II.

Der Zauber dieser Stunde befing wohl auch den einsamen Reiter, der aus dem äußersten flußabwärts vorgeschobenen Blockhaus der Pfahlbefestigung in raschem Trabe gegen die Stadt geritten kam.

Er hatte den Helm abgenommen und ließ die laue kosende Nachtluft, den schmeichlerischen Wind, der ihm entgegenkam, frei durch seine dunkeln Locken streichen. Er hielt nun das schwarze Roß an, sprang ab und führte es am Zügel: »Still, Orco, tritt sacht auf! Sie dürfen uns nicht kommen hören, die frommen Frauen, sonst …! – Ich hielt es nicht mehr aus! Ich mußte! Es riß mich fort so unwiderstehlich – wie dort der heiße Sang dem kleinen Vöglein aus der Seele bricht. Diese Nacht! Nie sah ich ihresgleichen! Du mußt – du mußt mein werden vor dem Ende. Magst du wollen oder nicht! Aber du wirst wollen: – wollen müssen! – denn du liebst mich! Wie lautete doch das Lied, das ich gestern auf diese Nacht, auf diese Stunde gedichtet?

Morgen um die zwölfte Stund',
Heia, geht die Welt zu Grund!
Doch nicht eh' bis Minnegard –
– Leib und Seel'! – mein eigen ward! –
Diese Nacht,
Wann Hut und Wacht
Liegt in Betgeheul und Jammer,
Dann erbrech ich deine Kammer:
Magst erglühen, magst erblassen, –
Eher nicht will ich dich lassen
Bis du mein!
Dann brich herein,
Ew'ge Pein!
Wirft von deinem roten Mund
Gott mich in der Hölle Schlund:
Du warst doch mein!

Aber der liebe Gott wird's selber einsehen, daß ich nicht anders konnte. Was hat er sie so schön geschaffen und mich so heiß? Und ich hätte ja ganz gern des Bischofs Segen dazu erbeten, wenn … Aber halt! Was ist das? Wer kommt da mir entgegen? Eine dunkle Gestalt – ein Weib – ganz allein – heute! in dieser Stunde! – Sie winkt mit der Hand. Bei Sankt Martin zu Tours! Wahrhaftig – sie ist's! sie selbst. – Minnegardis!« »Fulko!« schallte es zurück. Und er eilte ihr entgegen, das Tier nach sich ziehend. Hell trat der Mond aus Gewölk, da sie sich erreichten. »Geliebte! Du – hier?« rief er und faßte ihre beiden Hände. »Wen suchst du?« – »Dich!« – »Aber wie konntest du …?« – »Ich ahnte, du würdest, müßtest kommen in der letzten Stunde der Welt. Ach, ich wußte es!«

»Woher?« – »Aus meinem eignen Herzen und Verlangen! Ich erfuhr, du hast Wache in dem Blockhaus da unten. Da wußte ich, du würdest versuchen, mit List oder Gewalt zu mir zu dringen, in meine Kemenate bei den Religiosen. Aber ich wußte auch, es könne dir nicht gelingen.« – »Ich bin auf dem Weg und mein Schwert …« – »Wäre nicht nötig gewesen. Ich erwartete dich und hätte dir den Laden der Kemenate selbst geöffnet.« – »Nun also!« – »Aber ich sollte ja fort! Der Bischof ließ mir sagen, er werde mich noch vor der zehnten Stunde durch die Runde der Wachen abholen lassen in den Dom. Dreißig Speeren konntest du mich nicht entreißen! Und darum – o ich sollte wohl vor Scham vergehen! – darum, weil du nicht zu mir dringen konntest – deshalb, du geliebter Mann, kam ich zu dir! Drang ich, flog ich dir entgegen. Denn, wisse das, du heiß Begehrter: ich liebe dich über alle Maßen. Und nicht sterben will ich, bevor du das erfahren und gefühlt. Ich muß, ich muß! Es reißt mich dir entgegen mit unbezwinglicher Gewalt, so notwendig wie hier die Rose duftet, dort das Vöglein singt. Dein will ich sein und dir gehören – unscheidbar Eins in Ewigkeit. Und wird – wie sie lehren – in der Ewigkeit nicht geküßt und gefreit, – so will ich dich küssen und kosen in der letzten Stunde, da die Welt noch steht. Will mich der gütige Himmelsherr drum strafen, – – so mag er's thun. Ich aber thu', was ich nicht lassen kann. Ich kam, um dein zu werden, ach nur im Tod: nicht mit dir zu leben, nur mit dir zu sterben. Ich liebe dich, komm an dies Herz und fühl's, wie ich dich liebe.« Und weit öffnete sie beide Arme und stürmisch umschlang er sie. Und er küßte sie, daß ihr der Atem verging. »Komm,« – flüsterte er dann – »hier auf der offenen Heerstraße – man wird dich vermissen – suchen …«

