38.

Im November, abends.

Heute habe ich einen ganz neuen Lebensinhalt bekommen. Ich brauchte nicht nur aus Büttenpapieren zu schöpfen oder die alte Eva auszuhorchen, sondern ich hörte ein paar kluge Männer über Ritter Lage urteilen. Ich war mit Hausmeister Ludwig, der meinen Wagen lenkte, nach Heidkamp hinübergefahren, wo mich das liebe Ehepaar endlich einmal umhegen wollte. Dort traf ich eine Herrengesellschaft, landsässige Leute und solche aus Münster, Osnabrück, Lingen und aus Holland. Es war ungeheuer anregend.

»Ich höre gern, wenn kluge Männer reden, daß ich begreifen kann, wie sie es meinen.« Ob ich so mäuschenstill zugehört hätte, wenn sie nicht vom Ritter Lage erzählt hätten? Es kam ihnen lächerlicherweise erst lange danach zum Bewußtsein, daß ich ja auch eine Lage sei. Aber Clemens spielt mit allen Verstecken, und so nahm man auch dann einfach an, daß ich genau so ahnungslos über sein Tun und Treiben sei, wie alle andern. Nur ein Baron von ter Mählen, ein kluger, älterer Mann Anfang der Fünfziger, der über große Besitzungen verfügt und sich doch meistens in München aufhält, um der Kunst zu leben, rückte lebhaft seinen Stuhl zu mir heran und fragte mit warmer Anteilnahme: »Eine Base des Clemens Lage? Wie ungeheuer interessant für mich!« Ich sah ihn erstaunt an und fühlte, wie die Farbe in meinem Gesicht kam und ging. Er legte, wie ein väterlicher Freund, seine Hand auf die meine, nicht zudringlich oder gönnerhaft, nur beruhigend, so schien es mir. »Clemens Lage und ich waren Korpsbrüder bei den Bonner Borussen«, sagte er. »Ich könnte sentimental werden, wenn ich dran denke, daß das Leben uns trennte … Wir studierten beide Rechtswissenschaft, – ich ging nach dem Examen in den Verwaltungsdienst, und er zog sich auf seine Besitzungen zurück. Nun, Sie wissen, was für ein mustergültiger Landwirt er ist, wie angesehen in Holland und Deutschland. Seine Kolonien, seine Arbeiterhäuser haben Weltruf. Und seine Kunst … Freiin Brigitte, kennen Sie seine Kunst?«

Ich nickte, und meine Augen müssen wohl gestrahlt haben. Denn der Freund lachte froh in sie hinein. – Dann wurde er plötzlich ernst, und wie ein Schleier legte es sich über seinen hellen Blick. »Clemens Lage heiratete vor ungefähr 20 Jahren und brachte mir seine junge Frau, – mir, seinem älteren Freunde, der ich bereits nach ganz kurzem Glück Witwer wurde und einsam in Bonn saß …« Herr von ter Mählen sah mich eine Weile forschend an, dann raunte er hastig: »Die Frau des Clemens war das genaue Gegenteil von Ihnen, Baronin.«

»Warum sollte sie mir gleichen?« fragte ich.

»Das ist die rechte Frage, und Sie sollen die Antwort gleich haben. Weil der Clemens Sie mir schon in seiner Studentenzeit geschildert hat. Lächeln Sie nicht so ungläubig, Baronin, er hat Sie mir in seiner lieben, raschen, begeisterten Art von Kopf bis zu Fuß innerlich und äußerlich dargestellt, – ja er hat eine kleine Tonfigur geformt, die Ihnen aufs Haar gleicht, und dies Figürchen hielt er liebevoll in seiner Hand und rief: ›Wenn du je solch einem Mädchen begegnest, so halte es fest, – hörst du, halte es fest, für mich.‹ Ich bin niemals seinem Ideal begegnet – bis heute

