31.
Drei Tage später.
Was heute zu mir geschritten kam, sah dem Glück nicht gerade zum Verwechseln ähnlich. Aber was es mir brachte, war doch ein winziger Bruchteil davon. Das liebeverwöhnte Kind eines liebereichen Vaters ist bescheiden geworden …
Ohm Matthias Lage kam mit einem Bündel angegangen, in nichts von einem reisenden Handwerksburschen zu unterscheiden. Da ich auf der weißen Bank vor der Ruine saß, lud ich ihn gleich ein, sich neben mich zu setzen, und er berichtete recht gedrückt von seiner Lehrzeit beim »Vetter Lage«. Mein Anblick und der von Haus Lage schien ihn aber sehr zu heben, denn er wurde von Minute zu Minute aufgeweckter und übte schließlich eine recht laute und schonungslose Kritik an seinem Brotgeber. »Wenn ich bedenke, geliebte Nichte, daß dieser Clemens einer der reichsten Grundbesitzer ist, so muß es dich und mich empören, wie knapp er mich gehalten hat. Auf halbe Ration hatte er mich gesetzt, und alkoholische Getränke habe ich überhaupt nicht zu sehen bekommen, trotzdem ich weiß, daß dieser sogenannte ›Abstinent‹ den Keller voll Rheinwein hat und ihn auch gebührend zu schätzen versteht.«
»Davon weiß ich nichts«, sagte ich eisig abwehrend. »Freiherr Lage hat es jedenfalls gut mit dir gemeint. Und mit mir auch«, setzte ich mit einiger Betonung hinzu, die auch ihre Wirkung tat, denn Ohm Matthias empfahl sich rasch. Als er über den Rasen schritt, sah ich aus seiner Rocktasche einen großen Briefumschlag ragen, der eine atemberaubende Ähnlichkeit mit gelbem Büttenpapier hatte. »Hat Freiherr Lage dir nichts aufgetragen an mich?« rief ich ihm nach, heiser wie ein kranker Vogel vor Erregung.
Er schlug sich vor die Stirn und drehte sofort um. »Der Clemens? Natürlich! Natürlich! Seine ergebensten Empfehlungen und dieses Handschreiben. Du mußt wissen, liebe Nichte, der Knabe Clemens ist immer Grandseigneur, trotz Humpelbein und verkürztem Arm. Armen Verwandten gegenüber natürlich Knote. Aber Standesgenossen in guter Assiette halten ihn für vorbildlich.«
In mir regte sich eine tiefe Abneigung gegen den Schwätzer.
»Du hast an seinem Tisch gesessen, Ohm Matthias«, sagte ich streng.
»An seinem Tisch«, wiederholte er kläglich. »Leuteessen hat er mir verabreicht. Und doch bin auch ich ein Freiherr Lage, und Clemens weiß genau, daß ich russischen Kaviar höher schätze, als Reisbrei.«
Er schlurfte davon, und ich hielt mein Büttenpapier in der Hand und löste den Umschlag nicht eher, als bis Ohm Matthias in die Hauspforte eingetreten war. –
Ritter Lage schreibt: »Mancherlei Dinge sende ich in den grauen Alltag. Gitti, die Leuchtende, wird sie sich verklären und mir besonders über das eine nicht zürnen, das Ohm Matthias benamset ist. Er soll später ganz nach Holland übersiedeln … Vorläufig aber bitte ich die Samariterin, sich noch eine Weile seiner anzunehmen. Karge Kost, viel Arbeit und als Belohnung Sonntags ein Glas sauren Mosels. Also lautet mein Rezept für ihn. – Ferner kommt ein Riesenkoffer, von dem Ohm Matthias noch nichts ahnt. Er enthält eine vollständige Garderobe, die Base Gitti ihm je nach Bedarf verabreichen soll. Ohm Matthias ist immerhin ein Lage, und ich hoffe, daß der anständige äußere Mensch Einfluß auf den innern gewinnt. Halten Sie aber jeden Handelsjuden von ihm fern, denn unser Vetter neigt dazu, seine äußere, irdische Hülle in Alkohol umzusetzen. Das Dritte wird durch einen Vertrauensmann an Sie selbst abgegeben werden. Nicht jede ›Frawe von Lage‹ hat Freude daran gehabt. Denn es ist ein ›strenges‹ Geschenk. Tief ernste Steine sind es, und doch wird Ihr fröhliches Herz ihnen entgegenjubeln. Topase können nur reine Frauen tragen, anders geartete lehnen sie ab. Der Schmuck der Frawen von Lage hat 107 Jahre im Schranke eines alten Schlosses in Holland geruht. Ich weiß, daß Sie seine Schönheit ganz bewußt wieder auferstehen lassen werden. – Das vierte Päckchen … Gittibase …, du Lichtchen von Lage, das gebe ich dir selbst, oder grabe ihm im Lager Wald ein Grab. Der ist ohnehin ein rechter Friedhof für das Glück der Lages. Behüt’ dich Gott!
Clemens.«
Er gibt es mir selbst, oder …
Hinter dem »Oder« liegen die Kämpfe, liegt das Entsagen. Fast fürchte ich, ich bin dem Glück weit weniger gewachsen, als dem Leid. Dieses habe ich zur Genüge durchkostet, als die vier Augen sich für immer schlossen, die meine ›heilige Kindheit‹ behüteten. Jenes aber birgt für mich unfaßbare Möglichkeiten. Vor denen ich mich schier fürchte. Und die ich doch herbeirufen möchte, weil ich sonnenhungrig und voll Sehnsucht bin. –