen auch in den Südstaaten der Union diese wichtige Rolle vorbehalten.
Wie schnell aus einem armen Proletariat ein arbeitsames, wohlhabendes Volk werden kann, zeigt die neueste Geschichte Vorderindiens auf glänzende Weise. Von den grossen Reichthümern, welche die Baumwollenkultur während des amerikanischen Krieges nach Indien gebracht hat, ist oft in den Zeitungen die Rede gewesen (1861: Werth der Baumwolle: 900,000 £; 1862, obgleich das Quantum kaum grösser war: 1,500,000 £; 1863: 4,300,000 £ Times, 15. Februar 1864.) Weniger dürfte in Deutschland von den glänzenden Ergebnissen der Theekultur bekannt geworden sein; sie sind so überraschend, dass ich wenigstens ganz kurz einige Daten anführen möchte:
Nach einem Bericht von Sir Robt. Montgomery (Times, 16. Februar 1865) bedecken auf den westl. Vorbergen des Himalaya, wo vor 4 Jahren nicht eine Privatpflanzung bestand, die Theegärten bereits 15 Quadratmiles, und dehnen sich immer weiter aus. Zwischen den Eingebornen und den Engländern besteht jetzt das beste Einvernehmen. Erstere, vor wenigen Jahren so arm, dass sie kaum Kleider hatten, um ihre Blösse zu bedecken, zählen jetzt ihre Rupien nach Hunderten. Sie sind aus eigenem Antrieb um Errichtung von Schulen eingekommen, wo sie englisch lernen können, und wollen die Hälfte der Kosten tragen. Allein im Kangsathal bauen 47 Dörfer Thee. Immer mehr verbreitet sich der Theebau auf den Bergen, der Tabaksbau in den Ebenen, in kleinen von den Eingebornen angelegten Gärten und bringt allgemeinen Wohlstand unter die Bevölkerung. Diese Distrikte, die früher der Regierung bedeutende Unkosten machten, gewähren ihr jetzt grosse Einkünfte. Sehr viel bedeutender ist aber die Entwicklung der Theekultur im östlichen Himalaya und in Assam (wo die Pflanze einheimisch ist).
Nassau Lees sagt in seinem aus amtlichen Quellen hervorgangenen Buch: „Tea Cultivation, Cotton and other agricultural experiments in India”: Im Jahre 1862 vertheilte die Regierung gratis 89 Tons (= 199,360 ℔ Engl.) Theesamen und 2,400,000 Sämlinge, und doch deckte diese ungeheure Menge nicht entfernt die Nachfrage.... Er fügt die Bemerkung hinzu, die in der englischen Verwaltung jetzt als Grundsatz gilt: Sobald der Privatunternehmungsgeist einmal ordentlich von irgend einem Felde kaufmännischer Spekulation Besitz ergriffen, hat die Regierung nichts mehr dort zu schaffen. Das System der Aufmunterung ist sehr gut für den Anfang — es kann aber zu weit getrieben werden. Würden z. B. durch das Versprechen kostenfreier Lieferung von Theesamen und -Sämlingen zu viele Personen plötzlich zu Theeunternehmungen veranlasst, so könnten sehr ernste Verwickelungen auf dem Arbeitsmarkt im westlichen Indien stattfinden.
Es tauchen oft Pläne auf zur Kolonisation tropischer Länder durch Europäer. Für Bemittelte, die Pflanzungen mit Eingebornen bewirthschaften und Produkte für den europäischen Markt bauen wollen, giebt es in Ostasien noch ein grosses, höchst ergiebiges Feld, um bei materiellem Wohlleben ein Vermögen, im glücklichen Falle sogar Reichthümer zu erwerben. Ganz besonders lockende Aussichten eröffnet ihnen die Kaffee- und Theekultur, die in ziemlicher Meereshöhe betrieben wird, ihnen also auch in klimatischer Beziehung zusagt. Für Auswanderer im gewöhnlichen Sinne aber ist dort nichts zu machen. Den Ackerbau versagt ihnen schon das Klima und als Handwerker oder Kleinhändler können sie unmöglich gegen die Chinesen aufkommen, die an Fleiss, Mässigkeit, Sparsamkeit, Schlauheit, unermüdlicher Ausdauer und rücksichtslosem Streben nach Gewinn die Europäer so sehr übertreffen. Fast alle Eigenschaften, die die Juden auszeichnen, besitzen die Chinesen in noch höherem Maasse; auch darin sind sie ihnen ähnlich, dass sie sich über alle Länder verbreiten, sich unter allen Regierungen wohl fühlen, immer zu einander halten und sich überall durch Reichthum eine hervorragende Stellung zu erringen wissen. Wie die Juden keinen Staat, so können die Chinesen keine Kolonien gründen.
Vor 25 Jahren ging der einzige Weg nach Indien um das Kap der guten Hoffnung. Um dieselbe Zeit, wo die erste transatlantische Linie versucht wurde (1838), miethete eine Gesellschaft von Privatleuten einige Dampfboote, um einen regelmässigen Dienst zwischen England, Lissabon und Gibraltar einzurichten. Sie verlor 500 £ an jeder Reise, erhielt 1840, als ihre Verluste bereits 30,000 £ betrugen, Korporationsrechte und den Postdienst nach Indien und jenseits. Dies ist der Ursprung der mächtigen Gesellschaft, deren Schiffe jetzt die Post für die iberische Halbinsel, das Mittelmeer, Indien, China, Japan, Australien besorgen. Sie erhalten dafür jährlich ungefähr 500,000 £ Subvention von der englischen Regierung.[41] Die sehr hohe Subvention hielt bis vor Kurzem alle Konkurrenz ab, so dass die Kompanie thatsächlich ein Monopol besass, dessen Uebelstände dem Publikum sehr fühlbar waren. Erst vor wenigen Jahren eröffnete die französische Gesellschaft der Messageries impériales eine Konkurrenzlinie, wodurch die bisher so hohen Preise der Peninsular- und Oriental-Company um etwa 20% fielen. Auch sind die Schiffe seitdem nicht mehr so überfüllt und die Behandlung der Passagiere ist rücksichtsvoller. Allem Anschein nach wird sich die neue Linie neben der alten halten können, da die Berichte über ihren Betrieb sehr günstig lauten. Nach dem Economist, 10. Juni 1865, hat im letzten Jahr ihr Verkehr in China und Indien an Gütern um 261/2%, an Passagieren 18%, an Kontanten 62% zugenommen.
Jetzt gehen regelmässige Dampferlinien von Singapore direkt nach Malacca, Penang, Siam, Cochinchina, China, Borneo, Batavia, Ceylon, engl. Birma, Vorderindien, dem rothen Meer und durch Anschluss nach Europa, sowie nach den Mascarenen, Niederländisch-Indien, Australien, Japan. Eine neue Linie zwischen China, Japan, Sandwichsinseln und Californien ist soeben von der Regierung der Vereinigten Staaten genehmigt und mit einem bedeutenden jährlichen Zuschuss ausgestattet worden. Für Australien besteht bis jetzt nur eine Verbindung zwischen seinen südlichen Kolonien und Ceylon, die für Singapore keine Bedeutung hat. Aber wohl bald wird eine Linie durch die Torresstrasse im Anschluss an die niederländisch-indische, nöthig werden.
Malacca.
Anblick von Malacca. — Portugiesen. — Chinesen. — Melaleuca. — Mission unter den Mintras und Jakuns. — Guttapercha. — Neuer Pungulu in Allor-gadja. — Rückkehr zu den Mintras. — Ehepärchen. — Blasrohr. — Pfeilgift. — Fahrt nach Lingi. — Der Dato von Lingi. — Zustände in den kleinen Malayenstaaten. — Zinn. — Leben im Walde. — Zweckmässige Kleidung. — Insektenpulver. — Chinesischer Leichenzug. — Geschichte von Malacca. — Tapioka. — Djaggeri.
Mitte April, an einem Nachmittag, bestieg ich den Hooghly, ein altes, ausrangirtes Dampfboot, welches die ganze Kriegsmarine der „Straits Settlements” ausmachte. In seltenen Fällen wurde es gegen Seeräuber benutzt, hauptsächlich aber diente es dazu, die Beamten der Regierung und die Post zwischen Malacca, Pulo-Pinang und Singapore, welche zusammen die Niederlassung der Meerenge (the Straits Settlements) bilden, zu befördern. Seine Geschwindigkeit überstieg nicht die einer chinesischen Junke; auch Reinlichkeit und Ordnung liessen manches zu wünschen übrig und waren ein fortwährender Stoff zu Klagen von Seiten der Passagiere, die aber nicht berücksichtigt wurden, da der Kapitän ein naher Verwandter des Guvernörs war, und Reisende nur aus Gefälligkeit mitgenommen wurden gegen eine im Verhältniss zu den sonst in diesen Meeren üblichen Dampfschiffspreisen allerdings sehr unbedeutende Vergütigung, Trotz mancher kleinen Mängel war die Fahrt höchst angenehm in herrlicher, tropischer Nacht auf spiegelglattem Meere. Am andern Tage um 2 Uhr ankerten wir auf der Rhede von Malacca in 2 Seemeilen Entfernung vom Lande. Wir hatten 22 Stunden gebraucht, um einen Weg von 120 Seemeilen zurückzulegen.
