Zweites Kapitel.

Reise nach Trogon. — Strassen. — Waringibäume. — Bogenschiessen. — Religion der Javanen. — Vulkan Guntur. — Erdtransport durch Wasser. — Solfataren. — Theebau. — Vulkan Papandayan. — Telaga bodas. — Kaffeebau. — Schattenspiel. — Hirschjagd. — Malayische Küche. — Tänzerinnen in Sumedang. — Gamelang-Musik.

Da der gefällige Arzt, der seit Padjet seinen Wagen mit mir getheilt, grade eine Dienstreise nach Garut vor hatte und mir anbot ihn zu begleiten, so arbeitete Junghuhn für mich einen Reiseplan aus, der sich möglichst an jene Reise anschloss und mir Gelegenheit gab, einige interessante geognostische Excursionen zu machen. Nachmittags kehrten wir nach Bandong zurück.

Unterwegs gingen vor uns einige Frauen mit Sonnenschirmen. Als der uns begleitende Amtsdiener sie gewahrte, rief er „payong!” (Schirm), worauf sie alsbald die Schirme zumachten und in voller Sonne an der Seite des Weges niederkauerten, indem sie ihr Gesicht abwandten. Die Frauen begnügen sich nämlich nicht, wie die Männer mit dem Niederkauern, sondern wenden als einen gesteigerten Ausdruck der Unterwürfigkeit den Europäern den Rücken zu. Die kleinen Jungen machen es wie ihre Mütter und nehmen aus Ehrerbietung eine Stellung an, die, da sie keine Hosen tragen in Europa eher für den Ausdruck des Gegentheils gelten würde.

Abends war in Bandong „Receptie”, wobei mir, wie später noch oft bei ähnlichen Gelegenheiten, das elegante Französisch auffiel, welches in den gebildeten Kreisen sehr allgemein zu sein scheint. Deutsch verstehen auch die Meisten, englisch nur sehr Wenige. Auch sind die Engländer wenig beliebt, das Volk nennt sie eine „Natie (spr. nazie) van Zeeroovers”, doch scheint trotzdem eine grosse gegenseitige Hochachtung zu bestehen, wie sie sich wohl bei so langer zäher Nebenbuhlerschaft entwickeln musste.

18. Juli. Der Blitz hat die Brücke über den Tjigaro zerstört; eine Depesche meldet, dass sie vor eilf nicht hergestellt sein kann; so fahren wir denn erst um 9 Uhr ab. Unsere Reise geht nach Trogon über die ganze Ebene von Bandong. Links treten die sie nördlich einfassenden Berge dicht an die Strasse, rechts breitet sich die grüne Fläche aus, ein ungeheures Reisfeld. In dem Pasanggrahan einer jeden Distriktsstadt stehen Erfrischungen für uns bereit: Thee, Wein, Obst und Gebäck. Der Bedana (Distriktshäuptling) macht die Honneurs des Hauses, darf aber nicht das Zimmer betreten ohne besondere Einladung der Reisenden und darf sich nur setzen, wenn ihm ein Stuhl angeboten wird; sein Gefolge kauert am Boden.

Durch das ganze Land führen schöne fahrbare Strassen, deren erste Anlage man dem Marschal Daendels verdankt, der 1808–11, als Holland eine französische Provinz war, hier schaltete. Sein Gedächtniss wird noch lange in Java fortleben wegen der Energie, Willkür und Grausamkeit, die ihn auszeichneten. Die Javanen nennen ihn tuwan- (Herr) besar- (gross) guntur (Donner).[60] Die Flüsse werden theils auf Fähren, theils auf Brücken überschritten. Letztere sind auf belebten Strassen aus Holz und überdacht, gewöhnlich aber aus Bambus und, wenn auch nicht sehr dauerhaft, doch schnell wiederherzustellen. Reist ein hoher Beamter in wenig besuchten Gegenden, so sind oft Tage vorher hunderte von Menschen thätig, um Wege durch den Wald zu bahnen und Brücken zu schlagen. Ausser der Art wie ein König zu reisen kann man nur noch zu Fuss oder zu Pferde fortkommen. Eilwagen und Omnibus sind mit Ausnahme einiger ganz kurzen Strecken nicht vorhanden.

Mittags erreichten wir Trogon, am SO. Abhang des noch thätigen Vulkanes Guntur. Wir stiegen bei dem Kontrolör ab, dessen Haus am Alun-alun liegt, einem grossen viereckigen schön gehaltenen Rasenplatz, wie ihn jeder grössere Ort in Java besitzt. Gewöhnlich stehen auf demselben einige Waringibäume (Ficus benjamina und F. indica), unter deren weitem Schattendach oft ein Trupp Reiter Platz hat. Diese herrlichen Bäume können mit ihrem dichten Laubdach einen ausserordentlich grossen Raum überspannen. Von den horizontalen Aesten gehen Luftwurzeln aus, die wenn sie den Boden erreichen, darin Wurzel schlagen und dann die Funktion selbstständiger Stämme verrichten, obgleich sie immer noch mit der Mutterpflanze zusammenhängen (vergl. S. 13 Rhizophoren); oft verschlingen und verstricken sich viele solcher Luftwurzeln in der Nähe ihres Ursprungs, während sie noch dünn sind und wachsen dann zu einer einzigen sonderbar gewundenen Säule zusammen; auf dieselbe Weise bilden sich zwischen den Säulen Bögen, die um so flacher sind, je entfernter von einander die zu einer solchen Säule verwachsenen Luftwurzeln entsprangen. So entstehen herrliche natürliche Tempel mit Säulengängen, grossen und kleinen Hallen, von einer gewöhnlich sehr regelmässig geformten flachen Laubkuppel überwölbt. Es ist kein Wunder, wenn die Phantasie der Menschen sie überall zu Wohnungen überirdischer Wesen erkor. Der grösste Waringibaum auf Java soll sich in Bantam befinden; noch viel grössere kommen in Indien vor, wo sie häufig von den Brahmanen als Tempel benutzt werden; überall werden sie in hohen Ehren gehalten.[61] Forbes, Oriental Memoirs I 25 erzählt von einer solchen Feige (F. microcarpa?) an den Ufern des Nerbudda: ... „Hohe Fluthen haben zu verschiedenen Zeiten einen beträchtlichen Theil dieses ausserordentlichen Baumes fortgerissen, aber das was noch steht hat, um die Hauptstämme gemessen, fast 2000 Fuss Umfang. Die überhängenden Zweige, die noch nicht Wurzel geschlagen haben, bedecken einen viel grösseren Raum, darunter wachsen Anonen und andre Fruchtbäume. Es sind an 350 grössere und über 3000 kleinere Stämme vorhanden; ein jeder sendet fortwährend Aeste und herabhängende Wurzeln aus, um neue Stämme zu bilden.... Der Häuptling von Putnah pflegte unter diesem Baum mit grosser Pracht zu lagern; er hatte einen Empfangssaal, Speisesaal, Gesellschaftssaal, Schlafzimmer, Bäder, Küche und alle übrigen Räumlichkeiten, jede in einem besonderen Zelte; dennoch bedeckte dieser herrliche Baum das Ganze zusammen mit den Wagen, Pferden, Kamelen, Wächtern und Dienern; während seine weitreichenden Aeste schattige Stellen boten für die Zelte seiner Freunde mit ihren Dienern und ihrem Vieh; und es ist bekannt, dass der Baum bei dem Marsche eines Heeres 7000 Mann Obdach gewährt hat.”

