1.
Welch wunderliches Erlebnis, zur Erbin des »grauen Alltags« ernannt zu sein! In unserer Familie ist seit Generationen ein Suchen nach Licht gewesen, ein Hunger nach Freuden und Sonntagen. Und ein Durst nach Arbeit, Pflichterfüllung und schöner Ruhe. Was fange ich mit dem grauen Alltag an? Zu lesen steht es in dem großen, gelben Aktenbogen, der sich auf meinem altmodischen Schreibtisch breitmacht. Das steife Papier rollt sich eigenmächtig auf und wieder zusammen. Dann gibt es einen knisternden Knack: »Ich bin hier,« sagt dieses Knistern, »du schaffst mich nicht aus der Welt, auch nicht wenn du den Kopf in den alten Sorgenstuhl einwühlst. Vogelstraußpolitik? Schäm’ dich!« Und des Holzwurms Ticken und Bohren, der im Innern des Schreibtisches rumort, klingt wie Entrüstung. Der gelbe Aktenbogen sagt:
»Laut Testament der Erblasserin ist Freiin Jesuliebe-Brigitte v. Lage in Erfurt (Thüringen) die Universalerbin des grauen Alltags.«
Die Erblasserin ist vor 25 Jahren meine Taufpatin gewesen. Sie war weitläufig mit uns verwandt, »von sieben Suppen eine Schnitte«, wie der Volksmund sagt. Aber gerade diese eine Schnitte hat trotz ihres wunderlichen Beigeschmackes meinen Eltern immer gemundet. – Trotzdem dachte niemand von uns Thüringer Lages an den grauen Alltag. Da kam Tante Jesuliebe einmal drunten von der holländischen Grenze zu uns nach Erfurt. Wie ein altes Bild. Als ob die Zeit stehengeblieben sei, oder als ob die Biedermeierkleidchen, die sie als Kind getragen, mit ihr zugleich gewachsen seien: Die Eltern schickten sich in großer Feierlichkeit an, Tante Jesuliebe in »Gückels Staatswagen« abzuholen, während ich mich dem Mitfahren geschickt entzog und lieber hinter einem Pfeiler an Silbers Hotel versteckt die Ankommende beobachten wollte. In diesen Vorbereitungen stöberte mich ein wunderliches Lebewesen auf, indem es mir einen riesengroßen, roten Regenschirm reichte, wie ihn die Bauern an Markttagen über sich spannen. Dazu schrie es mich an: »Was lungerst und kuckst du? Siehst du nicht, daß es regnet? Spann’ mir den Schirm auf, nimm mir einen Teil Sachen ab, und dann zeig’ mir das schöne, alte Erfurt.« Ihre durchdringenden, grauen Augen sahen mich so stolz und heischend an, daß ich, in altväterischem Gehorsam erzogen, keinen Widerspruch wagte, sondern das Schirmungetüm öffnete. – Darauf hing sie noch an meinen linken Arm ein Marktnetz, das mit einem Zeitungspapier ausgelegt war: »Nachrichten aus der Grafschaft Bentheim.« Bepackt war es mit Haar- und Kleiderbürsten, mit Kämmen, Zahnbürste, Seife und Schwämmen bis oben hin. Sie selbst trug eine große, mit roter Wolle gestickte Reisetasche, die den preußischen Adler in schwarzweißen Perlen zeigte. Auf der Rückseite war in gelber Seide riesengroß »Bon voyage« gestickt. So zogen wir durch Erfurt und hatten ein großes Gefolge hinter uns von Schuljugend und kopfschüttelnden und lachenden Müßiggängern. Ich kam aber gar nicht zum »Schenie«, wie der Erfurter sagt, denn meine Unbekannte erzählte so herrliche Geschichten von jedem alten Hause, von jeder lutherischen oder katholischen Kirche, daß ich ganz glückselig zuhörte und schließlich meinte, sie müsse ja wohl in Erfurt geboren sein, was denn auch der Wahrheit entsprach. »Vor 200 Jahren«, rief sie pfiffig. Und dann standen wir schließlich vor dem alten Kloster, darinnen mein Vater seine Amtswohnung hatte, und die alte Dame meinte, just dahinein wolle sie, und es schiene ihr beinahe, als sei ich ihr Patenkind Brigitte-Jesuliebe Lage. – Oben fanden wir Vater und Mutter und die alte Köchin recht mißmutig vor, da die Großtante nicht angekommen sei.
»Lieber Herr Vetter, ich fahre nicht gern im Wagen rasch nach Hause, sondern mache in jeder Stadt gern einen kleinen Umweg zu Fuß«, bedeutete ihm damals der unverhoffte Gast. Der »kleine« Umweg hatte zwei und eine halbe Stunde gedauert, und ich hatte den Krampf in beiden Armen. Aber lustig war’s gewesen, und die alte Marie kochte frischen Kaffee, und die Thüringer »Kräpfel, Wuchteln und Maulschellen«, das Erfurter Eigengebäck, bildeten gleich das Abendbrot.
Großtante Lage aß 15 Stück davon, nahm immer nach je dreien einen Löffel Bullrichsalz und ging dann gleich hochbefriedigt zu Bett. –
Der rote Regenschirm von der Großtante ist schuld, daß ich Erbin des grauen Alltags bin. Mit dem roten Regenschirm hat sie alljährlich der Reihe nach ihre Neffen und Nichten erprobt, die weit näher als wir mit ihr verwandt waren. In Bayern, in Schlesien, in Pommern, in Württemberg und in Holland war sie, aber überall hatte sich die Jugend geweigert, mit ihr und dem Schirm durch die Straßen zu ziehen. Viel Grobheit und Verlachen und eitel schnippische Antworten sind ihr zuteil geworden; weiß nicht, welch guter Engel gerade damals über mir wildem, unbotmäßigem Ding gewacht hat, daß ich meine spottlustige Zunge im Zaume hielt. – So wurde es für mich wahrhaft eine »bon voyage«. Herzlieber, guter, alter Regenschirm, hab’ Dank! Du ließest mich einen Menschen finden und gabst mir eine Heimat!