Malacca hat eine sehr hübsche Seefront. Dicht hinter einer Reihe von Europäern bewohnter steinerner, etwas einförmiger Häuser, deren dem Strand zugewendete Seite mit einer Bogenreihe versehen ist, erhebt sich ein länglicher, 100 Fuss hoher Hügel, auf dessen Gipfel die malerischen Ruinen der von Albuquerque gebauten Kirche Madre de Dios und der Klöster S. Paul und Hermanos de leche stehen. Zur Rechten schliesst sich an die steinernen Häuser ein Palmenwäldchen, unter dessen Schatten sich eine ganze Reihe Wohnungen von Portugiesen[42] und Asiaten behaglich ausdehnt; hinter ihnen ragt tiefblau der Berg Ophir (Gunong Ledang), der höchste Punkt des südlichen Festlandes (4320') hervor. Zur Linken, am westlichen Abhang des Hügels, der hier nochmals zu einer kleinen Anhöhe anschwillt, steht das „Stadthuys”, ein stattliches Gebäude aus holländischer Zeit, theilweise von einem Angsana-Hain (Pterocarpus Indicus) verdeckt, der sich parkartig bis zu den Ruinen auf der Kuppe hinzieht. Die Südfront des Gebäudes ist ebenfalls der See zugekehrt, seine Westseite begrenzt der kleine Fluss, an dessen jenseitigem Ufer die eigentliche Stadt liegt, aus der sich die Thürme einiger Moscheen erheben. Das kleine Flüsschen von Malacca und die Meeresströmungen haben die Rhede so verschlämmt, dass grosse Schiffe 2 Miles vom Lande ankern müssen. An den kleinen Inseln, wo 1511 Albuquerque's Flotte in 5–6 Faden Tiefe lag, können jetzt nur Küstenfahrer anlegen, und nur zwei derselben sahen wir hier vor Anker. Welch auffallender Unterschied gegen Singapore! Und doch war vor ca. 300 Jahren Malacca der wichtigste Handelsplatz in diesen Meeren, Hauptstadt eines mächtigen Königreichs und auch noch zu Zeiten des holländischen Monopols ein bedeutender Stapelplatz.
Nach langem Warten kamen einige Boote, kaum genug, um die wenigen Passagiere zu bergen. Wie einsam und still erschien die Stadt nach dem Schacherlärm von Singapore! Die wenigen Europäer und ihre Abkömmlinge, die hier wohnen, sind meist Beamte oder Grundbesitzer von holländischer Abkunft, ich fand bei ihnen eine fast noch liebenswürdigere Aufnahme, als in Singapore und lernte einige vortreffliche Menschen kennen. Selbst unter den Frauen schien keine Eifersüchtelei zu herrschen, keine Ostentation, kein herausfordernder Luxus. In der Abendkühle schlenderte man am Strande, oder genoss, auf einem Vorsprung der Küste sitzend, die Seebrise, und wenn die jungen Mädchen Pfänderspiele vorschlugen, so betheiligten sich alle Anwesenden in harmloser Freude daran. Es giebt hier kein Gasthaus; ich erhielt vom Resident-Councillor eine Wohnung in dem grossen Stadthause angewiesen, das alle Regierungs-Kanzleien enthält, aber immer noch reichlich Raum hat, um Fremde zu beherbergen. Eine eiserne Brücke führt über den Fluss, wohl an der Stelle der alten Brücke, die vor 31/2 Jahrhunderten eine so wichtige Rolle gespielt. Nachdem nämlich der erste Angriff der Portugiesen auf die Stadt zurückgeschlagen worden war, bemächtigte sich Albuquerque der Brücke, hielt sie 9 Tage lang besetzt und schnitt dadurch den Einwohnern alle Zufuhr ab. Am folgenden Tage musste sich die Stadt nach tapferer Gegenwehr ergeben. — Die beiliegende Ansicht von Malacca ist von der Brücke aufgenommen. Zur Rechten sieht man unter schattigen Bäumen die Westfront des Stadthauses; links, am rechten Ufer des Flüsschens, liegt die von Asiaten (Chinesen, Malayen, Klings) bewohnte Stadt.
MALACCA.
Die hiesigen Chinesen stehen in besonders gutem Ruf. Der Wohlstand, den sie hier in voller Sicherheit gegen Erpressungen geniessen, hat die bei diesem Volk sonst so schroff hervortretende Selbstsucht sehr gemildert. Sie sind sehr gastfrei und geben häufig bedeutende Summen für gemeinnützige Zwecke her.
Wie sich in der Stadt die Wohnhäuser der Chinesen vor allen andern geltend machen, so hat auch die dieser Nation eigenthümliche grosse Verehrung der Todten, die sich in der Kostbarkeit und sorgfältigen Erhaltung der Gräber ausspricht, der umliegenden Landschaft ihr Gepräge aufgedrückt. Während in Singapore die reichen Kaufleute alle hübschen Punkte um die Stadt ausgesucht haben, um ihre Wohnhäuser dort aufzubauen, sind hier die schönsten Anhöhen in der Umgegend mit chinesischen Gräbern bedeckt, deren einige mit grossen Kosten aufgeführt sind. Malacca ist ein Lieblingsaufenthalt für die Chinesen. Von hier stammen die meisten von denen, die in Singapore eine hervorragende Stellung einnehmen, und hierher ziehen sie sich gerne zurück, um ihr dort erworbenes Vermögen in behaglicher Ruhe zu geniessen. Viele dieser Familien sind schon seit Generationen hier ansässig, sie heirathen nur unter einander, so dass das malayische Blut der Stammmutter bei jeder neuen Verbindung immer mehr gegen das chinesische zurücktritt. Wegen ihrer langen Ansässigkeit unter Europäern und der daraus folgenden Bekanntschaft mit dem Wesen derselben, sowie durch Reichthum und grössere Bildung haben sie vor denjenigen ihrer Landsleute, welche die Masse der Bevölkerung von Singapore ausmachen, Vieles voraus.
Einige Tage nach meiner Ankunft fuhr ich auf bequemer Strasse nach Rumbia, einer mitten im Walde gelegenen Mission, 12 Miles NN-W. von Malacca. Nachdem man die unmittelbare Umgebung der Stadt verlassen, in der allerlei kleine Moscheen, Kapellen, Hindutempel und andre „Josshäuser” von Gärten umgeben, malerisch durch einander liegen,[43] führt der Weg auf einem Damm unter einer Allee weissblühender Melaleuca (M. minor) quer über einen weiten grünen Teppich von Reisfeldern, der mit einzelnen Gruppen von Fruchtbäumen, Cocos- und Arecapalmen geschmückt ist, unter deren Schatten ein paar malayische Hütten liegen. Hin und wieder kommt man noch an einer Moschee oder einem grösseren Gehöft vorbei, welche letztere immer Chinesen gehören und oft beträchtlichen Wohlstand verrathen. Die Melaleucas haben landschaftlich grosse Aehnlichkeit mit unsern Birken durch den allgemeinen Habitus und besonders durch die Silberweisse des Stammes. Wie bei diesen lösen sich die äusseren Lagen der Korkschicht in dünnen, weissen Blättchen ab, bei einigen Arten erreicht diese Schicht fast Zolldicke und besteht aus so feinen Blättchen, dass sie zum Kalfatern der Schiffe verwendet wird. Von der weissen Farbe des Stammes (kaju: Holz, puti: weiss) hat der Baum seinen inländischen Namen; auch das Kajeput-Oel, das aus den getrockneten Blättern einer in den Molukken vorkommenden verwandten Art (M. leucodendron) gewonnen wird, ist danach benannt. Nach einigen Meilen erreicht man den Wald, der sehr anmuthig, schattig und zugänglicher ist als der Jungle bei Singapore. In Tsching, auf halbem Wege, wurde das Pferd gewechselt; um 9 Uhr Vormittags, 2 Stunden nach der Abfahrt von Malacca, war ich in Rumbia, wo mir der freundliche Missionär schon von ferne entgegenkam, sobald er nur den Wagen erblickte. Er nahm mich sehr gastlich auf, und da er ausser einigen kleinen „Waldmenschen” keine Bedienung hatte, so ging er selbst ans Werk, mich und mein Gepäck möglichst bequem unterzubringen. Nach einem Schwimmbade in einem von ihm selbst gegrabenen Teich wurde gefrühstückt, und alsbald füllte sich das Zimmer mit neugierigen Mintras, deren zutrauliche, gutmüthige, bescheidene Art den angenehmsten Eindruck machte. Hr. Bory war wiederum ein denkwürdiges Beispiel jener katholischen Missionäre, wie man sie zuweilen auf abgelegenen Stationen findet. Er stammte aus Paris und hatte sich hier vor mehreren Jahren (1848) niedergelassen, ganz allein und ohne alle Unterstützung zur Bekehrung der Mintras und Jakuns, die zu den wilden Stämmen gehören, welche die Südspitze der malayischen Halbinsel bewohnen. Sie werden gewöhnlich mit dem gemeinschaftlichen Namen orang-utan (Waldmenschen),[44] orang-bukit (Bergmenschen) oder orang binua (Menschen des Binnenlandes), belegt und waren bis 1847, wo J. R. Logan's trefflicher Aufsatz über dieselben erschien, fast unbekannt und Gegenstand vieler Fabeln. Dass sie auf Bäumen wohnen und Schuppen besässen, wie Fische, hat sich allerdings bestätigt. Die Jakuns bauen noch jetzt ihre Hütten gern auf Bäumen, 20–30' über dem Boden, und mit den Schuppen hat es insofern seine Richtigkeit, als sehr viele mit Ichthyosis behaftet sind. Ich sah diese Hautkrankheit an mehreren Jakuns; die meisten aber, und fast alle Mintras waren so reinlich, wie Malayen, d. h. reinlicher als die Mehrzahl der Europäer.