Am Alun-alun liegen fast immer die Moschee und die Häuser der ersten inländischen Beamten. Auf einer Seite steht der Bobantjong, eine um mehrere Stufen erhöhte Plattform, unter einem von Säulen getragenen Ziegeldache. Auf dieser Tribüne pflegen die Regenten den Festen und Volksversammlungen beizuwohnen, die in Folge des javanischen Gemeinwesens periodisch auf diesen Plätzen stattfinden. Heute war die Tribüne von einem Musikcorps eingenommen. Von Zeit zu Zeit wechselte die wohlklingende, obgleich etwas einförmige Gamelangmusik mit einem Sängercorps ab, das auf der andern Seite des Platzes im Schatten eines Waringibaumes lagerte. In einiger Entfernung vor unserm Hause sassen einige Häuptlinge behaglich auf dem Rasen, umgeben von ihren Dienern und schossen mit Pfeil und Bogen nach einem sechzig Schritt entfernten Ziel. Die Bogen sind kaum 31/2 Fuss lang und werden horizontal gehalten. Viele schiessen gleichzeitig, so dass immer eine Menge Pfeile in der Luft schweben, nur wenige trafen die Scheibe. Sind alle Pfeile verschossen, so laufen kleine Jungen herbei und bringen ihren Herren die an der verschiedenen Farbe der Federn kenntlichen Geschosse zurück. Frauen waren bei dem Feste nicht anwesend.

Gegen Abend besuchten wir eine drei Paal entfernte, in einer Schlucht des Guntur gelegene warme Quelle. Sie ist rings von hohen üppig bewachsenen Felsen umgeben; ein Riesenbaum beschattet sie so wie zwei sehr zierliche Bambus-Tempel, in denen ein Paar fromme Eingeborne ihre Andacht verrichteten. Die Javanen sind sehr oberflächliche Muhamedaner, etwa so wie die Indianer der spanischen Kolonien Christen sind. Der Islam hat bei ihnen keine tiefen Wurzeln geschlagen, neben ihm aber sind grossartige Naturerscheinungen, die einen tiefen Eindruck auf ihr Gemüth machen, Vulkane, warme Quellen, auch Waringibäume, Gegenstände religiöser Verehrung. Sie glauben sie von Geistern bewohnt und bringen ihnen Opfer. Mit wirklicher Innigkeit verehren sie auch Alterthümer aus der Hinduzeit, besonders solche, deren Kunstwerth die Leistungen der heutigen Javanen so unendlich übertrifft, dass sie von ihnen für die Werke höherer Wesen gehalten werden. Von den strengen Muhamedanern unterscheiden sie sich besonders sehr vortheilhaft durch völlige Duldsamkeit; die Frauen gehen unverschleiert und verkehren mit den Fremden so frei wie in Europa.

19. Juli. Um 5 Uhr früh ritt ich von Trogon an der gestern besuchten heissen Quelle vorbei, dann durch ein Bambuswäldchen und noch eine kurze Strecke den Abhang des Guntur hinauf. Der eigentliche Kegel, ein grosser Schutthaufen, kann nur zu Fuss erklommen werden. Der Doktor und der Kontrolör begleiteten mich eine Strecke weit. Eine Schaar Reiter hatte sich angeschlossen und eine noch grössere Menge von Begleitern zu Fuss. Jeder wollte etwas tragen; Einer hatte die Karte, Andere die Hämmer genommen; brauchte man etwas, so war nichts zur Hand. Das sind die Unbequemlichkeiten der Vornehmen.

Mit nur wenigen Begleitern erreichte ich um 91/2 Uhr den Gipfel, dessen flach gewölbte Decke aus Sand und Rapilli besteht, und von einem grossen Krater durchbohrt ist. Sehr auffallend trat hier die von Junghuhn so deutlich hervorgehobene Erscheinung der mit dem Kraterrande konzentrischen Risse hervor. Die dem Rande nächsten bildeten bereits eine tiefe senkrechte Kluft, das durch sie abgetrennte Stück Bergwand war nahe daran in den Abgrund zu stürzen. Durch solche Einstürze wird der Krater regelmässig erweitert. Seine Wände sind oben senkrecht, weiter unten durch die hinab stürzenden Schuttmassen trichterförmig. In dem ganzen weiten Kessel ist nicht ein Dike[62] wahrzunehmen, und aus der Abwesenheit derselben, die andere Vulkane wie ein Gerüst durchsetzen und ihnen Festigkeit geben, erklärt sich die hier so prägnant hervortretende Erscheinung des regelmässigen Einstürzens der Wände. Aus allen Spalten, die mit der Entfernung vom Rande immer schmäler werden, drangen heisse Wasserdämpfe mit Chlorwasserstoff hervor; ich schätzte ihre Temperatur auf 40° R. Der Abhang hat 22 bis 24° Neigung; das Hinabsteigen ging schnell und bequem: wir kamen auf einen Streifen losen Gerölles, auf dem man stehend durch seine eigene Schwere hinabrutschte, indem man allmälig tiefer darin einsank; man hatte sich dann nur wieder oben aufzustellen, um auf dieselbe Weise ohne alle Bemühung eine grosse Strecke weiter befördert zu werden.

Nachmittags fuhr ich mit dem Doktor nach Garut, der Residenz des Regenten, und da dieser in Folge eines Missverständnisses nicht anwesend war, Abends nach Trogon zurück. Unterwegs sahen wir eine sinnreiche Verwendung der Wasserkraft, um einen Erdhügel nach einer mehrere tausend Fuss entfernten Stelle zu schaffen. Man hatte einen in der Nähe vorbeifliessenden Bach gegen den Hügel gelenkt, so dass er denselben unterspülte: Büffel traten die überhängende Erde in das Wasser, welches sie weiter führte bis zu der Stelle, wo eine kleine Mulde damit ausgefüllt werden sollte. Dort war ein grosses Gitter von Bambus und Reisig angebracht, welches die Erde wie in einem Sieb zurückhielt, das Wasser durchliess.

20. Juli. Von Trogon ritten wir über Pasir-kiamis, wo in der Nähe des Pasanggrahans eine heisse Schwefelquelle hervorbricht, in südwestlicher Richtung durch herrlichen Hochwald auf einem neugebahnten Pfade nach Kawa-manuk, einer Solfatara in trachytischem Gebirge mitten im üppigsten dichten Walde. Sie soll erst 1772 bei dem Ausbruch des Papandayan entstanden sein. Der ganze Boden ist im Umkreis von ein paar tausend Fuss Durchmesser durch Wasser und heisse Dämpfe unterwühlt. Stösst man ein Loch durch das zersetzte Gestein, so brechen beide mit Gewalt hervor. Man muss durch vorsichtiges Tasten die Stellen aufsuchen, die noch aus hartem Gestein bestehen; denn wer durch die dünne Kruste bräche, würde in dem heissen Schlamm seinen Tod finden. Ich sah vier grössere Becken von 20 bis 30 Fuss Durchmesser, in welchen der dünne, dunkelgraue Schlamm hoch aufbrodelte; zuweilen spritzte er zwei Fuss hoch. In andern Tümpeln war das Wasser bereits verdampft und hatte eine feingeschlämmte Thonmasse zurückgelassen. An unzähligen Stellen brachen Wasser und Wasserdämpfe hervor. Das Wasser enthielt viel Schwefelwasserstoff. Ausser Schwefel, der sich ziemlich reichlich in kleinen Krystallen gebildet hatte, fanden sich nur noch Gyps und Alaun in geringer Menge. Der Trachyt kommt in allen Stufen der Zersetzung bis zum reinen Kaolin vor. Mitten zwischen den kochenden Schlammsprudeln und giftigen Gasen grünten und blühten noch einige Sträucher, darunter einige schöne rothe Rhododendren, während enorme Bäume von Laub und Rinde entkleidet, verdorrt und gebleicht am Boden lagen und ihre Aeste emporstreckten. Den grellsten Kontrast mit dieser Scene der Verwüstung bildete der üppige Wald, der sie dicht umgab.[63]

Als wir in den Pasanggrahan von Pasir-kiamis zurückkehrten, fanden wir ein vortreffliches Mittagessen für uns aufgetragen, eine Aufmerksamkeit des Regenten von Garut, die um so überraschender war, als das Haus tief im Walde liegt. Von hier ritten wir südöstlich bis Tjisirupan, auf neuen Bambusbrücken viele Bäche überschreitend, die in westöstlicher Richtung aus dem vulkanischen Waldgebirge in den Tjimanuk eilen, welcher das herrliche Thal von Trogon und Garut bewässert. Der letzte Theil des Weges führt über das untere Ende der Schuttmassen, die sich in einem grossen Bogen bis zum Krater des Papandayan verfolgen lassen. Dieser Vulkan hat in historischer Zeit nur einen, aber einen furchtbaren Ausbruch gehabt. Im Juli 1772 wurde plötzlich ein grosser Theil des bisher kegelförmigen Berges zertrümmert und ungeheure Steinmassen, der Neigung des Bodens folgend, schoben sich bis in das Thal von Garut, vierzig Dörfer verwüstend, und fast 3000 Menschen begrabend.

