4.
Mit Gott! Ich bin in Haus Lage. Von weiter, roter Heide ist es dicht umgeben, von Birken und hohen Wacholdern, von Ginsterbüschen, die leuchtend gelb blühen. Hier soll das Thüringer Waldkind daheim sein und ist’s schon. Ist mit tausend feinen Fäden bereits gefesselt, schier jede rote Dolde hat sich eng mit dem Herzen verknüpft. Hinter der Heide, im Rücken von Haus Lage, liegt Wald, tiefer Tannen-, Eichen- und Buchenwald, ein köstlich Fleckchen Erde. Im Park steht eine Ruine, die Spanier haben im Dreißigjährigen Kriege das Schloß zerstört. Jetzt rankt sich Efeu dicht herum, von den Gemächern ist nur das – Gefängnis übriggeblieben, eine eisenbeschlagene, schwere Tür führt hinein. Das Licht konnte nur durch eine Falltür von oben eindringen, wenn sich nicht ein Sonnenstrahl just dann verirrte, wenn der Wärter das Essen durch die Klappe schob. – Mich fröstelte, als ich diese Unterkunft sah. Gefangen inmitten der weiten, weiten Heide …
Eine schneeweiße Bank habe ich hinsetzen lassen vor ein efeuumwuchertes Fenster im Erdgeschoß. In diesem Fenster mag oft in tiefer Nische, die von wohlerhaltener durchbrochener Steinornamentik umgrenzt ist, eine schöne Fraue von Lage gesessen, gestickt und geplaudert haben. Mit wem? Das werde ich wohl noch ergründen können, wenn ich erst einmal die Bücherei durchstöbert habe. Auf dies Tagewerk freue ich mich. Deshalb hat es noch gute Wege damit. Denn noch bin ich nicht zur Freude hier, sondern zur Arbeit.
Die Tante Jesuliebe-Brigitte Lage scheint eine Arbeitswut gehabt zu haben. Überall begegnet man irgendeinem Sprichwort, das auf die Arbeit Bezug hat, oder auch einem kategorischen Imperativ. Als ich gestern hinter der Ruine den uralten Baum erkletterte, dessen verzweigte Wurzeln sich wie ein Wappenschild von der Mauer abheben, las ich eingeschnitten in den Stamm: »Arbeite!« Und war doch hingekommen, um mich zu verstecken, um zu rasten und zu träumen. Und so viel Macht hatte das herrische Wort, daß ich sofort wieder hinunterstieg und selbst mit Hand anlegte bei der Säuberung des inwendigen Hauses, auf daß mein Hausrat bald seine bleibende Statt fände. Wenn alles bis auf den letzten Nagel an Ort und Stelle ist, dann will ich in Tante Jesuliebes Gemächer gehen und die Erbschaft völlig antreten. Vielleicht finde ich auch dort irgendeine Weisung, einen Brief …
Davor fürchte ich mich. Es ist gewiß töricht von mir, aber ich möchte lieber allein einen, wenn auch schweren oder gefahrvollen, Weg gehen, als mich durch Bitten oder Befehle einer Toten bestimmen zu lassen.
Heute nacht ließ mich der Vollmond nicht schlafen. Er stand grellweiß, ein riesenhafter Scheinwerfer, am Himmel. Sein Licht lag gespenstisch auf der Ruine und dem weiten Rasen davor. Ich erhob mich von meinem Lager, hastig kleidete ich mich an und warf meinen dicken Flauschmantel über. Die schwere Tür öffnete ich (alle Türen sind hier groß und gewichtig) und schlich mich hinunter. Aber selbst unter meinem sachten Schritt ächzte die alte Treppe, und das Ächzen löste ein seltsames Echo in dem hallenden Gange aus. Dann stand ich auf dem Rasen vor der Ruine, und nun trank ich buchstäblich die Schönheit der Vollmondnacht in mich hinein. Haus Lage und das Trümmerschloß – eingebettet waren sie in Licht. Nichts vom grauen Alltag ringsumher … Und in meinem Innern ein grenzenloser Jubel, ein Glücksgefühl ohnegleichen. Ich nickte dem alten Hause zu: Du bist mein! Und der Ruine: Du bist mein! Der stille, mondbeschienene Park, die Sonnenuhr, ja der alte, schwarze Geräteschuppen, den das Mondlicht malerisch verklärte, jedes bekam den Gruß: Du bist mein! Die junge Brigitte Lage, die bisher nur gerechnet: was soll ich essen, was soll ich trinken, womit soll ich mich kleiden? Sie besaß plötzlich etwas; nicht etwas, – hundert Dinge. – Sie war eine Erbin. Ja, aber Erbin des grauen Alltags. Warum hatte man dies Fleckchen Erde so genannt? Warum bewußt einen Schatten darauf geworfen? Der sich doch ganz und gar verbergen mußte, da Gottes Licht den grauen Alltag in seine Arme nahm. Ich setzte mich auf die weiße Bank vor die Ruine, meine Gedanken waren unruhig und jagten sich. »Der häßliche Name müßte ganz verschwinden, er hat keine Berechtigung,« trumpfte ich laut – »schwarze und graue häßliche Dinge werden in Lage nicht mehr gelitten; dixi, ich habe gesprochen …!«
Da fuhr etwas Graues, unsagbar Häßliches aus der einen großen, leeren Augenhöhle der Ruine und strich klatschend über mein Haar hin. Laut schrie ich auf.