Herr Bory theilte mir mit, dass er, als er vor zehn Jahren von Malacca aus hierher gekommen war, mit einigen dieser Leute Bekanntschaft machte, und sie bald durch seine Leutseligkeit gewann. Er erzählte ihnen Geschichten aus der heiligen Schrift; der Kreis aufmerksamer Zuhörer wuchs mit jedem Besuch und auch die gegenseitige Zuneigung; endlich erbot er sich bei ihnen zu bleiben, um sie zu unterrichten und zu Christen zu bekehren. Sein Vorschlag wurde mit Freude angenommen; nur Ein Punkt machte grosse Schwierigkeiten. Einige Männer hatten nämlich gehört, dass die Christen nur Eine Frau heirathen und nur durch den Tod von ihr geschieden werden könnten. Diese Forderung schien ihnen doch gar zu hart, aber Herr Bory blieb standhaft, und nach vieler Ueberredung wurde sie mit angenommen. Nun lichtete man ein Plätzchen im Walde, baute ein Bretterhaus zur Wohnung für den Missionär, ein anderes grösseres zur Kirche, auch eine Schule; die Mittel wurden durch Almosen von Seiten der Christen aus Malacca und Singapore aufgebracht, denn ausser 10 Dollars monatlich erhalten diese Männer keine Unterstützung, freiwillige Almosen ausgenommen. Die Jakuns können natürlich nichts geben. Herr Bory ging selbstthätig mit seinen Pfleglingen ans Werk; er beschränkt sich überhaupt nicht darauf, blosse Scheinchristen aus ihnen zu machen, sondern sucht sie allmälig zum Betrieb des Landbaus und nützlicher Künste anzuleiten, freilich noch mit geringem Erfolg; doch sind schon einige kleine Gärten entstanden, mehrere Cocos- und Obstbäume angepflanzt, einige Mintras besitzen sogar schon Büffel oder Schweine; doch ist ihr Haupterwerb immer noch das Einsammeln der Produkte des Waldes: Rotang, Harze, Guttapercha u. s. w. gegen die sie ihren geringen Bedarf an Erzeugnissen eines vorgeschritteneren Gewerbfleisses eintauschen. Herr Bory ist immer von einer Anzahl Mintras umringt, erzieht sie wie ein Vater seine Kinder und geniesst ihr vollstes Vertrauen, so dass sie ihn in allen Angelegenheiten erst um Rath fragen.
Wir machten eine Excursion in den Wald, von vielen Mintras begleitet, die eifrig sammeln halfen, die Gesellschaft war übermunter, da die Sorgfalt, mit der manche für sie so werthlose Gegenstände etikettirt und verpackt wurden, immer neuen Stoff zum Lachen gab.
Nachmittags kam eine Anzahl Jakuns in die Mission und brachte ganze Arme voll Zweige, die ich einlegen sollte. Diejenigen, deren Exemplare brauchbar waren, zeigten darüber grosse Freude. So vergingen zwei Tage auf die angenehmste Weise unter diesen gutmüthigen Menschen. Am Sonntag versammelte sich die ganze Gemeinde, Jakuns und Mintras mit Frauen und Kindern, um die Messe zu hören. Ihr Gesang klang recht angenehm, sie sollen überhaupt viel Sinn für Musik haben. Alle waren sehr sauber nach malayischer Art gekleidet, nur etwas dürftiger. Ich hatte einen photographischen Apparat mitgebracht und nahm ihre Portraits auf, die aber leider später verloren gingen. Das ganze Völkchen machte den Eindruck, als fühlte es sich recht glücklich in seiner Abgeschiedenheit unter dem Schutz des braven Missionärs.
Früher wurden sie von den piratischen Malayen, die zu ihnen kamen, aufs ärgste betrogen, beraubt und misshandelt; sie hatten kaum einen andern Schutz als ihren bösen Ruf als Zauberer und Giftmischer, um ihre abergläubischen Bedrücker einigermaassen in Schranken zu halten.
Besonders erreichten diese Bedrückungen einen sehr hohen Grad, als die Anwendung der Guttapercha zur Isolirung der elektrischen Drähte unter Wasser und unter der Erde eine immer stärkere Nachfrage nach dieser Substanz veranlasste.[45]
Einer Einladung folgend fuhr ich nach Allor-gadja in Naning, etwa 9 Miles NNW. von Rumbia, wo am nächsten Tage die feierliche Bestätigung des neuen Pungulu durch den Resident-Councillor stattfinden sollte. Naning ist ein kleines Gebiet, das landeinwärts an Malacca grenzt und immer schmaler werdend sich bis zum Berg Ophir erstreckt. Bis zum Jahr 1842, wo es mit Malacca auf gleichen Fuss gestellt wurde, stand es zu diesem immer in schwankenden Unterthänigkeits-Verhältnissen; statt des Zehnten zahlte es nur einen Tribut, und der Pungulu schaltete in dem Gebiet wie ein unumschränkter Fürst nicht nur über die Habe, sondern auch über das Leben der Einwohner. Im Jahre 1829 beschlossen die Engländer diesen Zuständen ein Ende zu machen. Es kostete aber zwei Feldzüge, viele Menschenleben und die Summe von 100,000 £ um die gegen die beabsichtigten Neuerungen ausgebrochene Empörung zu unterdrücken, obgleich die Zahl der erwachsenen Männer in Naning zur Zeit des Krieges 1500 nicht überstieg, so dass die Unkosten etwa 450 Thaler per Kopf betrugen. Der Feldzug endete schliesslich dadurch, dass einer der fähigsten Empörer zu den Engländern übertrat. Der aufrührerische Pungulu kapitulirte darauf und starb später in Malacca als Pensionär der indischen Regierung.
Auf einem angenehmen breiten Waldweg, der dem Kriege seine Entstehung verdankt, gelangte ich Abends nach Allor-gadja, wo die nicht unharmonische Musik und Todtenklage der Malayen einen grossen Theil der Nacht hindurch zu hören war. Wenige hundert Schritt vom Regierungs-Bungalow liegen die Grabhügel dreier im Kriege gegen Naning gefallenen englischen Offiziere, ein wenig weiter erhebt sich noch eine Schanze aus Lehmwällen, in der sich jetzt eine friedliche Polizeistation niedergelassen hat. Am folgenden Morgen machten wir einen Spaziergang nach dem etwa 3 Meilen entfernten Ayer (Wasser)- panas (heiss), einer ziemlich reichlichen Kohlensäure haltigen und einen schwachen Geruch von Schwefelwasserstoff verbreitenden Quelle. Ihre Temperatur fand ich 9 Uhr Vormittag 137° F. = 46,6 R. In der Nähe steht ein verfallendes Badehaus. Die Eingeborenen benutzen das Wasser häufig als Heilmittel. Auf dem ganzen Wege herrschte überall der rothe Thoneisenstein von Singapore bis kurz vor der Quelle, die in angeschwemmtem Boden aufbricht, in welchem sich viele Quarzkörner bis zu Nussgrösse vorfinden. Es ist dieselbe Formation, in der hauptsächlich die Zinn- und Goldwäschen betrieben werden. Nach dem Frühstück ging die Feierlichkeit ohne besonderes Schaugepränge schnell vorüber. Der Resident-Councillor kehrte nach Malacca zurück; ich fuhr wieder zu meinen Freunden nach Rumbia, deren liebenswürdiges, harmloses Wesen gegen die finstere Gemessenheit der Malayen angenehm abstach. Unterwegs sah ich neben einer kleinen Moschee im Walde eine Pauke von 20 Fuss Länge und mehr als 21/2 Fuss Durchmesser. Es war ein ausgehöhlter Baumstamm, an einem Ende offen, am andern mit einer Büffelhaut bespannt. Es sollen derartige Pauken von noch grösseren Dimensionen vorkommen. Ihr Zweck ist, die weit zerstreut lebenden Gläubigen zum Gebet zu rufen. Noch spät Abends kamen die Jakuns zur Mission und brachten mehrere Thiere, die sie für mich gesammelt hatten.
Am folgenden Morgen überraschte ich im Walde ein junges Ehepärchen in seinem Honigmond. Ihr Haus bestand in einem Sonnendach aus lose zusammengefügten Palmenblättern. In einem kleinen Töpfchen kochte ihre Mahlzeit, und während die Frau die Küche besorgte, sang ihr der Mann ein Liedchen und begleitete sich auf einem Saiteninstrument, das aus einem fusslangen Bambusrohr bestand, an welchem der Länge nach 3 oder 4 Enden des kletternden Stammes einer Orchidee aufgespannt und statt der Stege kleine Wachsklümpchen unter den Saiten angebracht waren. Der glückliche Ehemann besass auch eine Flöte und Pfeife aus Bambus und musizirte, als die erste Schüchternheit vorüber war, auf beiden mit grossem Wohlgefallen ganz angenehm, nur etwas zu anhaltend. Beim Abschied drang er mir zwei feiste Ratten auf, die er für seine eigene Tafel gemästet hatte. Die Jakuns sind nicht wählerisch in ihren Nahrungsmitteln, Schlangen und Ratten sind willkommene Leckerbissen. Der französische Missionär Lefèvre erzählt: Eine ihrer geschätztesten Speisen ist ein Honigwaben, nicht wann die Zellen mit Honig gefüllt, sondern wann die jungen Bienen schon ausgebildet, ein Paar Tage bevor sie flügge sind; der Waben wird dann in ein Bananenblatt gewickelt, etwas gebraten, und das Ganze mit grossem Appetit verzehrt.