In Tjisirupan standen muthige Bergpferde bereit, die uns nach Tjikatjang brachten, einer 3770 Fuss hoch, in fast gleicher Entfernung vom Gunong Papandayan und Tjikorai, am südlichen Abhang des sie verbindenden Sattels gelegenen Theepflanzung, wo uns der Vorsteher, ein junger Holländer, auf das zuvorkommendste aufnahm. Von dem Betriebe derselben sahen wir nur wenig, da wir am andern Morgen in Begleitung unseres freundlichen Wirthes den Papandayan besuchten. Der Theestrauch war ganz niedrig und kugelig gehalten, so dass die Pflanzung aus einiger Entfernung wie ein grosses Kohlfeld aussah. Tjikatjang ist eine der grössten Theeplantagen auf Java und beschäftigt gegen 1000 freie Arbeiter, deren Fleiss der Vorsteher sehr lobte.

Die Theekultur ist, ebenso wie die Erzeugung der meisten andern Produkte für den europäischen Markt, von der holländischen Regierung in Java eingeführt worden, und zwar erst seit 1835. Sie bildete einen Zweig des „Kultur-Systems” und der Thee gehörte zu der Klasse von Erzeugnissen, bei welchen, weil seine Herstellung bedeutende Sorgfalt erfordert, die Vermittelung intelligenter Europäer für nöthig erachtet wurde. Die Regierung, die zwar auch selbst Thee baute, wies geeigneten Personen das nöthige Land an, stellte ihnen die erforderlichen Frohnarbeiter zur Verfügung, schoss ihnen Kapital zinsfrei vor, verpflichtete dagegen die Kontrahenten, ihr die Hälfte der Ernte zu einem bestimmten Preis zu liefern, während ihnen über die andre Hälfte freie Verfügung zustand. Die ersten Versuche fielen sehr ungünstig aus, der Thee war von schlechter Beschaffenheit, die Regierung hatte grosse Verluste; die Unternehmer richteten sich meist zu Grunde. 1849 wurden neue Verträge abgeschlossen; die Kontrahenten übernahmen es, den Thee ohne Zwangsarbeiter oder sonstige Hülfe der Regierung zu bauen, wogegen diese sich verpflichtete, das Fabrikat zu einem etwas höheren Preise abzunehmen. Sie glaubte wohl, dass ohne Zwangsarbeit wenig geliefert werden würde, es fand aber das Gegentheil statt; die Kontrahenten, die inzwischen den Betrieb genau kennen gelernt hatten, wussten die Bedingungen gut auszunützen und machten glänzende Geschäfte, so dass eine Theepflanzung zu den gewinnbringendsten Unternehmungen auf Java gehörte. Wie gross der Gewinn gewesen sein muss, lässt sich unter anderm daraus schliessen, dass der Vorsteher der Theepflanzung Tji-katjang, unser Gastfreund, als einige Jahre später, nach dem Tode des Besitzers, der Kontrakt meistbietend versteigert wurde, 600,000 Gulden bot, und dennoch überboten wurde, obgleich der Vertrag nur noch 3 Jahre gültig war. Zur Zeit, als die Kontrakte umgeändert wurden (1849?), erhielt man 319 ℔ Thee per Bau (1 Bau = 500 □Ruthen) zum Bruttowerth von 0,572 Gulden per ℔, 1854 dagegen 548 ℔ zum Werth von 0,821 Gulden d. h. 80% mehr Produkt von 40% höherem Werth.[64] Die Regierung hatte von dem grossen Fortschritt freilich keinen Vortheil, denn da der Preis, den sie dem Fabrikanten in Java zahlte, höher war, als der Marktpreis in Europa, trotz der hinzugekommenen Spesen, so wurde ihr das ganze Fabrikat abgeliefert, und ihr Verlust war um so grösser, je besser die Ernte ausfiel. Die vor Kurzem erloschenen Verträge sind daher nicht wieder erneuert worden.[65]

Der anfänglich sehr schlechte Javathee hat sich durch Verbesserung der Kultur und Fabrikation sehr gehoben, sein Hauptmarkt ist Holland und Ostfriesland, er ist herber und stärker als Chinathee und steht in dieser Beziehung dem Assamthee näher, ohne ihm jedoch an Wohlgeschmack gleichzukommen. Nach dem Urtheil Sachverständiger wird er wohl im Stande sein, nach Aufhören der Kontrakte seinen Platz auf dem Markt zu behaupten und wahrscheinlich an Güte gewinnen, da das Publikum nur nach dem wirklichen Werth, nicht nach einem mehr oder weniger genau umschriebenen Schema zahlt.

Obgleich ich von der Bereitung des Thees nur einzelne Hantirungen mit ansah, so möchte ich dennoch eine kurze Beschreibung des ganzen Verfahrens geben, da es wohl nur wenig bekannt und das Produkt von so grosser Wichtigkeit ist. Ich folge dabei einem ausführlichen Aufsatze in der Natuurkundg. Tydsch, VII. 296.

Bei der Theefabrikation sind nur wenige Chinesen beschäftigt, in manchen Fabriken gar keine, in den meisten zwei bis drei Individuen, die aber dann nur in der Fabrik, nicht in der Pflanzung, thätig sind. Etwa 35 Tage nach dem Beschneiden der Sträuche, früher oder später, je nach dem Klima, beginnt das Pflücken der Blätter, von denen sich 6–7 an den jungen Trieben befinden. Die Pflücker der Spitzen kneifen die Spitze des Zweiges, die Blattknospe sammt dem äussersten kaum hervorgetretenen Blättchen ab; ihnen folgen die Pflücker der „Feinblätter”, die den grünen Zweig unter dem dritten Blatt abkneifen, also das zweite und dritte Blatt sammt Blattstiel sammeln; dann folgen die Pflücker der Mittelblätter, die unter dem fünften Blatt abkneifen, mithin das vierte und fünfte Blatt sammt Blattstiel nehmen; ist das sechste und siebente Blatt zart genug, um verwendet zu werden, so werden sie dergestalt abgerissen, dass ein kleines Stückchen davon am Zweig sitzen bleibt; dies geschieht, um die in den Achseln sitzenden Knospen zu schonen, aus denen sich Zweige für die nächste Ernte entwickeln sollen. Die eben beschriebene Art des Pflückens gilt nur für schwarzen Thee. Zum grünen Thee wird die Blattspitze wie zum schwarzen Thee abgekniffen, die übrigen Blätter aber werden ohne Blattstiel abgenommen, wie oben bei dem sechsten Blatt; der grüne Thee enthält also keine Blattstiele.[66]

Zur Bereitung des schwarzen Thees werden die eben gepflückten Blätter in ziemlich dünnen Schichten der Sonne ausgesetzt; sehr günstig ist es, wenn dabei ein leiser Wind weht. Die Blätter werden mehrere Male umgewendet und durch einander geschüttet. Nach höchstens 30 Minuten, je nach dem Wetter und der Temperatur, sind die Blätter ganz weich und bräunlich von Farbe, sie werden dann unter Dach gebracht; säumt man damit, so färben sie sich röthlich, ein Zeichen, dass sie an Güte verloren haben. In dem von einem Bambusgitter umgebenen Schuppen werden die Blätter in Haufen aufgeschüttet, es tritt Erhitzung und Gährung ein; sobald diese einen gewissen Grad erreicht haben, gewöhnlich nach 1/2 - 3/4 Stunden, werden die Blätter ausgebreitet und dann von neuem gehäufelt, dies wird vier- bis sechsmal wiederholt; sie müssen dann eine gleichmässige bräunliche Farbe haben; an Stelle des früheren Grasgeruchs zeigt sich schon Theegeruch.