»Oh,« wehrte ich ab, »Sie kennen mich ja gar nicht.«

»Doch, doch,« lachte er gütig, »ich habe Sie jetzt stundenlang geprüft, es ist nicht nur die verblüffende äußere Ähnlichkeit mit dem Clemens-Ideal, es ist Ihr ganzes Wesen, Ihre Stimme, nicht zuletzt Ihre Anschauungen, Ihre liebe Kindlichkeit, Ihr Fleiß … Lassen Sie es sich doch ruhig sagen, Baronin. Meinen Sie denn, man spräche nicht ringsum in Dorf und Stadt von der jungen Philanthropin?«

Ich wußte natürlich gar nichts zu antworten. Auch wollte ich so gern mehr vom Ritter Lage hören. Aber ich meinte, der Sprecher müsse den Aufruhr spüren, in dem ich mich befand. Plötzlich bog er sich zu mir nieder und sprach weiter, aber leise und eindringlich: »Seitdem das Unglück über ihn hereinbrach, habe ich nichts mehr direkt von Clemens gehört, er war immer so einer, der nur seine Freude teilte, also daß seine Freunde schließlich mehr bekamen, als er selbst, aber sein Leid, das behielt er wie die größte Kostbarkeit für sich. Bis es sich wieder in Segen für andere gewandelt hatte. Nun erzählt man sich, daß Clemens ein völliger Einspänner geworden ist, daß sein Humor trübe fließe und zumeist bitter sei, und daß der Sarkasmus seine sprichwörtliche Güte totgeschlagen habe.« –

Wieder wurde es still zwischen uns. Dann nahm Herr von ter Mählen meine beiden Hände und sah mir gütig, voll warmer Teilnahme, in die Augen. »Baronin, Sie kennen den Clemens, und er kennt Sie, Sie wohnen sich so nahe, er muß Ihren Bestrebungen das tiefste Interesse entgegenbringen, und – Sie verkörpern das, was sich der Jüngling geträumt, der Mann gesucht und nicht gefunden – – warum, warum stehen Sie nicht als Gattin an seiner Seite?«

Ungestüm war ich aufgesprungen. Zornig hatte ich ihn angesehen. »Und seine Frau?« fragte ich ganz vernichtet.

Ein tiefes Befremden malte sich auf dem Antlitz des Freundes. »Seine Frau? Hat er Ihnen nie von ihr erzählt? Sie ist tot seit über zehn Jahren. Ich hatte damals an ihn geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Baronin, der Clemens hat uns, seinen Freunden, immer Rätsel aufgegeben, aber dies ist das am schwersten zu ratende. Warum mag er sich gegen Sie verschlossen haben? Just gegen Sie?«

Baron von ter Mählen sann vor sich hin. Er hatte meine Hände losgelassen, und öfters wiegte er den Kopf. Und wenn er mich dazwischen anblickte, so schien ihm danach das Rätsel immer schwieriger zu sein. Ich kann es nicht schildern, wie es in mir aussah nach der Enthüllung. Und wie es jetzt in mir aussieht und stürmt und jubelt und bangt. Meine Liebe frei von Sünde. Mein Begehren keine Schuld. Wenn er mir das vierte Päckchen reicht, dann darf ich es nehmen, ohne in Kampf und Not zu kommen. Ich brauche nicht auf eines anderen Leid mein Glück aufzubauen. Diese Gedanken gingen durch meine Seele, während ich inmitten der lachenden, plaudernden andern neben dem Freunde stand. Und ich muß wohl alles – ja selbst meine gute Kinderstube vergessen haben, denn der Baron sagte plötzlich eindringlich: »Sie sind aus den Fugen, Freiin Lage, mein Gott, habe ich an Schweres gerührt? Kommen Sie, ich rufe Frau von Heidkamp, damit sie Bescheid weiß, dann hebe ich Sie in mein Gefährt und fahre Sie rasch nach Lage. Nicht abwehren, ich meine es gut mit Ihnen.« Und so geschah es, daß ich bald daheim war und Herr von ter Mählen mich noch um die Erlaubnis bat, daß er bald wiederkommen dürfe. Wie gern gab ich sie ihm! Sein Freund, der Freund seiner Jugend, ist auch der meine. –

Aber das Grübeln nimmt kein Ende. Warum, warum? Warum kommt Ritter Lage nicht zu mir?

Wer hält sein Geschick und das meine in der Hand, wenn sein krankes Weib schon lange heimging?

