40.

An einem Sonntagmorgen.

Ich komme eben von meinen Dorfgängen zurück. War auch vorher in der Kirche. Und ganz früh schon im Märchenwald … Der keine Wunder mehr birgt.

Meine Mutter sang früher ein uralt Lied:

»Die Sunn scheint nit mehr wie eh’.

Der Tag ist nimmer heiter,

So liebreich gar nit meh’.

Mein Herz ist nimmer mein.

Ich hab’s an dich gehangen,

Doch bist du von mir gangen,

Herzallerliebster mein!«

»So liebreich gar nit meh.«

Ein liebreicher Tag! Der war einst mein. Meine ganze Jugend war solch liebreicher Tag. Und dann jener heilige Christabend! Da seine Liebe mich weckte. Wie könnt’ ich sonst ganz in anderen aufgehen? Nächstenliebe üben? Opfer bringen, Christ sein, mich selbst verleugnen um der mühseligen Brüder und Schwestern willen? Mit seinem Bekenntnis hat er mich geadelt, hat mir Gesundheit, Kraft und Güte verliehen und sich selbst gut und gütig gezeigt. Denn Ritter Lage ist verschlossen. Er weiß, was für Aufgaben meiner harren. Er weiß, wieviel Sonne ich abgeben muß. So senkte er mit seinem Bekenntnis eine Fülle von Sonne in mich hinein, die sich niemals erschöpfen kann. – Aber vielleicht fühlte er auch erst, als er mich küßte, wie gut er mir war. »Du Scheue!« »Meine Königin!« hat er mich genannt. Und einmal strich es an meinem Ohr hin: »Liebste!« Kann eine Frau wohl je vergessen, wenn der einzige Mann, den sie im Herzen trägt, Liebste zu ihr sagt? – Nun bin ich Frau Liebe, Frau Treue, Frau Güte. Wenn ich mit umflortem Blick die Wunderwelt Gottes streife, die bereiften Bäume, die schneeglitzernde Heide, die Abendsonne über dem tiefdunkeln Weiher … dann rufe ich wohl zugleich:

»Ich sollte in Freuden vor euch stehen und meine Augen strahlen lassen: ihr seid so schön. – Habt Geduld! Ich will es wieder lernen, das heilige Lachen.« Und so sage ich auch den kranken Menschen, die nach meinen frohen Augen verlangen, weil sie meinen, diese zwei Sonnen ständen ihnen wohl zu, da sie doch von Gottes Sonne in ihrem Siechtum nichts sehen.

Du Ritter Lage! Das war deine Mission. Was ich jetzt tue an Heilkräftigem und Gutem, du hast es ausgelöst für immer durch dein Bekenntnis. Und wenn ein Segen von mir ausgehen wird, – du bist sein Urquell. – –

Montag.

Der liebe Freund war gestern bei mir. Leo von ter Mählen. Ritter Lage hatte ihn geschickt. Wie arbeitete es in seinem Antlitz, als er vor mir stand! Er hielt eine lange Weile wortlos meine Hände, und dann klang es nur: »Freiin Brigitte! Sie armes, tapferes Mädchen …«

»Wer tapfer ist, ist niemals arm«, entgegnete ich ihm leidlich fest. Dann saßen wir erst lange schweigend.

»Das hatte ich nicht vermutet«, sagte er endlich. »Das nicht. – Das reichste Glück hätte mir gerade eben getaugt für Clemens Lage. Diese düsteren, zwanzig Jahre, die hinter ihm liegen, hätten verklärt werden müssen durch ein Meer von Licht, das durch Sie zu ihm gekommen wäre, Freiin Brigitte. Könnt’ ich’s dem Clemens schaffen … was setzte ich nicht dafür ein? Glauben Sie mir, Brigitte?«

»Ich glaube es Ihnen. Und der Gedanke, daß Sie, sein bester und liebster Freund, in meiner Nähe bleiben, das macht meinen Weg so viel sonniger.«

»Sie sind bescheiden, Baronin. Aber daß Sie nur über mich zu befehlen brauchen, das soll Ihnen immer gegenwärtig sein. Ich will Ihnen die Hände unter die Füße breiten, genügt Ihnen das?«

»Es ist viel zu viel«, wandte ich ein. »Ich bin Ilexwege gewohnt, bin auch nicht wehleidig. – Hat Ihnen Clemens Lage erzählt, daß wir uns restlos ausgesprochen haben?«

»Menschen wie ihr können sich niemals restlos aussprechen«, meinte er ernst. »Ihr seid dazu geschaffen, ein ganzes Dasein lang euch immer neu zu sehen und zu erleben.«

»Immer neu zu sehen und zu erleben«, wiederholte ich. »Das habe ich mir ersehnt mein ganzes, junges Leben lang …« Und ich wehrte meinen Tränen nicht, die plötzlich hervorbrachen.