Ein leichter Sprung und sie waren westlich von der Straße im dichten Gebüsch: – das kluge Roß sprang hinterdrein: – er schlang den Zügel um den nächsten Baum: »Nun, treuer Orco, halt Wacht! und warne, kommt jemand.« Der Rappe wieherte lustig und nickte mit dem Kopf, als hab' er alles verstanden. – – –

Und – nun alles still ringsum … ganz still.

Der Mond lugte nur selten und schonend durch das dichte Gebüsch auf die weiche Wiese. Ein Leuchtkäfer flog über ihre Häupter hin und ließ sich dicht neben Minnegardens Locken nieder auf das Gras. »Unsre Hochzeitfackel!« flüsterte er.

Und der laue Wind trug ganze Wolken Wohlgeruchs von Rebenblüt' und Rosen ihnen zu.

Und laut, schmetternd, jubelnd, schlug die Nachtigall im nahen Busch ihr triumphierend Siegeslied der Minne. – – –

Sonst rings alles ruhig um sie und weihevoll: rings alles still: auch sie sprachen nicht vor eitel Seligkeit und eitel Liebe. – – –


Plötzlich wurden die Glücklichen aus ihrer süßen Versunkenheit aufgestört durch einen dröhnenden ehernen kriegerischen Ruf.

Erschrocken fuhr Minnegard auf unter seiner heißen Liebkosung, strich das gelöste wirre Haar aus den brennenden Schläfen zurück und rief: »Horch! Was war das? Die Posaune des Gerichts? Bricht das Ende herein? Ich fürchte es – nun – nicht mehr. Denn du wardst mein und höchste Seligkeit. Und nicht den strengen Richter: Hand in Hand mit dir tret' ich vor ihn hin und jauchze: ›Ja, ich liebe ihn, ewig werd' ich ihn lieben! Strafe mich, Herr, wenn es Sünde war. Aber ich thät's nochmal!‹«

»Still, Kind! Laß mich horchen! Richtig. Das – es ist auch noch lange nicht Mitternacht! – Das ist nicht die Posaune der Erzengel: – das ist das Wächterhorn vom Brückenturm. Aber es bläst den Waffenschrei!«

Er machte sich los aus ihren Armen und lauschte.

»Horch! In der Runde antworten die andern Türmer. Es ist der Notruf: ›Feinde!‹ Und schau – dort – in der Ferne – unweit der Stadt – vor der Sandvorstadt – flammt Feuerschein auf. Das sind Mordbrenner, räuberische Bauern.«

»Wie? In dieser Nacht? Kurz vor dem Ende?«

»Gleichviel! Es scholl der Waffenschrei: Herr Heinrich ruft seine Ritter. Nicht vergeblich soll er Fulko rufen! Auf, mein süßes Lieb, du mein holdes Eigen: – rasch in den Sattel! So ist's recht! Halte dich an der Mähne! Hier bin ich schon hinter dir im Sattel. Noch einen Kuß! Und noch – und noch Einen – den letzten wohl! Und nun, renne mein Rößlein! Fulko und Minnegard darfst du tragen aus seliger Lust in seligen Tod.«

Pfeilschnell sauste das edle Tier durch die Wiesen gegen die Stadt dahin: es wieherte den schmetternden Trompeten feurig entgegen.