Ausser dem Waldmesser, das sie immer bei sich tragen, und das ihnen alle Werkzeuge ersetzt, haben die Orang-bukit kaum irgend welche Geräthschaften. Zur Jagd bedienen sie sich hauptsächlich der Blasröhre, aus welchen sie vergiftete Pfeile schiessen. Kleinere Thiere sterben nach einer Minute. Das Blasrohr „Sumpitan” besteht aus zwei in einander geschobenen Bambusen, 7 Fuss lang, 3/4 Zoll Durchmesser. Die innere Oeffnung hat etwa einen halben Zoll Durchmesser; die Pfeile sind 7 Zoll lang und bestehen aus den Seitennerven eines Palmenwedels; an ihrem unteren Ende ist ein 3/4 Zoll langer Kegel aus weichem Holz befestigt, dessen Basis den hohlen Raum des Blaserohrs beinahe ausfüllt. Die sehr scharfe Spitze ist einen halben Zoll tief in Gift getaucht und ringsum eingeschnitten, damit sie abbreche und in der Wunde stecken bleibe. Jeder einzelne Pfeil steckt in einem Rohrfutteral, und eine Anzahl dieser ist durch Baststreifen eines Artocarpus so aneinander geknüpft, dass sie sich zu einem Bündel aufrollen wie ein Latten-Rouleau und in einer Bambuskapsel, die als Köcher dient, aufbewahrt werden können. Genau ebenso verfertigen die Indianer in Guiana ihre Pfeile und bewahren sie ebenso auf, mit dem einzigen Unterschied, dass die einzelnen Pfeile nicht in besonderen Kapseln stecken, sondern unmittelbar mit einander verknüpft und zusammengerollt werden — ein auffallender Umstand, da beide Völker wohl nie in Verkehr gestanden haben. Die Jakuns haben den Ruf, geübte Sumpitanbläser zu sein. Um ihre Geschicklichkeit zu prüfen, liess ich einen der geübtesten nach einem etwa 100 Schritt entfernten Pisangstamm zielen; er traf ihn nachdem er zweimal vorbei geschossen; eine 30 Schritt entfernte, 11/2 Zoll Durchmesser haltende Oranie zu treffen, erklärte er für zu schwierig; auf 15 Schritt traf er sie. Bei dem Schiessen wird der Pfeil von unten in das Blasrohr gesteckt, der Kegel mit einer zunderartigen Substanz umwickelt, damit seitlich keine Luft entweiche, und das Blasrohr mit beiden Händen fest gegen den Mund gepresst. Die Luft wird mit solcher Gewalt ausgestossen, dass man einen pfeifenden Ton hört.
Auf Veranlassung des Herrn Bory wurde das Pfeilgift in meiner Gegenwart bereitet. Man schlug 3 Pflöcke in die Erde, setzte eine eiserne halb mit Wasser gefüllte Pfanne darauf, zündete Feuer darunter an, that die feingeschabte Rinde folgender Pflanzen hinein: akar-ipo (Giftwurzel) oder lada-ipo (Giftpfeffer) eine starke Handvoll; ipo-batang (Baumstammgift) und Sabalei je eine kleine Prise. Nach einer Minute wurde die Rinde im Wasser mittelst der Hand stark ausgepresst und fortgeworfen. Nachdem der Extract 4 Minuten gekocht hatte, wurde er mit grosser Vorsicht abgegossen, wobei ein auf den Rand der Pfanne gelegter kleiner Ballen geschabter Bambusfasern als Filtrum diente, um die noch in der Flüssigkeit schwimmenden Rindenstückchen zurückzuhalten. Nachdem die Pfanne sorgfältig mit Sand ausgescheuert, wurde der Absud — etwa 1/2 Liter — in dieselbe zurück gegossen. Man setzte, als er zu kochen begann, einen Theelöffel voll Saft des Ipo-batang hinzu. Dieser geringen Menge wegen hatte man einen grossen Baum gefällt, aus dessen Querschnitt der Saft langsam ausschwitzte. Nach Zusatz dieser Substanz entstand in der bisher klaren Flüssigkeit ein Coagulum, das zu Boden sank. Zwei Minuten später goss man abermals die klare Flüssigkeit ab, in die man vorher ein Stückchen durch Realgar verunreinigten Arseniks von der Grösse eines Stecknadelknopfes geworfen hatte. — Eine so geringe Menge kann wohl keine Wirkung haben; auch gilt der Zusatz nach der Aussage des Giftkochers nicht für wesentlich und unterbleibt, wenn kein Arsenik vorhanden ist, ohne der Wirksamkeit des Pfeilgiftes zu schaden. — Nachdem der Bodensatz beseitigt und die Pfanne abermals sehr sorgfältig mit Sand ausgescheuert worden war, goss man wieder das Filtrat in dieselbe zurück und dampfte es bis zur Syrupdicke ein. Das fertige Gift wird entweder gleich auf die Pfeile gebracht, oder in kleinen Bambusen verwahrt und soll viele Jahre lang seine Wirksamkeit behalten. — Früher wurden bei dem Giftkochen allerlei Zauberformeln angewendet, die Herrn Bory's Einfluss beseitigt hat. Von den verwendeten Pflanzen konnte ich keine blühende Exemplare erhalten und auch die eingelegten blüthenlosen Zweige gingen später verloren, so dass eine Bestimmung nicht möglich war. Ausser dem in meiner Gegenwart bereiteten kaufte ich noch mehrere Kapseln voll älteren Pfeilgiftes und Köcher voll vergifteter Pfeile. Später im physiologischen Laboratorium zu Berlin damit angestellte Versuche ergaben sehr verschiedene Resultate. Das in meiner Gegenwart bereitete Gift wirkte herzlähmend wie Anthiar, eben so wirkte der Saft des Ipo-batang, den ich selbst vom Stamm eingesammelt hatte. Die gekauften Gifte aber wirkten ausserdem noch tetanisirend wie Strychnin. Wahrscheinlich ist der Ipo-batang-Baum = Anthiaris toxicaria oder eine verwandte Art, und akar-ipo eine Strychnosart (letzteres ist um so wahrscheinlicher, da akar nicht nur Wurzel sondern auch Rebe bedeutet). Durch das Vorwiegen der einen oder andern Substanz mag wohl die vorherrschende Wirkung auf Herz oder Nerven bedingt werden. Die von Prof. du Bois-Reymond und Dr. Rosenthal angestellten Versuche, welche übrigens auch die verhältnissmässige Immunität der Hühner bestätigen, sind ausführlich beschrieben in den Monatsberichten der Berliner Akademie 1859. 3. 319 und in Reichert und du Bois-Reymond's Archiv 1865 S. 601.
In allen Jägerkünsten sind die Waldmenschen wohlerfahren, sie wissen dem Wild auch viele Fallen zu stellen; eine recht sinnreiche von komplizirtem Bau beschreibt J. R. Logan. Mir zeigten sie an vielen Stellen im Dickicht verborgen eine sehr einfache anscheinend von grosser Wirksamkeit. Ein junger elastischer Baum war mit der Spitze zur Ende gebogen. Bei der leichtesten Berührung eines Schnäppers schnellte er wieder in die Höhe und durchbohrte mit der an seiner Spitze in einem fast rechten Winkel befestigten Bambuslanze das Thier, das sich der Falle unvorsichtig genähert hatte. Einem Aufsatz, den Herr Bory 1861 in die Tydschr. voor indische Taal, Land en Volkenkunde einrücken liess, entnehme ich noch einige ergänzende Daten:
Die Gesammtzahl aller Wilden auf der malayischen Halbinsel dürfte nach H. B.'s Meinung nicht über 8–10,000 betragen; die der Mintras nicht über 2000. — Sie halten sich für die Ureinwohner, betrachten die Malayen als Eindringlinge und glauben von 2 weissen Affen abzustammen, aus deren Nachkommen diejenigen, die in der Ebene blieben, allmälig Menschen wurden, während die, welche die Berge nicht verliessen, Affen blieben.[46] Jeder lebt für sich, als wäre er allein in der Welt. Sie sind gleichgültig, faul, lieben die Ruhe über alles, haben wenig Energie. Nur auf der Jagd zeigen sie Muth und Ausdauer. Allein, ohne andre Waffen als Blasrohr, Lanze und Kris, bringen sie Tage und Nächte im Walde zu. Sie sind friedliebend, streiten selten hartnäckig; der geringste Zwist hat Auswanderung zur Folge. Sie hängen wenig am Boden, verändern leicht ihren Wohnsitz, oft mehr aus Laune als aus Ueberlegung. Der erste Eindruck, den die Mintras auf den Fremden machen, ist ein so günstiger, dass man geneigt ist, sie für Menschen im Zustand der Unschuld zu halten. (Herr Bory, der anfänglich auch diese Ansicht theilte, denkt nach genauerer Bekanntschaft anders über sie).
Die Mintras, wie die andern wilden Stämme der Halbinsel haben ihre eigene Sprache; sie hat wenig Klarheit und Bestimmtheit. Die Mintra-Christen verlangten daher, dass ihnen der Religionsunterricht in malayischer Sprache ertheilt würde. Alle Wilden sprechen malayisch, das ihnen auch als Verkehrssprache mit benachbarten Stämmen nöthig ist.
