9.
Recht schlecht und unruhig habe ich geschlafen, ein Zustand, der mir sonst fremd ist. Immer meinte ich, das klagende Rufen zu hören und dazwischen energisches Zurechtweisen von einer zweiten Stimme. Einmal war es so laut, daß ich aufstand und mich völlig ankleidete. Ich horchte an der Tür des Gastzimmers, aber nichts regte sich hinter ihr. Etwas Blinkendes lag am Boden, ich hob es auf und hielt einen wunderlich geformten Knopf in der Hand, an dem noch ein Stück Manschette hing. Mit großer Gewalt mußte er abgerissen worden sein. Dreimal stand ich so in verschiedenen Zeitabständen vor dem Gemach, beim drittenmal drückte ich die Klinke kurz entschlossen nieder. Die große Stube war leer, das Bett sorgfältig geordnet, das Linnen abgezogen und fortgeräumt. Die alte Eva stand an einem der beiden offenen Fenster und stäubte gerade ein Tuch aus. Sie knickste, sah aber an mir vorbei.
»Ich hatte einen Gast«, sagte ich etwas erregt …
»Er ist nicht mehr da«, war die ruhige Antwort. –
»Das sehe ich. Aber ich will wissen, wo er ist. Er stand unter meinem Schutz.«
Sie sah mich hilflos an. »Gnädig Frölen dürfen nicht solch böses Gesicht ziehen. Ich gebe keine Befehle, ich führe sie nur aus.«
»Wo ist der Kranke?«
»Fortgeholt.«
»Von wem?«
Ich stellte mich an das kleine, bleigefaßte Fenster, das vom Gange aus nach dem Park schaut, und trommelte heftig mit den Fingern dagegen. Und unter dieser Musikbegleitung enteilte Eva lautlos, ohne mir zu antworten.
Ich habe dann den köstlichen Frühlingsmorgen benutzt und bin mit einem Ölkrüglein durch den Märchenwald geschritten, um dem heiligen Clemens das ewige Lämpchen anzuzünden. Dann hielt ich eine stille Andacht und freute mich tief und glücklich des kleinen, stimmungsvollen Kirchleins. Strich auch sacht mit der Hand über die wunderschöne »Pietà«. Nirgends an der Gruppe fand ich einen Namen, – es ist auch gleichgültig. Wer so etwas meißeln kann, ist ein König …
Zu Hause war ich dann guter Gedanken voll und setzte sie rasch in die Tat um. Zwei Briefe schrieb ich. An Fernande Lage, das protestantische Spitalweibchen, und an Matthias Lage, den gläubigen Katholiken. Ich bat beide, ihren Wohnsitz aufzugeben, um zu mir in mein Haus, das auch ihren Namen trüge, überzusiedeln. Sie sollten hier einen schönen, glücklichen Lebensabend genießen, soweit es in meiner Macht läge, und einst da ruhen, wo alle Lages ausrasteten. –
Damit habe ich bei dem »Ohm Matthias« sehr schlecht abgeschnitten. Er schreibt seine Antwort so grob und mißbilligend, daß ich sie mir ungefähr so übersetzt habe: »Gestorben wird, aber ob du es erlebst, du dummes Wicht, das ist die Frage.«
Tante Fernande dankt mir kurz, verspricht ihr Kommen und lobt mich aus einer falschen Voraussetzung. Sie findet es außerordentlich klug und bedacht von mir, daß ich mir in ihr eine Beschützerin und Anstandsdame heranholen will.
Nichts lag mir ferner. Ich will zwei einsamen Lages, die mittellos in der unruhigen Welt wohnen, eine Heimat geben, eine friedenvolle, sorgenlose.
