36.
Gese Nordstamm, geborene Tönnings hat ein Kind geboren. Aber es ist noch in der gleichen Nacht gestorben. Die Aufregungen, die Unrast, ihre Unbeherrschtheit und Sorglosigkeit haben wohl doch dem Ungeborenen geschadet. Es war nicht lebensfähig. Förster Nordstamm hat die winzigen vier Bretter und zwei Brettchen mit dem jämmerlichen Inhalt auf den Friedhof getragen und ihn zu seiner ersten Frau gebettet. Man muß abwarten, ob aus dem kleinen Sarge Segen kommen wird. Ob sich Gese nun zu einer rechten Mutter für Klein Erika wandelt. Die Schmiedsleute scheinen einer großen Last ledig zu sein, da das anstößige Steinchen aus ihrem Wege gewichen ist. Die Mutter sitzt bei Gese und pflegt sie, und der Schmied geht rauchend und redend mit dem Schwiegersohn umher und hat Klein Erika einen ungeheuren Ball mitgebracht als Ersatz für das Brüderchen. Ich aber sinne, ob all dieses Geschehen schon ausreichen soll, meinen Tag zu füllen. Gegenüber meiner starken Gesundheit und Kraft, die sich in großem auswirken möchte, dünkt mich alles rings um mich her nur Kleinkram. In den lustigen Sachen, die das Dorf mir auch wohl bringt, steckt kein Gran Humor, und das Traurige hat keine eigentliche Tragik. Alles ist Oberfläche. – Ich aber glaubte, die Mission der Tiefe zu haben. –
Mit Pastor Oswald komme ich wenig zusammen. Ist sein neues Leben, vereint mit der herben Maria, noch zu überwältigend für ihn? Drückt ihn der Kummer um die Unversöhnlichkeit seiner Mutter? Erlebt er Enttäuschungen? Ich habe das Gefühl, als meide er mich bewußt und lasse lieber einmal unrichtigen Sachen ihren Lauf, als daß er in Haus Lage eintritt, um alles mit mir, seiner Patronin, zu besprechen.
Vielleicht aber treibt meine Phantasie besondere Wucherblüten, weil ich so einsam bin. Über mein Haus, meinen Park, über den Obstgarten und seine überreiche Ernte schreibe ich nichts in den ehrenfesten Folianten hinein. Meine Nachfahren sollen mit ihren leiblichen Augen sehen, daß ich alles Ererbte wirklich besaß, weil ich es in heißer Arbeit erwarb. – Um die zehnte Abendstunde, wenn ich mein Personal um mich versammelt und mit ihm gemeinsam gesungen, gebetet und den Abendsegen gesprochen habe, dann setze ich mich zum Folianten und halte Zwiesprache mit ihm. Er ist ein fester Bestand von Haus Lage, das mich ja selbst mit eisernen Klammern festhält, wie die bronzenen Klammern den schweren Ledereinband um das ungefüge Papier, auf das ich meine Eintragungen bringe. – Dann aber begebe ich mich zur Ruhe und schlafe immer schnell und gesund ein, also daß ich mein Tagewerk frisch in frühester Morgenstunde beginnen kann. Es ist gut, daß ich mit der eigentlichen Landwirtschaft nichts zu tun habe, wie würde meine Unwissenheit auf diesem Gebiete hemmend wirken. Der ganze Betrieb liegt in den Händen von Ritter Lage und seines Administrators, aber entfernt von Lage, auf holländischem Gebiet. Ich beziehe alles Nötige zu Tagespreisen von dem Gute, und meine Küche betreut mein Hausmeister Ludwig im Verein mit dem Schlachter und dem Kolonialwarenhändler des Dorfes. Ich selbst würde noch viel einfacher leben, wenn nicht Ohm Matthias und Tante Fernande eine reiche Tafel liebten. Doch schränke ich alles so weit ein, daß man unseren Tisch nur als »herrschaftlich«, nicht als reich oder üppig bezeichnen kann. – Einen Todesfall hat mein Dorf seit gestern wieder zu verzeichnen, ich sage nicht Verlust. Denn es war der widerliche Säufer aus der letzten Kate meines Besitzes, der einem bösen Fall zum Opfer wurde. Und ich stehe nun vor der Aufgabe, diesen Augiasstall zu reinigen, sobald der Tote unter der Erde ist. –
Und wieder bin ich vor einem Rätsel, sinne, grüble und – lerne. Dieses schwarze Schaf ist mit nimmermüder Liebe geliebt worden. Vom ersten Sehen an war die Frau ihm verfallen und ist ihm in die üble Kate gefolgt, hat ihm die Kinder geboren über ihr körperliches Vermögen, ist siech und elend geworden und hat ihn geliebt. Hat ihn gepflegt und für ihn gesorgt, bis sie selbst aufs Krankenlager kam; hat sich peinigen, treten und schlagen lassen – und hat ihn geliebt. Nie hat sie ihm eines der unflätigen Worte zurückgegeben, mit denen er um sich warf, nie ist sie zornig geworden. Eine eigene Art hatte sie, ihn anzusehen, und dieser Blick sagte: »Wenn du da unten herumkriechen willst, – mich bringst du nimmer hinunter.« »Vielleicht war dieser hochmütige Blick ein Unrecht, das ich jahrelang an ihm beging,« – so klagte mir heute das arme Weib, das nicht einmal aufatmet in dem Gedanken, nun endlich Ruhe vor ihm zu haben. –
Sie hat sich aus dem Bett geschleppt, näht mit rotgeweinten entzündeten Augen Trauersachen zurecht und kühlt zwischendurch noch die Wunden, die ihr seine Peitsche schlug.
