5.

Wir leben jetzt im Wonnemonat Mai. Aber das weiß ich nur vom Hörensagen und aus Thüringer Briefen, die freilich spärlich genug für mich abgegeben werden. Das arme Freifräulein Lage war auch arm an Freunden geworden, und die Erbin – will nun nicht. »Eine Mauer um uns baue«, möcht’ ich beten, wie das fromme Mütterlein im Gedicht von Clemens Brentano. Das feste Mäuerlein um Haus Lage haben die Spanier niedergerissen im Dreißigjährigen Kriege. Hätten auch etwas Gescheiteres tun können. Nun ist’s freilich leicht, auf meinem Grund und Boden herumzustöbern – für nächtliches Gesindel – Fledermäuse und dergleichen …

Also wir merken hier nichts vom Wonnemonat. Es regnet und stürmt und ist eisig kalt. Nur im Hause drin prasseln die Holzscheite in zwei großen Kaminen und vier mächtigen Kachelöfen. Man könnte auf Weihnachten raten, so gemütlich ist’s. Ich möchte erst einmal die eisige Luft aus allen Zimmern bringen, sie ließ einem schier das Herz erstarren, als ich herkam. »Davon weiß ich nichts«, meinte die alte Eva geruhig, als ich sie darum befragte. »Das gnädige Fräulein Jesuliebe hat wohl manchmal ein Feuerlein brennen lassen, aber der Herr Vater selig und die Frau Mutter selig, und was sonst so von den Herrschaften hier wohnte, die waren alle nicht für Wärme …«

Ich schaute die Eva scharf an, aber ich sah, die gute Alte hatte es streng wörtlich gemeint.

Ich aber »bin für Wärme«. Herrgott, ja. Seit gestern friere ich in Haus Lage. Ich schone den mächtigen Holzvorrat nicht. Josua hat mich schon vorwurfsvoll angesehen. Aber ich weiß aus den Büchern, daß der graue Alltag von 14000 Morgen Wald umgeben ist. Mit dem Förster habe ich auch schon gesprochen, er ist alt, wie beinahe alles hier, und lebt als Witwer bei seinem Sohn und der Schwiegertochter. Es ist eine Erbförsterei. Die ganze Stube hängt bei ihnen voll »Förster«, und darunter prangt immer derselbe Mann noch einmal als »reitender Feldjäger«. Schmuck sehen sie alle aus, die »Förster Nordstamm«. Vater und Sohn haben schon einen langen Gang mit mir durch »meinen« Wald gemacht. Ich sage meinen Wald, weil er mir gehört, und um mich scherzend zu behaupten gegen den alten und den jungen Förster, die auch beide von »ihrem« Walde sprechen. Die junge Frau Rika blieb daheim, sie erwartet ihr erstes Kind und ist nicht sehr kräftig, aber fröhlich und guter Dinge. – Als der Wald am dichtesten und tiefsten wurde, schier wie ein Urwald, da spürte ich trotz des stundenweiten Weges neue Kräfte. Welche Wonne, in diese tiefe, lockende Stille hineinzudringen, vor jedem dieser seltsam geformten Ungeheuer staunend stehenzubleiben. Sie begrenzten die schmale Spur, die kaum den Anspruch auf die Bezeichnung »Weg« erheben konnte. Und die ihn oft genug drohend verlegten, wie ich weithin mit meinen scharfen Augen sah.

»Nun wird es sehr unwirtsam«, bemerkte der alte Förster nach einer Weile, und der junge stimmte ihm eifrig bei. »In diese Wildnis sind die Damen Lage nie eingedrungen, da ist oft nicht Weg noch Steg. Aber der Herr Baron wollte eben seinen Urwald haben …«

Ich warf noch einen bewundernden und schmerzlich verlangenden Blick auf die schmale Spur, die zwischen Stechpalmen und Farnen dahin führte. Und dann nickte ich lachend einem wunderlichen Baume zu, der wahrhaftig wie ein Waldweibchen aussah mit krummer Nase und zahnlosem Mund: »Gute Nacht, Eichenmuhme, ich komme bald wieder und besuche dich.« Denn »der Urwald ist jetzt mein«, wandte ich mich an meine Begleiter, »und was mein ist, will ich kennenlernen von Ur to Enn.«

Vater und Sohn Nordstamm tauschten Blicke. »’s ist eben eine Lage«, hießen diese Blicke, das war mir ganz klar, ohne daß sie mit ihrem Finger auf die Stirn deuteten. Wir kehrten nun um, und ich prägte meinem Gedächtnis den Weg ein, versäumte auch nicht, wie weiland Hänsel und Gretel unauffällig rote Ilexbeeren zu streuen; sie reichten gerade bis zur Grenze des Parkes, und von dort aus fand ich meine Heimat ohne Führer. Ja, es ist meine Heimat. Nirgends sonst seit meiner sonnigen Kinderzeit war ich so mit dem Herzen in irgendeiner Landschaft, nirgend sonst seit Vaters Tode tönte so stark und süß die uralte ewige Heimatmelodie aus Baum und Strauch, aus Fluß und Wiese, aus Hecken und Ackerscholle. Lage, sei gesegnet!