In dieser besinnlichen Wald- und Heideeinsamkeit liegt jeder Gedanke an Äußerlichkeiten weltenfern. Aber vielleicht hat die alte Fernande eine innere Befriedigung davon, daß sie meint, sie sei mir nütze. Vielleicht kann sie jetzt besser die Wohltat von mir annehmen. So will ich sie bei ihrem Glauben lassen. –
Mein Tag ist immer reich und ausgefüllt. Ich schaue auch öfters in das Försterhaus, wo die junge Frau etwas zagend ihrer schweren Stunde entgegensieht. Man hat sie mit Ammenmärchen verstört, und ich fürchte, meine Eva hat auch manchen Schatten ins Försterhaus getragen. Neulich ertappte ich sie beim Räuchern mit Ginsterblüten. Der Geruch war abscheulich und verpestete das schmucke Anwesen. Ich weiß, daß er »Alpdrücken« beheben und »starke Wehen« hervorrufen soll. Aber ich weiß auch, daß dieser Unsinn dem sehr bodenständigen Arzt in Lage das Leben sauer macht. Deshalb verwies ich am Abend ganz energisch der guten Alten ihr Tun. Ihr Widerspruch ist immer derselbe: »Was weiß so ein Junges!« Aber da er unhörbar gemurmelt wird, lasse ich ihn unbeachtet.
Ich saß mit der jungen Frau Nordstamm an der leeren Wiege, drin das zu Erwartende liegen soll, und wir hatten die ganze kleine Aussteuer um uns herum gebreitet, aber die Türe sorgfältig verschlossen: daß nur ja kein unberufenes Männerauge unser törichtes Tun belauschen sollte. Jedes gestrickte Mützchen wurde über der Faust anprobiert, und die kleinwinzigen Linnen wurden vor die eigene Brust gehalten, um den staunenswerten Unterschied recht deutlich zu sehen. Und ich erhielt von der jungen Frau das Lob, daß ich »recht wie eine Mutter fühle«. Dreimal packten wir das Bettzeug der Wiege aus und ein, und legten immer wieder ein neues, noch zierlicheres Hemdchen, Jäckchen, Mützchen hinein. Und die angehende Mutter schaukelte sacht das Gestell, darauf zwischen leuchtenden Rosen und Tulipanen der Spruch gemalt war: »Onze Heere God zal dat Kind bewaren.«
Von meiner Entdeckung im Lager Wald sagte ich nichts, vielleicht war’s eine eifersüchtige Wallung, die keinem Menschen sonst das Kirchlein gönnte. Eines heimlichen Bangens kann ich mich nicht erwehren. Die junge Frau ist überzart. Wenn ihr Gatte etwas sagt, fliegt Blässe und Röte über ihr schmales Gesicht, fast möchte ich sagen, es sieht wie Abneigung aus, womit sie ihn anschaut. Aber freut man sich dann so auf das Kindchen? Der Arzt predigt ungeheure Schonung der jungen Frau. –
Von der Wiege kommend, traf ich beim abendlichen Heimweg auf ein Grab. Ich hatte einen anderen, weiteren Weg gewählt, vor dem mich der alte Förster Nordstamm gewarnt. »Der Wilde Jäger sollte dort umgehn mit Heihallo und Hussida.« Herr Förster, das war gefehlt. Vor halsbrecherischen, schlechten Wegen lasse ich mich gern warnen, denn meine Gesundheit gehört nicht mehr mir, sondern dem »grauen Alltag«. Aber dem »Spuk« gehe ich entgegen. –
Es lief alles friedlich ab. Ich fand ein Grab in tiefster Waldwildnis versteckt, und meine zerrissenen Hände geben Zeugnis, wie hartnäckig ich mich durch Brombeeren und Ilex durchkämpfte. Einen Namen trug die Ruhestätte nicht, ein winziges Kreuzlein, roh aus Holz geschnitzt, steckte darauf. Vom Grabe aus schritt ich nach der Lager Kirche und ließ mir vom Küster den Schlüssel zur Gruft geben. Ihm blieb der Mund offen stehen. »Bi disse Tid?« fragte er fast tonlos. –
Ja, der Sarg ist leer, nur ein altes Pergament liegt darinnen. Joochen Lage, † 1642: »Die Lager Luft verwirret Kopf und Herz.« Rings um mich standen die Holzsärge bis an die Decke hinauf übereinander, ein trostloser Anblick. Drei oder vier Steinsärge mit alter Ornamentik reihten sich rings in der Gruftrundung; ein paar neumodische Zinksärge zeigten, daß auch Holländer Mynheers de Lage hier in den letzten drei Jahren beigesetzt worden waren. Ich löschte den Wachsstock, der in der Nische für abendliche Besucher aufbewahrt wird, und schritt im Lichte des letzten Mondviertels über den Friedhof.
»Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage.«
Auch hier ruhten Vorfahren, die nicht in der düsteren Gruft hatten liegen wollen, umgeben von Steinen und Moder, jedem Zufall preisgegeben, der die ungeschützten Särge zerstören konnte. Ich blieb noch einige Zeit an der tausendjährigen Buche stehen und dachte meiner Eltern, dachte des weißen Kreuzes auf dem Friedhof zu Erfurt: »Sei getreu bis an den Tod«, dachte in Liebe und Heimweh an die beiden Efeuhügel, die Unersetzliches bergen.
Als ich dann in mein Zimmer trat, glänzte schon von weitem das große, gelbliche Büttenpapier, auf dem der »Enterbte« mir seine närrische Weisheit darzureichen pflegte, und ich war just in der rechten Stimmung, sie anzunehmen.
»Die liebwerte Regenschirmbase geht sehr selbstherrlich vor, wie mir scheint. Mit ihrer unverbrauchten Kraft lockt sie kranke Kinder aus fremden Häusern, denn wenn die feine, kleine Lagesche Spürnase auch unvergleichlich ist und ungeheuer nett in dem gescheiten Gesichtchen steht, so hat sie doch über die Grenze geschnüffelt. Die schmale Spur zwischen Clemenskapelle und Tempel ist diese Grenze, und der Tempel steht nicht mehr auf Brigitte Lages Grund und Boden. Hausrecht soll man ehren, oder??? Für die Lampe bedankt sich der heilige Clemens. Sie muß jeden Tag gefüllt werden, das gebe ich zu bedenken, aber hübsch jenseits der Grenze bleiben, ohne die Werkstatt zu betreten … Und damit die liebe Regenschirmbase nicht wieder so zerschunden aus dem Ilexgewirr des Waldgrabes hervortaucht und sich unnützen Grübeleien hingibt, so diene zur Vervollkommnung der Familiengeschichte (siehe oben), daß in besagtem Grabe der Urahn Joochen wirklich ruht, wenigstens das fein säuberliche Gerippe. Meine eigenen Hände haben ihn dort still beigesetzt, als ich einst entdeckte, daß sein Sarg offen stand und beim Umfallen schon einmal die Gebeine verloren hatte.
Durch meine nüchterne Enthüllung hoffe ich die Regenschirmbase richtig eingeschätzt zu haben … Den goldenen Manschettenknopf bitte ich in der Clemenskapelle niederzulegen.
Der Enterbte.«
Ich habe den Brief hin und her gewendet, aber da keine Marke ihn zeichnete, konnte ich auch nicht sehen, woher er kam. Die Kenntnis des Ritter Lage von meinen Wegen und Taten ist mir unheimlich, die verschiedenen Rüffel, die er mir erteilt, empören mich. Wenn aber wirklich der Tempel nicht auf meinem Grund und Boden steht, so hat der Mann recht, und ich muß meine »Grenzen« besser studieren und innehalten. Eine beschämende Mahnung für mich von dem Fremden. Wer mag ihm nur alles hinterbringen? Das ist der häßliche Beigeschmack der ganzen Angelegenheit, daß hier irgendein Spion in meiner Nähe sitzt. Und merkwürdig quälend für mich der Gedanke, daß sich »Ritter Lage« zu solch einem Spiel hergibt.