39.

Weihnachts-Heiligabend.

Hei, ruft der Winter, hier ist mein Revier!

Es legt der Schnee die weißen, kalten Hände

Fest über Heid’ und Moor.

Durch Ried und Rohr

Verflattert sich der Vögel frierend Volk in dem Gelände.

Der Krähen krächzender Chor

Streicht über meinem Haupt,

Und eisbelaubt

Lehnt eine Birke an dem Gattertor.

Ich steh’ am Weiher, dessen Spiegel blind

Und winterschwer bereift.

Eishändig greift

Das Heimweh nach dem bangen Menschenkind.

Du! ruft die Sehnsucht … Du! Komm her zu mir!

Ich gehe umher wie im Traum. Seltsam ist der Traum. Riesenkräfte wirken in mir, und doch bin ich von süßer Mattigkeit umfangen. Alle Menschen liebe ich und möchte ihnen das spendende, selbstlose Christkind sein. Zu Fuß bin ich gewandert über die verschneite Heide bis in das letzte Hüttchen meines Dorfes mit schwerem, fast meine Kräfte übersteigendem Gepäck. Helfen wollt’ ich, helfen! Und ich konnte helfen. Und konnte Frieden und Freude bringen in verzagte Herzen. Und gerade die letzte Hütte, darinnen die Witwe des verstorbenen Trunkenboldes ihr erdenschweres Dasein dahinlebt, brachte mir selbst den meisten Trost. Wie die Ärmste zum Leben erwacht! Wie ihre Kinder mit den neuen, warmen, reinen Kleidern neue Menschen angezogen haben. Alles war rein und warm und weihnachtlich bei ihnen, jedes Eckchen bereit, die heilige Weihnachtsfreude zu empfangen.

Wir sangen ein paar schöne Weihnachtslieder zusammen nach jenen uralten Melodien, die weitere Jahrhunderte hindurch jung und bejahend bleiben werden.

Dann kamen draußen Schritte, und der Schnee wurde an der Tür abgeklopft. Pastor Konrad Oswald trat zu uns herein, in Schnee gehüllt und beladen wie Knecht Ruprecht. Und die Kinder liefen auf ihn zu, Ludwig, Lisel, Fritz, Ada und Hilde, und die Kleinste nannte ihn jubelnd »Hans Muff«. Ganz zu Hause schien er bei ihnen, und ich sah, daß er niemals die arme Kate verabsäumt hatte. Weit öfters als ich war er dort gewesen und hatte aus reichem, geistigem und nicht minder greifbarem Erdenreichtum gesteuert und geholfen. Mitsammen wanderten wir dann am Nachmittage, da eben die Sonne sich zum Sinken anschickte, über die weiße, schneeige Heide. Und da sagte er mit erloschener Stimme: »Und nun geh’ ich fort. Ich reise schon heute mit Maria nach Berlin.« Da erschrak ich, denn ich weiß, daß mit ihm mich der treuste Bruder verläßt. Aber die Sprache seiner Augen ist zu eindringlich, ich muß ihn selbst gehen heißen. So gaben wir uns die Hand, und als ich in den Lager Forst einbog und noch einmal über die Heide schaute, die rot glühte im Strahle der Abendsonne, da stand er noch wie festgewurzelt, ein schwarzer, einsam ragender Baum in der öden Heide. Und sein Arm winkte mir ein letztes Lebewohl. –

Ich fürchtete mich nicht in meinem Lager Walde. Trotzdem es anfing zu dunkeln und immer finsterer wurde, je mehr ich mich dem Märchenwalde näherte.

Und es taten sich Dome von silberstämmigen Buchen auf, die reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß Er sie segne … Immer wieder kommen mir diese gleichen Gedanken. Und gestern war mir ganz eigen fromm und gut zu Sinn.

