28.

Ritter Lage hat eine Reise angetreten. Meine alte Eva spricht mit einem Male ganz geruhlich von ihm, als hätten niemals Rätsel rings in den Bäumen des Holländer Waldes gehangen …

Der Freiherr bringt seinen Sohn in eine fest umschlossene Anstalt …

Nach acht Tagen.

Heute hat mir Ritter Lage seinen ersten Besuch gemacht. Tante Fernande empfing ihn. Ganz große Dame und ancien régime. Ich verhielt eine Weile in meinem Zimmer. Denn ich hatte die beschämende Entdeckung gemacht, daß mein Kalenderblock noch denselben Tag zeigte, an dem der Enterbte und ich uns zum ersten Male sahen. Und jäh schoß mir das alte Lied durch Kopf und Herz:

»Die Tage, da du fern von mir, die zählen nicht in meinem Leben« – –. Da riß ich wohl hastig die schwarzen Ziffern herab, bis der rote Sonntag leuchtend vor mir lag. Und konnte dann äußerlich ganz ruhig den seltenen Gast begrüßen.

Er saß im roten Ledersessel, »darinnen die Lages ausrasten«. Seine dunkeln Augen sahen mich noch eine Weile ernst und gütig an, ehe er sich langsam an dem festen Stock aufrichtete, dessen Elfenbeinkrücke in seiner Rechten ruhte.

Die alte Eva stand neben ihm und hatte in ihren Augen einen ruhigen Glanz. Und auf ihrem runzligen Antlitz ein stilles Lächeln voller Befriedigung, das sagte: Was wollt ihr nun noch? Es ist ja jetzt alles gut und in Ordnung.

Tante Fernande saß auf der kleinen Estrade, jeder Zoll die Audienzgebende. Aber als Ritter Lage sie ruhig und schweigend anblickte, verschwand sie hastig, und Eva folgte ihr. Nun standen wir uns allein gegenüber.

»Sie haben sich Muhme Jesuliebes Räume wunderbar heimelig eingerichtet«, begann er das Gespräch. »Man wird sich zusammennehmen müssen, um sich aus diesem Raum loszureißen. Denken Sie, wie entsetzlich es wäre, wenn ich immer hier bliebe …« Ich stand schweigend; es war mir, als läse ich einen der närrischen Büttenpapierbriefe.

Ritter Lage deutete mit seinem Stock auf eine Ausbuchtung der Mauer, die in das Zimmer hineinragt. Sein Gesicht war blaß, seine Mundwinkel zuckten. Spott, Verlegenheit und Unbehagen lagen in seinen Mienen.

»Die verehrte Regenschirmbase hat natürlich alles gläubig als Zauberei hingenommen«, sagte er mit seltsamem Lachen. »Das macht, weil Sie die Urkunde noch nicht kennen, und außerdem keinen Hang zur Neugierde haben. Ich aber hatte schon als 10jähriger Bub herausgefunden, daß sich hier eine ›Horchbucht‹ befindet. Wie Sie sie oft genug auf Plätzen, in alten Höfen, Toren und Burgmauern sehen können. – Gitti, Sie werden mir nachher die Ehre Ihres Gegenbesuches schenken. Lassen Sie den Knigge und den guten Ton in allen Lebenslagen einmal ruhig beiseite. Der graue Alltag braucht ihn nicht. Ich will Ihnen nur zeigen, daß seit 20 Jahren mein Schreibtisch in dieser Ausbuchtung steht, und daß ich laut Urkunde lebenslängliches Heimatsrecht in Lage habe.«

Ich erschrak so heftig, daß ich mich am Tisch festhalten mußte.

»Fallen Sie bitte nicht um, Gitti«, sagte Ritter Lage. »Mein linkes Bein ist heute besonders schmerzhaft, schief und verbogen, und die linke Hand kraftloser denn je. Ich würde mitfallen, wollte ich Sie aufheben. Glauben Sie auch nicht, daß es mir etwa Freude gemacht hat, den Horcher zu spielen. Ich hatte ein weit geruhigeres Leben, als Sie noch nicht Erbin des grauen Alltags waren. Sozusagen Schulter an Schulter arbeitete ich mit Muhme Jesuliebe, und nach der Arbeit schlüpfte die alte Dame durch die Tapetentür zu mir, strahlend und lautlos lachend darüber, daß sie mit 80 Lenzen noch diese geheimen Schleichwege gehen konnte. Wir waren uns sehr gut, Muhme Jesuliebe und ich. Sie war die interessanteste Frau, die ich je gekannt. Ebensoweit entfernt von künstlich erborgter Jugend, wie vom Quietismus des Alters. Als sie dann starb und Gitti hier einzog, gab ich natürlich immer Fersengeld, sobald sie das Zimmer betrat, denn ein geborener Horcher bin ich nicht, Regenschirmbase. Die Flucht war aber nicht immer möglich – mein Befinden ist großen Schwankungen unterworfen. Oft habe ich zähneknirschend auf dem Ruhebett gelegen, während Ihr lieber Plaudermund schier dicht an meinem Ohr seine Weisheit verzapfte.«

Er war wieder sehr blaß, als er dies sagte, und ich regte mich nicht.

