34.

Ich höre nichts vom Ritter Lage. – Jeden Morgen schaue ich nach dem Hause der Korb-Sina und nehme den Staub von den Möbeln des noch hochzeitlich aufgerüsteten Stübchens. Es ist, als ob ich damit den Staub vom Namen der Korb-Sina nähme. Zünd an, Brigitte! Immer mehr lerne ich das Wort verstehen. –

Ich denke nicht an Liebe, ich denke nur an Arbeit.

Und wenn mein Puls einmal rascher schlägt, dann ist’s das Wohl meiner Dörfler, was mich bewegt, ist’s die werktätige Nächstenliebe, die mich durchströmt. Die Dörfler meiden mich noch. –

Ich will und muß sie mir zurückerobern. Der Gedanke, daß ich irgendeine Pflicht verabsäumte, drückt mich sehr.

Mein Herz möcht’ ich aus der Brust nehmen und es ihnen entgegentragen. – Gottlob, daß ich die Dorfkinder wenigstens mein eigen nennen kann. Durch ihre Herzen hindurch werde ich den Weg wieder zu den Großen finden.

Die Kleinen begrüßen mich mit Hallo, wo sie mich sehen, und betteln um »Geschichtens«. Die gebe ich ihnen bereitwillig, wenn mich so ein ganzes Trüppchen nach entfernteren Katen begleitet. Das darf aber auch nicht zu oft geschehen, weil in einigen Häusern die Kinder schon rechte Hilfen sein müssen, oft bei schweren Arbeiten. Das möchte ich alles noch ändern. Möchte die Dorfkinder als ranke, schlanke Bäumchen heranwachsen sehen, nicht als krumme Zwerglein mit gewölbtem Rücken und schiefen Beinchen, wie sie jetzt in dreifacher Auflage neben mir her humpeln. Und die kleinen Mädchen mit schweren Verhebungen, die vernachlässigt worden sind und sie nun von jeder Lebensfreude ausschließen. Ich begegne da oft bei den Eltern einem erschreckenden Stumpfsinn. »Krumme Bäume hat Gott auch lieb«, sagte mir gestern eine Mutter. Mit diesem Gemeinplatz tröstet sie sich, daß ihr Kleiner, während sie »zu Tanz ging«, einst aus dem Bettchen fiel. –

Pieter Dinkel ist ein interessanter Junge. Weit über seine 8 Jahre hinaus geistig gewachsen. Dafür körperlich um so jämmerlicher zurückgeblieben. Seine Augen sehen mich immer so ergründend an, und ich helle mein Gesicht bewußt auf, wenn ich mit ihm spreche. Sobald er viel gute Liebe und Verständnis spürt – und wann gäbe ich die ihm nicht –, so wird auch sein gescheites Gesichtchen licht, und er plaudert recht und gibt seine Schätze her wie ein aufgeschlossenes Schatullchen. –

Gestern war unser Donnerstag, der Märchennachmittag, der von den Kindern ebenso glühend herbeigewünscht wird wie von mir. Da bin ich Kind unter Kindern. Andersens Märchen von den Störchen entzückten uns alle, ich habe ja nicht nur zuhörende Kinder, sondern auch ein paar von den Ältesten des Dorfes darunter. Denen bietet die Wirklichkeit nichts mehr, und sie flüchten sich deshalb in das Kinderland, das ihren 80 und 90 Jahren wieder nahe liegt. – Pieter Dinkel war eifrig um meine Aufklärung bemüht. »Du … dat mit’n Storch is ni wohr!« sagte er mir gestern, und ein großer Teil der Rotte Korah stand ihm eifrig bei. »Morgen fröh will ik di dat vertellen, wie dat is …«

Aber als wir uns heute morgen trafen, um große Äpfelmengen aus meinem Obstgarten in die Katen zu bringen, was immer einen Freudentag bedeutet, da stellten sich auf der Wiese all die kleinen Neunmalklugen vor Storch und Störchin hin, die auf der Wiese stolz einherstelzten, und sangen mit schallender Stimme: »Storch, Storch, Bester! bring’ mi ’ne lüttje Swester.« Und Pieter Dinkel war der Vorsänger. –

Und über all der Märchenpoesie vergaßen die Kinder, mir klarzumachen: »wie dat würklich is«.

Ehe sich die Störche zum Fernflug rüsten, haben sie das Lehrerhaus noch mit Zwillingen bedacht. Frau Mien weinte, als ich heute bei ihr war; sie meinte, es sei des Segens zu viel. Da tat mir des Lehrers strahlendes Gesicht recht wohl, der ein wahrer Kindervater ist. »Alle neune!« rief er mir entgegen, recht wie ein vergnügter Kegelbruder, während er vorsichtig ein rosa und ein blaues Bändchen um die winzigen Handgelenke der Neugebornen knüpfte. Nun wissen wir, wer Lina und wer Stina ist. – Natürlich bin ich Patin von den Zwillingen. Mit warmen Worten trug man mir dies Ehrenamt an, und ich will es mit der Gewissenhaftigkeit versehen, wie es in meiner Thüringer Heimat noch Sitte ist. –

Am Tage darauf.

Heute tat ich einen seltsamen Fund. –

Er paßte so gut zu dem herbstlichen Wetter, das plötzlich eingesetzt hat und mich nach prasselndem Kaminfeuer verlangen ließ. Und dabei war mir, als ob Ritter Lage sich ganz in meine Gedankengänge hineinversetzt hätte. Das ist natürlich eine lächerliche Annahme. Aber ich schaffe mir solche Lichtchen in den grauen Alltag. – Als ich gestern anfing zu frieren, dachte ich an Ohm Matthias, der mir in einem hellgrauen, leichten Röckchen herumgeistert, von dem er behauptet, es stände ihm besonders gut. Ich aber hielt den dicken, dunklen Flauschrock, der sich in dem Riesenkoffer vorfand, seinem rheumatischen Adam für angemessener und holte das warme Kleidungsstück herbei. In die Brusttasche wollte ich ein reines Seidentuch stecken, denn Ohm Matthias ist Schnupfer. Und ich bin doch dem Ritter Lage für die Sauberkeit der gespendeten Sachen mit verantwortlich. Da entdeckte ich ein Buch in der Brusttasche … Es ist ja unmöglich, daß der Flauschrock 150 Jahre alt sein kann, also daß der Schreiber selbst das Buch darinnen vergessen hätte. – So sendet es mir also Ritter Lage in meine Einsamkeit und wünscht, daß ich mich immer weiter in der Familiengeschichte vervollkommne. (Siehe oben.) Bin ich mit dem Studium fertig, so füge ich das schlanke Büchlein dem ehrenfesten Folianten ein, damit meine Nachfahren nicht so lange wie ich im Dunkel herumzutappen brauchen.