19.
Wie auf gut geölten Rollen läuft mein Haushalt. Wenn hie und da ein Ruck eintritt, ein Signal ertönt, das scheinbar gebieterisch »Halt« verlangt, so sind dann Ohm Matthias und Tante Fernande die Ursache. – Beide haben noch manchmal ihren Koller. Sie sind zu verschieden, und ihre Gegensätze berühren sich durchaus nicht.
Trotz der gänzlichen Verarmung ist das »Spitalweibchen« doch immer die Freiin Lage geblieben. Und jetzt in den Kleidern der Muhme Jesuliebe, die in ungeahnter Fülle die Schränke zierten, und die ich Tante Fernande überließ, sieht sie wirklich vornehm aus. Sie verkörpert recht das ancien régime in Lage, ist überhaupt nicht mit dem frischen Wind einverstanden, der durch mein Regiment weht, das sie demokratisch nennt. Ich kann die vielen, schwerseidenen Staatskleider gar nicht in Einklang mit Muhme Jesuliebes Aufzug und Anzug in Erfurt bringen. Vor zehn Jahren hätte man sie als Vogelscheuche in die Erfurter Gemüsefelder stellen können, und jetzt sitzt Tante Fernande in den ererbten Sachen wie eine Fürstin da.
Ohm Matthias dagegen ist recht verwildert, um nicht zu sagen verwahrlost, sowohl in seiner Kleidung, als auch in seinen Worten. – Er ist nie Soldat gewesen und ohne jede Straffheit und Disziplin. Sein Umgang mit Frauen hat sich wohl nur auf ungebildete Hauswirtinnen beschränkt. Jetzt murrt er leise und schimpft laut über die Bevorzugung der Tante Fernande. Denn die Männerbeinkleider, die Muhme Jesuliebe unter ihrem Frauenrock trug, und die ich ihm bereitwillig zur Verfügung stellte, passen ihm nicht. Er hat sich unter der Pflege von Haus Lage ein kleines Bäuchlein angemästet, und Muhme Jesuliebe war dürr wie die sieben mageren Jahre.
Nun redet er des öfteren von »Kleiderhaken«, »Bohnenstangen« und »Plattformen«, was Tante Fernande aufs höchste anwidert. Sie wirft dann die Schachfiguren mit unnachahmlicher Grandezza zusammen, schreitet hoch erhobenen Hauptes hinaus, und ihre steife Seidenschleppe rauscht und raschelt hinter ihr drein. Dann bleibt der höchst ärgerliche, unkultivierte Hausgenosse für den Rest des Abends mir allein überlassen. Das ist eine große Schattenseite unseres Zusammenlebens. Es wird mir schwer, ihn in Schach zu halten. Ich bin scheu und hilflos seiner Art gegenüber. Außerdem hat mir von Anfang an die mir anerzogene Ehrerbietung vor dem Alter die Waffen, die sonst wohl eine Frau gebraucht, aus der Hand gewunden. Und doch widerstrebt es mir, ihn einfach sitzen zu lassen und wie Tante Fernande hoheitsvoll aus dem Zimmer zu schreiten. Denn dann ist mir’s, als wollte er das gerade so haben, damit er sich richtig rekeln könnte. Er pflegt dann die Beine auf die Sofalehne zu legen, den Kragen abzutun, einen abscheulichen Knaster zu rauchen und auf den Teppich zu spucken. Überdies liegt mir die Mahnung unablässig in den Ohren: »Seien Sie etwas strenger mit Ohm Matthias.« So habe ich also gestern abend versucht, streng zu sein. Dem war ein geradezu schrecklicher, aufregender Nachmittag vorhergegangen. Klein Erika fieberte wieder etwas, und ich wollte bei ihr bleiben, schickte deshalb Gese Tönnings nach dem Zimmer, in welchem Tante Fernande und Ohm Matthias mit dem Kaffee meiner harrten. Sie sollte mich entschuldigen und dann gleich zu meiner Hilfe zurückkehren. Statt dessen erschien sie erst nach langer Pause aufgeregt und weinend mit der Entschuldigung, der Herr Baron Matthias von Lage habe sie ungebührlich aufgehalten, und … und … und nun sei das gnädige Fräulein Fernande dazugekommen, aber schon wieder in hellem Zorne fortgelaufen, und … und … und … Genug, ich ging nun doch selbst nach oben und fand Ohm Matthias sehr gemütlich Kaffee schlürfend, was er immer in lauter, häßlicher Weise tut. Und da ich wirklich ärgerlich erregt war, und mir außerdem eine ekle Wolke häßlichen Fuselduftes entgegenschlug, so sagte ich ihm in knapper Form, wenn auch halblaut und beherrscht, daß ich mir Übergriffe gegen mein Personal energisch verbäte. Da sagte er mir denn Sachen, die mich ganz und gar in Harnisch brachten. Daß das kleine Wicht Gese nicht an dem Kusse sterben werde, den er ihr in höchst väterlicher Weise verabreicht hätte, und daß sie gewiß ganz andere Sünden zu beichten hätte.
Mir stiegen heiße, zornige Tränen auf, denn von dieser allerhäßlichsten Seite hatte ich den Ohm noch gar nicht kennengelernt. Wie widerlich war es mir, den alten Mann so reden zu hören. Als ich ihm das sagte, schleuderte er mir laut an den Kopf, daß der Teufel alt sei, aber nicht er, Freiherr von Lage, und daß es gar nicht ausgeschlossen sei, daß er noch einmal eine junge Frau nach Lage brächte … »Im übrigen, meine liebe Nichte Brigitte,« schloß er seine entsetzliche Philippika, »wer im Glashause sitzt, soll bekanntlich nicht mit Steinen werfen; und wer, wie du, den jungen Pastor Oswald toll gemacht hat, also daß er neulich in seiner Verfassung ein kleines Mädchen ›Heinrich‹ getauft hat …«
Er lachte so laut und dröhnend zu seiner greulichen Bemerkung, daß er sich verschluckte und wiederholt aus einer kleinen, versteckten Flasche nachtrinken mußte, um nicht zu ersticken. Und dann wollte er mich streicheln, aber er stolperte über den Teppich und mußte sich setzen, wobei er mir zurief, ich sollte nicht »so’n verfluchtes Gesicht« ziehen, wir seien doch die besten Freunde …
In diesem Augenblicke trat die alte Eva ein; o wie liebte ich ihr runzliges Gesicht und ihre ernsten Augen. Wie eine Mutter nahm sie mich bei der Hand und führte mich die Treppe hinauf in mein Arbeitszimmer. –