Und was ich nun in der Folge niederschreibe, da ist auch kein Fehl daran, und hat sich alles so zugetragen und sich wie Flammenschrift in mein Herz und mein Gehirn eingebrannt. – – –

Auch das Lichtchen in der Clemenskapelle brannte, und aus dem Tempel schimmerte es hell. Ein breiter Strom goldgelben Lichtes floß heraus, als sollte dem Christkind der Weg bereitet werden.

»Sieh, da naht es schon«, sagte die dunkle, klangvolle Stimme des Ritter Lage. Und wie immer stritten sich Güte und Sarkasmus in diesem Klange. Als ob er auf mich gewartet hätte, so trat er heraus und streckte mir beide Hände entgegen. Aber meine Füße wollten mich nicht weitertragen, und ich schwieg hartnäckig.

»Will man zum heiligen, oder zum profanen Clemens?« scherzte er; um dann ernst hinzuzusetzen: »Die Regenschirmbase tut immer das Richtige. Jetzt schweigt sie, – wie der Märchenwald dort …«

Da trat ich rasch näher und legte meine kalten Hände in die seinen und rief: »Der Märchenwald sagt: ›Gottwillkommen, Ritter Lage!‹«

Er nickte ernst. »Dies sieht der Regenschirmbase gleich. Sie fragt nicht, bringst du Gutes oder Schlimmes? Sie scheint auf Gerechte und Ungerechte.«

»Was Ritter Lage mir bringt, kann nur gut sein«, sagte ich überzeugt. »Man spürt den Segen nur nicht immer gleich, – und – ich brauche viel Sonne – und bin so einsam.«

Die letzten Worte konnte er kaum vernommen haben, so leise hatte ich sie gesprochen. Und doch schlug er mit einem Male beide Hände vor sein Gesicht. Es sah erschütternd aus.

Was sollte ich tun? Ich kämpfte mit den Tränen. Aber er war mir doch zu fremd, ich konnte ihn nicht berühren, sosehr ich ihn liebte. Da hatte er sich schon wieder in der Gewalt. Seine Hände sanken herunter, er faßte den Elfenbeinstock fester in die Rechte und machte eine Handbewegung, daß ich ihm folgen solle. Er führt mich ja nie, – sein Gebrechen erlaubt es nicht. –

»Wir können hier nicht im Schnee stehenbleiben, Gitti«, sagte er heiser. »Sonst bin ich morgen ganz invalide. Vergessen Sie nie, daß ich ein armer Schächer bin, nicht so voll Saft und Kraft wie die kleine, deutsche Lage. Nur Mitleid dürfen Sie nicht mit mir haben, von Gitti vertrage ich kein Mitleid.«

Ich folgte ihm in den Tempel.

Der Vorraum, der sonst die Pietà beherbergte, war warm und tiefbehaglich. Schwere Teppiche von einem satten Blau bedeckten den Fußboden, die Wände waren mit silbern schimmerndem Brokat bezogen, mattgedunkelte Gobelins erhöhten die Vornehmheit des Raumes. Nur eine Madonna della Sedia in ovalem, mattsilbernem Rahmen hing als einziges Bild in dem Rund. Im großen weißen Marmorkamin loderten Buchenscheite. Ich schaute in die Flammen. Er blieb an der Pforte stehen, – ich aber fühlte seine Blicke auf mir ruhen. Und diese Blicke sind Kraftquellen.

»Ehe ich Ihnen Schweres zu tragen gebe, Freiin Brigitte Lage, sage ich Ihnen, daß ich Sie liebe, wie ich noch nie eine Frau geliebt. Sie verkörpern mir das Höchste, das Schönste, das Beste. Ich, der fünfzigjährige Mann, habe um Sie mit einer Demut geworben, die mir sonst weltenfern ist. Unter Grobheit und bittrem Humor versteckte ich meine heiße Sehnsucht, Sie an meinem Herzen zu halten, Sie zur Liebe zu erwecken, diesen reinen, stolzen Mund zu küssen, bis er meine Küsse erwidere. Gitti, für jeden Blick aus deinen Augen, der mir galt, der mich suchte, für jedes gütige, kindliche Wort sollst du tausendmal gesegnet sein!«

»Sprich weiter, Ritter Lage«, sagte mein Herz, aber mein Mund blieb stumm. Man kann nicht reden, wenn das Glück so übermächtig hereinbricht, man kann nur beten für den, der es uns bringt. – Totenstille im Raum. Minutenlang.