In kleinen Mengen bringt man nun die Blätter in eingemauerte eiserne Pfannen, die so erhitzt werden, dass nur durch Gewohnheit abgehärtete Arbeiter im Stande sind, sie fortwährend mit der Hand darin umzurühren, um das Versengen zu verhindern. Die durch Entwickelung von Wasserdampf allmälig ganz feucht und weich gewordenen Blätter werden dann auf einen Tisch geworfen und geknetet: man nimmt deren so viel, als man mit beiden Händen fassen kann, und rollt sie zu einer Kugel zusammen, die aber mehrere male wieder aus einander gerüttelt wird, damit die Blätter sich nicht zu fest zusammenballen. Nach diesem ersten Kneten bleiben sie 1/2 Stunde in dünnen Lagen ausgebreitet liegen, worauf sie abermals in der Pfanne erwärmt und wiederum geknetet werden. Diesmal werden sie aber nicht wieder auseinander geschüttet, sondern zu Kugeln zusammengeballt, die sich mit zwei Händen bequem umfassen lassen, und in Körben über Kohlenfeuer getrocknet. Der Grasgeruch ist nun völlig durch das eigentliche Theearoma ersetzt worden; der schwarze Thee ist fertig bis auf das Sortiren, Sieben, Trocknen, Verpacken u. s. w.

Zur Bereitung des grünen Thees werden die frisch gepflückten Blätter unmittelbar und so schnell als möglich in die angeheizten Pfannen gebracht. Man lässt die Arbeiter nicht zu viel auf einmal pflücken, weil die Blätter sonst leicht eine bräunliche Färbung annehmen. Nachdem sie 2–3 Minuten in der Pfanne umgerührt worden, wobei sie knistern und knattern, werden sie schnell, damit sie nicht anbrennen, auf den Tisch gebracht und geknetet; da sie nicht vorher an der Luft getrocknet waren, so werden sie dabei so nass, dass die Feuchtigkeit abläuft. Die Menge der Blätter, die man auf einmal kneten, aber nicht auf einmal mit den Händen umfassen kann, wird gedrittheilt, um sie auszupressen; aus jedem Drittheil formt man eine Kugel, die so fest ausgedrückt wird, dass der grüne Saft in einem Strahl herausspritzt. Manche spülen auch diese Kugeln in kaltem Wasser ab und pressen sie nochmals aus, um die adstringirenden Eigenschaften zu mildern. Im Uebrigen weicht die Bereitung des grünen Thees nur noch darin von der des schwarzen ab, dass man jenen statt zweimal, fünfmal in die heisse Pfanne bringt und nach jedemmal von neuem knetet, aber nicht mehr auspresst; er wird also viel langsamer trocken, als der schwarze; andern Falls würde er seine frische, grüne Farbe verlieren. Nach dem vierten Erhitzen in der Pfanne enthält er nur noch wenig Feuchtigkeit und hat eine etwas schwärzliche Farbe; die schöne bläulich grüne Farbe nimmt er bei der fünften Erhitzung in einer nicht horizontal, sondern schräg eingemauerten Pfanne an, wobei er 1/2 Stunde lang kräftig und schnell umgerührt wird. Er ist dann völlig trocken. Die Spitzen der Zweige, welche auch bei dem grünen Thee die feinste Sorte geben, werden stärker ausgepresst als die andern Blätter, gewöhnlich auch mehrere male in reinem Wasser abgespült. Sie werden auch, wenn sie zart und klebrig genug sind, zwischen Daum und Zeigefinger zusammengerollt, und geben dann den „Gunpowderthee”. Das Adstringirende, das den frischen Blättern zum Theil entzogen werden muss, um sie geniessbar zu machen, wird also bei der Bereitung des schwarzen Thees durch Gährung, bei der des grünen Thees durch Auspressen und Auswaschen entfernt.

Am nächsten Morgen ritten wir den sanften Abhang des gestern erwähnten Schuttberges hinauf bis in den Krater des Papandayan. An einer Stelle, die die Inländer Luput nennen, konnten wir eine grosse Strecke weit eine natürliche Treppe benutzen. Es fliesst an dieser Stelle über die Schuttmassen ein inkrustirender sehr eisenhaltiger Bach. Die von dem angrenzenden Wald herabfallenden Blätter und Zweige werden von dem Wasser eine kurze Strecke weiter bewegt, wobei sie wegen der vielen Hindernisse immer eine Richtung quer gegen den Strom annehmen; so entsteht eine Reihenfolge kleiner Dämme, die von dem darüber hinfliessenden Wasser durch eine Sinterkruste zu einer Treppe verbunden werden. Schon ehe man die grosse Kraterkluft erreicht, brechen an vielen Stellen heisse Quellen hervor, die chemische Thätigkeit nimmt immer mehr zu und oben befindet man sich in einer Solfatara von wahrhaft riesigen Dimensionen, eingefasst von mehrere hundert Fuss hohen senkrechten Wänden weissgebleichten Gesteines, das in deutliche Bänke gesondert ist. Der Boden der ungeheuren Kraterschlucht ist überall mit sublimirtem Schwefel überzogen. An vielen Stellen sind grosse Massen desselben in kleinen Krystallen angehäuft, an andern Stellen sind sie zu braungelben Krusten zusammengeschmolzen, die zuweilen einen Fuss Dicke erreichen. Auch die grossen Trachytblöcke, die jetzt frei auf dem Boden liegen, sind mehr oder weniger zersetzt, auf allen Kluftflächen mit kleinen Schwefelkrystallen bekleidet und lassen vermuthen, dass sie früher relativ tiefer lagen, und dass ein grosser Theil der zu feinem Schlamm zersetzten Kratersohle durch den Regen fortgeschwemmt worden ist.

Ein grosser Schuttwall zieht sich im Hintergrund quer von einer Seite zur andern; man glaubt am Ende der Kraterschlucht zu stehen; hat man aber den oberen Rand des Walles erstiegen, so sieht man jenseits alle bereits angeführten Erscheinungen sich in noch grösserem Maasstabe wiederholen. Im Hintergrunde erblickt man wieder einen Schuttwall, der diesen Theil der Kluft begrenzt und hinter diesem wieder andere, und in jedem höher liegenden Felde der ungeheuren Solfatara nimmt die chemische Thätigkeit zu. Gegen das Ende der Kluft sah ich eine Erscheinung, die mir noch in keiner Solfatara vorgekommen war. Der Boden war mehrere hundert Fuss im Quadrat mit maulwurfartigen Hügeln bedeckt, die durch gewölbte Rippen zu einem ziemlich regelmässigen Netz mit einander verbunden waren. Beim Aufschlagen einer solchen Rippe fand sich die etwa 1/2 Zoll dicke Decke mit Schwefelkrystallen dicht bekleidet. Wahrscheinlich war die Kruste der Kratersohle an vielen Stellen durch die Gewalt komprimirter Dämpfe sternförmig zerborsten, so dass eine Art von Netz entstand; wenn sich dann eine Schlammmasse darüber ausbreitete, und durch Verdampfen allmälig plastisch wurde, so können die aus den Spalten heraufdringenden Wasser- und Schwefelwasserstoff-Dämpfe wohl im Stande gewesen sein dergleichen hohle Rippen zu bilden und sie mit Schwefelkrystallen auszufüttern. An manchen Stellen brach der Wasserdampf mit solcher Gewalt aus dem Boden hervor, dass nussgrosse Steine im Dampfstrahle auf- und abtanzten. Kochende Schlammpfützen wie in der Kawa-manuk waren in Menge vorhanden und der Boden in ihrer Nähe ebenso gefährlich zu betreten. Nach Junghuhn liegt der oberste Theil der Kraterkluft 6600' hoch und wird im Halbkreis von 700–800' hohen Wänden überragt. Vor dem grossen Ausbruch, durch welchen die Schlucht entstand, bildete der Berg einen geschlossenen flachen Kegel.