»Kleine Gitti, es wäre barmherziger, wenn Sie schelten würden, anstatt so schrecklich stumm und vernichtet dazustehen. Wenn ich Sie so hinters Licht führte und nicht eher aus der Horchbucht hervortrat, so geschah es auch, weil ich allzu Köstliches in dieser Zeit gelernt habe. – Weil ich in eine liebe, ganz neue, wunderbar lichte Welt eintrat« …

»Aber man darf doch nicht horchen«, wendete ich gequält ein und rang meine Finger ineinander.

»Ach, kommen Sie mir nicht mit Ihrer Kleinkinderstubenweisheit«, sagte er ärgerlich. »Folgen Sie mir lieber in mein Reich und überzeugen Sie sich, wie weitab mein Ruhebett von der Ausbuchtung entfernt steht. Ich werde Sie hinübergeleiten und dann hierher zurückkehren. Mit ganz leiser Stimme werde ich von hier aus Ihnen abbitten, und Sie werden es trotzdem gellend in Ihren Ohren hören.«

Nun lachte ich doch ein klein wenig. »Ich glaube das noch nicht«, sagte ich, ihm folgend.

Er drückte auf eine Erhöhung in der Wand, und da tat sich langsam eine Tapetentür auf. Durch diese schoben wir uns hindurch, und sie fiel sofort wieder lautlos ins Schloß. Der Raum, den wir betraten, ist mir der liebste im ganzen Gewese. Groß und doch heimelig, mit ganz erlesenem Geschmack eingerichtet. Seine Spitzbogenfenster gehen zur schönsten Stelle des Parkes hinaus.

»Hier ist gar kein grauer Alltag,« sagte ich still, »hier wohnt das Licht.« Aber ich redete nur zu mir selbst, denn Ritter Lage war schon wieder durch die Tapetentür entschwunden. Ich hörte seinen Stock im Nebenzimmer aufstapfen und vernahm auch das leise Räuspern, das »Junker Clemens« an sich hat. Inzwischen fesselte meine Augen ein großes Bild über dem kostbar geschnitzten Sofa, es war unser Stammbaum. »Joochen Lage« las ich zu oberst in den Zweigen. »Geboren 1595, gestorben 1642 in’t Lager Huus.« Ich setzte mich still dem Bilde gegenüber auf das breite, große Ruhebett, auf dem ein riesiges Eisbärenfell ausgebreitet war, und meine forschenden Augen schweiften weiter über die Zweige und Verästelungen des Stammbaumes. Da tönte es eindringlich in mein Ohr: »Kleine Gitti, hörst du mich?«

Ich schaute mich um, aber ich war allein in dem schönen Raum.

»Gitti Regenschirm, weißt du, daß du das Licht im grauen Alltag bist?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Gitti, wir sind viele Jahrhunderte durch grauen Alltag geschritten. Bis du kamst. Nun kann es nie wieder ganz dunkel werden in’t Lager Huus.«

»Ritter Lage, ich möchte das alles zurückgeben. Für mich war die ewige Lampe der Kapelle das Licht im grauen Alltag, und du hast es entzündet, Clemens Lage.« –

»Kleine Gitti, ich werde noch heute eine lange Reise antreten. Diese Reise wird großes Glück oder unfaßbares Leid bringen, mir und dir …«

»Für mich ist es schon Leid, wenn du fortgehst, Ritter Lage …«

»Gottes Segen über dich, Gitti, Seelchen!«

Einen Augenblick war ich fassungslos. War es die Lichtfülle, die über mein einsames Leben hereinbrach? Die meine Augen so blendete, daß ich nichts in meinem Umkreis mehr unterscheiden konnte? Ich warf mich auf das Ruhebett und lachte und weinte in das weiße Fell hinein, und der vornehme Duft, der das ganze Zimmer beherrschte, legte sich schmeichelnd auf meine Sinne.

Aber als ich dann aufsprang, weil die liebe, klangvolle Stimme verstummt war, und dann durch die Tapetentür in mein eigenes Zimmer schlüpfte, da war dieses kalt und dunkel und leer. Und wie in weiter Ferne sah ich das stille Gesicht der alten Eva, und hörte ihre trockene Meldung: »Der Herr Baron lassen sich bestens empfehlen.«