30.
Die Hochzeitsglocken läuten über die Heide.
Es liegt ein seltsames Drängen in ihren Klängen, Sie geben und schaffen mir Unrast …
Förster Nordstamm führt heute Gese Tönnings heim.
Und morgen ist Pastor Oswalds Hochzeit.
Schmied Tönnings will keine Gäste haben. Er und seine Frau sind die Trauzeugen. Dann will er die Tochter ins Forsthaus selbst geleiten, so hat er es sich ausbedungen, nachdem ich ihn endlich soweit gebracht, die verlorene Tochter bei sich wieder aufzunehmen. Tief mußte sie sich beugen vor dem strengen Vater und die biblischen Worte nachsprechen: »Ich bin nicht wert, daß ich dein Kind heiße.« Aber die Liebe half ihr über alles Demütigende hinweg. Ich war heute für ganz kurze Zeit in der Schmiede. Wollte der Braut wenigstens ein Myrtenzweiglein bringen, damit das strenge, schwarze Kleid etwas Lichtes habe. Aber der Vater litt es nicht. Gese Tönnings muß alle Folgerungen aus ihrem Vergehen ziehen, und der strenge Vater führt ihre Mißgestalt durch die Lager Kirche an den Altar mitten durch die gaffenden, lächelnden oder mitleidigen Blicke hindurch. –
Und morgen schreitet Maria Dörping denselben Weg in ihrer schlanken, herben Schöne und Reinheit.
Aber der graue Alltag wird ebenso raunen und zischeln, und die Kirche wird noch gedrängter und voller sein. Denn man ist gespannt auf die Korb-Sina, die sich vor Hochmut nicht zu lassen weiß über den pfarrherrlichen Enkel und das Glück ihrer Enkelin. –
Der Trauung des Försters Nordstamm bleibe ich fern. Es dünkt mich grausam, wie Schmied Tönnings sein Kind behandelt, da will ich die Schar der Zeugen nicht vermehren. Wie hart habe ich früher selbst geurteilt und verdammt. Von der hohen Warte der Unversuchten aus. Und bin mir nie des häßlichen Pharisäertums bewußt geworden. Nun ist dies überwältigende Erleben zum erstenmal über mich gekommen, und in tiefen, verschwiegenen Stunden meiner einsamen Kemenate frage ich mich, ob ich den Ritter Lage lieben darf? Mit jener brennenden Liebe, die alles glaubt und alles hofft? Lebt nicht sein Weib, und kann sie nicht gesunden? Muß ich nicht vielmehr jene entsagende Liebe in mir pflegen, die nicht das Ihre sucht? Oh, diese Zweifel und Fragen, die über mich herfallen mit scharfen Zähnen, mitleidlos … Sie quälen mich maßlos. Und sie sagen: Du Aufrechte, du! Wie stehst du da, wenn sein Weib ihn zurückfordert? Und mein Herz schreit auf und ruft dagegen, daß diese Frau als Irre lebt seit zwanzig Jahren, und daß selbst das Gesetz die Trennung erlaubt. – Aber sie kann gesunden …
Herrgott, höre mich! Wenn sie gesundet und dem Einsamen wieder das Glück bringen kann, nach dem er verlangt, so will ich stark und groß überwinden. Vergib mir das kindische Stammeln an seinem Ohr. Zu strahlend das Licht, das über mich hereinbrach. So süß die erste Liebe. So neu die Welt, die du mir auftatest, deinem Kinde so unbekannt. – Da konnt’ ich wohl irregehen. Doch ich kenne den Weg, den mein rechtes Fühlen mich weist, und bewußt will ich nicht straucheln, noch fehlen. – Ich will auch dem fremden Manne vertrauen. Wohin mag ihn seine Reise führen? Tiefes Glück soll sie bringen oder brennendes Leid? So sicher ist er meiner Liebe, daß er beides in Betracht ziehen darf? Will er sich trennen? Kann es sein, daß ihm daraus Kämpfe erwachsen? Daß sie ihn nicht freigibt? Oh, so muß ich für uns beide stark sein. Vater, du kannst dich auf deine Tochter verlassen. Feige wird sie niemals sein. Aufrecht und einsam will ich meinen Weg gehen, wenn es in meinem Schicksalsbuche also geschrieben steht, daß ich dem einen nicht folgen darf. –