Da wendete ich meinen Kopf von den Flammen fort und sah nach ihm hin. Sah, daß er in einen der tiefen Sessel gesunken war, daß der Stock auf dem Boden lag, sah sein weißes Gesicht, die blassen Lippen, den tiefen Schmerzenszug um den Mund, sah seine Augen, die mich auf den Platz zu bannen schienen, da ich stand.

»Ich bin so glücklich«, sagte ich nur leise. Aber dann lief ich doch zu ihm hin; es war ja zu unnatürlich, daß wir uns so ernst und traurig ansahen und doch wußten um unsere große Liebe.

Er stöhnte auf, als ich seine Hand ergriff. »Ist’s nicht erbärmlich,« stieß er zwischen den Zähnen hervor, »daß ich hier sitze und die kleine, feine Frau steht vor mir und muß mich trösten?«

»Ich verstehe vieles nicht«, sagte ich fest. »Ich kenne Ihren Kummer nicht. Wollen Sie ihn nicht mit mir teilen, Ritter Lage? Ich hab’ dich doch so lieb, Clemens, weißt du es denn nicht?«

Da sah er mich wieder an, und vor diesem Blicke erhob ich mich und ging langsam nach dem niedrigen, seidenen Diwan, der sich längs der Wände hinzog. Dort setzte ich mich hin, ganz still. –

Da tönte wieder seine tiefe, gute Stimme, aber es war mir, als käme sie aus Fernen. »Gitti, mein süßes Kind, hör’ mich an. Wir müssen uns trennen. Ach, daß ich dir, der allzeit Gebenden, Gütigen, dieses Christfest bringen muß!«

»Mußt du es?« fragte ich zurück. Und vielleicht schwang ein Gran Zorn mit in meiner Frage. Ich wehrte mich, da man mein Herz zertrat.

Seine Stimme ward fester, schier feindlich. »Frage nicht so, Gitti. Ich bin nie ein Tierquäler gewesen, und gegen dich brutal zu sein, ist das Schwerste, was mir das Geschick bisher auferlegte. Jawohl, das Schwerste«, betonte er noch einmal stark, wohl weil ich mich ein klein wenig gerührt hatte.

Er selbst schmiegte sich noch tiefer in den alten, großen Sessel, die hoch lodernden Flammen umleuchteten sein strenges Profil. Er sah an ihnen und an mir vorbei und erzählte mit harter, weh tuender Stimme: »In vielem, was ich dir jetzt sage, werde ich dir Elementarbegriffe beibringen, – unterbrich mich dann nicht, ich möchte haushalten mit deinen und meinen Kräften. Vorerst aber bitte ich dich, heute hier auf eine Stunde die Hausfrau zu spielen und dir und mir jenen Wein dort zu kredenzen, Wein vom deutschen Rhein, alt und fein wie er, und abgelagert in den Lageschen Kellern. Gitti, Geliebte, ich bring’ ihn dir!«

Er hob das Rubinglas, in das ich den wie Öl rinnenden Trank gegossen. Wir sahen uns an und tranken schweigend. –

»Gitti, – denke dir einen jungen Kerl, vierundzwanzigjährig, und bis zum Wahnsinn verliebt in ein Mädchen. Oder denke dir ihn nicht, er trägt auch nicht einen einzigen Farbenton, der mir heute gliche … Dies Mädchen, gleichaltrig mit mir, war meine holländische Base. Vornehm und rassig äußerlich, innerlich zügellos, unbeherrscht. Das erste Jahr unserer Ehe verging im Rausch. Ich hatte gar keine Zeit zum Erwachen. Dann … wurde unser Kind geboren. Und der Mund, von dem ich nur maßlose Liebesworte gehört, schmähte mich von da ab in rasendem Zorn … Gitti, du kennst das traurige Etwas, das man meinen Sohn nennt … Gitti, sie sagte, sie schrie, ich hätte ihn belastet …

