18.
Bin noch gar nicht wieder in meinen Märchenwald gekommen. Gerade weil es mich mit Allgewalt zu ihm hin- und in ihn hineinzieht, nehme ich mich an die Kandare. Über mich befehlen soll nur die Arbeit. Es ist wohl die feste Mauer, um die ich gebetet habe. Sie hat sich wie ein Gürtel rings um Lage gelegt. Und wohin ich nur schaue, gibt es Arbeit zu überwältigen, zu der sich außer meinen eigenen nicht allzu viele willige Hände ausstrecken. Immer wieder gehe ich auf die Suche. Maria Dörping und Gese Tönnings habe ich mir verpflichtet. Diese beiden Gegenfüßler, von denen die eine das leichtsinnige Heim mit der übelbeleumundeten Großmutter adeln, und die andere den ihr eigenen leichtsinnigen Ton in das strenge, ehrbare Gefüge des Elternhauses hineinsingen will. Die beiden verschieden gearteten Mädchen haben kein gutes Einvernehmen und arbeiten widerwillig miteinander. Maria Dörping sagt nichts, aber sie »blickt«. Ihre ernsten Augen fragen unablässig: »Warum verflachst und verhudelst du dir dein eigenes Leben?« Diese fragenden Augen reizen Gese Tönnings, und sie bricht den Streit vom Zaun, der aber höchst einseitig geführt wird.
So habe ich den beiden verschiedene Arbeitsfelder zugewiesen; Maria hat für die Vormittage einen Kindergarten übernommen und besucht und sammelt am Nachmittage die Lahmen und Siechen, bis das Haus auf der sonnigen Wiese fertig sein wird, das beide Trüppchen aufnehmen soll. »Im Auftrage des Ritter Lage« erschien ein Architekt bei mir, der mir Baupläne unterbreitete, zu denen ich nur freudig ja und amen sagen konnte. Es wird ein reizendes Haus. Einstöckig, langgestreckt. Mit zwei gleichen, hochgewölbten Eingangspforten, über denen je ein Spruch gemeißelt wird. Für die Siechen: »Auf, nimm dein Bett und wandle!« Und für die Kleinen: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!«
Zwei helle große Dielen enthält das Haus, darinnen die Siechen rasten und die Kindlein rennen sollen, wenn schlechtes Wetter den Aufenthalt im Garten und Wald verbietet; hohe, luftige, helle Zimmer bergen die Betten und Möbel. Auch einen Andachtsraum mit einem schönen Harmonium sollen meine Pflegebefohlenen haben, der wird das Schönste im ganzen Hause werden. Denn ora steht vor labora. –
Die leichtherzige, fröhliche, leichtlebige, leichtsinnige Gese Tönnings habe ich für Haus Lage verpflichtet. Sie versteht sich gut mit meiner alten Eva. Ob diese ihr gute Lehren gibt, die von Gese angenommen werden, oder ob sich Eva aller Einmischung enthält und Geses Tüchtigkeit als Kinderpflegerin anerkennt, entzieht sich meiner Beurteilung. Die beiden arbeiten jedenfalls Hand in Hand, und Klein Erika gedeiht.
Auch der junge Förster Nordstamm erwacht langsam wieder zum Leben und besucht das Kind hie und da. Im Gegensatz dazu hat sich der Großvater Nordstamm grollend zurückgezogen und wirkt mehr und mehr wie ein knorriger Eichbaum, den man nächstens in den Märchenwald verpflanzen kann. Wunderliche Lebewesen hat unser Herrgott um mich herumgestellt, aber ich habe sie alle liebgewonnen, weil sie mir soviel geben. Oder weil ich ihnen soviel geben darf? Ich fühle eine Quelle in mir, die immer stärker strömt, je mehr man davon trinkt. »Solch Spendegold erschöpft sich nicht.«
Mein neuer Bechsteinflügel ist angekommen. Es ist das einzige, von dem ich fühle, daß ich es außer der Arbeit haben muß.
Mit Beethoven habe ich das köstliche Instrument eingeweiht. Die Fenster hatte ich weit geöffnet, und in die stille Mondnacht hinein klang und sang das Adagio aus der 2. Symphonie.
»Still sank der Abendsonne Gold
Hinunter an des Himmels Zelt.
Im Abendfrieden süß und hold
Ruht um mich her nun Wald und Feld.
O wohnte doch im Herzen drein
So süßer Friede für und für;
Mein Gott, laß mich dein eigen sein,
Den Frieden find’ ich nur bei dir.«
Diese schlichten Worte sind den Tönen untergelegt … Die Fledermäuse der Ruine müssen gelauscht und mein Spiel hinterbracht haben, auch müssen sie die 2. Symphonie und ihre Geschichte kennen.
Ritter Lage schreibt: »O wohnte doch im Herzen drein so süßer Friede für und für …
Regenschirmbase, hilf mir!
Der Enterbte.«