Einige Tage nach meiner Rückkehr nach Malacca hatte ich Gelegenheit, in Gesellschaft eines Bergmanns aus Cornwallis, der im Auftrag einer englischen Gesellschaft die Ergiebigkeit der hiesigen Zinnlagerstätten untersuchen sollte, einen Ausflug nach dem oberen Lingiflusse zu machen, von wo wir nach dem berühmten Zinndistrikt, Songei-Udjong, wollten. Bis zur Mündung des Lingi konnten wir das Kanonenboot der Regierung benutzen. Wir verliessen Malacca Nachmittags um 5 Uhr und fuhren in geringer Entfernung von der Küste, die eine ununterbrochene Reihe lieblicher Landschaften entfaltete: im Vordergrund eine bebaute Ebene, auf welcher sich Hügel und weiter hinten tief blaue Berge in scharfen Umrissen erhoben. Der Sonnenuntergang war ausserordentlich prächtig und nahm über 150° des Horizontes ein. Wir brachten die warme Nacht 23,2° R. auf dem Verdeck zu, um 3 Uhr trat Regen ein und zwang uns, in der kleinen, heissen Kajüte Schutz zu suchen. Wir waren der Mündung des Lingi nahe, mussten aber noch 3 Stunden lang kreuzen, bevor wir landen konnten, da wir Wind und Strömung gegen uns hatten. Dieser Fluss bildet die Grenze Malaccas gegen den kleinen Malayenstaat Salangore. An seiner Mündung, auf der linken (englischen) Seite, liegt ein kleines, aus wenigen Hütten bestehendes malayisches Kampong und daneben die Umfangsmauer eines während des Krieges mit Naning gegründeten Forts. Das Kanonenboot setzte seine Fahrt fort, wir blieben und hatten bis 11 Uhr mit habsüchtigen, mürrischen Leuten zu feilschen, bevor wir zur Fahrt Fluss aufwärts um hohen Preis ein Boot erlangten. Die breiten Mündungen dieser Flüsse sind namentlich in der Mittagssonnengluth nicht angenehm zu befahren. Die Fluthwelle reicht viele Meilen weit hinauf, und soweit sie das Seewasser trägt, zieht sich zu beiden Seiten ein einförmiger Rhizophorensaum hin; erst nach stundenlanger Fahrt flussaufwärts erscheinen einige stammlose Nipapalmen, die allmälig häufiger werden, sobald der Salzgehalt des Wassers hinreichend abnimmt, dann treten Pandanusarten auf, welchen sich bald blühende Sträucher und enorme Waldbäume anschliessen, deren einige bis auf 100 Fuss Höhe fast astlos, und glatt wie Säulen emporragend, nur am Boden mit grossen Strebepfeilern versehen sind, während andere vielfach verästelt, durch Luftwurzeln gestützt und nach allen Richtungen mit Lianen, Kletterfarnen und Orchideen behangen, ein unauflösliches Gewirre bilden. Gegen Abend wurde der Fluss immer enger, die Windungen häufiger, endlich bogen wir in einen kleinen Bach, unter dessen dichtem, tiefhängendem Laubdach wir ein kleines Kampong erreichten. Am Ufer stand ein Schuppen, der als Niederlage für das aus der Umgegend kommende Zinn dient, welches von hier aus nach Malacca verschifft wird. Der „Dato” (Häuptling) wohnt eine Mile landeinwärts; wir begaben uns zu ihm, um den Empfehlungsbrief des Guvernörs abzugeben. Zu unserer Ueberraschung führte statt eines engen Waldpfades ein Fahrweg nach seiner Wohnung; den Dato hatten bei einem Besuche in Singapore die dort gebräuchlichen Wagen so entzückt, dass er einen gekauft, und um ihn benutzen zu können, mitten in seinem Walde ein Stück Strasse von einer Mile Länge gebaut hatte, auf der er täglich spazieren fuhr. Er wohnte in einem sauberen steinernen Hause, in dem mehrere europäische Möbel und Luxusgegenstände aufgestellt waren. Unsere beabsichtigte Reise nach Songei-Udjong schien ihm nicht angenehm zu sein; er machte allerlei Einwendungen dagegen, schilderte sehr beredt die Gefahren und Strapazen, die uns bevorständen, bedauerte uns in seiner Wohnung kein Quartier geben zu können, und entschuldigte sich, dass die Nahrungsmittel sehr knapp seien. Zum Glück waren wir in dieser Beziehung gut versehen. Er bat uns ihm zwei oder drei Zwieback zu verkaufen, und als wir ihm ein Dutzend geschenkt hatten, fragte er nach dem Preise des Bieres; wir schenkten ihm zwei Flaschen. Nun wünschte er auch den Preis des Weines zu erfahren; wir schenkten ihm eine Flasche und zogen uns nach dem Landungsplatz zurück, wo wir in einer Ecke des Zinnsschuppens die Nacht zubrachten. Der Dato hatte versprochen, uns am andern Morgen um 6 Uhr Leute zu schicken, die uns als Träger und Führer begleiten sollten; er schlief aber bis 12, und keiner seiner Leute wagte mit uns zu gehen. Wir beschränkten daher unsere Excursionen auf die nächste Umgebung. Als wir um 2 Uhr in brennender Sonne wieder zurückkehrten, war unser Gastfreund bereits wieder schlafen gegangen; erst gegen fünf stand er auf und begleitete uns auf einer Jagdpartie. Er war heut noch zudringlicher als gestern und weigerte sich schliesslich geradezu uns Träger nach Udjong zu geben. Seine Beweggründe waren uns nicht recht klar. Da aber die Haupteinnahme-Quelle dieser kleinen Raubritter in der gesetzlosen Ausbeutung der ihr Gebiet betretenden Zinngräber besteht, so mag er wohl triftige Gründe gehabt haben um uns einen näheren Einblick in sein Treiben zu wehren. Mein Gefährte hatte Aussicht die Reise nach Songei-Udjong später mit besserem Erfolg zu machen; so beschlossen wir denn am nächsten Morgen umzukehren, um nicht länger mit dem unverschämten Burschen und seiner zudringlichen Umgebung zu thun zu haben. Doch war es beinahe Mittag, als wir am folgenden Tage nach vielen Plackereien und Prellereien die Rückreise antreten konnten.
Das Boot, das wir nach langem Zögern endlich erhielten, hatte kaum Raum für unser Gepäck, so dass wir auf demselben hocken mussten; es füllte sich durch ein Leck und durch strömenden Regen schneller als es ausgeschöpft werden konnte. Wir kehrten daher wieder um, setzten eines der grossen am Strande liegenden Boote in Stand und fuhren darin bequem flussabwärts. Eine Anzahl fauler Kerle, die unter dem Schuppen standen, sahen uns müssig und mürrisch zu, doch wagten sie nicht uns zu hindern. Bald nach Sonnenuntergang landeten wir in einer kleinen Polizeistation auf englischem Gebiet nahe der Mündung. Der Dato von Lingi ist nur ein kleiner Häuptling, dessen Einkünfte im Handel und in Erpressungen bestehen, dennoch nahm er, obgleich unmittelbarer Nachbar der Engländer, keine Notiz von dem ebenso höflichen als angelegentlichen Empfehlungsbrief des Guvernörs; so geringen Einfluss haben die Engländer auf diese kleinen Staaten, in denen Mord- und Raubanfälle sehr häufig sind, ein Uebelstand, der in der Kolonie lebhaft gefühlt wird und ein Hauptgrund, weshalb sie eine selbstständigere Regierung zu haben wünscht. Grade während meiner Anwesenheit machte ein kleiner Bugishäuptling aus Singapore, der angeblich für den Sultan von Johor focht, die Umgebung des Berges Ophir unsicher und that sogar räuberische Einfälle auf englisches Gebiet, gegen die, wenigstens zur Zeit, nicht eingeschritten wurde.[47]
Mein Gefährte setzte am nächsten Tage die Reise bis Ponchor fort, einer zwischen Lingi und Malacca an der Küste gelegenen Häusergruppe, ich blieb in der Polizeistation zurück, und verbrachte eine sehr unruhige Nacht. Denn wir befanden uns in dem Monat, in welchem die Muhamedaner, nachdem sie von Morgens 6 bis Abends 6 gefastet, sich Nachts durch Schmausen, Musiziren und allerlei Lärm entschädigen. Am andern Morgen begab ich mich auch nach Ponchor, in einem kleinen Boot der Küste folgend, deren Schönheit mich aber bald einlud, den Weg zu Fuss fortzusetzen. Man geht bequem auf ebenem Granitsand, aus welchem grosse oft dicht mit blühenden Orchideen bekleidete Granitblöcke hervorragen. Meinen Freund traf ich in einem geräumigen verlassenen Schuppen, mit freier Aussicht auf das Meer neben einer klaren Felsenquelle recht behaglich eingerichtet. Wir durchstreiften die liebliche Gegend mit der Vogelflinte, badeten Abends in der Brandung, assen ohne aufgedrungene malayische Gesellschaft, und fischten Nachts bei Fackelschein.
Am folgenden Morgen besichtigten wir eine in der Nähe gelegene Zinngrube. Zinn kommt im gediegenen Zustande in der Natur nicht vor.[48] Alles Zinn wird aus Zinnerz oder Zinnstein, einem reinen, nur durch mechanische Beimengungen verunreinigten Zinnoxyd gewonnen. Es tritt in schmalen Gängen, sogenannten Stockwerken, im Granit oder andern Eruptivgesteinen auf, die es so unregelmässig durchsetzt, dass man häufig dadurch veranlasst wird, Tagebau darauf zu treiben; oder es kommt in grossen regelmässig abzubauenden Gängen vor. Alles Zinn von Cornwallis wird gegenwärtig aus solchen Gängen gewonnen; die früher daselbst betriebenen Stockwerke sind erschöpft und liefern nichts oder fast nichts mehr. Durch Pochen und Waschen wird das viel schwerere Erz (sp. Gew. = 6,8 bis 7) leicht vom Ganggestein getrennt, aber nicht von dem es gewöhnlich begleitenden Wolfram und den Arsenik- und andern Kiesen, die ungefähr gleich schwer sind; diese entfernt man durch Rösten, wobei sie sich zersetzen, und abermaliges Waschen.[49] Der ganze eben beschriebene Prozess vollzieht sich in der Natur spontan, indem durch die Einwirkung der Atmosphaerilien das Gebirge verwittert, die Kiese sich zersetzen, lösliche Verbindungen eingehen, und sammt dem verwitterten Gestein durch Regen und Bäche in die Tiefe geführt werden. Wenn sich aus dem zur Ruhe gekommenen Wasser die darin schwebenden Stoffe absetzen, bildet das Erz wegen seiner Schwere die tiefste Schicht, auf welcher sich die Verwitterungsprodukte des Muttergesteins, Kaolin, Quarzsand, Grus und Trümmer ablagern. Im Verlauf langer Zeiträume bilden sich auf diese Weise Lager von grosser Mächtigkeit. Man nennt diese erzführenden Ablagerungen in Deutschland Seifen, in Cornwall Streamworks, in beiden Ländern hat aber ihre Ausbeutung jetzt gänzlich aufgehört, da sie erschöpft sind. Alles Zinn von Hinterindien (Malacca, Junk-Ceylon, Banca, Siam u. s. w.) wird aus Seifen gewonnen, die ursprüngliche Lagerstätte ist noch gar nicht bekannt. Das Zinn von Banca und Malacca ist fast absolut rein, und überhaupt ist Seifenzinn immer reiner als das aus Gangerzen gewonnene.