Wer darf außer ihr uns namenloses Glück oder unfaßbares Leid bringen?

Im Dezember.

Wie still es im grauen Alltag ist! Rings lastet der Schnee auf der weiten Heide, der Kirchturmknopf trägt eine weiße Kappe, genau wie die grauen Mauerpfeiler an meiner Parkpforte und alle Knäufe und Buckel an Haus Lage. Märchenhaft die ganze Landschaft. Die Ruine schaut recht einem trutzigen Greise gleich. Weißes Haupt und morsche Glieder, aber Herz und Sinn noch stark. Die Ruine dräuet immer noch, trotz der zerstörten Mauern, ist aber gefestigt und steht stattlicher da, als Haus Lage selbst in seiner langgestreckten Behaglichkeit. Der weiße Schnee deckt alle Schäden zu bei beiden Burgen. – Seit vielen Tagen fällt er in kleinen, beharrlichen Flocken, ein leichter Frost begleitet ihn. Gestern klingelte ein Schlitten auf den Gutshof, die Heidkamper mit Baron von ter Mählen holten mich ab, um mir entfernte Heide- und Waldstrecken zu zeigen. Ich nahm, rasch entschlossen, Tante Fernande, die mir wirklich mit der Zeit eine treue Freundin wird, mit auf die frohe Fahrt. Baron von ter Mählen spielte den Kutscher. Er saß hinter uns auf der Pritsche und erzählte sehr lieb und frisch an uns eingemummelte Insassen hin. Hie und da flüsterte er auch eine ausgesuchte Bosheit in mein Ohr, er machte sich über Herrn von Heidkamp lustig, der durchaus selbst hatte fahren wollen. Tante Fernande kicherte währenddem unablässig, der Schnee machte sie trunken, sie kommt so wenig heraus. Einen vorzüglichen Weinpunsch bekamen wir in Campe, einen gleichwertigen starken Kaffee tranken wir dann in unserm Forsthause. –

Wir sahen dort ein Bild trautester Behaglichkeit. – Der alte knorrige Baum Förster Nordstamm mit der mütterlichen Schmiedsfrau auf dem großblumigen Sofa, der Schmied und der junge Förster ihnen zur Seite. Letzterer hielt auf dem Schoß die kleine Erika, die ihren goldenen Lockenkopf zärtlich an ihn geschmiegt hatte. Gese ging mütterlich zwischen ihnen einher und bereitete uns dann rasch in großer Zierlichkeit ein leckeres Vesperbrot und duftenden Mokka. Als wir wieder im Schlitten saßen, meinte Herr von Heidkamp sinnend: »Also mußte wirklich die kleine, wertvolle Frau Rika sterben, damit dies von uns eben geschaute Glück in den Wald und die Welt hinauswüchse?«

Und alle nahmen rasch das Thema auf und philosophierten darüber, bis sie sich ganz verstiegen hatten und festsaßen. Ich schwieg. – Mein Erleben hat mich befangen gemacht, und ich fürchte mich vor meinen eigenen Worten und Gedanken. Man neckte mich weidlich ob meiner Schweigsamkeit. Als wir dann in Lage ausstiegen, lud ich alle zu einem Plauderstündchen und späterem Imbiß ein, aber nur Frau von Heidkamp blieb bei mir. Die beiden Herren verabschiedeten sich, standen aber lachend und heischend auf demselben Platze, ohne den Schlitten wieder zu besteigen. – »Sie haben gar nichts zu fordern, Heidkamp«, rief Baron von ter Mählen. »Setzen Sie sich schleunigst hin; ich war der Kutscher und fordere ganz gehorsamst, aber unweigerlich mein Schlittenrecht.« – Tante Fernande kicherte wieder und schien ganz überwältigt, als der Baron ihre runzlige Wange mit seinem Schnurrbart berührte. Ich trat etwas zaghaft näher und sah dem lieben Freunde in die Augen. »Wie ein sterbendes Reh«, raunte er mir zu. »Das mache sich ein anderer zunutze.« Und er nahm mich bei beiden Händen, und wie ich so gehorsam den Kopf neigte, küßte er mich ganz zart auf die Stirn. Frau von Heidkamp aber reichte ihm fröhlich lachend den Mund und ließ sich mehrmals auch noch für Tante Fernande und mich mitküssen, bis Herr von Heidkamp Einhalt gebot und behauptete, er bekäme eiskalte Füße, wenn er nicht mittun dürfte. Da liefen wir lachend ins Haus, und das Schellengeklingel des abfahrenden Schlittens lachte mit uns.

