44.
Ende Oktober.
Wie bunt schaut unser Wald aus!
So fröhlich!
Als lebte nur Lachen in Lage …
Als wäre da kein Krankenhaus, kein Siechenheim, keine Trennung, noch Trübsal.
Herbst war mir immer freund. Seine Stürme hochwillkommene Pfadgesellen.
Diesmal ist er mir zu froh. Seine Farbenpracht tut den überwachten Augen weh. –
Er, der mich sonst so gut verstand, wenn ich meine Not in ihn hineintrug, er lacht jetzt, da ich weine, er rüttelt mich auf, da ich nach Ruhe verlange …
Und in den Melodien, die er zu mir trägt, schwingt zuviel Hoffnung …
Hoffnung verwirrt.
Gewißheit stählt.
Mein Kind läßt mich kaum noch allein. Es ist, als wolle Clemens-Hartmut alles von mir empfangen, die neue Welt, die ihm jetzt aufgeht, mit meinen Augen sehen. Und er soll doch ganz auf sich gestellt sein. Die Feinheit seines Empfindens überrascht mich immer aufs neue, und ich sage mir, daß ihm vieles davon das Mädchen aus dem Volke gegeben haben muß. –
Seit ich weiß, wie Ritter Lage denkt und handelt, und wie unverworren seine Vergangenheit sich abgespielt hat, ist eine große Klarheit über mich gekommen.
Und der Wunsch, gut und groß zu handeln, weitsichtig, ohne einen Hauch von Eifersucht auf das, was war. Ich möchte wissen, wie Martha Dörpings Wesenheit war, denn ich möchte das Gute in ihr in ihrem Sohne pflegen. – Wie gewaltig und ausschließlich muß Ritter Lage mich lieben, wenn er mich die Mutter seines Sohnes nennt. Er tut alles mit bewußter Absicht. Das Wehtun und das Wohltun. Bei mir ist noch zuviel Unbewußtes und Gefühl. Ich darf auch nicht sagen, ich bin, wie ich bin, nehmt mich so und verbraucht mich so. Dazu habe ich noch zuwenig geleistet. Aber ich kann bitten: Vergebt mir, wenn ich irre, denn ich strebe noch. –
Meine ganze Arbeit in Lage hat für mich ein anderes Gesicht bekommen. Ich tue das Gute um des Guten willen ohne Dank, – und ich lebe damit zugleich meinem Jungen vor. Beispiel ist besser als Mahnung.
Und eine köstliche Wechselwirkung hebt an.
Clemens-Hartmut als Erzieher.
Seine fragenden Kinderaugen haben die Macht, alles Gute aus mir herauszuholen. Und wenn er mit seiner warmen Stimme ruft: »Du bist doch das Schönste und Beste auf der ganzen Welt«, dann sehe ich ihm still in die lieben Augen und denke: »Du! Du formst mich dazu.«
Pastor Konrad Oswald sieht mit verständnisleuchtenden Augen auf uns beide. Als ich ihn bat, mir pädagogischen Rat zu geben, sagte er, daß es geborene und erlernte Erzieher gäbe, er sei ein erlernter und ordne sich mir unter. Das ist gewiß Scherz, aber es scherzt sich wohltuend mit Pastor Oswald. –
Zwischen uns ist alles klar und rein.
Er umhegt Maria mit der »Höflichkeit des Herzens, die der Liebe verwandt ist«. Die Aussicht auf das Kind, die nun ganz nahegerückt ist, hat ihn zur Selbstbesinnung gebracht, hat ihn auch um viele Jahre gereift. Er verträgt es sogar, wenn ich ihn hie und da »Konradbruder« nenne, und ich meine, es kann eine Zeit kommen, da er mich ganz unbefangen-fröhlich Schwester Brigitte rufen wird. Wenn das Kind da ist. Winzige, neugeborene Kinderhändchen dünken uns schwach und haben doch höchste Liebeskraft im Festhalten und Zurückführen zu dem, was uns frommt. – Ich hatte den Pfarrer Oswald auch gebeten, mir ein paar Freunde für Clemens-Hartmut auszusuchen. Aber es scheint, als lasse ein Lage sich keine Genossen bestimmen. Zuerst hat er Konrad Oswald stürmisch entgegnet: »Die Gittimuhm ist mein einziger Freund und soll es bleiben.« Aber dann hat er doch ganz still und bewußt Umschau gehalten, mehr aus Gehorsam, als aus Bedürfnis. Und hat sich von Pfarrer Trewes den Hein Broders zuführen lassen und von Pastor Oswald den Richard Borgers und hat aus eigenem Ermessen den verkrüppelten, gescheiten Pieter Dinkel dazugetan. – Mit Hein lernt er, mit Richard treibt er Sport, und mit Pieter lacht er. Deshalb steht der Pieter bei mir ganz obenan, denn das Lachen braucht mein Junge am meisten.