Nach Crawfurd (Dictionary) ist das Malayische Zinngebiet ohne allen Vergleich das ausgedehnteste und reichste der Welt und erstreckt sich von Tavoy 14° N. bis Billiton 3° S. d. h. über 17 Breiten- und 10 Längengrade. Der grösste Theil des Gebiets ist noch mit Urwald bedeckt, so dass man erwarten darf das Erz noch an vielen Stellen zu finden. Der Vorrath scheint sehr gross, der Ertrag steht im Verhältniss zu den aufgewendeten Mitteln an Kapital und Arbeitskräften. Die Gruben von Banca werden seit 1710 betrieben, die erste Grube bei Malacca wurde 1793 eröffnet, aber erst seit 1840 findet daselbst die Ausbeutung mit grösserem Nachdruck durch Chinesen statt. Auch in den benachbarten Malayenstaaten, namentlich in denen der Ostküste, Kalantan und Tringano, so wie in Siam nimmt die Zinnproduktion sehr zu, recht bedeutend ist sie auf Junk-Ceylon.[50]
Um das Erz aus dem Seifengebirge zu gewinnen, wiederholt und vollendet der Mensch was die Natur im Grossen gethan hat; er schlämmt und wäscht die erzführenden Schuttmassen, bis nur das reine Erz zurückbleibt.
Die Grube vor uns wurde von 34 Chinesen bearbeitet, gehörte also zu den kleinsten. In manchen Gruben sind mehrere Hundert Arbeiter beschäftigt. Da das ganze, gewöhnlich 12' bis 18' mächtige Deckgebirge abgetragen werden muss, um auf die Erzschicht zu kommen, so ist es nicht lohnend, mit geringen Arbeitskräften die Ausbeutung zu betreiben. Unter einer 2' dicken Schicht Ackerkrume lag eine etwa doppelt so dicke Schicht grauen Sandes, darunter folgte eine weisse 4 bis 5 Fuss mächtige aus reinem Kaolin mit Quarzkörnern und Glimmerblättchen bestehende Schicht, „Kong” genannt; dann eine sechszöllige gelber Erde, die das Zinnerz enthält. Die Unterlage bestand wieder aus demselben weissen Kong, wie die Decke. Ein ehemaliger Bach hatte sich in dem lockeren Boden in N. S. Richtung sein Bett bis auf die zinnführende Schicht ausgewaschen und es dann wieder zum Theil mit Thon angefüllt, fast reinem Kaolin, durch verkohlte Pflanzenreste schwarz gefärbt. Die Nordwand der Grube zeigte die beschriebenen Verhältnisse in einem Profil von einer Deutlichkeit, wie man sie sonst gewöhnlich nur in den schematischen Figuren geognostischer Monographien findet; die grellen Farben trugen dazu nicht wenig bei.
Man hatte zuerst den schwarzen Thon, der das alte Bett des Bachs ausfüllte, bis auf die Erzschicht fortgeräumt, dann die östliche Uferwand; jetzt war man beschäftigt die westliche Wand abzuräumen, indem man sie auf die Ostseite hinübertrug. Zum Fortschaffen der Erde bediente man sich kleiner Tragkörbe, als Leitern dienten schräg liegende Baumstämme mit eingehauenen Stufen. Das auf dem Boden der Grube sich ansammelnde Wasser wurde durch eine Schaufelkunst gehoben, die aus einer Reihe flacher an einer Kette ohne Ende befestigter Bretter bestand, welche sich in einer schrägen Rinne aufwärts bewegten und das Wasser vor sich herfegten. Der Apparat hatte grosse Aehnlichkeit mit einer Baggermaschine und wurde durch ein am oberen Ende angebrachtes Wasserrad getrieben, an dessen Welle aber auch noch Tretbretter befindlich waren, um es bei Wassermangel durch Menschenkraft in Bewegung zu setzen. In auffallender Weise war bei der Anlage die gehörige Ausnutzung der vorhandenen Wasserkräfte und Niveauverhältnisse übersehen worden, so dass nach der Schätzung meines erfahrenen Begleiters wohl 5' Fall verloren gingen. Auch war der Kasten, in welchen das Wasser des oberschlächtigen Rades sowohl, als das aus der Grube heraufgeförderte sich ergoss, so ungeschickt gemacht, dass immer ein sehr beträchtlicher Wasserstand darinblieb, wodurch abermals ein erheblicher Kraftverlust entstand. Gewöhnlich haben doch reisbauende Völker grosses Geschick in allen Wasserbauten und hier war doppelte Veranlassung, es anzuwenden, da das Treten des Rades nicht nur sehr anstrengend, sondern auch, falls nicht Alle gleichzeitig aufhören, wegen des Rückschlags sehr gefährlich ist und Beinbrüche veranlassen kann. Das erzführende Gestein wird auf einen Haufen zusammengetragen und erst dann geschlämmt und geschmolzen, wenn die ganze Grube leer ist.
Wir durften die Grube nur barfuss, ohne Hut und Sonnenschirm betreten. Es finden noch mehrere andere abergläubische Beschränkungen statt, auch zahlreiche Opfer an Vieh, Geflügel, Goldpapier, Kerzen und Schwärmern, um die Berggeister günstig zu stimmen.
Die Besitzer der grösseren Zinngruben wohnen meist in Malacca; die Arbeiter stehen zu diesen in demselben Verhältniss, wie die Gambirpflanzer in Singapore zu ihrem Patron. Ein Theil dient um die vorgeschossene Passage von China zu tilgen (Sinkay), andere um festen Lohn, 4 bis 5 Ds. per Monat und Kost. Alle haben aber einen, wenn auch noch so kleinen Antheil am Ertrag. Die Zinngewinnung nimmt mit jedem Jahre zu. Einige Gruben sind so ergiebig, dass sie nach Blundell den Eindruck machen, als würden harte Thaler aus einer grossen Vertiefung ausgeschaufelt. Solche Erfolge veranlassten eine grosse Ausbreitung dieses Bergbaues. Nach Blundell, der als ehemaliger Guvernör genau unterrichtet ist, deckt aber die Hälfte der Unternehmungen kaum die Kosten; eine Hälfte giebt mässigen Gewinn und nur 4 oder 5 sind Haupttreffer in dieser Lotterie; denn eine solche ist nach seiner Ansicht dieser Erwerbszweig in seinem gegenwärtigen Betrieb. Der Reiz des Spiels hat aber die Aufschliessung vieler neuen Gruben zur Folge gehabt. Die Erlaubniss zum Bergbau giebt die Regierung gratis, sie erhebt aber ein Zehntel des gewonnenen Zinns als Abgabe, und verpachtet diese Steuer, wie das Opium und Branntweinmonopol dem Meistbietenden. Zur Verhinderung des Schmuggelns wird solches Zinn, von welchem die Abgabe entrichtet ist, gestempelt, und steigt dadurch um 8 bis 9% an Werth, da ungestempeltes Zinn in England höheren Eingangszoll zahlt.
Nach dem unangenehmen Eindruck, den die Malayen von Lingi auf uns gemacht, waren mir einige Ausflüge im Gebiet von Malacca doppelt angenehm, weil ich dabei dies Volk von einer ganz andern, sehr vortheilhaften Seite kennen lernte. Ich wohnte in kleinen Hütten, mitten im Walde, bei armen Leuten, die mir den besten Platz im Hause und die besten Matten einräumten, sehr bescheiden, gefällig und höflich waren, doch immer ohne jene Zeichen hündischer Unterwürfigkeit, mit denen viele andere Asiaten so freigebig sind, wenn sie dadurch eine Gunst zu erlangen hoffen. Es scheint, dass zwischen den alten Ansiedlern holländischer Abkunft und den auf ihrem Gebiet wohnenden Malayen ein auf gegenseitiges Zutrauen gegründeter freundschaftlicher Verkehr stattfindet, jedenfalls bestand ein solcher zwischen meinem Freunde W. B. und seinen Insassen. Die einfachen Sitten und die Biederkeit dieser Ackerbau treibenden Malayen waren mir um so wohlthuender, je weniger ich diese Eigenschaften erwartet hatte. In Lingi, dessen Bewohner von mehr oder weniger gesetzlichem Handel, Erpressungen und gelegentlichen Räubereien leben, traten ihre gehässigsten Eigenschaften hervor, aber auch in Singapore werden die besseren Züge ihres Wesens von dem Golddurst, der dort Alle ergreift, in den Hintergrund gedrängt.