Gitti, ich war damals rank und schlank wie ein junger Baum. Zart, wie die Holländer Lages alle, aber nicht so wie jene Lages aus Antwerpen, von denen das dünne Büchlein des alten Haudegen spricht. Hast du über das Büchlein nachgedacht, du kleine, feine, kerngesunde Gitti? Antworte!«, herrschte er mich an.

»Ich habe darüber nachgedacht.«

»Und du liebst mich noch, du Süße? Du fliehst nicht meilenweit und schlägst nach mir? Und entziehst dich mir? Und, und – –«

Er bohrte seine Fäuste in die Augen.

Ich lächelte. Freilich mit viel Schmerzen, aber doch so, wie man über ein großes Kind lächelt, das zornigen Unsinn herausredet. »Noch mehr lieb’ ich dich, noch viel, viel mehr …« sagte ich innig.

»Da ist es wieder, dein verfluchtes Mitleid«, sagte er, zornig verbissen. »Gitti, – ich kann dein Mitleid nicht vertragen.«

»Und ich nicht dein Quälen«, rief ich und sprang auf. Stand ihm dann gegenüber ganz kalt vom Kopf bis zu den Füßen. Tief erbittert. »Warum schlägst du mich, Clemens Lage? Was habe ich dir getan?«

Er lachte grell. »Die Situation ist neu: ›Ritter‹ Lage, ein kleines, feines Frauchen schlagend. Meine Fraue, deren Farben ich trage … Aber du hast recht. Wann hättest du nicht recht, du weißes Mähschäfchen?«

»Ich bin kein Mähschäfchen! Und ich hasse den Namen jetzt und will ihn nie wieder hören …«

»Wollen wir uns zanken, Gitti? Willst du mir jetzt alles zurückgeben, was du an Zorn aufgespeichert nach Empfang meiner Briefe, denen nie eine Antwort ward? Nicht doch, nicht doch. Was ich an dir so liebe, ist deine vornehme Beherrschtheit in jeder Lage, Gitti, – oh, ich habe dich wohl studiert. Und du wirst jetzt ganz gehorsam auf deinen Platz dort zurückgehen, in demselben Gehorsam, in dem dich der prächtige Vetter Ernst Lage erzogen hat. Damit ich dir mein grausames Märchen weiter erzählen kann. Oder liebst du nur himmelblaue Märchen von blonden, großen Schlagetot-Prinzen, Sieh-und-stirb-Helden. Und von Erbsen-Prinzessinnen?«

»Nein«, rief ich laut. »Du hast mich ja das Märchen vom garstigen Zornebock gelehrt, und – ich kenne die Prinzessin wohl, die ihn und sich erlösen wollte. – Sie mußte mit bloßen Füßen durch spitze Schwerter gehen, aber jeder Blutstropfen bedeutete Erlösung …«

Er sah mich an, als sähe er mich zum erstenmal. »Gitti, ich fürchte mich vor dir. Vor deiner Güte. Gibt es so etwas auf dieser Welt? Herrgott, werde ich’s jemals verwinden können, daß ich dich nicht vor zwanzig Jahren kennenlernte und beide Hände über das Thüringer Waldkind breitete, bis du mein Weib werden konntest??? – – –