Frauenliebe! Nie ausgesungenes Wort. –
Wer wie ich in einer so märchenhaften Kinderstube aufwuchs, wem hochstehende, feinsinnige Eltern Lebenskameraden waren, der findet sich schwer in einer brutalen Welt zurecht. Man dünkt sich oft ein Ei ohne Schale. Aber ich habe mich in all dieser Zeit schon gestrafft, und eine festere Schale wird noch wachsen. Auch die innerlichen, unsichtbaren feinen Flügel, mit denen man sich erheben kann, wenn andere meinen, man kröche mit ihnen … Zünd an, Brigitte! Auch in dir selbst. Auf daß du nicht zum Pharisäer werdest! – –
Ohm Matthias hat eine Reise angetreten. Ich mußte ihm wohl oder übel einen ganz neuen Anzug in sein Köfferchen legen und gab ihm auch das nötige Kleingeld. Er will nach Paderborn fahren, um seine Papiere in Ordnung zu bringen, sagte er mir, und fügte hinzu, Ritter Lage habe es für sehr unordentlich erachtet, daß er jetzt noch immer nicht mit allen nötigen Ausweisen versehen sei. Das bewog mich natürlich besonders, seinen Reisegelüsten nachzugeben. Aber Ohm Matthias ist wie ein Kind. Ich fürchte, er rächt sich in der Stadt für alles, was wir ihm hier vorenthalten. Und ist doch längst nicht mehr kräftig genug, um auf seinen Körper loszuwirtschaften. So ist er nun abgezogen, ganz »feiner Hund«, wie er Tante Fernande zurief, und sie sah wie eine Glucke aus, die ein Entlein ausgebrütet hat, das sich vor ihren sichtlichen Augen in eine Stromschnelle begibt. –
Einige Tage später.
Bin kaum zum Ausruhen, noch weniger zum Nachdenken gekommen. Denn die allerletzte Kate meines Dorfes beanspruchte mich völlig. Wohl hatte ich mir Hilfe genug mitgenommen, eine derbe Magd, die das kleine Haus unter Seifenwasser setzte, mit erstaunten Augen und glucksendem Lachen davon Kenntnis nahm, daß ihre vornehme Herrin auch grobe Arbeit tun konnte, und dann mit ihr, mit Kraft und Ausdauer, Frische und Fröhlichkeit, den Stall säuberte, daß die kranke Frau in ihrem Bett gar nicht wußte, wie ihr und ihrem armseligen Hausrat geschah. Hie und da steckte auch wohl eines der vielen Kinder, die währenddem in der Nachbarschaft untergebracht waren, seinen Wuschelkopf neugierig in die beginnende Ordnung, um ganz überwältigt wieder davonzustürzen, und abends lohnte es sich dann wohl der Mühe, die zwei aufgeräumten, sauberen Stuben zu sehen: die frisch überzogenen Betten, die leuchtenden, rosakattunenen Fenstervorhänge und den gescheuerten Tannentisch. Daherum saßen nun frisch gewaschene Mägdlein und Buben mit ihren sauber gekämmten Tollen und Zöpfchen und schrieben und lasen ihre Schularbeiten. Es war weder Vollmond noch Sternenhimmel über mir, als ich endlich in die Nacht hinaustrat, um nach Haus Lage zurückzukehren. Und doch war es seltsam klar in mir und um mich. War es der Glanz aus sieben Augenpaaren, der auf meinem Heimweg lag? – Als ich nach Hause kam, fand ich mancherlei Post vor, auch barg meine große Ledertasche Papiere, welche mir die kranke Frau des Trunkenboldes übergeben hatte, den man gestern zur letzten Ruhe getragen. Pfarrer Oswald hat die Vormundschaft der Kinder übernommen. So schickte ich denn Ludwig hinüber zum Pfarrhaus, um den Freund endlich einmal wieder in’t Lager Huus zu bitten. Das sollte ein lichtes Beratungsstündlein werden, und so dankbar bin ich jedem, der mich über das Bangen, das Heimweh, das Warten hinwegbringt durch frisch-fröhliche Arbeit, gutes Verstehen und einen herzlichen Händedruck.
Pastor Oswald folgte meinem Diener fast auf dem Fuße. Und wie er unter der grünen beschirmten Hängelampe saß, die mein Arbeitszimmer so traulich erhellt, erschrak ich vor der fahlen Blässe seines Gesichtes, vor dem Gram, der in seinen Augen lag.
»Um Gott, was ist mit Ihnen?« fragte ich rasch und nahm seine kalte Hand noch einmal in meine Rechte.
