8.
’s ist tiefe Nacht. Aber ich will mich nicht zur Ruhe legen, ehe ich meine Gedanken und das, was ich bis zum Abend erlebte, klar gesondert habe. Bis jetzt, seit meiner Rückkehr aus dem Lager Forst saß ich mit gefalteten Händen und sann, – und sann. Draußen hat Eva um die Abendbrotzeit an meiner verschlossenen Tür gerüttelt und nicht eher Ruhe gegeben, bis ich ihr zurief, daß mir nicht gut sei und ich keiner Speise und keines Trankes bedürfe. Das Alleinsein würde die beste Arzenei sein. Da ist sie gegangen, laut vor sich hinmurmelnd. Vielleicht übertreffe ich an Narretei die ganze Sippe Lage, die ihr durch die Finger lief.
Ich war mit raschen Schritten am heutigen Frühnachmittage ausgezogen. Jetzt dünkt’s mich wie ein Märchen von der Prinzessin »Weißnichts« aus dem Hause »Ohnearg«, die »alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen«.
Wie auf verbotenen Wegen schlich ich mich ums Forsthaus herum, um ja nicht die Herren Nordstamm aufzustöbern. Am Arm den kleinen Binsenkorb, der die handfeste Atzung für Vesper und zugleich Abendbrot barg. Bis an die Grenze schritt ich, da wo das Waldweibchen drohend und zugleich lockend seine knorrigen Arme reckt, – dann blieb ich tief atmend einige Minuten stehen, auf daß ich voll Andacht in den Märchenwald eingehen könne.
Wie still er schien, und wie lebendig er war!
Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, ich könnte ihn nicht schildern, aber ich habe die Liebe, und deshalb vermag ich es:
Ich wandelte durch Dome, in denen tiefe Glocken läuteten, ich ging durch Waldhüttchen hindurch, drinnen Zwerge kauerten und kicherten und meine Kleider neckend streiften. An Riesenharfen schritt ich vorbei, deren Kiefernsaiten von Harz troffen und einen Duft ausströmten, der wohl Schwersiechen den heiligen Trost zurufen konnte: »Auf, nimm dein Bett und wandle!«
Es grüßten mich Riesen und schauten wildgnädig auf das Menschlein, das unter ihnen ging, es nickten mir spottend Alräunchen zu und schabten ihre Fingerlein: O du Prinzessin Ohnearg und Weißnichts! Und waren doch alle nur Bäume und Bäumchen.
Dann wieder taten sich Kirchen auf aus silberstämmigen Buchen, an denen nicht Tadel noch Fehl war. Ihre Wipfel reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß er sie segne. –
Und dann kam der tief-tiefe Tannenwald. Edeltannen, bodenständig, mit silbernem Schein, die mich ernst willkommen hießen, zarte Douglastannen, die noch bange zitterten vor ihrer eigenen Schönheit. Birken standen dazwischen, mit zartgrünen Schleiern ihre Reize verhüllend, und sie hatten kleine, schwarzweiße Pilzwächter zu ihren Füßen hingewiesen … Auch Kindertännlein wuchsen ringsumher, wohlgezogene und doch fröhliche kleine Gesellen, und zwischen ihnen lag die rostbraune Heide, in deren Winterdolden der Frühlingswind harfte. Und über all dieses hatte die Sonne ihre warmen, leuchtenden Mutterhände gelegt, ein Segen ohne Maß ging von ihr aus. Ich grüßte die unermeßliche Schönheit und trank Gottesnähe in mich hinein. Da sah ich mitten in der Tannenwildnis, aber hoch über ihr, ein Glockentürmlein, und es war mir, als ginge von der schweigenden Glocke, die darinnen hing, all das gewaltige Tönen aus, das den Wald erfüllte.
Aber das Tönen schwieg plötzlich, weil eine Menschenstimme lachte. Mißtönend, klagend, schrill: einem Kauz hätte sie gehören können oder einer kranken Waldtaube; aber es war doch ein Mensch, der vor dem Kirchlein kauerte, das sich plötzlich aus dem Dickicht schob. Uralt und schlicht, aber nicht verfallen; und etwas dahinter stand ein kleines, festes Haus, schier mehr ein Tempel mit dorischen Säulen.