Die Ausflüge um Malacca sind sehr angenehm und für den Sammler lohnend. Zwischen dem Lingi- und Kassangfluss, die das Gebiet begrenzen, ergiessen sich ausser mehreren Bächen der Malacca- und der Dujongfluss (nach letzterem ist die Seekuh Halicore Dugong benannt, wobei aber irrthümlich das j in ein g verwandelt worden). Beide Flüsse sind für Kähne auf mehrere Miles weit zugänglich. Ihre Ufer wimmeln von Krokodilen, in den Bäumen klettern Vögel, Schlangen, Eichhörnchen und Affen umher, und man ist sicher, mit reichlicher Beute zurückzukehren, wenn man mit einer Vogelflinte versehen, auf einem aus einem einzigen Baumstamme gezimmerten Kahne in die Tiefen des Waldes eindringt. Ich habe nie so viele Baumschlangen gesehen, als am Malaccafluss. In einer halben Stunde hätte ich ein Dutzend schiessen können. Sie lagen meist aufgerollt auf das Wasser überragenden Zweigen, von welchen sie sich herabfallen liessen und behende weiter schwammen, wenn sie Gefahr im Anzuge glaubten. Das Zigeunerleben im Walde, so nahe einer Hafenstadt, in der man sich immer wieder mit Vorräthen, sogar mit Luxusgegenständen versehen kann, in Begleitung eines gelehrigen, bescheidenen Dieners, unter gefälligen, sanften Eingebornen war so angenehm, dass ich es jedem Touristen aufs angelegentlichste empfehlen möchte. Wir durchstreiften den Wald nach allen Richtungen, im Boot oder zu Fuss, und kehrten oft erst spät Abends beim Schein der Dammarfackeln nach unserm Lagerplatz zurück, um das Gesammelte zu präpariren.
Der Grund, warum tropische Länder, die jetzt so leicht zu erreichen sind, so selten besucht werden, liegt, wie ich glaube, besonders in der Furcht vor dem Klima, den Giftschlangen und dem Ungeziefer. Die ungesundesten Gegenden sind aber immer den in der Nähe Wohnenden bekannt, und können gewöhnlich von dem, der nur zum Vergnügen reist, vermieden werden. Uebrigens ist eine gewisse Mässigkeit in allen Genüssen, ohne strenge Enthaltung, bei gehöriger Bewegung und angenehmer Beschäftigung ein anerkanntes Mittel, Krankheiten fern zu halten; gegen die gefürchtetsten, Fieber und Dysenterie, pflegen Chinin und Opiumtinktur, zeitig angewandt, zu helfen. Das Leben in den Hafenplätzen ist den Europäern freilich weniger zuträglich. Sie arbeiten dort lange und oft angestrengt in Kontoren, halten reichliche Mahlzeiten, geniessen stark gewürzte, den Durst reizende Speisen und geben sich wohl noch andern Excessen hin. Auch die europäische Kleidung, die schon bei uns weder schön noch besonders zweckmässig ist, wird hier zu einer wahren Plage und der Gesundheit nachtheilig. Im Walde kleidet man sich, wie man will. Nach mehreren Versuchen nahm ich später einen Anzug an, den ich als besonders zweckmässig empfehlen kann: Hose und lange Jacke von blauem Kattun (weiss würde alle Thiere verscheuchen), Schuhe aus Segeltuch und einen chinesischen Hut in Form eines Helms. Die Jacke vertritt zugleich die Stelle des Hemdes, ist ungefüttert, enthält aber mehrere Taschen. Strümpfe sind sehr unbequem, barfuss gehen schwer zu lernen, Segeltuchschuhe sind am zweckmässigsten. Reitet man durch einen Fluss, so zieht man sie aus und hat dann gleich wieder trockene Füsse. So lange man geht, schaden nasse Füsse nicht. Kommt man Abends ins Quartier, so wechselt man den ganzen, gewöhnlich von Schweiss oder Regen durchnässten Anzug, und wäscht alles, mit Ausnahme des Hutes; am andern Tag ist alles wieder trocken. In einer so dünnen Hülle, die so leicht gewechselt und gewaschen wird, belästigt die Hitze fast gar nicht. Es verschwinden zugleich fast alle Terrainschwierigkeiten; denn es ist ziemlich gleichgültig, ob man auf dem Trocknen, im Sumpf oder im Wasser geht. Der Hut, der wegen seiner Zweckmässigkeit eine besondere Beschreibung verdient, besteht aus dem Mark eines Baumes, angeblich Aeschynemone aspera, so porös, leicht, die Wärme schlecht leitend, wie Holundermark. Er ist von grösserem Umfang als der Kopf, man trägt ihn vermittelst eines zollbreiten, geflochtenen Ringes, der innerhalb des Hutes an seinem unteren Rande angebracht, und nur an drei oder vier Stellen so mit ihm verbunden ist, dass die Luft ringsum zwischen Hut und Kopf zirkuliren kann. An der hinteren Seite hängt eine kurze Gardine, um den Nacken gegen die Sonne zu schützen. Der Ueberzug besteht aus hellem Seidenbast, der des breiten unteren Randes aus blauem oder grünem Stoff, um die Augen zu schützen.
Die grosse Furcht vor Schlangen und reissenden Thieren ist ganz ungerechtfertigt. Alle Thiere fürchten sich vor dem Menschen; auch sind die meisten Schlangen giftlos, und alle ziehen sich gewöhnlich bei Zeiten zurück, wenn sie Menschen kommen hören. Wie schwer sie anzutreffen sind, erfährt man am besten, wenn man ihnen eifrig nachstellt. Wir suchten immer nach ihnen; ich zahlte für das Stück 6 pence oder 1 shilling und dennoch habe ich in vier Jahren kaum einige hundert zusammengebracht. Ist erst die Furcht vor ihnen verschwunden, die wohl jeder, der viele Reisebeschreibungen gelesen hat, empfindet, wenn er zum ersten mal den tropischen Wald betritt, so sind sie leicht zu fangen: mit einem Schlag tödtet man sie, auch ist es nicht schwer, sie lebend zu fangen, wenn man sie mit einem Stock gegen den Boden drückt, und sie dann unmittelbar hinter dem Kopf fest anpackt. Die Diener, die mit mir waren, hatten anfänglich immer die grösste Furcht vor allen, auch den ganz harmlosen Schlangen; besonders gefürchtet war die Zunge, die für sehr giftig gilt. Hatten sie aber erst einmal gelernt, wo die Giftzähne sitzen, und sich überzeugt, dass das Thier sonst wehrlos ist, so trat an die Stelle der früheren Furcht eine solche Dummdreistigkeit, dass ich oft Unglück befürchtete. Tritt man unversehens auf eine im Kraut verborgene Schlange, so beisst sie wohl aus Nothwehr, das ist aber auch fast die einzige Gefahr, der man von ihnen ausgesetzt ist, und diese Gefahr ist namentlich für Europäer gering, die gewöhnlich mehrere Personen im Gefolge haben, deren Lärmen die Thiere früh genug warnt.
Von Insekten wird man in Indien viel weniger geplagt als im Süden Europas. Flöhe giebt es nicht, die Läuse der Eingebornen suchen den Europäer nicht heim; dies ist besonders sehr auffallend in den Philippinen, wo die Eingebornen sehr viel reinlicher als die Spanier sind. Jene baden sich täglich und pflegen ihr schönes Haar, während diese in beidem nachlässiger sind, doch haben die Tagalen, namentlich die Frauen, fast immer Ungeziefer im Haar, die Spanier wohl nie.
Gegen alle lästigen Insekten aber und namentlich auch gegen die gefürchteten Moskitos schützt vollkommen das Insektenpulver, wie es auch von Sammlungen die Ameisen fernhält. Eine Tinktur aus 1 Theil Insektenpulver (Pyrethrum roseum), 2 Theilen Alkohol, 2 Theilen Wasser schützt, selbst noch zehnfach mit Wasser verdünnt, alle Körpertheile, die damit benetzt werden, absolut gegen jeden Angriff. Auf den wegen der Moskitos so sehr verrufenen Flüssen von Siam schlief ich oft ohne Moskitonetz ganz nackt in meinem Boot, ohne im Geringsten belästigt zu werden; das Summen, welches sonst jeden Schlaf verscheucht, weil es die Nähe des zum Angriff bereiten Feindes verräth, wird zu einer harmlosen Musik, die einen im Bewusstsein der Sicherheit um so leichter einschläfert. So schützt Benetzung des Bartes und der Hände den Jäger auf der Wasserjagd gegen Mücken, selbst bei der starken Transpiration im dortigen Klima wenigstens 12 Stunden. Besonders interessant ist auch die Wirkung auf die in tropischen Ländern so sehr zahlreichen Ameisen. Vor den Fenstern meiner Wohnung in Albay, auf Luzon, lief ein 6 Zoll breites Brett ringsum das ganze Haus. Auf demselben bewegten sich zwei dicht gedrängte Züge einer schwarzen Ameise in entgegengesetzter Richtung ununterbrochen dicht neben einander hin, so dass die Oberfläche gleichmässig schwarz erschien. Ein handbreiter Streifen dünn gestreuten Pulvers oder verdünnter Tinktur genügte, um sie alle zu vertreiben. Zuerst stauten sich die Züge am Rande des Streifens, dann überschritten ihn die Vordersten, von den Nachfolgenden gedrängt; aber schon wenige Zoll weiter zeigten sich die Merkmale der Vergiftung; sie taumelten, setzten sich auf die Hinterbeine, bewegten ängstlich die Vorderbeine und starben nach einer oder zwei Minuten. Bald darauf verliessen alle das Haus.
Auch die in den Philippinen so verbreitete Krätze wird durch Waschen mit der konzentrirten Tinktur schnell beseitigt; — das Jucken hört augenblicklich auf. Die fast magische Wirkung des für Menschen ganz unschädlichen Mittels scheint noch völlig unaufgeklärt. Es ist gleich wirksam als Pulver, als Tinktur und als Räuchermittel. Ein befreundeter Chemiker sagt mir, dass es ihm trotz der grössten Sorgfalt nicht gelungen sei, ein Alkaloid oder sonst eine eigenthümliche Substanz darin zu finden, der man die Wirkung zuschreiben könnte.