Wir ritten nach Tjisirupan zurück, wo wir uns von unserm Begleiter verabschiedeten und fuhren über Trogon nach Garut, überall von Gamelangmusik begrüsst. Der Regent war schon nach Wanaradja vorausgegangen, wo er uns nach dem ursprünglichen Reiseplan erwartete. Da der Doktor aber heute noch in Garut zu thun hatte, so blieben wir die Nacht im Pasanggrahan. Während wir in der Veranda Thee tranken, tanzten vor uns auf dem Alun-alun einige Rongengs. Der Tanz war nicht ungraziös, aber der begleitende Gesang zu gellend. Eine grosse Schaar inländischer Zuschauer hatte sich eingefunden; sie sahen mit lebhaftem Interesse zu; zuweilen nahmen auch Einige an dem Tanze Theil, wofür sie einige Deuten an die Tänzerin zu entrichten hatten. Als wir zu Bette gingen, liess der Bedana Tanz und Musik plötzlich aufhören, und Alles musste nach Hause gehen.[67]

22. Juli. Wir fuhren auf der linken Seite des Tjimanuk durch das reiche Thal von Trogon-Garut nach Wanaradja, wo uns der inländische Fürst mit einem Frühstück im Pasanggrahan erwartete. Dies war das niedlichste Dörfchen, das ich bisher gesehen. Es besteht ganz aus Bambus, die einzelnen Häuschen sind nach den zierlichsten Mustern aus schwarzen und weissen Bambusstreifen geflochten; die Scheunen, Einzäunungen und Aussenhäuschen so klein und so gefällig, dass das Ganze fast wie hübsches Spielzeug aussieht. Nach dem Frühstück ritten wir auf schönen muthigen Pferden des Regenten, die viel arabisches Blut enthielten, nach dem auf dem Kamm der östlichen Thalwand gelegenen „Weissen See” (telaga bodas.) Auf bequemer Strasse, die abwechselnd durch Wald- und Kaffeegärten führte, erreichten wir das westliche Ufer des fast kreisrunden Wasserbeckens. Das perlweisse Wasser sticht eigenthümlich gegen den üppigen Wald ab, der es umsäumt. Die Farbe erhält es von dem darin suspendirten feinen Thonschlamm, den die Thätigkeit der Solfataren am Seeboden und am jenseitigen Ufer durch Zersetzung des Gesteins ihm zuführt. Auf einer mit einem Sonnendach versehenen, bereit stehenden Fähre gelangten wir an das jenseitige Ufer. An vielen Stellen des Sees brodelte das Wasser auf und verrieth durch den Schwefelwasserstoffgeruch die vulkanische Thätigkeit auf seinem Boden. Ich übergehe hier die vulkanischen Phänomene, die im Wesentlichen eine, obgleich viel schwächere, Wiederholung der in der Kawa-manuk und am Papandayan beschriebenen sind und für die meisten der Leser kein Interesse haben. Noch schöner als der Ritt, der uns in den Wald hineingeführt hatte, war der Rückweg, der bei jeder Wendung eine andere Aussicht über das vom Guntur, Papandayan und Tjikorai begrenzte Thal des Tjimanuk gewährt. Es ist ungemein fruchtbar und reich bebaut. Auf den Reisfeldern heben sich zahlreiche Haine von Fruchtbäumen, die je ein Dörfchen verbergen, dunkelgrün ab. Viele Paal weit ritten wir durch Kaffeegärten, welche in dieser Meereshöhe (2000 bis 4000') besonders gedeihen. Diese Höhenzone ist auf Java für den Europäer ein ungemein reizvoller Aufenthalt, das Klima ein ewiger Frühling. Der Wald zeigt sich hier in seiner ganzen tropischen Pracht, mehr noch als in der tieferen Zone. Zwar treten die Palmen schon merklich zurück; von den kultivirten ist nur noch die Arengpalme (Saguerus saccharifer Bl.) häufig, aber die Calamusarten kommen hier erst recht zur Entfaltung und durchziehen zugleich mit riesigen Lianen, deren einige schenkeldick werden, nach allen Richtungen den Wald, die höchsten Stämme umwickelnd, oder wie grosse Taue von Baum zu Baum gespannt. Zierliche kleine Areca- und Pinangapalmen, oft mit schön gefärbtem Stamm und glänzend rother Fruchttraube und Baumfarne, die bis 40' Höhe erreichen, treten hier zuerst auf und verleihen dem Walde einen neuen Reiz. In dieser Zone wachsen auch die Rasamala (Altingia liquidambar), Riesenbäume, deren Höhe nach Junghuhn's, an gefällten, unter den höchsten ausgewählten, Individuen angestellten Messungen bis 180' erreicht, während ihre durchschnittliche Höhe 150' beträgt. Der Waldboden ist mit einem Teppich von Lycopodien, Farnen und Kräutern bedeckt, auf welchem sich wilde Musen, Scitamineen, Alsophilen und Ardisien erheben. Wohl keine Zone reizt den Sammeleifer des Gärtners in höherem Maasse; die Aeste sitzen voll Orchideen, epiphytischer Farne und Schmarotzer; hier findet sich Alles, was den Treibhäusern schon einzeln zum höchsten Schmuck gereicht, in grösster Fülle beisammen.

Wo der Wald zur Anlegung von Kaffeepflanzungen gelichtet, ist es nicht minder schön. Breite, mit dichtem Grase bewachsene Strassen führen durch dieselben und sind zu beiden Seiten mit Hecken blüthenreicher Sträucher eingefasst. Heute ritten wir wohl eine deutsche Meile weit durch eine solche Pflanzung, deren Saum zu beiden Seiten des Weges aus üppig blühenden Rosenhecken bestand. Die Kaffeesträucher tragen zwar das ganze Jahr hindurch Blüthen und Früchte, die eigentliche Blüthezeit fällt aber in den Herbst. Jetzt sassen Knospen in den Blattachseln, in kleinen Büscheln zusammen, so dass die schlanken, herabhängenden, mit glänzend dunkelgrünen, gegenständigen Blättern dicht besetzten Zweige, wenn sie blühen, längs der Mittellinie mit einem weissen Streifen wohlriechender Blümchen besetzt sein müssen. Ueber den Kaffeesträuchern schwebt in 30–40 Fuss Höhe ein leichtes, durchsichtiges Laubdach von Erythrinen, die mit den jungen Kaffeesträuchern zugleich gepflanzt werden, um ihnen Schatten zu geben, aber viel schneller wachsen. So hat man zur Blüthezeit ein von scharlachrothen Blumen durchwirktes Laubdach über einem weissen Blüthenwald. Wenige Tage nach der Blüthe setzt die Frucht an, in sechs Monaten ist sie reif, sie gleicht dann einer dunkelrothen Kirsche, ist aber etwas länglicher. Innerhalb der süsslichen, fleischigen Hülle sitzen 2 Kaffeebohnen,[68] jede von einer dünnen, zähen, pergamentartigen Haut fest umschlossen, mit den flachen Seiten gegen einander; es sind die Samen, die längliche Vertiefung in der Mitte der flachen Seite enthält den Keim. Nach der Ernte werden zuerst die eingesammelten Beeren auf flachen Hürden an der Sonne getrocknet. Um sie gegen Regen und den nächtlichen Thau zu schützen, müssen sie unter Dach gebracht werden; oft geht den Bauern bei lange anhaltendem Regenwetter die ganze Ernte verloren, da Bohnen, die durch Nässe schwarz oder unansehnlich geworden, im Packhaus nicht angenommen werden. Ist nach 5–6 Wochen die Hülle trocken, so wird sie durch Stampfen in mit Büffelfell ausgefütterten Gruben oder in hölzernen Mörsern abgelöst. Durch abermaliges Stampfen werden die aufs neue getrockneten Bohnen von der Pergamenthaut befreit, eine Arbeit, die viel Vorsicht verlangt, da zerstossene Bohnen einen grossen Theil ihres Werthes verlieren.

