22.
Die allheilende Arbeit hat mich bei der Hand genommen. Sie versagt niemals; und so habe ich auch auf den steinigen Pfaden, die sie mich führte, meine Wirrnis und Weichheit verwunden. Wie sehr mein Dorf und seine Leute ungeteilte Aufmerksamkeit verlangen, wird mir täglich mehr bewußt. Sie erziehen mich zur inneren Ruhe und zum logischen Denken. Hie und da erscheint der umsichtige Baumeister des neuen Krankenhauses auf dem Plan und unterbreitet mir neue, praktische Gedanken, in welche ich mich vertiefe, und welche ich dann beinahe alle gutheißen kann. Wie weit mich des Baumeisters Vortrag, in dem vielfach die Worte wiederkehren: »Baron Lage meint …«, »Baron Lage gibt anheim …«, beeinflußt, will ich dahingestellt sein lassen.
Heute begleitete mich der Architekt durch das ganze Dorf. Es gibt überall etwas zu flicken, auszuheben, anzubauen. Den jungen Dörflern macht es Spaß, ein neues Dach über den Kopf zu bekommen, die Alten murmeln und murren und haben nicht viel Dank für mich. Sie scheuen jegliche Unruhe. Der neunzigjährige Wilm Lammers meinte, wenn das morsche Dach von selbst herunterfiele, dann würde das für ihn auch ein Zeichen vom Herrgott sein, daß seine Zeit gekommen sei. –
Aber ich möchte lieber die Balken aufhalten, die den Dorfältesten zu erschlagen drohen. – Es war ein erfrischender Arbeitsgang mit dem jungen, schaffensfreudigen Baumeister, und ich kam recht erfrischt heim. Meine Frische trage ich dann zuerst ins Kinderzimmer, wo Klein Erika immer mehr dem Leben entgegenwächst, und für mich bedeutet das Menschwerden dieses Geschöpfchens eine Quelle reinsten Glückes. Ich tue dem Kleinchen um so mehr Handreichungen und widme ihm von meiner knappen Zeit, als mir Gese Tönnings unaufmerksam und fahrig zu werden scheint. Sie sieht auch nicht gut aus und hat ihre »unverschämte Frische«, wie sich Ohm Matthias auszudrücken beliebte, bedeutend eingebüßt. Sie scheint es vermeiden zu wollen, daß ich sie frage, denn sie ist meistens abwesend, wenn ich das Kinderzimmer aufsuche. –
Eva geht mit umwölkter Stirn umher. Als ich gestern abend im Lager Wald unsern Brunnen besichtigte, löste sich aus dem Dunkel der dicht stehenden Tannen ein Menschenpaar, – ich meinte, flüchtig Gese Tönnings erkannt zu haben, aber beide tauchten rasch im Dunkel wieder unter. – Alte Eva, ich glaube nicht, daß just im Lager Forst ein Kraut gegen die Liebe wächst, da es doch in der weiten Welt nirgends zu finden ist. –
Am Nachmittage gleich nach Tische machten wir eine kleine Ausfahrt rund um mein Besitztum herum. Hans und Fritz wurden vor den leichten Jagdwagen gespannt und scheuten denn auch glücklich vor jedem Busch, vor jedem weißen Meilenstein oder Papier, ja selbst vor Kinderwagen, die leer oder mit Insassen vor den Türen standen. Der alte Kutscher meinte tiefsinnig: »Vor’n Kinderwagen scheut sich mancher.«
Madame Oswald holte ich ab, und auch der Pfarrer schloß sich uns an. Wir saßen recht behaglich zusammen, und ich spürte den Gewinn, den das Finden einer schönen Seele bringt. Pfarrer Oswald ist ungeheuer beliebt im Dorf; selbst die Pfefferkuchenhexe lachte mit ihrem zahnlosen Munde, als wir einen Augenblick zu ihr eintraten, da sie krank ist. Maria Dörping blickte mit ernsten Augen auf Pfarrer Oswald und mich. –
Ritter Lage schreibt: »Also das kleine Mädchen will in sein Unglück rennen, und der Gottesmann hält seinen Talar ausgebreitet, damit es recht weich fällt. Und die würdige Hamburger Madame, die doch bereits einen so kostbaren Zobelpelz besitzt, möchte sich noch ein Kuppelpelzchen dazu verdienen. O Welt, Welt, wie bist du närrisch! Ich kann aber nicht behaupten, daß es sehr vergnüglich ist, Zuschauer zu sein. Wenngleich ich mich noch weniger zum Mitspielen eigne. Und der ›getreue Eckart‹ hat allezeit die kläglichste Rolle gespielt. Aber daß Sie ›Nein‹ sagen können, kleine Regenschirmbase, haben Sie doch bewiesen, als gestern der große Schreibebrief mit dem talerdicken Siegel ankam. Üben Sie sich nur hübsch weiter im Rufen dieses hübschen Wörtchens. Armer Baron Ellers! Seine Schulden schreien lauter, als Klein Erika, wenn sie Leibweh hat. – Deshalb müssen Sie auch nicht gar zu tugendhaft entrüstet sein. Was weiß so ein schneeiges Bähschäfchen von Schulden! Und es schadet Ihrer Charakterentwicklung (die noch sehr mangelhaft ist) durchaus nicht, wenn Gitti einsieht, daß sie selbst auch mal nebenbeifällt und das Lagesche Vermögen als Nummer Eins betrachtet wird. Im übrigen strahlten Ihre Augen heute dermaßen in reinster Bläue, als Sie meine Grenze überfuhren, daß ich glaubte, der Himmel habe sich plötzlich auf Lage herabgesenkt. Sie sehen, der bissige Hofhund, der in Holland an der Kette liegt, kann auch poetisch werden.
Alles in allem könnte ich Ihnen doch beinahe empfehlen, Pfarrer Oswald auch bald dingfest zu machen. Er kuscht schon aus innerster Überzeugung, und wie Sie ihn gestern im Jagdwagen anstrahlten, das war nichts anderes als Tierquälerei.
Gitti, Gitti! Nun wollte ich wieder, Sie blieben das kleine Mädchen, das Blumen küßt und Bäume umarmt.
Der Enterbte.«
Klein Erika hatte heute wieder Fieber, es ist doch ein recht zartes Kind. Und ich blieb bei ihm, trotzdem der Krankenhausbau und verschiedene Beratungen über Wohlfahrtseinrichtungen mich eigentlich ins Dorf und ins Pfarrhaus riefen. Aber Gese Tönnings ließ mich im Stich, kam erst erhitzt und verweint um die Mittagszeit in Haus Lage an, und ich sah wohl, daß sie mit dem Herzen nicht bei der kleinen Kranken war. Ich vermutete, daß der jähzornige Schmied um irgendeiner Sache willen seine Tochter gezüchtigt habe, und sprach das auch mißbilligend aus. Denn Gese steht jetzt in meinen Diensten, und ich verlange, daß sie auf dem Posten ist. Geses Gesicht verfärbte sich, als ich ihren Vater erwähnte, und mit allen Zeichen der Angst bat sie mich, gegen ihn von ihrer Unpünktlichkeit zu schweigen. »Bist du verliebt, Gese?« fragte ich mit scherzhaftem Ernst.
Da weinte sie plötzlich schwer. – –