I.
Prachtvoll ging die Sonne des jungen Tages auf über dem Mainthal: der Himmel strahlte in wolkenloser Bläue: auf wieviel Glück und Freude sah er hernieder!
Viele Tausende von Menschen, die mit Entsetzen, mit Furcht vor schwerer Strafe durch den allwissenden Richter die Mitternacht herangewacht hatten, lagen nun auf den Knieen und priesen, unter strömenden Thränen, die oft von seligem Lächeln, ja von lauten Jubelrufen unterbrochen wurden, die Gnade des großen, des barmherzigen Gottes, der seinen Geschöpfen nach wie vor die süße Lust des Atmens belassen und vergönnt hatte.
Wo heute in Würzburg nahe der Brücke der stattliche »Vier-Röhren-Brunnen« steht, da scharen und verweilen sich am Morgen und am Abend gar gern die Mägde, nachdem sie das Wasser in ihre auf dem Rücken getragenen »Butten« geschöpft haben. Gar oft läuft die Butte über, weil zwar sie mit Wasser gefüllt ist, aber noch nicht das harrende Mägdelein mit den Neuigkeiten – meist nicht so lauterer Art wie Brunnenwasser! – welche ihr die Nachbarsmagd, die Freundin, zuträgt; oder mit den Koseworten, die ihr der schon lang hier ihrer wartende Schatz zu sagen hat.
Damals schon war an derselben Stelle ein tiefer Ziehbrunnen gegraben, der reichlich Wasser spendete: ein paar Lindenbäume standen im Kreis um das runde Gemäuer aus rotem Sandstein herum und in den Ästen eines derselben war das Holzbild Sankt Kilians, in grellsten Farben gemalt, unter einem vorspringenden dreieckigen Schutzdach angebracht.
Dieser Brunnen und seine schattige und zugleich geweihte Umgebung war auch damals schon ein Lieblingsort der Würzburger, die schon damals erstaunlich viel über sich selbst – und zumal über andere Leute! – zu plaudern hatten; hier und auf den Stufen, die zu der nahen Brücke hinanführten, drängten sich die Leutchen zusammen, wann es etwas zu erzählen gab. Und es gab immer etwas zu erzählen zu Würzburg, obwohl – streng genommen – nicht gerade sehr viel dort, in der frommen und weinfrohen Stadt, sich zu ereignen pflegte.
Aber heute, – am fünfundzwanzigsten des Brachmondes des Jahres eintausend, – da gab es allerdings einiges zu erzählen! Und es ist den Würzburgern von damals kein Vorwurf daraus zu machen, daß sie diese Gelegenheit, sich einmal auszusprechen, sich nicht entgehen ließen, sondern recht ergiebigen Gebrauch davon machten. Das wichtigste von allem war ihnen, daß sie überhaupt noch vorhanden waren; auf diese erfreuliche Thatsache kamen sie immer wieder zurück.
Um den Brunnen und auf den Stufen der Brücke und auf dieser selbst wogte eine mächtig bewegte Menge, Männer, Weiber und Kinder, Bürger, Geistliche, Mönche, Reisige des Bischofs – alles durcheinander. Es litt die Menschen nicht in der Einsamkeit, nicht in den engen Häusern: das Gemüt, von so gewaltigen, widerstreitenden Eindrücken der Furcht, des Grauens, der aufatmenden, aufjauchzenden Erlösung durchzittert, suchte nach dem Ausdruck seines aufs tiefste erregten Innern. So liefen denn die Leute überall zusammen und wurden nicht müde zu reden von der überstandenen Angst, von dem wilden Kampf mit den Wenden, von der Gewißheit der Errettung. Zumal auf der Mainbrücke standen die Menschen dicht gedrängt, sahen flußaufwärts und flußabwärts und hinan zu der ragenden Burg und freuten sich, daß sie noch lebten, und zeigten einander, wie schön und freundlich alles sei, die bewaldeten Hügel und die rebenbewachsenen Gelände und der helle glitzernde Sonnenschein auf dem lieben alten Main! So schön, meinten sie wohl, sei's noch gar nie gewesen in der trauten Heimat. –
»Nun,« sprach einer der jungen Bürger, – dem alten Bezzo auf die Schulter klopfend, »gar manchem kamen die Wenden zum Verderben, aber Euch kamen sie zur Erleuchtung.« »Und mir zum Glück« rief Gericho, sein Liebchen um die Hüfte fassend. »Freilich,« lächelte Rosbertha, sich an ihn schmiegend. »Sonst hätt' der Vater nie eingesehen, wieviel mehr du wert bist als der dicke Spedilo mit all seinem Gelde.« »Nun ja,« rief Bezzo gutgelaunt, »wie konnt' ich glauben, daß mein bester Freund ein solcher Tropf ist? Wir standen nebeneinander auf der Wiese gegen die wendischen Reiter: – im ersten Anlauf ritten sie uns über den Haufen! – ich lag unter einem erstochenen Gaul, der mich schier zu Tode drückte. Da lief Spedilo an mir vorbei.« »Nach Hause!« lachte Gericho, unterbrechend. – »›Hilf mir, Nachbar,‹ keuchte ich, ›hilf mir hervor. Ich ersticke.‹ Was antwortete mir der Lump? ›Schad' nicht! Erstickt ist auch gestorben.‹ Und lief weiter. Aber dieser wackre Bursche da – oft gab ich ihm zu Unrecht harte Namen! – er sah mich von fern, brach sich Bahn mitten durch die Wenden, riß mich unter dem Roß hervor, deckte mich mit seinem Leib und – rettete mein Leben.« »Ja, und Hieb und Stich traf ihn dabei,« klagte Rosbertha zärtlich. »Bah, Kopf und Herz und auch beide Arme blieben ganz,« lachte Gericho, umschlang und küßte sie.
