12.
Ich werde mich mit dem alten Pastor noch einmal auseinandersetzen. Er geht des öfteren um den Friedhof herum, wenn ich darin arbeite, und sieht mir scharf auf die Finger. Ich habe mir einen tüchtigen Gärtner und seinen Gehilfen aus der Stadt kommen lassen, damit erst einmal Ordnung auf dem Gottesacker geschaffen wird. Wie der Friedhof, so das Dorf und sein Patron. Meine eigene Bequemlichkeit, die Instandsetzung des Parkes, des Gartens, die Gewächshäuser, – alles dies kann warten, ich erachte es gering gegen die Pietätspflicht. Am 29. Juni ist der Geburtstag der Heimgegangenen. Einen Stein will ich dann bestellen, der Tante Jesuliebes Namen tragen soll.
Jesuliebe!
Ich weiß nicht, ob sie Gott und Gottes Sohn geliebt hat. Sie soll die Kirche nie besucht haben.
Aber die Armen und Siechen haben mir von ihr erzählt, von ihrer gebefrohen rechten Hand, die nicht wußte, was die linke tat. So soll auf dem Stein nur stehen: »… ihre Werke folgen ihnen nach«.
Wenn mir der Ritter Lage nur nicht so viel Rätsel aufgeben möchte! Und ich wette, wenn ich den nächsten Brief öffne, so steht darin: »Ich bin gar nicht rätselhaft, verehrte Regenschirmbase.« Sein Gedankenlesen ist unheimlich. Heute lag sein Brief auf Urahn Joochens Grab im Walde. Dessen Geburtstag ist heute, das habe ich aus der Urkunde entnommen, und Ritter Lage nahm natürlich an, daß ich Kranz oder Strauß niederlegen würde:
»Ich muß abbitten, liebste Regenschirmbase, wie ein ganz armer Sünder. Glaubte und – fürchtete, daß das rasche, junge Geschöpf dem Wunsche der Toten schon nachgekommen wähnte (zünd an, Brigitte Lage, zünd an!), wenn es dem heiligen Clemens alltäglich seine Lampe füllte … Und nun ist dies Menschenkind so reif, daß es tiefer und weiter gedacht hat, und so gut, daß es mit Freuden den Hilferuf der Heimgegangenen in die schöne Tat umsetzt. Wäre ich nicht ein alter, kranker, verbitterter Mann, der unfroh fern in Holland (?) sitzt …
Aber ich darf doch in Gedanken die kleine, fleißige, tapfere Hand küssen, die unser altes Lage mit so sicherem Griff gepackt hat. – Doch kann der alte Mann seinen Rat nicht vorenthalten: Jeder Kraftfahrer läßt seine Maschine langsam angehen. Bei Brigitte Lage ist noch zuviel Überschüssiges. Nach diesem Tempo muß der Körper schließlich Lehrgeld zahlen. (Ich überlege, aus welchem Teich Vetter Ernst der Hüne und Base Pauline die Bodenständige dies winzige Lebewesen herausgefischt haben.) Aber zäh ist’s, zäh, das merke ich schon. Und das braucht Lage. Also langsam! Langsam! Es wäre ein Jammer, wenn das Maschinchen einen Knacks bekäme.
Der Enterbte.«
Wie ist es nur möglich, daß solch ein Wort so froh machen kann! Bin ich so sonnenhungrig, daß mich ein paar hingeworfene Brocken schon Lichtstrahlen dünken? Jedenfalls ist das »Maschinchen« neu geölt, und – Dank für den guten Rat, Ritter Lage! –