Der Mond stand noch immer köstlich voll am Himmel. Ich ahnte eine zweite unruhige Nacht, nahm mir aber fest vor, die Ruine und die Fledermäuse heute unbeachtet zu lassen. Aber abkürzen wollte ich die Nacht, indem ich mir aus Tante Jesuliebes Zimmer irgend etwas Lesenswertes holte, mit dem ich mich in meinen roten Ledersessel einkuschelte bei grünbeschirmter Lampe und prasselndem Kaminfeuer. Schon dieser Vorsatz allein schuf Behaglichkeit. – Die alte Eva setzte mir die Lampe und einen kleinen Imbiß, köstliche Buttermilch und selbstgebackenes Schwarzbrot hin, dazu duftende Gravensteiner Äpfel. Und nach der langen Wanderung vertilgte ich alles mit Stumpf und Stiel. –

Es war unsagbar gemütlich. Mit einer brennenden Kerze auf hohem silbernen Leuchter stieg ich dann ins Dachgeschoß, das Tante Jesuliebes Zimmer in sich barg. Zwei große, seltsame, getäfelte Stuben, hoch und geräumig. Der Wohnraum ist fast saalartig. Eine stattliche Reihe »Lages« hängt an den Wänden, stattlich war auch bei den Mannsen der Wuchs, doch die Frauen zeigten sich mit wenigen Ausnahmen klein und zierlich. Ach! und hochmütig, – hochmütig schienen sie alle gewesen zu sein. – So waren wir Thüringer Lages wohl aus der Art geschlagen. Bei uns war der Hochmut als Dummheit gebrandmarkt worden, und so fehlte dieser Zug auch auf Vaters Bild, der im Schmucke der ordenbesäten Staatsuniform die Reihen schloß. Nicht hochmütig, – hochgemut sah er aus, der einzige. In sein Anschauen vertieft, hätte ich schier mein Vorhaben vergessen. Aber es klopfte an der Tür, und ich schrak zusammen. Auch ohne mein »Herein!« abzuwarten, stand Eva dann vor mir, und mit altmodischem Knicks teilte sie mir mit, daß man in Zimmern Verstorbener nie länger als 7 Minuten weilen dürfte, wenn man es zum erstenmal beträte, beim zweitenmal dann 14 Minuten, beim dritten 21, das sei nun »mal so«.

»Meine gute, alte Eva,« rief ich und gab ihr einen Kuß auf die runzlige Wange, »gewöhne dich daran, daß bei mir nichts, aber auch gar nichts ›mal so‹ ist. Wir wollen unsern Tag recht sonnenhell beginnen und ebenso klar schließen. Allem Aberglauben sagen wir ab, bei jeglichem Spuk gehen wir der Ursache nach, und wo es uns nicht gelingt, da sind’s halt Fledermäuse gewesen; hörst du, Eva?«

»Haben gnädig Fräulein Fledermäuse gesehen?« fragte sie ungerührt. »Das wäre schade. Denn das bedeutet, daß gnädig Fräulein ihr Lebtag in Lage bleibt, also sozusagen unvermählt. Schade, schade!« Und sie schüttelte ihren alten Kopf anhaltend.

»O du unverbesserliche Eva!« Ich lachte herzlich. Dann ergriff ich ein zierliches Buch, das in leuchtendes und duftendes Juchten gebunden war und preislich auf Tante Jesuliebes altmodischem Schreibtisch lag. Und einen schweren Folianten, der silberbeschlagen auf einem Bord ruhte, hieß ich gleichfalls mitfolgen, so würde der Abend beim behaglichen Lesen im Fluge vergehen, und der Mond sollte mich nicht wecken, noch necken. –


Beide Bücher sind leer. –

Fast leer.

Und ich sitze seit Stunden und grüble. – Das feine Juchtenbuch und der gewichtige Foliant, sie tragen beide auf der ersten Seite den Vermerk: »Mit Gott!«

Darunter steht mit Tante Jesuliebes feinkritzliger Handschrift, die so in hellem Widerspruch steht zu ihrem derb zupackenden Wesen: »Zünd an, Brigitte! Zünd an!« Den Tag und die Stunde, da sie es schrieb, hat sie dabei vermerkt: »1. September 18…«

Ja, Tante Jesuliebe-Brigitte hat es selbst geschrieben. Aber sie hat sich nie Brigitte genannt. Nur ich in der ganzen Familie Lage trug und trage diesen Namen. – Die Mahnung gilt also mir …