Zur Anlage einer Kaffeepflanzung wird zuerst der Wald gelichtet; da der Kaffeestrauch aber Schatten liebt, so lässt man zuweilen eine genügende Anzahl Bäume stehen und pflanzt zwischen den grossen auf dem Boden liegenden Stämmen, die zu schwer für den Transport, dem Vermodern preisgegeben werden. Das Erzeugniss dieser etwas rohen Kulturmethode, die mit dem Reisbau in Gagas (S. 133) verglichen werden kann, ist in Java als Waldkaffee bekannt. Gewöhnlich aber wird der ganze Wald gefällt; die Stämme werden fortgeschafft oder verbrannt, die Wurzeln ausgegraben, eine schwere Arbeit, die viele Hände und die Anwendung des Büffels erfordert. Steiniger Untergrund muss vermieden werden, weil die Pfahlwurzeln sonst nicht in die Tiefe dringen können, und schon ganze Pflanzungen aus dieser Ursache zu Grunde gegangen sind. In den gesäuberten Boden pflanzt man in 8–12 Fuss Abstand die in besonderen Saatbeeten erzogenen oder aus abgefallenen Früchten entsprossenen 12–15 Zoll hohen Sämlinge. Die besten Pflanzen sollen aus dem vom Musang (Paradoxurus musanga) ausgeworfenen Samen spriessen.[69] In der Regel, namentlich in weniger als 2500' hoch gelegenen Pflanzungen, werden die gefällten Waldbäume durch besondere Schatten gebende Bäume, gewöhnlich Dadap (Erythrina sp. div.), ersetzt, die so gepflanzt werden, dass jeder Kaffeestrauch zwischen 4 Schattenbäumen steht, daher der Name Dadapkaffee zum Unterschied von Waldkaffee. Die Pflanzungen müssen besonders in den beiden ersten Jahren sorgfältig gejätet, die Bäume von schädlichen Schmarotzerpflanzen und Thieren gesäubert werden. Auch Erdarbeiten sind nöthig, um das Fortschwemmen des fruchtbaren Bodens durch die heftigen tropischen Regen an den Bergabhängen zu verhindern. Kunstgemässes Beschneiden der Zweige, worauf in Westindien so viel Sorgfalt verwendet wird, weil es den Ertrag sehr vermehrt, findet in Java bei den Regierungspflanzungen nicht statt. Im dritten Jahre trägt der Baum die ersten Früchte, im vierten giebt er eine volle Ernte, nach 12–14 Jahren ist der Ertrag so gering, dass er die Mühe des Pflückens nicht mehr lohnt; der Boden ist erschöpft, die Pflanzung wird verlassen und „abgeschrieben”. Um den Ausfall zu decken, müssen daher die Beamten Sorge tragen, fortwährend neue Pflanzungen anzulegen; ein Zuwachs derselben hat aber in den letzten 20 Jahren nicht stattgefunden.[70] Früher wurden die abgeschriebenen Kaffeegärten der inländischen Bevölkerung überlassen, die Regierung fürchtete aber, dass es mit der Zeit an passenden Ländereien mangeln würde, und lässt jetzt die verlassenen Pflanzungen brachliegen, damit sie sich wieder erholen, d. h. damit durch allmälige Verwitterung des Bodens wieder zur Erzeugung von Kaffeebohnen erforderliche Salze in hinreichender Menge löslich werden. Man nimmt dazu im günstigsten Falle 10 Jahre an, so dass nach dem jetzt bestehenden System ein wenigstens 10 mal so grosser Flächenraum, als wirklich in Produktion ist, zur Verfügung gehalten werden muss. Für Privatpflanzer, die nicht unumschränkt über Arbeitskräfte und Grund und Boden verfügen können, ist ein solcher fortwährender Wechsel unausführbar. Sie düngen daher den Boden, wie in vielen andern Kolonien, und ernten durchschnittlich von alten und jungen Bäumen zusammen je 1 ℔, während die Regierung trotz des Wechselns nur 1/2 ℔ erhält.[71] Der mittlere Ertrag steht aber in Java weit unter demjenigen anderer Kaffeeländer, wo man 2, ja 3 und 4 ℔ trockener, gereinigter Bohnen von jedem Baum erntet. Um so auffallender erscheint es, dass gerade in Java der Kaffeebaum so ausserordentlich vermehrt worden ist, dass auf dieser Insel, wenn man die abgeschriebenen mitrechnet, vielleicht mehr Kaffeebäume vorhanden sind, als in allen übrigen Kaffeeländern zusammen.

Nächst dem Reis, der das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung ausmacht, hat keine andre Pflanze für Java eine so grosse Wichtigkeit, als der Kaffeestrauch, dessen Kultur mit den dortigen Zuständen in inniger Wechselbeziehung steht. Java war eine der ersten Kolonien, in welche die in Mittel-Afrika einheimische, obgleich Coffea arabica genannte Pflanze eingeführt wurde (1696); von Java verbreitete sich der Kaffeestrauch über Amsterdam (1706) nach Surinam (1719), Westindien (1722), und von dort nach Bourbon.[72] — 1795 lieferte Java 18,600,000 ℔ Kaffee und der Gewinn an diesem Artikel war schon damals die Haupteinnahme der alten Kompanie. Als Marschal Daendels Guvernör war (1808–11), dehnte er, um die Einkünfte der Kolonie schnell zu vermehren, den Kaffeebau mit der ihm eigenen Energie aus, und pflanzte 45,700,000 Sträucher, wodurch er ihre Gesammtzahl auf 72,669,860 brachte. Der gehoffte finanzielle Erfolg trat aber nicht ein: 1811 eroberten die Engländer Java, dessen durch die Kontinentalsperre vom europäischen Festland ausgeschlossener Kaffee fast werthlos wurde, so dass viele Pflanzungen wieder eingingen. Raffles, der englische Guvernör und derselbe der später Singapore gründete, hob die Zwangsarbeit und die gezwungenen Lieferungen auf und setzte eine Grundsteuer an die Stelle, was er vielleicht nicht gethan haben würde, wenn die gezwungenen Kaffeelieferungen eine bedeutende Einnahmequelle für die Regierung gewesen wären. Als 1816 die Holländer zurückkehrten, „verpachteten” sie die vorhandenen Kaffeegärten an die Dorfgemeinden gegen eine Abgabe, die 36–531/3 % vom mittleren Ertrag der Pflanzung gleichkam; über den Rest durfte der Bauer frei verfügen, und konnte ihn auch für einen feststehenden Preis der Regierung überlassen. Da letztere aber auf diese Weise nicht genug Kaffee erhielt, so verbot sie später allen Europäern, Kaffee zu kaufen, und liess es geschehen, dass ihre Beamten, um die Produktion zu vermehren, allerlei Zwangsmassregeln anwendeten, so dass allmälig von der freien Arbeit und freien Verfügung nichts übrig blieb als der Name. — 1832 wurde das Kultursystem eingeführt, wodurch die Kaffeeproduktion schnell vermehrt und gänzlich in die Hände der Regierung gebracht wurde. Jede Familie eines Bergdorfes musste binnen 4 Jahren 600 Kaffeebäume pflanzen und unterhalten und 2/5 der Ernte an die Regierung als Grundsteuer, 3/5 „zum Marktpreis” liefern. Da es gewiss sehr schwierig ist, bei gezwungenen Lieferungen einen Marktpreis zu ermitteln, so machte die Regierung im Februar 1833 bekannt, dass sie selbst den Marktpreis jährlich bestimmen würde. Der von ihr festgesetzte Preis wurde bis 1844 beibehalten, 1845 ermässigt und 1858 in eine „Belohnung” verwandelt, die nach dem Beschluss der holländischen Kammern (Gesetz vom 2. Sept. 1854, Art. 56) „dem bei den Regierungskulturen beschäftigten Eingebornen bei gleicher Arbeit wenigstens gleichen Gewinn, als bei freier Kultur, gewähren sollte.” In Folge dieser offenbar im Interesse der inländischen Bevölkerung erlassenen Bestimmung und trotz des höheren Werthes des Kaffee erhielt der Bauer nun 9,20 Gulden per Pikul, d. h. 0,80 Gulden weniger als 1833 und 0,87 Gulden mehr als seit 1844. Der mittlere Marktpreis betrug damals in Java 28,73 Gulden per Pikul, so dass dem Bauer bei freiem Verfügungsrecht nach Abzug von 2/5 Grundsteuer noch immer 17,23 Gulden geblieben wären, wovon er indessen den Transport bis zum Hafen zu zahlen gehabt hätte. Dafür muss die inländische Bevölkerung die Kaffeepflanzungen nach Anweisung der Regierungsbeamten, die gewöhnlich keine praktische landwirthschaftliche Kenntnisse besitzen, oft sehr fern von ihren Dörfern anlegen und unterhalten. Sie müssen sich auf eigene Kosten verpflegen, ihr Haus und Feld steht während der Zeit verlassen. Das Risiko, ob die schwere Arbeit nach 4 Jahren durch volle Ernten lohnen wird, ist nicht für Rechnung der Regierung, welche die Befehle ertheilt, sondern für Rechnung der Bevölkerung, welche sie ausführt. — Kein Kaffee, keine Bezahlung; die Arbeit war dann vergeblich; der Regierung entgeht nur der Gewinn, den sie am Kaffee gemacht haben würde. Es werden jährlich Hunderttausende von Bäumen gepflanzt, die nie Früchte tragen und der Bevölkerung nicht den geringsten Lohn einbringen. Kein Wunder, wenn der Eifer bei diesen Arbeiten nicht gross ist.

