27.

Wunderliches, seltsames Leben! Mit diesem Gemeinplatz muß ich meinen Tag beginnen. – Mein tiefster Wunsch, einen Bruder zu haben, einen natürlichen Beschützer, ist in Erfüllung gegangen. Pastor Konrad Oswald. Er ist mir Bruder geworden. Und sehr fröhlich und befreiend schließt dieses Kapitel für mich ab. Madame Oswald freilich … Ich kann ihr hier nicht helfen. Eine echte Mutter muß diesen Weg allein zu ihrem Kinde finden. – Zwei Menschen standen heute vor mir Hand in Hand, nachdem Pastor Oswald zuerst über eine Stunde allein mit mir gesprochen hatte. Ich will sein zartes, liebes Bekenntnis, das mich ehrt und stolz macht, nicht einmal diesem stillen Folianten anvertrauen. Wenn er so groß ist, daß er eigenes Wollen begräbt, um die starke Linie zu verfolgen, die in dem Wahlspruch gipfelt: gut sein und glücklich machen, – wenn er nur an das Dorf denkt, an die trostbedürftigen Alten, an die Hilfeheischenden, an die Siechen und widerborstigen Gesunden, an das Edelmaterial, das in der Lager Jugend steckt … Oh, dann soll mein Bruder Konrad gesegnet sein! Weil er selbst ein Segen ist. Mit Maria Dörping hat er sich versprochen. Da kommen zwei Edelmenschen zusammen. Ich bin innerlich so tief glücklich darüber, daß ich mein Leid über den toten Wald und den leeren Tempel weit zurückzudrängen vermag. Fühle auch, welch starke Kampfnatur ich bin. – In dem Bestreben, diesen beiden zu helfen, wachsen mir noch ungeahnte Kräfte. Was für Widerstände gibt’s hier noch zu überwinden! Nicht allein bei der vornehmen Hamburgerin, der die Wahl des Sohnes ein so harter Schlag gegen alle Tradition bedeutet, daß sie ihn um jeden Preis abzuwenden versuchte. Auch der graue Alltag ist wie ein verstörter Ameisenhaufen. Das ganze Dorf zischelt und schilt und mutmaßt, und das einzige Lachende ist das breite Grinsen der Korb-Sina. Es ward ihr wahrlich nicht an der Wiege gesungen, daß ihr Schwiegerenkel einst der Pfarrer von Lage sein würde. Sie machte heute glänzende Geschäfte. Verkaufte ihre sämtlichen Körbe. Sämtliche Dörfler gaben sich bei ihr ein Stelldichein. Neues wollten alle über die unerhörte Begebenheit erfahren, und doch ist niemand auf seine Kosten gekommen.

Außer der Korb-Sina. Die strich ihre Batzen ein und schwieg. Kicherte nur und hohnlachte wie eine rechte, echte Hexe. Aber nun hat sie ihre Stube aufgeräumt und ihr Gottestischkleid angezogen. Am Fenster sitzt sie geruhlich mit einem Strickstrumpf, und ihre Augen hängen an dem blühenden Myrtenbaum, der auf dem Sims steht. Den hat sie lange treulich für die Enkelin gehegt und betreut. Sie selbst und ihre eigene Tochter hatten der Myrte und ihres Sinnbildes nicht geachtet. Aber Maria Dörpings weißes Brautkleid wird von Myrten überrankt sein, und ihren feinen Kopf wird der grüne, geschlossene Kranz zieren. All das liest man im runenvollen Gesicht der Großmutter. Sie grüßt stolz jeden neuen Besucher und macht sich den uralten Sinnspruch auf ihre Art zurecht: »Ist der Zweig heilig, so ist es auch die Wurzel.« Noch geht die Mißgunst durch das Dorf Lage und den grauen Alltag. Aber dessen bin ich gewiß, es wird nicht standhalten vor Marias ernster Art. Sie wird sich nicht überheben, wenn sie die Gattin des Seelsorgers ist, vielmehr freiwillig den Panzer ablegen, mit dem sie sich umgürtet hatte, weil sie fühlte, daß man sie und die Großmutter mied. Für das Dorf war die Wahl, die Pastor Oswald traf, eine weise, er kann Besseres mit dem vermögenslosen, schlichten Dorfkind wirken, denn mit mir, seiner Patronin. – Auch äußerlich geben die beiden ein schönes Paar. Maria ist hoch und schlank, und ihre herben, feinen Gesichtszüge stimmen gut zu seiner hamburgisch rassigen Vornehmheit. Mir gegenüber hat sie eine reizende Ehrerbietung, aus der ich spüre, wie gut Pastor Oswald über mich geurteilt haben mag. Es wird ein gutes Zusammenwirken werden. –

