I.

Der furchtbare Tag war angebrochen und nahezu abgelaufen ohne irgendwelche Störung der Ruhe in der Stadt.

Das war bei der gewaltigen Aufregung aller Gemüter nur den weisen und kräftigen Anordnungen zu danken, die der Bischof schon lange für diese bangen Stunden vorbereitet und nun ins Werk gesetzt hatte. Unter Supfos treuer Pflege – er hatte dabei des Steinweins nicht gespart! – erholte sich die starke Natur Herrn Heinrichs bald von der Betäubung, in welche ihn der rasche Wechsel so mannigfaltiger Erregungen gestürzt hatte; er begab sich noch am Abend zu rechter Zeit in den Dom und waltete dort seiner heiligen Pflichten.

Nach durchwachter und durchbeteter Nacht schritt er in feierlichem Aufzug, gefolgt von seiner ganzen Priesterschaft und allem Volk, durch die Straßen, zum letztenmal Gott zu danken, seine Gnade und die Fürbitte der Heiligen anzurufen. Zwar ward gemeldet, daß räuberische Bauern auch an diesem Tage selbst noch sich ziemlich nahe der Stadt gezeigt hätten: – aber auch hiergegen hatte Herr Heinrich wachsame Vorkehrung getroffen auf den Warttürmen.

So war der wunderschöne Sommertag friedlich, feierlich, erwartungsvoll hingegangen.


Nun deckten bereits blaue Schatten die fernen, waldigen Höhen an dem Oberlaufe des Flusses, während in der Stadt auf den Türmen im Umkreis der Mauern die roten Pechpfannen der Türmer glühten; auch stromabwärts glomm hier und da ein Licht aus den auf den beiden Ufern verstreuten Höfen: die Leute wachten in bangem Gebet die Mitternacht heran.

Schon damals setzte sich wie heute auf dem rechten Mainufer die von Süden herziehende große Heerstraße unterhalb der Stadt gen Norden hin fort: im Osten stieß sie dicht an die mit Reben bepflanzten Anhöhen; aber links, gegen den Fluß hin, erstreckten sich in jener Zeit noch Wiesen und Buschwerk.

Wonnesam ist und berauschend die laue Mittsommernacht zu Würzburg und, wie des Lenzes in jenem gesegneten Mainthal, wird, wer je dort einer Mittsommernacht genoß, ihrer dankbar gedenken.

Und diese Nacht, welche da als die letzte ihren weichen dunklen Schleier werfen sollte auf die Erde, – diese Nacht war wunderbar vor den andern vieler Jahre! –

Der Mond stand nahezu voll am Himmel: von den Osthöhen aufschwebend warf er sein bleiches Licht zauberhaft auf den Fluß, auf die ragenden Mauern der Burg im Westen; leichtes fast durchsichtiges Gewölk, von rötlich gelben Rändern umsäumt, zog manchmal, vom lauen Südwest getragen, über die leuchtende Scheibe, durch solchen Wechsel des vollen und des gedämpften Lichts den Reiz geheimnisvoll erhöhend.

Jener weiche, warme Südwest – hauchend, als wär' es Atmen des Himmels – führte auf seinen leisen Schwingen den wunderbaren, den süß berauschenden, den entzückenden Duft der Rebenblüte von den Weingärten des Burgbergs, zumal der Burgleiste über den Fluß nach Nordosten. – Zur Sonnwend gerade stehen dort die Reben in voller Blust und ihr Duft ist keinem auf Erden vergleichbar! Es ist eitel Poesie, süße, feurige, heiße Liebeslust atmende Poesie, was die trunkenen Sinne da einschlürfen in einer Berauschung, viel feiner und beseligender als im Trunk des Rebensaftes selbst.

Durch jenes Strauchwerk an der Straße und über die Wiesen hin flogen Leuchtkäfer in reicher Menge, mit ihrem grünlichen Licht das Phantastische, Ahnungsvolle dieser halbdunkeln Stunden noch steigernd.

Das Buschwerk aber bestand zum größten Teil aus wilden Rosen, die so schön, so starkstämmig, so zahlreich wie dort im sonnigen Mainthal wohl nirgend mehr gedeihen auf deutscher Erde.

Vielfach hatten zwar die Rosen schon abgeblüht: aber der überaus warme und doch feuchte Sommer hatte an vielen Büschen eine zweite Blüte hervorgelockt: und der honigduftende süße Hauch der Wildrose mischte sich hier mit dem feineren herberen der Rebe.

Und in den Rosenbüschen schlugen und schmetterten ihr feurig Lied ungezählte Nachtigallen! So laut, so lustheiß, so jauchzend in beglücktem Minnewerben! So stark, wie noch in keiner Nacht dieses Sommers! Es war, als ahnten die klugen Vögelein, die zwar an den Untergang der Welt nicht glaubten, daß sie nun bald verstummen mußten für ein Jahr: und als wollten sie noch einmal aus vollster Kraft den Wonnejubel der Liebe hinausschmettern in die blaue, die leise atmende Nacht! –

All das: das silberne Mondlicht – der laue Wind – der Reben- und Rosenduft – das heiße, brünstige Lied der Nachtigall – wirkte zusammen zu einer süßen, weichen lustvollen Berauschung der Sinne und der Seele. – –