Ich wollte meinen Buben oft gern daheimlassen, wenn ich in meine Heime wandere zu den Kranken, den Siechen und Krüppelkindern, denn ich fürchtete, er würde mir zu ernst und still beim Entdecken und Schauen des vielen Elends; aber seit mir die kranken Kinder bekannt haben: »Es ist jetzt so schrecklich lustig auf der Welt, seit der Clemens-Hartmut da ist«, lasse ich meinen Jungen nach Herzenslust diese »schrecklich lustige Welt« verkörpern. Und wirklich, das Lachen aus dem Saal der kleinen Krüppel schallt bis zum Krankenhaus herüber. Gestern ließ ich die beiden Freunde Clemens-Hartmut und Pieter Dinkel, die all diese Lachlust entfesselten, zu den Großen rufen. Da machten sie denn ihre Kunststücke, wobei mein Junge der Leiter war und Pieter zu den erstaunlichsten Leistungen verführte, bis dann Clemens-Hartmut noch als Märchenerzähler auftrat.
Am Abend meinte eine der bresthaftesten alten Frauen: »Auf die Art möcht’ ich noch 20 Jahre im Krankenbett liegen.«
Selig sind die Genügsamen. –
Als mein Junge und ich am selben Abend durch den herbstlichen Wald heimwärts schritten, während Pieter Dinkel in unglaublichen Sprüngen mit seinen Krücken den Weg zweimal machte wie ein junger Hund, meinte Clemens-Hartmut sinnend: »Ich werde Arzt. Man müßte sie alle gesundmachen können.«
»Wir wollen ihnen täglich Lachen und Liebe bringen,« sagte ich und faßte meinen Jungen fester. »das ist fast so gut wie Gesundheit.« –
»Mensch!« rief Pieter Dinkel dem Clemens-Hartmut zu, »wenn sie gesund würden, kriegten sie ja unsere schönen Kunststücke nicht mehr zu sehen.«
Unsere Verblüffung ließ Pieter das letzte Wort. –
An einem Sonntag im November.
Um im Glück zu versinken und alle Seligkeiten der ganzen weiten Welt in sich zu spüren, bedarf es nicht des Wonnemonats Mai, und auch nicht der Rosen von Schiras. Es kann ein grauer, verhangener, sturmgepeitschter Novembertag sein, an dem die Sonne sich verkrochen hat hinter Regenwolken, wie eine mürrische Alte hinter einem Berg von grauer Strickwolle. Und es kann ein kleiner, krummer, unterernährter Junge an Krücken gehumpelt kommen und uns ein gelbes Büttenpapier bringen … siehe, es ist das Glück! Der Brief vom Ritter Lage war dem armen Pieter Dinkel, der heute seinen schlechten Schmerzenstag hatte, mehrfach in den von Schmutz bekrusteten Novemberschnee gefallen, aber in meinen Augen war alles schneeweiß, was mir die kleine verbogene Jungshand reichte, und die einzigen Schattenstriche bildeten die steilen, aufrechten, deutlichen Schriftzüge des geliebten Absenders. –
Pieter Dinkel schulterte seine Krücken, weil er sich dann einbildete, er sei ein kerzenschlanker Soldat und werde von der andern Ehrenwache abgelöst, und meldete, wie es ihm wohl vorgesagt war, kurz und militärisch: »Empfehlung von Baron ter Mählen, in einer Stunde wäre er hier.«
»Es ist gut, Pieter Dinkel.«
Er humpelte zu Clemens-Hartmut, ich verhielt auf meinem Platz, bis ich das doppelte Kinderlachen hörte, dann stürmte ich in mein Zimmer.
Blumen holte ich mir vom Fenstersims auf meinen Tisch, weiße, duftende Hyazinthen, warmleuchtenden gelben und lila Krokus, lachend blaue Amaryllis. Und verteilte sie und stellte dazwischen
Anemon’ und Pulsatille,
O wie schläft mein Wald so stille,
Pulsatill’ und Anemone
Flocht ich mir zur Blumenkrone.
