35.

Lager Huus, 12. November 1762.

Ich, Freiherr Thassilo von Lage bin hier seßhaft worden an der holländischen Grenze in’t Lager Huus. Das ist ein verflucht altes Gerümpel. Da möcht’ ich schier lieber noch mit meinem gnädigsten Herren dem alten Fritzen kampieren. Im Zelt, durch das der Regen surrt. Und mich mit den Podagraknochen herumschleppen in Dreck und Jammer wie bei Kollin, und dann wieder brüllen vor Freude wie bei Leuthen: »Nun danket Alle Gott!« Das waren noch Zeiten! Nun soll ich hier fest sitzen auf eigenem Mist und alle Morgen krähen. Mille tonnerres. Solches war nicht wohl getan von der Mynheersippen mich alten Haudegen erben zu lassen.

Ich dachte lieber wie jener alte Tscherkessenfürst, dem sein Panzerhemde, sein Haß und seine Freiheit unverkäuflich waren. –

Ja, hätt ich mein jung, schön Weyb noch, da sollts wohl ein Wonnen ohngleichen sein in dieser Einsamkeit zu hausen. Und es hätte ein weites Revier in der grenzenlosen braunen Heide gehabt, um sich schelmisch vor mir zu verbergen. Wär aber heuer auch nicht mehr so behend wie dazumal, – als ichs hergeben mußt an den Sensenmann. – Hol ihn dieser und jener!!!

Als ichs meinem allergnädigsten Herren gehorsamst vermeldete, was ich für ein Erbe getan, fluchte der alte Fritz nicht wie ein Stadtsoldat? Mille tonnerres! Und schlug er sich nicht auf die Schenkel und lachte, daß ihm der Odem fortblieb? Und schrie er mich nicht an?: »Baron Lage, ich rat Ihm, gewöhn’ Er sich das Saufen an, denn vor schöne Weiber ist Er zu häßlich und hat auch nicht die mériten dazu. Aber das Saufen allein kann Ihn retten, daß Ihn nicht der ††† holt in dem grauen Alltag da unten an der holländisch Grenz’. Sauf Er Lage, sauf Er feste!«

Und hat mein allergnädigster Herr nicht somit das Wort geprägt wie eine Münz’? Grauer Alltag! Dabei solls bleiben!

Grauer Alltag! Das paßt auf dieses ganze Klima. Paßt auf den dusteren Wolkenhimmel. Paßt auf die Ödweiligkeit des Dorfes und auf meine eigene. – Hab ja auch noch Kunersdorf zu verdauen gehabt. Mille tonnerres! Kriegsglück ist wandelbar. Habe mich und mein Leid und den gachen Zorn über die Misere vergraben in den »dorischen Tempel«. Der liegt just an der Grenze von Holland und Hannover. (Preußen?) Man kann auf zweierlei Art diese Grenz überschreiten. Entweder man läßt sich durch Stechpalmreiser zermürmeln und zerschinden, oder man schleicht lautlos die steinern Stiege hinunter und kriecht durch den unterirdischen Gang in’t Lager Huus, Mille tonnerres. Waren also auch Füchse und Filus, die Lages. Denn ein ehrenhafter Kerl braucht keine unterirdischen Gänge. Und das Lager Huus ist nie ernsthaft belagert worden, also daß man hätt flüchten müssen auf heimlichem Wege in den Lager Forst. – Hoffe nun auf Den da Oben, daß es nun bald Frieden geben wird zwischen König und Kaiserin. Zuschauer sein mit einem dauerhaften Granatsplitter im rechten Arm und dem Zipperlein in beiden Beinen, das ist nichts forn alten Haudegen. Grauer Alltag! Ich wollt, ich könnt Schloß und Dorf zum Taufstein tragen und der Pastor müßt sein Sprüchlein hersagen, damit es fest sei für Kind und Kindeskind. Und der große Fritz, mein allergnädigster Herr wäre Pate for das langweilige, dustre Kind. – Grauer Alltag! Der Nam macht mir ordentlich Spaß. ’S ist aber der einzige Spaß hier. Mein Kriegskamerad, der Baron Ellers hat auch geerbt. Eine propre Klitsche in meiner Nachbarschaft. Ob er sie halten wird? Die Ellers sind alle Jeuratten. Irgend eine Passion muß man hier freilich haben. Ists kein sauberes, eigen angetrautes Weyblein, so hat Einen der ††† gleich beim Kanthaken. Die Ellers retten sich immer knapp vor der Pistolenkugel durch eine reiche Heirat. Hat sich der Kumpan so ’ne verflucht dröge Jungfer rangeheiratet. Drög, aber reich. – Und er könnte nun Dukatenmännchen spielen … Tuts aber nicht. – Weil Schwiegermutter und Eheweyb ihre mageren Arme um die Geldsäcke schmiegen, wenn da überhaupt von »schmiegen« die Rede sein kann. Mille tonnerres! Nun lebt Ellers von seinem Humor. Hat die beiden Weyber in seinem Schloß gelassen, und er selbst hat sich ein klein Häusgen aufgebaut im Park, das nennet er nun das »bessere Jenseits«. Steckt ein grimmer Humor drin. –