Der Mensch hatte nicht viel Menschliches an sich. Nur als ich nahe vor ihm stand und er mit demselben klagenden Lachen nach meinem Kleidersaume griff, sah ich, daß es ein Jüngling war, ein Krüppel, der nun in grotesken Sprüngen in das Innere des Tempels flüchtete. Ich folgte ihm nicht, – ich öffnete sacht die Pforte des kleinen Gotteshauses. Und hatte ich vorher in arme, verzerrte Züge geschaut, so grüßte mich nun ein Marmorbildnis von wunderbarer Schönheit, von Künstlerhand gemeißelt – der heilige Clemens. –
Nicht im großen Ornate des Papstes, im schlichten härenen Gewande hatte ihn der Künstler dargestellt, wohl um die Demut äußerlich kundzutun, die diesen Kirchenfürsten auszeichnete. Der Anker war ihm beigegeben und ruhte zu Füßen des Bildnisses. – Später entdeckte ich noch ein uralt Steingefüge des gleichen Heiligen, das sich außerhalb der Kirche an ein Mäuerchen lehnte. Ein vermorschtes Holz steckte neben ihm im Waldboden, und darin hing eine »ewige Lampe«, aber sie war ungeschützt verlöscht, tot, und das Öl verdunstet. Es sah so traurig aus, und deshalb löste ich die ungefüge Lampe aus der verrosteten Klammer und trug sie in die Kapelle. Hier konnte ich sie gut an einem hervorspringenden Eisenknauf befestigen, gerade dem heiligen Clemens gegenüber. Und nahm mir vor, am nächsten Morgen mit einem Ölkännchen wiederzukommen, es sollte nicht mehr dunkel und einsam um den Heiligen sein. Als ich das Kirchenpförtchen wieder schließen wollte, brach gerade die Abendsonne durch die Fenster, die in feiner alter Glasmalerei die heilige Notburga zeigten, die »Dienstmagd« mit der Sichel in der Hand. Darunter den Spruch: »Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Gott.« Seltsam leuchtend rot war der Schimmer, der durch dies Fenster in das Kuppelrund fiel. Und darin sah ich einen Fries, von eines Meisters Hand gemalt: Unseres Heilandes Werdegang, seine Geburt, sein Ringen, sein Leiden und seinen Tod. Da stand ich wie gebannt, und die Blicke konnte ich nicht losreißen von dem Kindlein auf dem Schoße der Gottesmutter und von dem Hirten, der auf der Schalmei das Wiegenlied tönen läßt. – So geleitete ich mit Augen und Herz den Christus. Aus jeder Darstellung wuchs er größer und göttlicher heraus und gab mir die Erinnerung an meine Kinderzeit, als die Mutter mich diesen Christus lehrte. So lieb und schlicht, so zürnend und gewaltig, so demütig und vergebend. –
Überreich beschenkt schritt ich aus der kleinen Kapelle hinaus in meinen Märchenwald. – In der abendstillen Dämmerung wollte ich die seltsamen Gesellen wieder grüßen, neugierig, welche Formen die Riesen- und Zwergenbäume wohl im Halbdunkel annehmen würden, um mich zu schrecken. Aber mein Fuß verhielt im Heidekraut, denn ein klagendes Rufen scholl zu mir herüber. Hilfeheischend tönte es, und nun eilte ich nach der Richtung des Tempels, woher es kam. – Die Pforte lief leicht in ihren Angeln, als ich sie öffnete; ich trat in die Werkstatt eines Bildhauers. Beinahe hätte ich über der Schönheit einer Marmorgruppe die arme, zusammengeworfene Gestalt des Krüppels übersehen, der zu ihren Füßen wie ein Bündel lag. Ein Blutbächlein rieselte an der Schläfe des Jünglings hinunter, er hatte von einem Sockel wohl mit täppischem Griff den Hammer herunterholen wollen, und dieser war ihm auf die Stirn gefallen … Hastig verließ ich den Raum, denn der alte Brunnen draußen fiel mir ein, an dem ein gefüllter Eimer hing. Ich tauchte mein leinenes Tuch, das ich über mein Körbchen gebreitet hatte, in das kühle Naß, lief wieder zurück und legte es auf die Wunde; gellend schrie der Verletzte auf. Aber nichts rührte sich im Hause, so scharf ich auch horchte. Nur die marmorne Gottesmutter, die den toten Sohn im Arme hält, schaute voll Erbarmen auf uns nieder. Da nahm auch ich den Kranken in meine Arme und bettete den schmerzzuckenden Kopf an meine Brust. Er schlug die Augen auf, und nun lachte er, wie ein Kind, das sich geborgen weiß. Aber auf meine besorgten Fragen antwortete nur ein Lallen. Hart kniete es sich auf den Fliesen des Bodens, ich lehnte den Kranken gegen den Marmor, löste das Tuch und lief wieder zum Brunnen. Da tönte mir das Klagen nach, und wieder empfing mich der Schrei, als ich den Umschlag erneuerte. Ratlos sah ich nach der großen Tür, die mir in das Innere des Hauses zu führen schien, denn die Werkstatt war nur eine große Halle. Über der Tür stand der Spruch gemeißelt: »Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt, qui aedificant eam.«
Das klang tröstlich, und ich durchschritt die Tür. Wie seltsam mutete das große, traute Wohnzimmer an, das sich mir zeigte … In dieser Waldwildnis ein so behaglicher Raum mit hohem Kamin, darinnen ein loderndes Feuer brannte. Schwere Teppiche bedeckten den Boden, flämische Möbel standen wuchtig an den Wänden. Nirgends ein Mensch, außer dem, dessen tierische Laute fortgesetzt das Haus durchgellten. Da ging ich zurück, beugte mich über den Kranken und rief ermunternd: »Komm! Komm mit mir!« Er erhob sich plötzlich sehr gelenkig und folgte mir, wie ein gehorsamer Hund. Das Blut an seiner Hand und auf seiner Stirn schien ihm ungeheuer wichtig zu sein, aber sein Klagen verstummte, als ich ihm begütigend sagte: »Das wird alles gut.« Von seiner armen Sprache konnte ich nichts deuten, es schien mir aber, als sei er gut Freund mit meinen Bäumen und Bäumchen.
So gingen wir Hand in Hand nach Lage zurück. Hier habe ich meinen seltsamen Gast in einem freundlichen Gelaß gebettet, heilkräftige Arnika auf die Wunde gelegt und will nun selbst, todmüde, mein Lager aufsuchen. Gute Nacht, Märchenwald und Fledermäuse!