Höre weiter, Gitti. –

Meine Frau liebte mich nicht mehr. Und wenn ich es nicht fassen wollte, ›daß Liebe brechen kann‹, wie es im Volksliede heißt, so gellte mir ihr Haß, ihre tiefe, kränkende Abneigung in die Ohren. Dann wurde ich plötzlich krank, Gitti, – lächerlich krank, – ich bekam die Masern. Lach’ doch, Gitti. Denn man brachte mich, den Freiherrn von Lage, ins Spital, weil meine Frau mich nicht pflegen wollte. – Und die Masern waren schwer. Vielleicht hätte ein Kind sie überwunden. Aber der Freiherr von Lage war seitdem ein gebundener Mann. Ich erstand aus der Krankheit, so wie du mich siehst. Nicht gleich so schlimm. Es kam nach und nach. Und das Schicksal bejahte den Widerwillen meiner Lebensgefährtin. Die Tragik meiner Ehe kannte nur ein Mensch außer mir, Leo von ter Mählen in München. – Ihm hatte ich meine Frau gezeigt, als er noch in Holland wohnte. Kleine Gitti, diesen Freund müßtest du kennenlernen … Aber vielleicht könnte ich’s noch gar nicht ertragen, daß du ihn kennenlerntest …«

»Ich habe ihn kennengelernt.«

Er fuhr auf aus seiner bequemen Stellung.

»Gitti! Wie kam das?«

»Durch die Heidkamper.«

»Nun, – und?«

»Ich habe ihn sehr liebgewonnen.«

Clemens Lage lachte leise. »Ich gönne ihm das. Es klang anders, als du mir dies Wort sagtest …«

»Ohhh …«

»Quäle ich dich schon wieder, Gitti? Ändert sich Zornebock nie? – Was sprachst du mit Leo?«

»Nur von dir. Er erzählte mir von einer Tonfigur, die du geformt …«

Wieder richtete sich Ritter Lage lebhaft auf. »Hat er den Tag und die Episode behalten? Das ist Freund Leo, wie er leibt und lebt. Knüpfte er keine Bemerkung daran?« Er sah mich forschend an.

»O doch. Er sagte, daß – ich diesem Figürlein aufs Haar gliche … Und – er fragte mich …«

»Du brauchst es nicht zu sagen. Ja, ich hab’ dich all mein Leben lang gesucht. – Geh fort, Gitti, du kamst zu spät …«

Da wollte ich wirklich gehen, aber er hielt mich in raschem Griff zurück. Es tat weh, so fest griff er zu.

»Willst du wohl, Wilde«, zürnte er. »Du sollst nicht immer gehorchen … Sieh, ich möchte zu Ende kommen mit meinem Märchen aus tausendundeiner – Wahrheit. – Wenn ich zu Ende bin, lasse ich dich sicher heimgeleiten. –

Gitti, – Freund Leo und ein anderer Freund, ein Arzt in München, hielten mich aufrecht. Sie sagten mir, daß ich mich mit Gespenstern plage, daß ich innerlich gesund sei, sie forschten und brachten gute Kunde … Ich wurde ruhig, wurde gesammelt und froh, trotz meines Leidens, das niemals Fortschritte machte, mich nicht ernstlich an ernster Arbeit hinderte. So wurde, wie allen echten Lages, die Arbeit meine Lebensgefährtin. Die andre – versagte ganz, sie steigerte sich in furchtbare Reizbarkeit und den berüchtigten Lageschen Jähzorn hinein … bis ihre Nerven zerrissen.

Das war mein Leben an ihrer Seite, Gitti.«

»Warum sagtest du mir nichts, Clemens? – Gleich, – als wir uns das erstemal sahen? – Oder warum schriebst du mir nicht, – daß – – sie lange, lange tot sei?« fragte ich langsam und leise, und meine Augen funkelten ihn durch Tränen an. –

Er verstand mich sofort und erschrak.