Gleich darauf kam ein Lachen. Voll und tief, seltsam melodisch. – Und eine gute Stimme sprach neben mir: »Heldenseele! – will Ewigkeitsnamen ohne Hammer und Meißel ausmerzen. Schier nur mit einem Gedanken … Und fürchtet sich vor einer Fledermaus. Kindskopf!!!«
Scheu sah ich mich um. Und da ich niemand entdeckte, so angestrengt ich auch spähte, kroch mir wahrhaftig fröstelnde Furcht über den Rücken. »Wer spricht da?« fragte ich bang. Und etwas beherzter: »Wer sind Sie?«
»Die Fledermaus«, tönte die Antwort irgendwoher.
Da gab ich Fersengeld, und das tiefe, musikalische Lachen hallte hinter mir drein. Die alte Kastellanin Eva empfing mich geruhig an der Haustür. »Nur zahm, nur zahm!« sagte sie und zog mich hinein. Ohne Staunen und weitere Worte, als sei es nichts Besonderes, daß ihre junge Herrin nachts zwischen 2 und 3 Uhr wie ein Wirbelwind daherjage. Erst als ich auf dem Rand meines Bettes saß und sie mir die feuchten Schuhe auszog, äußerte sie sich, – schier beifällig. »Eine echte Lage, ich habe nun den Beweis«, mümmelte sie, denn sie hat keinen Zahn mehr. »Da ist noch kein männlicher und kein weiblicher Lage gewesen, der hier nicht im Mondschein herumgegeistert hätte.«
»Eva! Wohnt noch irgend jemand außer uns im Haus Lage oder in der Ruine?« fragte ich mit Herzklopfen.
»Irgend jemand? Da sind eine Menge! Da ist mein Neffe Josua, da ist die Köchin Rahel, da ist der Gärtner Michael und sein Gehilfe Benjamin und wohl zwanzig Parkarbeiter, die in der Ökonomie schlafen …«
»Nein, nein, die meine ich nicht«, wehrte ich ab. Diese alttestamentliche Garde, die sie mir da aufzählte, lag mir nicht im Sinne. Sie war alt, uralt, wie Eva auch. Und das Lachen hatte jung geklungen – und fein gebildet. Also konnte die »Fledermaus« auch kein Methusalem sein.
»Eva, wie alt bist du eigentlich?« fragte ich wieder.
»Das kann ich dem gnädigen Fräulein wohl auch morgen vormittag sagen, nicht um 3 Uhr nachts«, lautete die Antwort; und wie ein Spuk war Eva draußen. Sie ist unglaublich rasch, die Alte. Wäre der zahnlose Mund nicht, das eisgraue Haar und die hundert Runzeln, man könnte ihr 50 Jahre weniger geben. Sie hört wie ein Fuchs und sieht wie ein Luchs und läuft wie ein Wiesel. Aber sie spricht von Friedrich Wilhelm dem Dritten, der einmal in Lage gewesen sein soll, – und von Goethe – als sei sie mit beiden groß geworden. – Doch von ihrem Alter mag sie nicht reden hören – die echte Eva. – Man wählt hier in Lage die Namen der Dörfler alle nach der Bibel. Der Hausvater sticht an der Wiege des Neugeborenen mit spitzer langer Nadel in das Bibelbuch, und welcher Name dem Stiche am nächsten ist, der wird für das Kind gewählt. »Josua, der Neffe« gilt bei seiner Tante als Springinsfeld und Übermut, immerhin schätze ich ihn auf Mitte der Fünfzig. Sie hat bei ihrem eigenen hohen Alter den Maßstab für ihre Umgebung verloren. Ich weiß, daß sie mich hinter meinem Rücken »das Kleine« nennt, aber es klingt unendlich gut und mütterlich. Trotzdem bleibe ich für sie »das gnädige Fräulein Lage«.
Diese Sachen überdachte ich, während ich mich wieder wohlig im warmen Bette ausstreckte. Wollte den »Fledermausgedanken« entfliehen …