17.
Das Zimmer, darinnen Tante Jesuliebe gearbeitet und geschafft hat, und darin sie nach hartem Kampfe auch gestorben ist, habe auch ich mir zur Wohn- und Arbeitsstätte erkoren. Der riesengroße, ovale Tisch darin ist wohl eigentlich ein Eßtisch gewesen, aber die Verstorbene hat ihn als Schreibtisch benutzt, und ich tue desgleichen. Man kann die eingehenden Schreibereien übersichtlich darauf ordnen, man kann an verschiedenen Stellen daran schreiben, ohne nur ein Blatt von dem zu verschieben, was sonst auf dem Tische ruht, und sowohl das Juchtenbuch, als auch der ehrenfeste Foliant, den man kaum aufheben kann ob seiner Schwere, haben darauf Platz. »Mit Gott, Brigitte Lage, zünd an!« …
Als ich heute durch den Ahnensaal schritt, war mir’s, als schaue das Bild von Jesuliebe Lage mich an. Es pflegt eigentlich über den Kopf des Beschauers hinweg zu sehen; der Maler hat diese Eigentümlichkeit der Verstorbenen, deren ich mich wohl erinnere, ganz vorzüglich herausgeholt und dargestellt. Aber sie sah mich wahrhaft heute an mit gutem Blick.
Hab’ ich ihren Wunsch denn schon erfüllt? Bin ich auf dem Wege dazu?
In Tante Jesuliebes Zimmer kommen mir Erkenntnisse. Sitze ich in dem runden Sessel am Schreibtisch, in dem ich schier versinke, so wird mir alles übersichtlich in Kopf und Herz, was mir vorher ungeordnet schien. Vielfach verknotete Dinge entwirren sich, in dunkle Wege fallen Lichtstrahlen, Hindernisse lassen sich übersteigen.
Die Fäden vieler Menschenschicksale laufen hier in Haus Lage zuhauf. Muhme Jesuliebe hat angefangen, sie zu einer Webkette zusammenzuscheren. Ihr Wille und Werk blieb unvollendet.
Entriß ihr der Tod das Handwerkszeug?
Ich glaube das nicht.
Denn als sie die Worte niederschrieb: »Zünd an, Brigitte!«, da erwählte sie mich klaren Geistes zur Vollenderin ihres begonnenen Werkes. Und erst nach Monaten traf sie der lähmende Schlag, dem bald der harte Tod folgte. Aus der drängenden Bitte der Toten klingt es wie Jammer zu mir herüber.
Klage über ihre Unfähigkeit?
Wie kann ich dies beschämende, herabsetzende Wort mit Muhme Jesuliebes Klugheit und Arbeitswillen paaren? Wird es mir, der jungen, so viel minderen Nachfahrin, gelingen, die zusammengeschorenen Lebensschicksale zu einem festen Gewebe zu vereinen?
Wie nennt sich das bindende Edelmaterial für den starken Einschlag? Herrgott, ich fühl’s, es verlohnt sich kein Suchen, denn nach der Liebe, und ich brauche nichts zu wissen, was mich die Liebe nicht lehrt. –