Es leidet wohl keinen Zweifel, dass die Zwangsarbeit, der im Verhältniss zur Mühe ungenügende Lohn, die Hauptursache des geringen Ertrages der Regierungspflanzungen ist, besonders bei der Unmöglichkeit einer ausreichenden Beaufsichtigung. Die Zahl der europäischen Kontrolöre ist so gering, dass sie trotz dem besten Willen und Eifer nicht den zehnten Theil der ihnen anvertrauten Pflanzungen gehörig verwalten können. Ihre Zahl beträgt etwa 200; jeder einzelne hat daher, abgesehen von den vielen andern ihm obliegenden Geschäften, die Aufsicht zu führen über 11/2 Million Kaffeebäume und über die zuweilen gleichzeitige Arbeit von mehr als 2000 Menschen, in Pflanzungen, die oft meilenweit von einander entfernt liegen. Trotz aller Mängel, die diesem von der Regierung selbst betriebenen Gewerbzweig anhaften, liefert derselbe jährlich so bedeutende Ueberschüsse, dass man sich nicht wundern darf, wenn das tiefgreifende, die Grundlage der Verwaltung ausmachende System nicht ohne Weiteres zu Gunsten liberalerer Theorien aufgegeben wird. Es ist freilich berechnet worden, dass diese Ueberschüsse nur einen scheinbaren Gewinn darstellen, und dass die Regierung durch Verpachtung und Verkauf ihrer Pflanzungen an Privatleute, selbst wenn der Ertrag derselben dadurch nicht vermehrt würde, an Steuern und Ersparnissen viel grösseren Vortheil ziehen würde, als gegenwärtig, besonders wenn auch das Monopol der Handelsmaatschappij aufgehoben würde. Wenn die gewöhnliche Annahme, dass die Pflanzungen in Händen von Privatleuten den doppelten Ertrag, d. h. 1 ℔ per Baum liefern würden, wirklich in Erfüllung ginge, so wäre der Gewinn einer solchen Maassregel in die Augen springend; denn die 2/5, welche die Regierung als Steuer erhebt, wären = 4/5 des Quantums, das sie jetzt erhält, und der Gewinn an dem fehlenden Fünftel würde vielfach aufgewogen durch die Ersparung der gesammten Kulturkosten und durch die Pacht der vorhandenen Pflanzungen oder die Zinsen des Verkaufskapitals. Bevor aber nicht in andern Kaffeeländern die Produktion hinreichend gestiegen sein wird, um die Preise herabzudrücken und der Regierung Verlust statt Gewinn zu bereiten, ist eine durchgreifende Aenderung des Systems wohl nicht zu erwarten.

Nach Tisch überraschte uns der gefällige Regent von Garut mit einem Wayang (javanisches Schattenspiel, das die Stelle des Theaters vertritt). Gespielt wurde in einem um wenige Stufen erhöhten, an einer Seite offenen Bretterhause. Auf einem darin aufgespannten grossen weissen Tuche erscheinen die Schatten der dramatischen Figuren, die äusserst zierlich aus Leder ausgeschnitten, und obgleich dem Zuschauer nur als Schatten sichtbar, reich bemalt und vergoldet sind. Die Gelenke sind beweglich. Das Stück fing vor Sonnenuntergang an und dauerte bis Sonnenaufgang, also ziemlich genau zwölf Stunden. Ein und derselbe Mann spricht die ganze Nacht hindurch den Dialog, wobei er nur zuweilen durch Gesang und Musik unterbrochen wird. Allein durch Genuss von Opium soll es ihm möglich sein, diese grosse Anstrengung auszuhalten. Das Schauspiel ist der javanischen Mythe entlehnt. Der Dialog wurde javanisch rezitirt, obgleich die Zuhörer Sundanesen waren. Da wir den Text nicht verstanden, so zogen wir uns bald zurück. Mehrere hundert Zuhörer hatten sich eingefunden und folgten der Aufführung in regster Spannung; trotz gelegentlicher Regenschauer hielten fast alle, auf dem Boden vor der Bühne kauernd, bis zum Ende aus; in dem geräumigen Hause standen nur drei Stühle für den Regenten und seine beiden Gäste.

Als wir uns am folgenden Morgen von dem gastfreien Fürsten trennten, lud er uns zu einer jener berühmten Hirschjagden ein, die gegen Ende der trockenen Jahreszeit, nachdem die grossen mit Alang-alang-Gras (Saccharum Koenigii Retz.) bedeckten Flächen abgebrannt worden, in den Preanger Regentschaften stattfinden. Das Alang-alang erreicht eine Höhe von 3–5 Fuss. Grosse Strecken Landes sind namentlich im Süden der Preanger Regentschaften von solchen Graswüsten bedeckt, die an die Stelle ausgerodeter Wälder treten, sobald die Kultur in den Lichtungen wieder aufhört. Es sind undurchdringliche Gebiete, die zahlreichen Hirschen, Wildschweinen und Tigern zum Aufenthalte dienen. Gegen Ende der trockenen Jahreszeit pflegt man die Graswüsten zu verbrennen; dann finden auf dem nun zugänglichen Boden jene berühmten Hirschjagden statt, denen ich leider nicht beigewohnt habe, die aber der Beschreibung nach so interessant sind, dass sie wohl Erwähnung verdienen. Die inländischen Fürsten begeben sich mit zahlreichem Gefolge auf das Jagdgebiet und verfolgen den Hirsch auf sehr edlen, zu dem Zweck besonders abgerichteten Pferden, welche wegen ihrer Flüchtigkeit „Kuda-burong” (Vogelpferde) genannt werden; sie sind ungesattelt; der Reiter trägt ausser Hut und Jagdmesser nur eine kurze Hose, die so ausgeschnitten ist, dass er nackt auf dem nackten Pferde sitzt. Sobald ein Hirsch sichtbar wird, verfolgt ihn das Pferd mit dem Eifer eines Jagdhundes und sucht, wenn es ihn erreicht, dicht an seine Seite zu springen, worauf der Reiter mit einem Hiebe des Jagdmessers, der die Rippen durchschneidet, das Thier erlegt. In Batavia sah ich später eine solche Jagd auf einem grossen Oelbilde von dem talentvollen inländischen Künstler Raden Saleh dargestellt, der seine Kunst auf Kosten der holländischen Regierung bei den besten Meistern in Europa erlernt und nebenbei Eugène Sue das Modell zum Prinzen Djalma geliefert hat. Unser Regent rühmte sich, auf solche Weise bereits 127 Hirsche erlegt zu haben.