Abends.

Ich glaube nicht, daß ich jeden Tag so arbeiten darf, wie ich es heute tat. Denn in dem toten Wald ist niemand mehr, der Einhalt gebietet. Und keinen Menschen auf Gottes weiter Welt stört es, wenn das Maschinchen einen Knacks bekommt. Ich habe in der Dämmerstunde die gelben Büttenpapiere in Atome zerschnitten und die stattliche Menge in ein seidenes Tuch geknüpft. Das ist nun ein weiches, weißes, vornehmes Ruhebett für meines jungen Lebens einzige Freude geworden. –

Ich habe das Bündel zum Lager Wald getragen und unter einem Tannenbäumchen eingegraben. Nur ein kleiner Heidezweig schmückt das seltsame Grab …

»Sie bringen ihre Garben und tragen edlen Samen …«

So soll es sein.

Viel Gutes soll aus diesem kleinen Hügel wachsen. – Denn was drinnen ruht, ist die Güte, die ein Fremder der einsamen Waise bot.

Frühmorgens.

Die großen, hallenden Räume im grauen Alltag werden mir zu eng. Zudem ist es Sonntag, und alle Waldglocken läuten ihn ein. So will ich hinauswandern zur Clemenskapelle, mit raschen, einsamen Schritten, ehe ich mit dem ganzen Dorf in der Kirche des grauen Alltags bete …

Am Abend desselben Tages.

Derselbe Tag, derselbe Abend. Aber ich? Wer bin ich? Doch nicht derselbe Mensch? Die Prinzessin Weißnichts, aus dem Hause Ohnearg? Die alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen? O du mein einziger Lager Wald! Wie ich dir aberhundert Kosenamen gab, so gib du mir den rechten Ruf zurück: Prinzessin Weißalles! Prinzessin Findeglück!

»Meinen Eingang segne Gott«, so rief ich heute morgen laut, als ich den Lager Wald betrat. Und just in diesem Augenblick legte sich die liebe Sonne wie ein breites, goldenes Band um meine braune Heide. Die zeigt schon viele rote Blüten und wartet nur noch auf die Mitte des Augustmondes, um in vollster, leuchtend roter Pracht zu strahlen. Und es taten sich Dome von silberstämmigen Buchen auf. Ihre Zweige reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß Er sie segne …

Wann hatte ich das schon einmal erlebt?

Jähe Freude beflügelte meinen Schritt. Ein Lichtchen leuchtete durch die Tannenwildnis hindurch. Komm! winkte es, komm!

Da lachten wohl meine Augen und mein ganzes Herz. Und ich grüßte die Clemenskapelle und die ewige Lampe. Auf der Schwelle des Kirchleins lag das zusammengesunkene Bündel, das ich so gut kannte in seiner Hilflosigkeit.

»Bist du auch wieder da?« fragte ich liebreich. Und ich beugte mich nieder und küßte den armen Kopf mit dem borstigen, rötlichen Schopf.

Da geschah etwas Schreckliches. Der Krüppel sprang in furchtbarer Gelenkigkeit auf und warf sich über mich. Jäh stürzte ich zu Boden und schlug hart mit dem Hinterkopf an den steinernen Fuß des heiligen Clemens. Da hab’ ich wohl gerufen, weit, weit hallend, in meiner gräßlichen Angst und Not.