Ich aber will doch lieber den grauen Alltag auf dem Halse haben und frei sein, als das bessere Jenseits schon auf Erden besitzen und in Schußweite eine böse Schwiegermutter und ein mageres Weyb …

Im Dezember 1764.

So ’ne urkundlich verbriefte und versprochene Schreiberei über meines Lebens Läufte, die immerhin für Andere langstielig ist, bildet eine höxt unangenehme Beigabe für ’n alten Officier. Ist das Einzige, das ich dem großen Fritzen, meinem König und Herrn ungern nachmache. Hab mir deshalb auch das dünnste Büchlein herausgeholt aus all den Schweinsledernen, in welche die Lager Sippe ihre Bekenntnisse pflanzen soll. So hat es Joochen Lage, der Urahn bestimmt. – Hat gleich eine ganze Zunft, die der Buchbinder, in Nahrung gesetzt. Sind ehrenfeste Folianten drunter von der Dicke eines Meßbuches. Gott bewahr die Lages, daß das alte Haus mal ’n Schriftsteller gebiert. Und noch dreidoppelt die, so dann Alles lesen müssen, was der über die Lagen zusammenschmieret. Ich lob mir dies schlanke, dünne Formatlein.

Heut kam ein reitender Bote herüber von Holland. Der Vetter Clemens, gleichaltrig mit mir und verheiratet mit der Gräfin Frenswegen zeigt mir wieder die Geburt eines Sohnes an. Bittet um die Ehre meiner Patenschaft. Soll er haben. Ist aber von seiner Seit nicht viel Ehr zu holen und von meiner keine Freude. Wird wohl wieder ’n Kröpelbub sein, oder sonst was Schadhaftes. Das geht nun so durch Generationen. Aber keiner der Mynheers hat die Selbstzucht eigenem Glück Valet zu geben und einsam zu bleiben. Immer wieder wird geheiratet und noch dazu beide Augen zugedrückt bei der Wahl der Gattin. – Ich alter Kavallerist bin auf die Freite wie zum Pferdekauf gegangen. Habs nie bereut. Ein kerngesund Weib ist ’ne Gottesgabe. Da mußte der Herrgott bei mir schon mit Knüppeln dreinschlagen und die schwere Seuchen schicken, auf daß meine Herztraute überhaupt mal umwarf, und zum Liegen kam. Und nicht wieder aufstand … Hatten einen Sohn. Wie ein Apfelbaum war er, in voller Blust. Und rank und schlank, breitschultrig, groß, ein echter deutscher Lage. Zog mit mir ins Feld, fiel bei Kollin. Herrgott du weißt es, – bin seitdem noch nicht wieder ganz auf Du und Du mit Dir. Ob ich wohl noch vor meinem eigenen Ende den tieferen Sinn der Weisheit kennen lerne: »wen Gott lieb hat, den züchtigt Er?« Hab bis jetzt immer gedacht: Ei, so soll Er mich weniger lieb haben und Andere feste zwiebeln, die mehr auf dem Kerbholz führen, als ich. –

Bin nun ein einsamer Krabauter geworden.