Als wir dann am behaglichen Kaminfeuer zu zweien in den tiefen Sesseln saßen, nahm die Freundin, die soviel älter ist als ich, meine Hand. »Kleines, weißes Mähschäfchen«, sagte sie innig. Und ich erschrak, da sie die lieben Worte des Ritter Lage gebrauchte. »Warum küßten Sie den prächtigen, ritterlichen Menschen nicht?« fragte sie. »Man soll nicht Spielverderber sein.« –

»Ich habe das Küssen nie gelernt«, entgegnete ich ernsthaft.

»Was sind Sie für ein närrischer Kerl!« rief sie verblüfft. »So was lernt man doch nicht, oder meinen Sie, ich hätte ganz brave Lektionen bei irgend jemand genommen, bis ich es zu dieser Kunstfertigkeit gebracht?«

Ich nickte wie ein Pagode. »Ja, so sah es aus.«

»Du liebe Zeit, Sie sind wirklich hinterwäldlerischer, als ich dachte; und ich dachte schon viel«, meinte sie liebreich und streichelte mich. »Sehen Sie, Kleines, ›so was‹ kann man von Urbeginn, oder man lernt es nie. Das ist meine Ansicht. Ich habe es schon während meiner Schul- und Pensionszeit wacker ausgeübt, und es hat mir rasend viel Spaß gemacht. Aber wie ist das mit Ihnen? Ist niemals ein Mann zärtlich mit Ihnen gewesen?«

»Mein Vater,« entgegnete ich rasch, »er liebte mich so sehr.«

»Schön und gut, Kleines. Aber über Väter wollen wir an diesem entzückenden, heißen Kaminfeuerchen heute mal gar nicht reden.« Sie rückte ganz nah an mich heran und nahm meine Hände fest in die ihren. »Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie schon 26 Jahre erlebt haben, kleine, liebe Brigitte,« sagte sie zärtlich, – »wie seltsam, daß Sie die Liebe noch nicht kennen … Ist Ihnen nun selbst nie der Wunsch rege geworden, daß Sie einmal jemand in die Arme nehmen möchte, so, so ganz innig – so bis zum Selbstvergessen, ein fremder Mann …?«

Da sagte ich ihr ganz rasch und ganz aufrichtig: »Nein, – nie! Ich habe wohl gewünscht, daß mir, da mein Vater von seiner Brigitt’ fortgegangen ist, – irgendein andrer lieber Mensch einmal sagen möchte: ›ich hab’ dich lieb, Gitti –‹, immer wieder, einen ganzen Tag lang, nur den einen Satz: ›ich hab’ dich lieb …‹, aber über das andere hab’ ich nie nachgedacht …«

»Seltsam, seltsam«, sagte Frau von Heidkamp, und ich war so froh, daß sie ernst blieb und mir aufs Wort glaubte. Und dann kam die alte Eva und brachte uns viele schöne Leckerbissen und alten, schweren Rotwein aus den reichbesetzten Kellern von Haus Lage. Und wir wurden sehr vergnügt. Als mein Diener Frau von Heidkamp dann in meinem schönen, bequemen Viktoriawagen verstaut hatte, um sie heimzufahren, beugte sie sich noch einmal zu mir herunter und raunte mir zu: »Ich darf es natürlich niemand verraten, daß die schöne Brigitt’ Lage noch nicht küssen kann, sonst will es sofort die ganze Nachbarschaft lehren, jawohl, mein lieber Mann an der Spitze … Gut’ Nacht, Mähschäfchen …« So verlief der seltsame Abend gestern, an dem ich zum ersten Male einer gütigen Freundin und Frau einen Einblick gab in mein einsames Herz. Das tat mir wohl, denn mir ist bang, daß die große Einsamkeit wunderlich macht. –