Und mitten unter die Blumen legte ich den Brief, – seinen Brief mit den Spuren der lieben Lager Erde. – Dies Verzögern des Zieles war ein kindisches Spiel voll fröhlicher Erwartung und spannendem Reiz.
»Du!« sagte ich still-selig zu dem gelben Büttenpapier. »Bist du wieder bei mir, Ritter Lage?«
»Meine Gitti! Man berichtete mir nach Holland, daß mein geliebtes, weißes Licht von Lage überall Lachen und Liebe hintrage und in alles Elend der traurigen Katen lindernd hineinleuchte. Und so sah ich Dich immer vor mir, wie Du die vertrauten Wege gingst, Leid im Herzen und doch immer Freude gebend. Wo nahmst Du sie her? Aus dem Grunde Deiner tiefen Seele, denn unter all Deiner eigenen Not ruht bei Dir ein Nibelungenschatz von Freude. –
Weißt Du noch, daß ich Dir schrieb, das letzte Opfer dürftest Du nicht verlangen, Du Starke, Gesunde, Nimmermüde: mich am Boden liegen zu sehen, krank und gekrümmt. Mich, den Du so treulich den ›Ritter‹ Lage nennst, mich, der einst geträumt und gehofft, die Rüstung, in der sich der Knabe scherzend verbarg, würde sich einmal prall und beengend um des Mannes Muskeln schließen …
Gitti, ich bring’ Dir das letzte Opfer. Und bitte Dich: Komm zu mir! Zeige mir unsern Sohn Clemens-Hartmut. Ich möchte ihn sehen, mit ihm sprechen, Dich an seiner Seite. Auf seinen zwei jungen Augen ruht unser Geschlecht, Gitti, wir sind verantwortlich für dieses Reis am alten Stamm. Man sagt mir, daß seine Augen schön, offen, gütig und wahrhaftig sind. Wie die Deinen, Gitti. – Man hat mir auch von Blauaug und Schwarzaug auf der wüsten Insel Satafuna-Siribisi erzählt, und der Lagesche Humor grüßte mich bis zum hellen Lachen. Ihr beiden Kinder werdet mir noch mehr zutragen, und der sieche Mann wird noch einmal Freude trinken. – Denn meine gütige Gitti wird es über sich gewinnen, nicht vor mir zu erschrecken. Sie wird es nicht einmal ihren Augen erlauben, sich für die Dauer eines Atemzuges zu verdunkeln, weil ihr Licht mein Leben bedeutet. –
Gitti, komm! Mein Heimweh eilt Dir entgegen! –
Dein Clemens.«
Laut rief ich: ›Ich komme!‹ Aber ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Doch ich holte Eva, und wir packten ein paar Köfferchen mit fliegenden Händen, und mein Herz wußte nicht, ob es vor Glück oder vor Leid so rasend schlug. – Aber nach einer Stunde war Baron Leo bei mir, und seine große Ruhe teilte sich mir mit. Er hieß die Köfferchen forttragen und sagte mir, daß Clemens Lage seit ein paar Tagen wieder im Bildhauertempel wohne und wir nur durch den Lager Forst zu schreiten hätten. – Viel Seltsames, schier Bedrängendes erzählte mir noch der liebe Freund von der schweren Krankheit des Ritters Lage, und seine Blicke ruhten voll Erbarmen auf mir. Aber in mir lebte nur der eine Gedanke des Wiedersehens mit dem liebsten Manne, der meiner bedurfte. Der mich brauchte und meine Kraft. –
Wieder nach einer Stunde brachen wir auf. Der Diener Ludwig schritt mit einer hellen Laterne vor uns her. Baron Leo und Clemens-Hartmut nahmen mich in die Mitte, und staunend betraten die beiden den Märchenwald in seiner seltsamen Schönheit und schönen Seltsamkeit. Keines von uns sprach ein Wort. Was in uns vorging, war Schweigen gebietend. Clemens-Hartmut schaute aus verträumten Augen, und hie und da drückte er meine Hand fester. Ich hatte ihm gesagt, daß es zu meinem liebsten Freunde ginge, und dieser Freund sei sterbenskrank …
In der Clemenskapelle brannte die ewige Lampe.