Aber besser einsam, als ’n Drachen im Hause haben und des Teufels Großmutter noch als Dreingab, wie der Ellers. Und dreimal besser als ein elender Krüppel, der seinem Vater ewig lebendige Anklage darstellt, ist ein ranker, schlanker Bub tief in der Erde von Kollin.

»Kein seliger Tod ist in der Welt, Als wer vorm Feind erschlagen!« …


Brigitte schreibt:

Haus Lage, im Oktober.

Das Büchlein von dem alten Haudegen will mich gar nicht loslassen. Ich füge es jetzt in den ehrenfesten Folianten ein. Wie traurig klingt die Mär von den krüppelhaften Lages! In unserer deutschen Sippe ist kein Fehl, noch äußerer Tadel. Kraftvoll recken wir unsere Glieder jedem neuen Tage entgegen, und ich will jeden Morgen aufs neue dafür danken. –

Ich habe mich immer gescheut, das Gebrechen des Ritters Lage eingehender zu beschauen. Den verkürzten Arm, die kraftlose Hand, den schwer nachschleppenden Fuß …

Meinte immer, er müsse den Blick fühlen wie eine bohrende Nadel und mein frauenhaftes Mitleid wie eine Kränkung. Aber die Gebrechen bedeuteten mir nichts Schweres. Erst jenes Büchlein brachte mir schweres Nachsinnen, macht mich unfrei und schafft mir Wirrnis …

Doch meine ich, wo so viel starke Geistigkeit spricht, da ist die Hülle des Körpers nur ein Schatten, der ohnedies von seines Herzens Glanz durchleuchtet wird.

Ob dem Ritter Lage die Kette, die ihm mit dem irren Weib angeschmiedet war, nicht lastender dünkte, als der eigene körperliche Schaden? Aber vielleicht denkt darüber ein Mann anders, als ein Weib. Er will immer sieghaft dastehen. Die Frau will nur lieben. Liebt auch Gebrechen, Narben und Wunden … Meint gar, sie heilen zu können, was Jahrzehnten nicht gelang. Nur durch die Liebe, die nach den Worten des Heilandes Berge versetzt. –

Ei, Brigitte, wie würde Ritter Lage spotten, wenn er deine Philosophie lesen könnte! Wie würde es gelbe Büttenpapiere regnen! Oh, daß ich sie jetzt hätte! Oder erwarten könnte! Daß ich so gar nichts von ihm höre! –

Aber Eva weiß von ihm, – ich vermag jetzt auch von ihrem verschlossenen Antlitz zu lesen. Hie und da steht und geht sie sinnend und schaut mich an, lange und immer schweigend. Dann kommen Tage, wo sie im Hause rumort, unwirsch zu jedem ist und nur mich mit einer Weichheit behandelt, als täten mir alle übrigen das gebrannte Herzeleid an. Dann wieder strahlt jedes Runzelchen ihres alten Gesichtes, sie spricht mit sich selbst und stößt merkwürdige Töne aus, die halb Schluchzen, halb Lachen sind. Und dann flieht sie vor mir, wohl aus Angst, sie könnte in ihrer inneren Freude herausplaudern, was mir verborgen sein soll. Dieses Erratenmüssen ist für mich anregend und anstrengend zugleich, – oft kommt eine müde Traurigkeit über mich. –

Meine Spaziergänge in die Heide sind freudlos.

Die braunen Dolden atmen Schwermut. Die Wacholder stehen stachlig und herb als strenge Wächter am Heiderand, und die Ginsterbüsche sind kahle Sträuche, die ihre schmalen, mageren Ärmchen strecken, wie Kinder, die um Brot betteln.

Auch ich strecke meine Hände. Auch ich bin in Not. Meine Seele dürstet und hungert nach Sonne. Ritter Lage, hörst du mich?