21.

Heute habe ich Frau Oswald aus Hamburg meinen Besuch gemacht. Sie schickte ein Mädchen zu mir herüber, das sie wohl aus Hamburg mitbrachte; denn die schwarzen Kleider mit den schneeigen Kragen und Manschetten, den Stickereischürzen und den getollten Kopfhäubchen, von denen lange Bänder niederhängen, kennt man hier nicht. Sie knickste zierlich und meldete mir, daß »Madame Oswald« ihres hohen Alters wegen noch lange ruhen müsse, ehe sie es wagen dürfe, herauszugehen, und daß sie mich deshalb bitten lasse, zu kommen …

Ja, sie war sehr lieb und gut, die alte Dame, aus innerer Herzensgüte heraus, und alles gefällt mir an ihr. Sie nannte mich auch »mein Töchterchen«, und das klang lieb und vertraut. Wie lange hat mich niemand so genannt! – Und die vornehme Art, die fein beherrschten Formen erinnerten mich an meine Mutter. Ich will recht unbefangen zu ihr sein, will mich durch nichts, auch nicht durch gelbe Büttenpapiere, die von irgendwoher zu mir fliegen, beeinflussen lassen. Es ist nichts Berechnendes an der alten Dame. Man sieht sofort, daß sie ein reiches, ruhiges Leben gelebt hat, nach ihrem eigenen Willen, ein Leben der feinen Arbeit, des schönen Ausruhens, ihre dunklen Augen haben nur Kultur gesehen. – In ihrem stattlichen Sohne, der aus innerer Überzeugung einen schweren Beruf wählte, der ihn in herbe Schlichtheit führte, da er ihn doch auf reiche besonnte Höhe hätte heben können, sieht sie wohl das Sinnbild edler Männlichkeit. Wenn sie mich also für würdig erachtet, an seine Seite zu treten, so muß mich das ehren. Und wir könnten für das Dorf ein Segen werden …

Es ist plötzlich eine wunderliche Stimmung über mich gekommen, soll ich’s Weichheit, Beängstigung, Untapferkeit nennen? Wie beschämend für meines Vaters Tochter. Wird es sich auch an mir bewahrheiten: »Die Lager Luft verwirret Kopf und Herz?« Mich soll nichts verwirren. –