29.
Es ist gut, wenn ein geliebter Mund Worte prägt, die dann zu Leitsternen werden. Mein Leitstern in all diesen Tagen, »die nicht in meinem Leben zählen, da er fern von mir«, war das Wort: »Es kann nie wieder ganz dunkel werden im grauen Alltag.« So konnte ich Sieger bleiben tausend kleinen Widerwärtigkeiten gegenüber und konnte Fröhlichkeit in mir tragen und Zuversicht tausendfältig abgeben. Trotz des Heimwehs, das mich schüttelt. Trotz der tiefen Sehnsucht nach seiner Stimme, seinen märchendunkeln Augen. Und ich vermochte es, meine Unrast einzudämmen, die mich umtrieb im Lager Busch, im Holländerwald und in der roten Heide. –
Über Nacht ist das Blühen gekommen. Rot leuchtend liegt meine Heide da, weit ausgebreitet ihr schimmernder Teppich. Und die Sonne küßt sie wieder und wieder und kann sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit. Der Morgenwind harft ein Preislied. In seinem Hauche neigen sich die Birken huldigend ihrer Heidekönigin, deren kraftvollem Schoße sie ihre schlanke Schönheit verdanken. Stärker duftet der Ginster, heilkräftiger der Wacholder. Über Mittag surren die Bienen heran, alles atmet rascher, – ein rastloses Arbeiten hebt an, ein liebedurchglühtes, ein starkes Schaffen.
Dann wieder die betende Stille, die sonnendurchglühte Rast, bis der Sonnenball zum letzten Male die Kiefernstämme küßt, daß sie metallen glänzen. Und dann tot stehen, weil die leuchtende Mutter von ihnen wich mit einem letzten Gute Nacht. –
Morgen, morgen leuchtet wieder die rote Heide!
Im Forsthaus ist geschäftiges Treiben. Es scheint, als solle dort wirklich das Glück Hüsung haben. Axthiebe schallen zu mir herüber, der alte Förster zimmert eine neue Wiege. Denn die mit Rosen und Tulipanen verzierte, in welcher Klein Erika ihren Einzug hielt, soll erst einmal in meinem Hause bleiben. So rasch gebe ich mein süßes Kind noch nicht her, wenngleich der junge Förster Nordstamm mich männlich-fest gebeten hat, ihm Rikas Kind zu überlassen, auf daß er seine Vaterpflicht nicht versäume. Ich habe es ihm versprochen. – Gese Tönnings blüht auf wie eine Sonnenblume. Das Glück, die Erwartung macht sie gut. – Und ich denke, wenn das Kind da ist, wird sein erstes Weinen selbst den Hammer übertönen, den der Großvater Schmied kraftvoll-zornig schwingt …
Das Krankenhaus wächst, das Schulhaus glänzt in neuer Frische. Auch dort soll ein kleiner Weltbürger seinen Einzug halten. Der Lehrer teilte es mir strahlend mit.
Überhaupt schaue ich in lauter helle Gesichter. Als hätten sie mit den Häusern zugleich einen neuen Anstrich erhalten. – Wie mir die Arbeit willkommen ist! Wie sie mich ablenkt von dem gewaltigen Geschehen in mir. Abzulenken versucht. Denn es bleiben immer noch Minuten, da mich mein neues Erleben stürmisch überfällt.
Hei ho, hei ho! Ich bin ein Kämpfer und lasse mich nicht rasch unterkriegen. Aber ich bin auch ein Weib und ahne, daß ein Unterliegen süß sein kann, wenn kraftvolle Arme uns zwingen und ein echter, unverbrauchter, unzersplitterter Manneswille …
Ritter Lage, wo weilst du?
Ich habe heute die Ruine erstürmt, wie einst die Spanier die Burg. Habe mich an Eisenknäufen festgehalten und emporgeschwungen, und immer wieder fand mein tastender Fuß irgendeinen Vorsprung, bis ich den Söller erreichte. Droben ließ ich mein weißes Tuch durch die Lüfte wehen, es grüßte den Fernen.
»Ich weiß nicht, wo du träumst und suchst und irrst,
Ich weiß nur, daß du wiederkehren wirst.«