Bei dieser Gelegenheit hörte ich auch zum erstenmal eine Geschichte, die mir später noch öfter von sehr glaubwürdigen Männern wiederholt wurde. Ein General-Guvernör fragte bei seiner Durchreise Herrn L. B., einen reichen Pflanzer und grossen Tigerjäger in Salatiga, wieviel Tiger er schon getödtet habe? Antwort: 144. Als sich der Guvernör bei seiner Rückkehr nach einigen Tagen die Zahl schriftlich erbat, gab L. B. 148 an. „Nun wundere ich mich nicht mehr über die grosse Summe”, antwortete der Guvernör; „neulich waren es nur 144, und heut sind es 148.” „Allerdings,” antwortete Herr L. B., „denn gestern habe ich vier Tiger erlegt.”

23. Juli. Von Wanaradja setzten wir in nördlicher Richtung die Reise durch das Manukthal fort bis Tjihorrai, wo das Gebiet von Sumedang beginnt, das gleichfalls zu den Preanger Regentschaften gehört. Junghuhn hatte dem Assistent-Residenten unsern Reiseplan mitgetheilt und für uns seine Unterstützung erbeten, wie dies bei reisenden Regierungsbeamten üblich ist, bevor sie eine neue Provinz betreten. Danach waren alle Anordnungen getroffen mit einem Aufwand von Ehrenbezeugungen, von dem man sich in Europa keine Vorstellung macht. An der Grenze erwartete uns ein Trupp von dreissig uniformirten Reitern mit Fahnen. Sobald wir die für uns bereit gehaltenen Pferde bestiegen hatten, setzte sich der Zug in Bewegung. Es war ein schöner Anblick, als die bunt kostümirten Reiter auf den schmalen Zickzackpfaden der Bergabhänge hinter Felsen und Baumgruppen abwechselnd erschienen und verschwanden. An mehreren Stellen waren neue Brücken über die Bäche geworfen. Der Weg führte östlich in das Gebirge hinein. Als wir Malembong erreichten, empfing uns ausser der Gamelangmusik, an die wir nun schon gewöhnt waren, auch noch ein Sängerchor. Während der Abendmahlzeit entfalteten vor unserer Veranda ein Paar tanzende Rongengs ihre Reize beim Scheine des Mondes und einiger Dammarfackeln, von einem zahlreichen Zuschauerkreise umgeben, während im Hintergrunde mehrere hohe vulkanische Gipfel in die klare Luft emporragten. Die Tänzerinnen singen beim Tanzen javanische, gewöhnlich improvisirte Strophen. Zuweilen kommt im Gesang etwas ergreifend Wildes vor, das auch für europäische Ohren Reiz hat.

24. Juli. Von Malembong nördlich nach Pawenáng. Hier hält der Wagen still. Ein Trupp Reiter wartet auf uns, um uns ins Gebirge zu begleiten, worauf wir im Wagen den Weg nach Sumedang, der Hauptstadt des Distrikts, fortsetzen. Auf allen Stationen steht für uns der Tisch gedeckt, das Mittagessen fertig. Wir entscheiden uns endlich für Derma-radja, wo wilder Pfau, appetitliche malayische Karis und mannigfaltige Sambals uns anlockten.[73] Der Bedana, der hier die Honneurs machte, ein hübscher junger Mann, war der Sohn und muthmassliche Nachfolger des Fürsten von Garut. Seine Höflichkeit war zwar eben so gross, als die der übrigen Bedanas, doch sprach sich dabei gleichzeitig unverkennbar eine gewisse Vornehmheit aus. In Sumedang schickte der Regent seinen Wagen mit einer Einladung zu einem malayischen Ballet, die mit Vergnügen angenommen wurde, da seine Bedajas (Privattänzerinnen) die berühmtesten im ganzen westlichen Java sind. Der Fürst, ein mit 36 Kindern gesegneter Familienvater, von denen zehn oder zwölf der Jüngsten in reichen, goldgestickten Kostümen anwesend waren, empfing uns in seinem Palast an dem Ende eines langen Saales; er war äusserst liebenswürdig gegen seine Gäste, und entwickelte dabei eine gewisse Frivolität, wie ich sie selbst bei einem javanischen Muhamedaner nicht vermuthet hätte. Es fanden sich noch mehrere Europäer ein, und als die Gäste vollzählig waren, gab er das Zeichen zum Anfange.

Vier Tänzerinnen mit goldenem, helmartigem Kopfputz, oranienrother Jacke ohne Aermel und einem blau und weiss gestreiften Sarong, der bis zum Boden reicht, traten in zwei Paaren am andern Ende des Saales ein. Sie hatten Lanzen in den Händen und gingen mit niedergeschlagenen Augen feierlich um den ganzen Saal. Bei jedem Schritt machten sie Halt und verneigten sich nach der einen und andern Seite. Sobald dieser Umgang vorüber, schlug die Musik eine muntere Weise an, der ein lebhafterer Abschnitt des Tanzes folgte. Der dritte Abschnitt stellte eine Herausforderung dar. Die Tänzerinnen trugen dabei Pfauenwedel, mit denen sie einander verächtlich berührten. Darauf folgte der Kampf, wobei Kris, Pfeil und Bogen angewendet wurden; er schloss damit, dass zwei Tänzerinnen, als die Besiegten, niedersanken. Der letzte Akt schien Trauer und Reue über das Vorgefallene auszudrücken. Leider konnte keiner der Anwesenden die Bedeutung des Tanzes genauer erklären. Jeder Abschnitt hatte seine besondere Musik, die zuweilen sehr ergreifend und hinreissend war, einige male fiel auch ein Sängerchor ein.[74] Der ganze Tanz war ungemein feierlich und ist gewiss religiösen Ursprungs. Alle Bewegungen waren graziös und ausdrucksvoll, aber gemessen; der Ausdruck des Gesichts blieb immer schwermüthig und sehr ehrerbietig, drückte aber eben so wenig die wirkliche Stimmung der muthwilligen Mädchen aus, als das stereotype Lächeln unserer Ballettänzerinnen nach anstrengenden Sprüngen dies thut. Die nackten Füsse waren sehr schön geformt, klein und so wohl gepflegt, wie die Hände eleganter Damen. Zwei Mädchen hatten recht hübsche Gesichter, alle waren wohl gewachsen. Wahrscheinlich stammen diese Bedajas noch aus der Hinduzeit, auch erinnert der Kopfputz sehr an die Wayangfiguren.

Bei dem Assistent-Residenten sah ich eine Sammlung auf Java gefundener Alterthümer: Bronzen von zum Theil vorzüglicher Arbeit, die einen hohen Zustand der Kunst verriethen (die aber vielleicht von ausserhalb eingeführt waren), und eine Sammlung von Waffen, Geräthschaften und Schmucksachen aus Kiesel, welche, wie ich erfahren habe, jetzt nach Leyden gekommen sind, und als Proben eines unserer Steinzeit parallelen Zeitalters auf Java von hohem Interesse für Archäologen sein dürften.