Mein Herz grüßte sie. Dann war es plötzlich hell am Tempel, und ein fremder alter Wärter in Dienerkleidung steckte eine Fackel in einen Eisenknauf. Er verbeugte sich tief, als ich an ihm vorbeischritt. Baron Leo gab ihm die Hand. »Dies ist Jan Ulles, der dem Clemens vor vielen Jahren von Lage nach München und von dort nach Holland gefolgt ist«, stellte er ihn vor. Da reichte ich ihm rasch auch meine Rechte. »Guten Abend, Jan Ulles«, rief die weiche, liebe Stimme von Clemens-Hartmut. –
Nun stand ich in der Werkstatt an jener Stelle, wo ehedem die Pietà stand. Und drüben war eine Tür … Mir war’s, als töne es hinter jener Tür: »Komm, Gitti!« Und da klopfte ich leise. »Ja,« klang es von drinnen, »ja!«
Ich ging hinein.
Oh, ich weiß es, daß ich erschrak. Und doch war meine Liebe so unsäglich groß. Ich hätte alles Leuchten der Welt haben mögen, um es in meine Augen zu legen. Aber sie brannten nur wie Feuer, und da weinte ich, um das Feuer zu löschen. Und stürzte hin an sein Lager, auf beide Knie ließ ich mich nieder vor ihm und umschlang ihn: »Ritter Lage, wie hab’ ich mich nach Dir gesehnt!«
Sein tiefes, schönes Lachen klang. Dem hatte der tückische Feind nichts anhaben können. »Sie ist dieselbe noch! Gott Lob und Dank. Es fehlt nur der rote Regenschirm.«
Und dann mit tiefem Ernst und hinreißender Zärtlichkeit: »Du Ewig-Geliebte! Du bist bei mir! Gitti! Mein Licht!«
Ich kniete näher zu ihm heran und richtete mich auf. Und sah sein völlig entfärbtes Gesicht mit den scharfen Falten, welche die Krankheit gegraben, die erschreckende Hagerkeit, die wachsgelben Hände, die tief liegenden Augen, die blasse, hohe Stirn. Und ich küßte ihn innig, da er es nicht zu wagen schien.
»Wer ist draußen?« fragte er endlich leise. »Leo? Und der Junge? Laß sie noch eine Weile warten. Mir ist jetzt, als hätte ich doch nur dich sehen wollen. – Aber nein, – es ist ja richtig. Wir haben viel zu sprechen über Clemens-Hartmut. – Der Arzt hat mich gehörig präpariert, damit mich die Schmerzen nicht heimsuchen, solange du hier bist. Aber sie kommen oft plötzlich und verspotten uns. Rufe den Jungen, Gitti!«
Clemens-Hartmut kam. Und er sah meine brennenden Tränen und mein tiefes Leid.
»Weine doch nicht, Gittimuhm,« rief seine weiche, gute Stimme, »ich habe dich noch nie weinen sehen.« Und sich zu Ritter Lage wendend, legte er seine warme, feine Kinderhand auf die des Kranken. »Ich werde bestimmt Arzt,« meinte er beruhigend, »es dauert nicht mehr lange, dann sind Sie gesund.«
Ritter Lage lächelte. »Das hoffe ich«, sagte er bedeutungsvoll. »Und nun laß dich einmal recht betrachten, Clemens-Hartmut.«
Vater und Sohn sahen sich schweigend in die Augen.
Dann winkte Clemens, daß sich der Knabe wieder entfernen solle. Er gehorchte schweigend, und die Tür schloß sich hinter ihm. –
Ich zog mir einen niedrigen Hocker zu dem Ruhebett hin und saß nun ganz nahe bei dem Geliebten.