»O Gitti«, sagte er weich. »Auch diesen Kelch hab’ ich dich trinken lassen? Und konnte doch wissen, daß eine Gitti darunter leiden mußte, einen Mann zu lieben, der nicht frei war. – Erlaß mir die Antwort! – Es ist die eine so weh tuend für dich, wie die andere. Aber nun höre, wie du in mein Herz kamst, Gitti, – willst du es hören?«

»Ja, Ritter Lage.«

»Die Base Jesuliebe erzählte mir von dir. Erzählte von Erfurt und deinem Elternhause. Und ich öffnete mein einsames Herz, das all sein Lebtag von der Jungszeit an gedarbt, gehungert und gefroren beim harten Vater, fern der toten Mutter – bis Base Jesuliebe kam, die Wunderliche, Unvergleichliche. Und wie ich mein Herz weit ihren Erzählungen auftat, da schlüpftest du mit hinein, du geschmeidige Schmerle aus dem Thüringer Waldbach – – und bliebst darinnen.«

»Ja«, bestätigte ich glücklich.

»Sie lacht schon wieder, die veränderliche kleine Regenschirmbase«, spottete Ritter Lage; »sie trägt Sonne und Tränen in einem Säckchen mit sich herum.«

»Warum sollt’ ich nicht, Clemens Lage? Du brauchst beides.«

»Ich brauche nichts von dir, Gitti«, sagte er herb. »Herrgott, was rede ich da? – – Gleichviel. Ich nehme nichts von dir an, du bist ganz frei, Gitti.« Und nun überstürzten sich seine Worte, als rede er im Fieber. Er tat’s wohl auch. – »Damals, als ich spürte, daß ich dir mit Haut und Haar verfallen war, Gitti, und doch auch glaubte, innerlich gesund zu sein, da tat ich auch heilig Gelöbnis, daß ich um dich werben wollte in Ehrfurcht. Um die Mutter meiner Kinder, Gitti, hörst du, mein scheues Kind? Gott, Gott! Wenn ich dran denke, was Jesuliebe Lage mir von dir erzählte! Von deinen närrischen – anspruchsvollen Wünschen, Gitti … Trunken war ich vor Glück. – Dich zu nehmen, dich zu lehren, dich aufzuwecken … Und da nahm ich das Ringlein vom Topasenschmuck und band es mit einem Myrtenzweig und goldenem Bande an meiner Mutter Gebetbuch. Dort hängt es an dem Tannenbäumchen, Gitti. – Aber du wirst es nie bekommen und tragen … Denn – ich reiste landauf landab, die Kreuz, die Quer in jede große oder kleine Stadt, darinnen kluge Ärzte lebten, und eröffnete mich ihnen … Und es hat mir jeder versichert – – – Gitti – Liebes – – daß ich entsagen müsse.« –

Als Ritter Lage mir dies Schwere aufzuheben gegeben, – da bin ich wohl sehend geworden und um Jahre gereift. Ich erhob mich von meinem Platze und ging festen Schrittes zum Tannenbäumchen, nahm das »vierte Päckchen« von seinen Zweigen und öffnete es. Ein rotes Gebetbüchlein mit goldenem Schloß lag darin, daran hing an goldenem Kettchen der Topasenring. Ich steckte ihn an meinen Finger und trat zum Ritter Lage. »Hier steht deine Braut, Clemens Lage«, sagte ich schlicht. »Was ist’s, dem wir entsagen müssen? Denk’ nicht daran, Ritter Lage. Wenn wir beisammen sind, – das ist Glück. Wenn ich mit dir zu Tisch sitze, dich pflegen darf in Krankheit, die Gott verhüten möge, das ist Glück. Dein Leiden, das ist wohl traurig – – könnt’ ich’s für dich tragen. Ich wollt’ dich dann wahrlich nicht fortschicken, sondern dich bitten, mich zu stützen, Ritter Lage. Und – wenn wir kein Kindchen haben dürfen, – – hab’ ich nicht drunten ein ganzes Waisenhaus voll? Und darf ich nicht deine Schwester sein?«