Bei meiner Rückkehr nach Malacca hatte ich Gelegenheit, einen grossen Leichenzug zu sehen, von dem man schon lange viel gesprochen hatte. Die Mutter eines der reichsten Chinesen war vor einigen Monaten gestorben, und heute wurde ihr einbalsamirter Körper in die Familiengruft gebracht. Fast die ganze Stadt betheiligte sich daran. Der Resident-Councillor und alle Magistratspersonen folgten dem Zuge, der indessen hinter den hochgespannten Erwartungen zurückblieb. Er bestand aus einer langen Reihe Chinesen in weissen und blauen Trauerkleidern; einige ritten auf Pferden, die auch mit weissen oder blauen Zeugen behangen waren. Sieben geschlachtete Schweine und sieben Ziegen, je von 4 Kulis getragen, folgten, um draussen verspeist zu werden. Viel feierlicher als die Schweine sahen die Ziegenböcke aus, die bis auf die schwarze Mähne und den schwarzen Bart ganz kahl gebrüht waren. Lärmende Musik ging dem Sarge voraus, der in einem geräumigen Zelt von äusserst kostbar gesticktem Seidenzeug enthalten war, ihm folgte eine grosse Masse Volk, meist Chinesen, und zuletzt die nähern Verwandten in Sackleinen und die Nachbarinnen im blauen Hauskleide, ein weisses Tuch über die Schulter geworfen.
Zögernd und ungern verliess ich Malacca, um einen Dampfer von Singapore nach Borneo zu benutzen; es wurde mir schwer, mich von den lieben Freunden zu trennen, die ich hier zurückliess und wohl nicht wiedersehen werde.
Malacca, die Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets, liegt 2° 14' N, 112° O v. Gr., das Klima ist trotz der Nähe des Aequators und der geringen Meereshöhe gesund und angenehm. Der Thermometer schwankt zwischen 17 und 24° R., der Barometer zwischen 29° 8' und 30° 3' Engl. Wie Singapore liegt auch Malacca ausserhalb der Monsuns, daher die Sicherheit seiner Rhede.
Die Stadt soll im zwölften Jahrhundert gegründet worden sein durch einen Fürsten von Singapore, den wahrscheinlich die Siamesen vertrieben hatten. Sie erhob sich schnell zu grosser Bedeutung, und war bei Ankunft der Portugiesen 1509, der reichste Handelsplatz in jenen Meeren, viel besucht von Schiffen aus China, Japan, den Philippinen, den Inseln des Archipels, Vorderindien und Arabien. Namentlich hatte sie zu jener Zeit grosse Wichtigkeit als Stapelplatz der damals in Europa so geschätzten Gewürze. Die Stadt soll über 150,000 Einwohner gehabt haben. Die Portugiesen machten bald nach ihrem Erscheinen diesen Zuständen ein Ende, indem sie alle Schiffe, deren sie habhaft werden konnten, kaperten, und Schifffahrt und Handel verscheuchten. Im Jahre 1511 eroberte Albuquerque die Stadt, plünderte, verbrannte sie und tödtete nach der eigenen Angabe der Portugiesen den grössten Theil der Einwohner, auch Frauen und Kinder. Die Portugiesen behielten Malacca 130 Jahre lang und machten sich unglaublicher Grausamkeiten und Treulosigkeiten schuldig. An die Stelle des früher so blühenden Handels trat ein drückendes Monopol. Im Jahre 1641 fielen nach mehreren vergeblichen Versuchen Stadt und Gebiet den Holländern in die Hände, denen es 1795 die Engländer abnahmen, aber 1818 zurückgaben. 1825 kam Malacca abermals an die Engländer, in Folge des bereits früher erwähnten 1824 in London geschlossenen Vertrages, durch welchen die Streitigkeiten, die aus der Nebenbuhlerschaft der Engländer und Holländer in jenen Meeren entstanden waren, zeitweis ausgeglichen wurden. England tauschte Sumatra gegen Malacca aus; die Holländer erkannten Singapore definitiv den Engländern zu, und beide Mächte verständigten sich dahin, dass die Strasse von Singapore die Grenze ihres beiderseitigen Wirkungskreises bilden solle. Dieser Vertrag ist aber noch fortwährend eine Quelle von Streitigkeiten. Nach der holländischen Auslegung sind die Engländer von allen Inseln des Archipels südlich von der Strasse von Singapore ausgeschlossen, nach der englischen Deutung nur von den unmittelbar südlich von Singapore etwa bis Banca gelegenen Inseln.[51]
In Bezug auf die Handelspolitik machten es die Holländer nicht besser als ihre Vorgänger. Nicht nur der Anbau von Kolonialprodukten, sogar der des Reises, obgleich er fast das einzige Nahrungsmittel der Bevölkerung bildet, war zu Gunsten der Produktion Javas und der Molukken verboten, Grund und Boden fast werthlos, Entvölkerung und Verarmung die natürlichen Folgen so brutaler Gesetze; dennoch behielt die Stadt Malacca immer noch einen ziemlichen Handel, als einziger Stapelplatz für die Produkte der umliegenden malayischen Staaten. Durch das Anlegen einer englischen Kolonie auf Pulo-pinang 1786, namentlich aber durch die Gründung des soviel günstiger gelegenen Freihafens Singapore am Ende der östlichen Meerenge hat sich auch dieser Handel von Malacca gänzlich fort nach jenen beiden Punkten, besonders nach dem letzteren gezogen.
Auch der Ackerbau obgleich jetzt von allen barbarischen Fesseln befreit, macht doch nur sehr geringe Fortschritt und beschränkt sich fast auf den Reisbau. Das Land ist zwar ziemlich reichlich bewässert, wo dies der Fall ist, nicht unfruchtbar und wenn die einheimischen Arbeitskräfte nicht ausreichen, so bietet das nahe Singapore deren in Fülle, so wie es auch ein bequemer Markt für die gewonnenen Produkte ist. Aber bis zur Einführung der neuen Landakte 1863, wurden Kapital und Unternehmungsgeist von Malacca ferngehalten, weil die Regierung den Käufern von Ländereien keine endgültigen Besitztitel geben konnte. In neuester Zeit hat die Bereitung des Tapioka (Stärkemehl der Jatropa Manihot) in Mehl und Perlform solchen Aufschwung genommen, dass sie bereits mit Ausnahme des Zinns den Hauptausfuhr-Artikel der Kolonie bildet. Dieser Erwerbszweig ist ganz in den Händen der Chinesen, wie die Bereitung des Sagos in Singapore. Der Preis des Tapioka ist 3 Doll. für Mehl, 4 Doll. für Perlen per Pikul, während Sago durchschnittlich 2 Doll. als Mehl, 3 Doll. in Perlen kostet. Auch mit Zuckerbau sind einige Versuche gemacht worden, jedoch nur im Kleinen.
Von den Inländern wird Palmenzucker (djaggeri) aus Cocospalmen zum Verbrauch in Malacca und in Singapore gewonnen; für weiteren Export ist er nicht geeignet, da sich bei der rohen Bereitungsart der grösste Theil des ursprünglichen Rohrzuckers in Traubenzucker verwandelt. Der bekannte holländische Chemiker de Vrij hat gefunden, dass der Saft der in Java so verbreiteten Arengpalmen, wenn bei seinem Einsammeln die gehörige Vorsicht angewendet wird, um der so schnell eintretenden Gährung vorzubeugen, keinen andern als reinen Rohrzucker enthält, der durch einfaches Abdampfen krystallisirt erhalten werden kann. Sehr wahrscheinlich verhält sich der Saft der Cocos-, Nipa- (s. S. 12), Palmyra- (Borassus flabelliformis) und anderer Palmen ebenso. Zur Gewinnung des Djaggeri wird die Blüthenscheide der Palme, bevor sie aufbricht, zusammengebunden und ihre Spitze abgeschnitten, der ausquellende Saft in Bambusen aufgefangen und in flachen, eisernen Pfannen eingesotten. Ein- oder zweimal täglich wechselt man die Bambusen und schneidet zugleich eine feine Scheibe des Blüthenkolbens ab, da sich durch das Verdicken des Saftes an der Luft die Kanäle verstopfen (ein Baum liefert jährlich 12–20 ℔ Zucker). Man trinkt den Palmensaft auch frisch oder gegohren und bereitet Essig und Branntwein (Arak) daraus. Dieser Arak schmeckt in Folge des mangelhaften Destillationsverfahrens sehr schlecht und ist nicht zu verwechseln mit dem in Europa beliebten Batavia-Arak, dessen Darstellung in Raffles' History of Java beschrieben wird. Häufiger als der Saft werden die Früchte der Cocospalme ausgebeutet, ihre Hauptverwendung ist zu Oel. — Man versichert in Malacca allgemein, dass eine im vollen Ertrag stehende Pflanzung das Anlagekapital jährlich mit 100% verzinst; danach begreift man nicht, warum nicht viel mehr Cocospalmen gepflanzt werden, wenn sie auch vor dem 4ten oder 5ten Jahr kaum Früchte tragen und erst im 9ten oder 10ten Jahre vollen Ertrag geben. Schliesslich verdient Erwähnung, dass man sich in Malacca zum Pflücken der Nüsse besonders abgerichteter Affen bedient, denen man vermittelst einer Leine, deren eines Ende an ihrem Halsband befestigt ist, signalisirt, ob die von ihnen berührte Nuss abgerissen werden soll oder nicht. Ich habe dies aber nicht selbst gesehen.