»Wie gut sieht der Bub aus!« sagte Clemens leise. »Das schönste Kind unter all den Lageschen Ahnenbildern … Du wirst ihn recht erziehen, meine Gitti.« –
»Das will ich, Clemens. Und du wirst mir helfen, ja, Geliebter?«
»Nein, das kann ich nicht«, entgegnete er schroff. »Dies Kind braucht deine Liebe und gutes, wohlerwogenes Manneswort des Erziehers Oswald. Ich hab’ genugsam am eigenen Leibe gespürt, was für Gifte sich in eine Erziehung mischen lassen. Und so soll Clemens-Hartmut niemals Spott und Ironie zu spüren bekommen, diese Register auf der Dissonanzenorgel, die man mir zog, und die ich nun am besten meistere.«
»Clemens! Mich hast du nur Liebe spüren lassen.«
»Du echtes Kind!« lachte er. »Mit deiner Verklärungskraft! Ist alles Weh schon vergessen, das dir von mir kam? Wie gut wäre ich bei dir aufgehoben gewesen! Und nun sag’ mir, Gitti, – und sieh mich an dabei, hörst du … wie ein plaudernder Knabe will ich dich fragen –: Was hat dir den tiefsten Eindruck gemacht in unserm gemeinsamen Erleben? Gelt: die geheimnisvollen Büttenpapiere? … Oder die Pietà? Über deren Wert du das für mich feinste Urteil faßtest, indem du Blumen küßtest und Bäume umarmtest. Oder …?«
»Dein Kuß war es!« rief ich ungestüm. »Ach, du weißt nicht, wie es ist, wenn man sich nach etwas sehnt und innewird, daß man es nie in seinem Leben erfahren kann … Da hast du es mir gegeben!« Und ich barg mein Gesicht in seine Hände und küßte sie.
»Du Seltsames«, sagte Ritter Lage. »Dafür dankst du mir? Für neue Welten und herb-süße Seligkeiten, die du mich kennen lehrtest, dankst du mir?«
»Immer, allezeit! Du hast mich aufgeweckt! Es ist so trostlos, sein Leben zu verschlafen. – Wie sollt’ ich dir nicht danken? Ich bin nun auch gar nicht scheu mehr, bin recht aufdringlich. Gelt? Findest du nicht?«
»Erschrecklich.« Und er lachte wieder. »Sieh, – wie wir beide schulmeistern. Ich lehre dich küssen, und du lehrst mich lachen. Wieder lachen, meine Gitti. Ah, das ist ungewohnt und tut wohl und weh.« – Er lehnte sich matt zurück. –
»Nun muß ich gewiß gehen, Liebster«, rief ich erschrocken und richtete mich auf.
»Ein Weilchen noch,« – bat er, »eine kurze, wichtige Frage lang. Sag’ mir, meine Gitti, was dein höchster Wunsch ist. Du bist noch so jung. Ich weiß, du liebst Lage und alles, was damit zusammenhängt, – dein Dorf, deine Leute, die Kapelle, den Märchenwald. Was davon mein ist, möchte ich dir schenken, möchte dich restlos glücklich sehen, Gitti … wunschlos … Sprich – Liebste …«
Da nahm ich mein Herz in beide Hände.
Und alle Scheu wich von mir, nur ganz Bitte war ich.
»Laß mich immer bei dir bleiben,« bat ich, – »schick’ mich nicht fort! Ich mißgönne jedem, selbst deinem alten, treuen Diener, die Handreichungen bei dir. – Ich darf dich krank und am Boden liegen sehen, denn ich bin ja dein Kamerad, einen bessern findst du nit! Ritter Lage! Laß mich bei dir bleiben!«
»Du! Du einzige!« Wie ein Aufschluchzen klang es. Er zog meine Hand an seine Lippen. Dann rief ich seinen Diener, und ihm folgte Baron Leo auf dem Fuße. Der Diener gab dem Kranken Wein und ordnete die Kissen, dann ging er in den Vorraum zu Clemens-Hartmut zurück. Währenddem sprachen Leo ter Mählen und ich leise miteinander. Bis uns Ritter Lages Stimme ganz lebhaft rief: »Sie hat entschieden, Freund Leo. Was ich nicht fassen konnte und wollte, – sie bringt das ungeheure Opfer freiwillig … Leo, sie bittet mich darum, – Leo, sieh dir dies tapfere Kind an, – mit Lachen kommt Gitti zum Zornebock … Küsse ihr die Hand, Leo, und neige dich tief vor der jetzigen und künftigen Herrin von Lage …«
Noch eine Stunde durfte ich bei ihm bleiben. Ritter Lage fühlte sich wohler denn je. Nur etwas rasch und fieberhaft sprach er. – Er wollte mich in alles einführen, in seine Pläne über die holländischen Besitzungen, in das Wohl und Wehe seiner Arbeiter.
Wie war sein Denken scharf, logisch, großzügig und weitsehend! Oft mußte ich ihn bitten, langsamer vorzugehen, weil ich ihm nicht zu folgen vermochte.
Dann lachte er herzerquickend musikalisch.
Und wir beide vergaßen in dieser angeregten Stunde die ganze Not, die sonst so lastend lag. –