»Gitti, du marterst mich unsäglich«, stöhnte er auf. »Mit deiner holden Güte marterst du mich. – Willst du mich durchaus ganz klein sehen? Soll ich dir bekennen, daß ich zu solchem zahmen Glück nicht tauge? Daß ich dich in derselben Stunde, da der Priester uns verbunden, in meine Arme reiße, meine stolze, scheue Gitti? Und daß ich es doch nicht zum zweiten Male ertragen würde, mich geschmäht und verachtet zu sehen von einem Weibe, weil der Sieche, der Krüppel nach Menschenglück und Lust verlangt hatte? Geh, Gitti, – ich bitte dich, geh.«

Da löste ich meine Füße von der Stelle, wo ich stand. Und sah ihn an, der mich fortwies. Und schritt zum Tisch und mußte mich an diesen klammern, weil sich der Raum rings um mich drehte. Muß wohl sehr weiß und krank ausgesehen haben, denn Ritter Lage stand plötzlich neben mir. Aufrecht, nur leicht auf den Stock gestützt. Den linken Arm legte er um mich. Tief und gut sah er mir in die Augen. »Was bin ich für ein Barbar! Darf ich verlangen, daß dies kleine Mädchen stärker sei als ich? Soll ich dich küssen, Gitti? Darf ich? Wirst du dann wieder mein tapferes Lieb? Wirst du dann wieder rote Wangen haben und strahlende Augen? Darf ich dir zeigen, wie unsäglich lieb ich dich habe? Und daß du dich doch nicht zu fürchten brauchst vor dem bösen Zornebock? Hast du Vertrauen zu mir?«

Ich nickte stumm.

Da nahm er mich an sein Herz. Ritter Lage lehrte mich den ersten Kuß. – Sonne war ringsum. Sonne. Ich lebte, ich ward. Ich ward gut und fromm. Und erhielt die Kraft, einen Schattenweg zu durchwandern durch Kälte, Einsamkeit und Not. –

Wir standen Hand in Hand und Mund an Mund.

Lange, lange.

Die Uhr auf dem Simse tickte.

Die Buchenscheite loderten und fielen zusammen.

Baumzweige, schwer von der Schneelast, schüttelten sich im Wind an den Fenstern.

Nur vier Worte fielen: »Du Scheue, meine Königin!«

Heilig war die Stunde. – Und so viel Gotteskraft gab sie mir, daß ich mich sacht aus seinen Armen lösen konnte. »Du!« sagte ich zitternd vor Scheu und vor Liebe, »du! Leb’ wohl! Hab’ Dank!« Und ich legte meine kühle Hand auf seine heißen Augen. Da schwieg sein Begehren; und der köstliche Zug des humorvollen Spottes, den ich so gern sehe, legte sich um seinen vornehmen Mund. –

Er nickte nach der Seite hin, als spräche er zu jemand anderem: »So echt die Gitti! Sie dankt mir für eine Stunde namenlosen Glückes, die sie mir schenkte …«

Er ging nach der Wand hin und drückte auf einen Elfenbeinknopf. Nicht lange, da stand die alte Eva auf der Schwelle einer verborgen sich öffnenden Tür. Und sie hielt einen hohen silbernen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand. »Liebe Eva,« sagte Ritter Lage mit fester Stimme, »führe unsere junge Königin zurück in ihr Schloß.« Er entnahm ihrer Hand den schweren Leuchter und hielt ihn mit seiner kraftvollen Linken über meinem Haupte und folgte uns durch den schmalen unterirdischen Gang, den ich zum erstenmal betrat.

Der Schatten lief über die weißen Wände, – sein Schatten … An einer uralten Bronzetür mit wuchtigen Beschlägen endete der Gang.

Die alte Eva nestelte an umfangreichem Schlüsselbund und schloß auf.

»Leb’ wohl, Glück!« sagte leise seine dunkle Stimme hinter mir.

Da wendete ich mich und sah lange abschiednehmend in das liebste Antlitz auf der ganzen Welt. Und reichte ihm meine Hand, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen zog.

Dann blies mein Mund in die flackernde Kerze. – Und so löschte ich mit eigenem Willen das Licht aus, das mein Glück im grauen Alltag war. –