13.

Welch großes Unglück! Ich bin ganz verstört. Die junge Förstersfrau wird sterben. – Mein Gott, wie ich das so bestimmt hinschreiben kann. – Sie ist schwer gefallen, als sie nach der kurzen Krankheit, die sie neulich zu überstehen hatte, ihren geliebten Wald zum erstenmal wieder aufsuchen wollte. Gleich will ich wieder zu ihr hin. – Von überall her werden die Ärzte erwartet. – Die Kranke ist ohne Besinnung. –

Abends: Tot! Ich fasse es nicht. Soll nicht Allmutter Natur die werdende Mutter schützen? Ein kleines gesundes Mädchen hat sie geboren, aber sie selbst … Das Kind schlummert bei mir in Haus Lage, es würde sonst ganz vergessen vom unglücklichen Vater, den der Schmerz bis zum Toben gebracht hat. Die Flinte hing er um und lief in den Wald, der alte Förster hinter ihm drein. Im Hause blieb eine alte, durch die Ereignisse völlig kopflose Wärterin und das kleine, schreiende Kind. Da habe ich’s auf den Arm genommen und bin mit ihm durch den Wald geschritten. Wohlverwahrt lag es an meiner Brust.

Und wie ich das warme Etwas spürte, – kam mir das Leben, das ich geführt hatte, seltsam leer und öde vor – bis heute … Die weise Frau aus Lage hat mir ein richtiges »Wochenzimmer« eingerichtet und mit derben Scherzen, wie sie diese Frauen leicht annehmen, nicht gekargt. Alle Sachen und Sächelchen, die solch ein Neugeborenes braucht, sind vom Försterhaus in mein Schlafzimmer übergesiedelt, und die alte Wärterin Marianne hat auch wieder einen Kopf bekommen, den ich ihr etwas zurechtsetzte.

Nun bin ich Mutter. Herrgott, hab’ Dank! Und hilf mir, daß ich eine rechte Mutter werde für dies Waislein.

Aber ein junges Leben mußte dafür auslöschen …

Wie ist alles so seltsam!

Der alte Förster kam heute und sah das schlafende, rote Gesichtchen lange gramvoll an.

Der unglückliche Vater hat noch nicht nach seinem Kinde gefragt.

Über all dem Neuen vergaß ich aber doch die Clemenskapelle nicht, ich halte dort meine Morgenandacht und lege mir in der tiefen, göttlichen Ruhe meinen Tag und seine Pflichten zurecht. Meine eigene evangelisch-lutherische Kirche ist ja immer geschlossen …

Viel wirre, bunte, krause Gedanken mußte ich heute in der Waldkapelle verarbeiten. Wir wollen übermorgen das Kind taufen am Sarge seiner Mutter und dann die Tote zur letzten Rast geleiten. Wie sollen wir das Kind nennen? Es sind keine Bestimmungen getroffen, die Eltern hatten nur immer vom »Stammhalter« gesprochen. Armes, kleines Mädchen, man hatte dich gar nicht erwartet. Der Vater antwortet auf keine Frage, die dich betrifft. Soll ich dir meinen Namen geben?

Als ich von der Kapelle fortschritt, hockte wieder der Krüppel davor. Hastig haschte er nach meiner Hand, legte sie sich auf seinen armen Kopf, an sein Gesicht. Und wackelte wieder neben mir her. Als ich mit der Hand nach dem Tempel wies, sah ich plötzlich einen bösen Ausdruck auf seinem ohnehin so häßlichen Antlitz. Und als er sich vor mir niederwarf und nach meinem Kleidersaum griff, herrschte ich ihn zornig an.

Wie konnt’ ich mich so vergessen! Diesem Ärmsten der Armen muß wohl vor allen Dingen meine Liebe gehören, will ich dem Wort nachfolgen: »Was ihr getan habt einem der Geringsten unter euch, das habt ihr mir getan.« – Als ich heimkam, war auch der Krüppel an der Schwelle und ließ sich nicht wegbitten, noch verjagen. Ich wollte ihn wieder in sein Zimmer bringen, aber Eva stand plötzlich vor der Tür, nahm seine Hand, führte ihn hindurch und schloß hinter sich zu. Es scheint, daß ich wenig Herrscherrecht hier habe …

»Gratulor«, schreibt Ritter Lage. »Also wir haben ein kleines Kind bekommen? Ich konnte es mir natürlich denken. Ganz Lage wird hinfüro Kleinzeugs in die Welt setzen, denn Freifräulein Brigitte nimmt alles an ihr warmes Herz. Und wenn Haus Lage nicht ausreicht, so ist der Tempel noch da und die Clemenskapelle. Ich stelle alles zur Verfügung und helfe auch beim Anbau. Das Haus der Regenschirmbase muß wie eine Ziehharmonika sein. –

Über den Namen des Kindes dürfen Sie sich nicht den hübschen Kopf zerbrechen. Es gibt nämlich nur einen Namen für dies Heidekind: ›Erika‹.

›Clementine‹ würde ich anmaßend von mir finden. Und gegen ›Brigitte‹ sträube ich mich, und werde es nie zugeben.

Und nun, verehrte Regenschirmbase, noch eine ganz ernste Sache: Sie werden den idiotischen Krüppel, der leider hie und da Ihren Weg gekreuzt hat, nie wieder berühren! Ich verlange das ganz einfach von Ihnen, kraft meines Rechtes als älterer Vetter. Und die kleine Base, die so fein zu organisieren, so tapfer zu befehlen, so lieb zu bitten versteht, wird ohne Widerspruch gehorchen. Und wird den Kranken mit Strenge in das Haus mit dem tempelartigen Vorbau verweisen, das auf meinem Grund und Boden steht. – Und nachdem das kleine Mädchen bis jetzt so getan hat, als hätte sie aufmerksam den Brief bis hieher gelesen, während sie doch ihre Gedanken nur an dem einen Punkte haften ließ, daß ich den Namen Brigitte verwerfe, sage ich ihm leise ins Ohr, daß Brigitte ganz einzig ist, gar nicht noch einmal in der Welt vorkommen kann, und es mir deshalb vom künstlerischen Standpunkt aus unleidlich ist, irgendein Lebewesen ebenso genannt zu wissen wie sie …

Clemens, der Enterbte.«