Da sprang Baron ter Mählen auf. »Nicht so, nicht so, teure Brigitte,« rief er, »ich kann Sie nicht leiden sehen …«

Er lief im Zimmer umher, wie ein Tiger im Käfig. Der Schmerz, zwei liebe Freunde im aussichtslosen Kampfe zu sehen, hob ihn aus dem Gleichgewicht.

»Haben Sie Clemens Trost gebracht?« fragte ich endlich leise.

»Meinen Sie, Baronin, daß solches Geschehen irgendeinen Trost in sich birgt? Oder daß unser Freund aufnahmefähig gewesen wäre? Überdies bedürfen Clemens und ich niemals vieler Worte. Ich sagte ihm nur: ›Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan.‹« – –

Ich wand meine Hände in bitterm Schmerz ineinander.

»Wäre es nicht besser gewesen, Brigitte, Ritter Lage hätte Sie unwissend gelassen? Er hat Sie aufgestört durch das Bekenntnis seiner Liebe …«

»Wagen Sie es, dies auszusprechen?« rief ich außer mir. »Hätte er geschwiegen, so hätte er einen Verschmachtenden ohne Wegzehrung auf eine Wüstenwanderung geschickt. Dessen ist ein Ritter nicht fähig. Oder bereut er jene Stunde im dorischen Tempel?«

»Sieh, sieh, was der Lagesche Jähzorn für Blüten treibt«, sagte Baron Leo beruhigend. »Clemens denkt genau wie Sie. Sogar das Wort ›Wegzehrung‹ gebrauchte er.«

»Ich segne jene Stunde«, sagte ich fest. »Und ich werde immer so mein Leben formen, als sei ich seine Gattin und hätte die Ehre seines Namens zu hüten.«

Ter Mählen sah mich erschrocken an. »Das ist ein vorschnelles Wort, das Sie sich geben, Brigitte Lage. Ihr Leben liegt noch unausgefüllt in langer Strecke vor Ihnen …«

»Es ist randvoll ausgefüllt!« rief ich. »Vom ersten Augenblicke an wußte ich, daß Ritter Lage mein Schicksal war. So lächerlich es Ihnen klingen mag, Baron, – die wunderlichen Berichte, die Clemens auf das dicke gelbe Büttenpapier schrieb, gaben mir all das, was Vaters früher Tod an meiner Erziehung zum Menschen übrigließ. Ich verdanke Ritter Lage mein Selbst.«

»Und Ihr Glück, Brigitte? Ihre volle Entfaltung? Ihre Erfüllung?«

»Ich bin nicht unglücklich«, wehrte ich ab. »Ich habe Clemens Lage reiner, fester und größer zu eigen, als ihn je ein Weib besitzen könnte. Aber meine Jugend und mein Begehren hat er mit sich genommen, die gab ich ihm als Geschenk in jener Stunde. Und er gab mir dafür sein Vertrauen …«

Baron von ter Mählen streckte mir beide Hände hin. »Sie haben sich das Größeste vorgenommen, Freiin Brigitte. Sie wollen aufgehen in andern. Doppelt schwer das Wagnis, weil Sie aus sich, und nur aus sich selbst Liebe schürfen wollen, ohne selbst erneut zu werden. Aber wenn ein Mensch auf Gottes Erde dies Wagnis unternehmen kann, so sind Sie es. Werden Sie mich rufen, Baronin, wenn Sie meiner bedürfen?«

Er stand auf, und ich gab ihm meine Hand, die er ehrerbietig küßte.

Ich bejahte seine Frage. Dann war er gegangen, und meine einsame Wanderung begann. – – –