33.

Der Schmuck der Frawen von Lage ist köstlich, und wahrlich, mein Herz hat ihm entgegengejubelt und lacht noch heute. Und doch sind es die ernstesten Steine, denen ich je begegnete.

Sie lasten nicht schwer, ich kann den Kopf auch unter dem Topasendiadem hoch halten. Und doch haben sie Zwingendes an sich. Die Sinnbilder der Reinheit mahnen: »Wir sind dein, du bist unsere Erbin. Erwirb uns, um uns zu besitzen.«

Jeder Topas ist von einem feinen Strahlenkranz kleiner Brillanten umgeben. Nie habe ich sonst diese Zusammensetzung gesehen. Nur ein Ringlein fehlt bei dem Schmuck. Die beiliegende Urkunde besagt, daß die Topase vor 107 Jahren ihre Besitzerin im Tode und im Sarge geschmückt haben. Vielleicht ist der Ring an der Hand der Toten geblieben, – sie ruhe in Frieden. Den anspruchslosesten Teil des Schmuckes, die Brosche, habe ich mir zurückbehalten und trage sie täglich. Das Halsband will ich zu einem weißen Tuchkleid anlegen an dem Tage, da Ritter Lage mir wiederkehrt. Denn wiederkehren muß er ja …

Und wird mein Haus und Heim betreten …

Und wird mir das Glück bringen, oder das Entsagen … Wenn das Glück geschritten kommt, dann trage ich das Diadem, – – den Brautschmuck der Frawen von Lage.

Hilf Gott, – dieser Gedanke macht trunken …

Einige Tage später.

Mit einem Schlage bin ich sehr klug und weise geworden. – Heute erging ich mich im Lager Wald. Freilich mied ich den Märchenwald und die Clemenskapelle, umging ängstlich die schmale Wegspur, die zwischen Stechpalmen und Farnen nach dem Tempel führt. Ein Knacken seitwärts im dürren Unterholz schreckte mich auf, und da sah ich die Korb-Sina, die ihre große, blaue Schürze mit Tannenzapfen füllte. Ich verhielt meinen Schritt, die Entdeckung war mir wertvoll, und ich wollte sehen, wohin sie sich wenden würde. Sie drehte mir den Rücken zu, mochte aber plötzlich fühlen, daß sie nicht allein sei, denn ein rauher Ton kam aus ihrer Kehle. Fast wie ein Aufschluchzen. Dann kollerten die vielen Tannenzapfen zur Erde, und unbekümmert durch das sie hemmende Unterholz stürmte sie auf mich zu. – Breit grinsend, laut auflachend und mit dem Ungestüm eines Kindes dann wieder weinend, so stand die alte Frau endlich vor mir. »Ist sie glücklich?« stieß sie hervor. »Ist der Pastor gut zu meiner Maria?«

Das war die einzige Sorge der verachteten Korb-Sina …

Wir standen Hand in Hand im Lager Wald, mich zog etwas zu der alten, wilden Frau, das ich nicht mit Namen nennen kann. Dann erzählte ich ihr von Marias Ehrentag, von unserm Suchen nach Korb-Sina selbst, und riet ihr, ruhig wieder ins Dorf zu ziehen, die Lager würden sie besser aufnehmen als selbst mich, ihre Patronin. »Die Lager?« rief die Alte verächtlich. »Die kenne ich. Die schreien heute ›Hosianna‹ und morgen ›Kreuzige‹. Die sind noch so, wie man vor tausend und mehr Jahren war. Nein, ich bin gut aufgehoben, und wenn die Baronin nur nachsehen will, daß man mir nichts stiehlt, oder das Haus anzündet, dann hab’ ich keine Not.«

»Wo steckst du, Sina?« fragte ich leise; denn wenn man diese Waldhexe ansah, konnte man nur ein böses Geheimnis hinter ihr vermuten. Aber sie erzählte ganz offen, daß sie am Tage ihrer Flucht nicht gewußt habe, wo sie ihr Haupt hinlegen solle. Nur der eine Gedanke habe sie umgetrieben, daß sie selbst ein Schandfleck auf Marias weißem Kleide sei, und daß es am besten wäre, wenn sie im Walde stürbe. Aber da habe sie plötzlich ein großer Hund aufgestöbert, und dem Hunde sei der Herr gefolgt, der »verrückte, lahme Holländer«.