Und ebenso rasch ward ich auch der furchtbaren Bürde ledig, und ich sah, wie der Krüppel in eine Ecke flog und dann grinsend entwich. Und ich fühlte mich emporgehoben an ein wild klopfendes Herz und hörte eine wundergute, tiefe Stimme an meinem Ohr: »Um Gott, nicht diese angstvollen Augen, du! Hörst du mich? Gitti!«

Und ich sagte ganz leise an seinem Ohr: »Sprich weiter, du! Ich habe so auf dich gewartet …«

Da ließ er mich rasch aus seinen Armen, daß ich taumelte, und ich lehnte mich nun an den steinernen Heiligen, denn mir war’s, als drehe sich die ganze Kapelle um mich herum.

Er aber stand vor mir, blaß und vornehm und verbeugte sich, als wären wir auf dem Parkett und nicht in grüner Waldwildnis, und sagte scharf mit ganz veränderter Stimme: »Ich bin Clemens, Freiherr von Lage.« –

Da wich der ganze Märchenzauber weit zurück. Aber doch nicht so weit, daß ich in den gleichen, wunderlichen, frostigen Ton verfallen wäre, wie der Ritter Lage.

»Ich bin die Regenschirmbase.«

»Wirklich!?« Das klang, als ob er mit einem Kinde spräche. Sein Gesicht ist sehr veränderungsfähig. Viel Ironie, viel Spott, viel Ernst rumort darin. Ein Gran Bitterkeit zieht die Mundwinkel leicht herunter. In den dunkeln Augen liegt Güte. – Wir betrachteten uns ungewöhnlich lange. Als wollten wir uns innerlich festhalten. Und unser Gebaren stach seltsam ab von unsern kalten, förmlichen Worten.

Dann tönte ein Klageruf durch den Wald wie von einem fernen, wunden Tier, und Ritter Lage wandte sich eilends und wortlos und entwich durch die Tannenwildnis. Er ist schlank und zart gebaut, nicht über Mittelgröße. Seinen linken Fuß zieht er nach, und die linke Hand scheint kraftloser zu sein als die rechte …

Andern Tags.

So soll es nicht weitergehen. Meine Arbeit darf nicht leiden unter dem, was mich gepackt hat. Es wirkt sich aus fast wie ein starker, körperlicher Schmerz. Solchem bin ich noch immer zu Leibe gegangen. – Ich hoffte, das Allheilmittel, das ich seit Jahren anwende, würde auch diesmal nicht versagen, – ein scharfer Marsch durch Wald und Heide. Aber es hat versagt. Liegt es daran, daß ich den entgegengesetzten Weg einschlug?

Der Lager Wald und die Clemenskapelle waren mir durch die neue Sachlage verwehrt, so landete ich denn in einigen zerstreuten Katen, die jenseits der großen Lager Heide liegen. Hier fand ich neue Arbeit und neue Unrast und neue Sorgen: ein krankes, hilfloses Weib, einen Säufer, eine Stube voll Kinder, viel Ungeziefer und böse Gerüche.

Solches Erleben hat mich sonst immer tapfer gefunden, heute machte es mich elend. Vielleicht deshalb, weil mein eigenes wunderliches feines Leid mich klein dünken mußte gegen das brutale Geschehen in den Häusern meines Dorfes. Wie der Säufer mich anstierte! Und wie sein jammervolles Weib doch noch in ihren Augen ein winzig kleines Fünkchen jenes Feuers barg, das »die Größeste unter den dreien, Glaube, Liebe, Hoffnung«, hütet. Ich sah, wie ein Lächeln über ihre erloschenen Züge ging, als dem vom Trunke Zermürbten das muffige Mahl mundete. Dies Lächeln redete in lauter Sprache, daß auch dies saure Leben noch Sonnenstunden gebiert, eben weil es nur sauer, aber nicht bitter ist.

In dieser Erkenntnis durchquerte ich auf dem Rückweg die ganze weite Heide und sog mit durstigen Lungen die reine, herbe Luft ein. Streckte dabei beide Arme kraftvoll wieder und wieder weit empor und »atmete mir den Feind aus der Brust«. –