Er schien mit der Antwort zu ringen, dann kam es stockend von seinem Munde: »Ich habe die Sünde wider den heiligen Geist begangen. – Ich habe ein Weib genommen, um die heiße Liebe zu einer anderen zu bezwingen. Und kann sie nicht zwingen. Ich wollte groß sein und bin kleiner im Denken und Handeln als der Geringste meiner Pfarrkinder.« Er stand vor mir, als sei ich sein Beichtiger.
»Nicht doch, nicht doch«, rief ich laut. »Um Gott, was haben Sie mir da gesagt? Und ich war so ruhig, so froh all die Zeit gewesen!«
»Weil Sie mich loswaren«, sagte er bitter. »Auch Sie tragen ein wenig Schuld an meiner Not, Freiin Brigitte. Nicht weil Sie mich als Freier ablehnten, – das war Ihr gutes Recht, aber wie Sie es taten. Sie sind sehr rasch, Baronin, – sehr selbstsicher und selbstherrlich, trotz Ihrer Weltfremdheit und Kindlichkeit, die eine ganz neue Welt für mich bedeutete. Sie warteten gar nicht ab, ob ich selbst um Sie werben würde, Sie nahmen ganz einfach die Wünsche meiner alten Mutter schon als Werbung auf: Und wehrten sofort ungestüm ab, verletzten mein Ehrgefühl aufs schwerste …«
Ich fühlte, daß ich blaß und kalt wurde. »So hätten Sie gar nicht um mich geworben?« fragte ich tonlos.
»Nein«, entgegnete er fest. »Denn ich sah, daß Sie meiner starken, großen Neigung gar kein Verständnis entgegenbrachten. Zum Toggenburger eigne ich mich nicht. Aber zum Warten. Ich wäre Ihr Freund geblieben, hätte mit Ihnen Hand in Hand dem Dorfe das Beste gegeben, was wir geben konnten. Und vielleicht …«
»Nein, niemals …«, rief ich rasch.
Eine rote Lohe schoß ihm in das Antlitz. »Sehen Sie, wie ungestüm und doch irrgehend Sie in Ihrem Urteil sind«, sagte er verweisend. »Lassen mich nicht einmal ausreden. Ich wollte sagen, vielleicht hätte ich überwunden …«
Nun war es an mir, mich brennend zu schämen.
Er sah es und half mir ritterlich. »Tat ich Ihrem Stolze weh? Ich mache es wieder gut, indem ich Ihnen sage, daß ich niemals überwinde. Sie treten nicht in ein Mannesleben, um vergessen zu werden. Sie fühlen das auch, fühlen es so stark, daß Sie Ihre Folgerungen gewissenhaft ziehen. Daß Sie sich der Pflichten eisern bewußt sind, die Ihnen Ihre große Macht über die Menschen auferlegt.«
»Ahnt Frau Maria all dieses?« fragte ich laut.
»Sie weiß es«, war seine Antwort. »Weiß es viel länger, als Sie selbst es wissen. Und in ihrer großen Liebe zu mir sagte sie dennoch ja, denn sie wollte mir helfen zu überwinden, wollte dabei auch Ihr großes Liebeswerk am Dorfe fördern … Und nun gehen wir beide –«
»Was heißt das?« fragte ich bestürzt.
»Das heißt, daß ich mich um eine ausgeschriebene Pfarrstelle in Berlin beworben habe. Man will mir wohl im Kultusministerium, die Fäden sind bereits angeknüpft, und im großen Getriebe der Weltstadt fragt auch niemand nach Marias Herkunft. So bleibt ihre feine Seele vor Nadelstichen verschont, – sie trägt genugsam an dem großen Leid, daß mein Herz und meine Seele in Lage bleiben. Und doch neidet sie Ihnen beides nicht, Freiin Brigitte, denn sie ordnet sich Ihnen unter.« –
Wir sahen uns an, und ich fühlte, daß etwas unendlich Gutes und Großes mit diesem Manne aus meinem Leben schied. Einen Augenblick durchfuhr mich der Gedanke, ob es nicht das Glück gewesen sei, das ich mit meinem raschen Handeln von meiner Schwelle verjagt hatte. Aber da stand es plötzlich mit leuchtender Schrift vor meinem Auge: »Das vierte Päckchen bringe ich dir selbst, Gitti!«
Und dieser Gedanke flutete wie ein Meer von Glück über mich hin.
»Mein Herz ist seit langem gebunden!« sagte ich laut. »Und ich hoffe unablässig, daß mein Bruder Konrad Oswald Frieden und Überwinden finden möge. Grüßen Sie mir Maria. Ich werde sehr einsam durch euer Fortgehen, aber es ist das beste so.« –
Die scharfe Blässe hatte sich wieder über Oswalds Gesicht gelegt; er verbeugte sich tief und schritt über meine Schwelle hinaus in die Nacht. Ich aber lehnte meinen Kopf an die Mauer der Horchbucht und sagte eindringlich: »Ritter Lage, bring’ mir Sonne! Ritter Lage, ich gehöre dir für Zeit und Ewigkeit!«