»Warum nennst du ihn verrückt?« fragte ich zornig und rasch.

»Weil er’s ist«, sagte sie ruhig. – »Wenn jemand Schlösser und Häuser die Menge hat, dazu ein irrsinnig Weib seit 20 Jahren, und er vergräbt sich diese 20 Jahre in den grauen Alltag, um seinen blöden Sohn zu pflegen, dann ist er verrückt. Und sucht er keinen Umgang als die schrullige Jungfer Jesuliebe, Gott hab’ sie selig, dann ist er wiederum verrückt.« Sie lachte widerlich. »Früher, als ich noch jünger war, hätte er mich nicht mit der Feuerzange angerührt, aber dazu war ich ihm gut genug, sein Zimmer im grauen Alltag in Ordnung zu bringen. Die alte Eva durfte beileibe nicht merken, daß er da hauste. Hei, wie die mich verachtete, wenn sie mal ins Dorf kam! Und ahnte nicht, daß ich jeden Morgen durch den unterirdischen Gang ›in’t Lager Huus‹ schlüpfte. Und in der Horchbucht vernahm, was sie sich drinnen mit der Herrschaft erzählte.«

»Warum betreute ihn die alte Eva nicht selbst?« fragte ich befremdet.

»’s war ’ne Marotte vom Herrn Baron«, war die Antwort. »Die Eva ist gern mit dem alten Herrn Pfarrer zusammen, und dann läuft ihr der Mund und das Herz fort. Von mir aber wußte der Herr Baron, daß ich das verfemteste Weib im ganzen Dorf war und mit niemand zusammenkam. Und grad so was Heimliches, das hat mich immer gelockt«, schloß sie krächzend.

»Aber nun ist da doch nichts Heimliches mehr«, sagte ich ungeduldig.

»Nein, nicht viel mehr. Als die Baronin Jesuliebe starb und kurz darauf Baronin Brigitte einzogen, da war der Herr Baron unstet und zerfahren und fand, daß alles ein Unfug sei, und hat mich meines Dienstes entbunden. Von da ab gab er sich der Eva zu erkennen.« Sie lachte grell. »Ich wäre wohl überhaupt nie in sein Versteck gekommen, hätte er gewußt, daß ich vor dreißig und mehr Jahren durch den unterirdischen Gang zu seinem Vater schlüpfte … da trug Junker Clemens noch kurze Höschen …«

»Schweig!« rief ich außer mir.

Die Korb-Sina hob abwehrend ihre Hand. »›Schweig!‹ So schreit man einen bellenden Hund an. Vielleicht bin ich einer. Aber Sie, Baronin Brigitte, sind noch wie ein Kind. Und Sie kennen die Liebe nicht und wissen nicht, wie sie einen packen und unterkriegen kann, also daß man auf Ehre und Zucht vergißt. – Nur fleißig beten, Baronin Brigitte, daß der Geist willig bleibt und das Fleisch stark … Die Liebe kümmert’s nicht, ob sie einfährt in Vornehme oder Geringe, in Gebundene oder Freie …«

Wie eine Sibylle stand sie da.

Ich hielt eine Birke umklammert, und mir war’s, als schlüge mich die alte Frau.

Sie wendete ihr runenreiches Antlitz mir zu, aus dem die schwarzen Augen noch jugendlich funkelten. »Die Fräulein Baronin können mich auch nicht mehr niederdrücken oder beleidigen«, sagte sie ruhig. »Denn der aufrechte Herr Pastor Oswald ist mein Enkel geworden, und der Herr Baron von Lage hat meine Hand in seine genommen. Und hat mir gesagt, als ich ihm von meiner Flucht erzählte, daß meine Gesinnung ehrenhaft sei …«

Sie schritt durch den Wald, und es war, als sei ihr krummer Rücken mit einem Male geradegeworden. Und als gliche sie der aufrechten, herben Enkelin Maria. –