»Aber sagt,« forschte der Alte, »noch weiß ich immer nicht – wir standen ja am weitesten rechts ab – wie kam es denn, daß von links her der alte Rado – gerad' noch zu rechter Zeit! – den Wenden in die Flanke brach, mitten aus dem Grafenwald hervor?« »Ja,« erwiderte Gericho, »das hab' ich auch nur zum Teil herausgebracht aus den letzten Worten, die er mit Junker Hellmuth – Gott segne seine Klinge! – tauschte. Als sie den Herrn Bischof auf den Schild gelegt hatten, kniete Herr Hellmuth – ich kam gerade dazu – neben dem Alten nieder und wollte seiner Wunde pflegen. Da sprach der: ›Laßt's gut sein! Ich fahre zu Ihm! Dem Sieghelfer. Gut hat er diesmal geholfen. Lange, lange harrte ich auf Euch, Junker, an der beredeten Stelle, – Ihr kamt nicht –‹« »Versteh' ich nicht,« meinte Bezzo. – »Versteh's auch nicht. Aber der Junker verstand ihn; er antwortete: ›Mich führte höhere Pflicht in die Stadt zurück.‹ Und Rado fuhr fort: ›Plötzlich entbrannte tief unter mir – auf der Straße, – bald auch neben mir in den Weinbergen der Kampf. Ich sah – wie wir's vorausgeschaut – die schwarzen Scharen von Süden gen Norden vorstürmen: – immer mehr Raum gewannen sie! – Da lief ich zu den Bürgern, nördlich von mir, die in den Weinbergen nur noch schwer standhielten, raffte ein Häuflein, das mir gern folgte, zusammen, eilte mit ihnen in den Wald und auf Pfaden, die nur dem Luchs, mir und noch Einem bekannt, führte ich sie den Unholden in Flanke und Rücken. Und Woden half: er that das übrige.‹« »Woden!« flüsterte Rosbertha und bekreuzte sich, »den darf man gar nicht nennen.« – »Der Junker und ich sahen wohl, daß der Alte dem Tode nahe sei: denn er redete nun ganz wirr: daß er den Schwarzen, den Rauchriesen nun doch glücklich erschlagen habe. – Und der Junker erfüllte die letzte Bitte des Alten, daß er nicht, wie alle Verwundeten, in die Stadt gebracht werden solle – auch die Feinde, so hatte der Herr Bischof noch befohlen – zur Heilung und, falls sie stürben, zur Bestattung: – sondern vier Bürger trugen Rado auf seinen Wunsch an den Main hinab unter die alte Rabenesche. Sein grauer Hund, aus tiefer Wunde blutend, wich nicht von seiner Seite.«
»Da schaut!« rief Rosbertha. »Wer fährt dort davon – gegen das Ostthor hin – in dem Wagen, – dem leinwandüberzogenen?« »Das ist Isaak, der Jude,« antwortete Bezzo. »Aber Vater, er ist ja getauft,« mahnte Rosbertha. – »Bah, scheint nicht geholfen zu haben auf die Dauer.« »Wieso?« fragte Gericho. »Er fehlte nie in der Dommesse.« – »Wohl! Aber jetzt – wißt ihr's noch nicht!« »Nein! Was denn?« fragten viele Stimmen zugleich. »Heute früh,« erzählte Bezzo, »kam seine Mutter zu meinem Röschen da –« »Die wackre Frau!« rief das Mädchen. »Hat mir oft die frühverstorbene Mutter ersetzt.« – »Und teilte ihr mit, sie und ihr Sohn verließen für immer die Stadt, ja sogar das Reich. Sie gingen nach Jerusalem. Ihr Sohn … –« »Er war oft recht wenig freundlich gegen sie!« schalt Röschen. – »Ja, aber jetzt sei er ganz lammfromm und so voll Ehrfurcht und Gehorsam gegen seine alte Mutter! Und die Alte übergab meiner Tochter eine Schrift: für den Herrn Bischof – es kann ja niemand zu dem Sterbenden! – darin verschenkt Renatus seinen Hof in der Stadt und alles, was drin steht und liegt: aber an wen? Nicht an die Heiligen, nicht an seine Glaubensgenossen, die Christen! Nein! Der Herr Bischof soll alles verkaufen und der Erlös soll eine Stiftung werden zur Unterstützung armer – Juden in Stadt und Bistum. Da grüßt die Alte nochmal mit der Hand aus dem Wagen! Nun, gute Fahrt nach Jerusalem!«
»Ob der Herr Bischof das wohl so ausführt?«
»Gewiß! Wenn er mit dem Leben davon käme. Aber …« – »Man sagt, es steht sehr, sehr schlecht!« – »Ja! Das Messer, das seinen Hals traf, soll vergiftet gewesen sein. Er muß sterben!«
»O der arme, brave Herr!« klagte Rosbertha. »Der herrliche Held!« rief Gericho. – »Seine beiden Junker pflegen ihn.« – »Und Herr Blandinus.« – »Nein. Der liegt selber wund danieder.« – »Wo? Im Bischofshause?« – »Nein! Bei Wartold draußen. Er eilte, sowie der Bischof zurückgebracht war, dorthin. Der Knecht Wartolds erzählte es mir, der in die Stadt lief, einen Arzt zu erbitten von den grauen Mönchen.« »Ja, ja,« lächelte Röschen. »Der Junker strich immer hinter der runden Runel drein.« »Blandinus kam eilends, um zu sehen, was aus ihr geworden,« fuhr Gericho fort. »Als er sie heil und unversehrt fand, atmete er tief auf und brach zusammen. Er hat sich in dem Strauß – hätt's ihm nicht zugetraut! – manchen Hieb und Stoß geholt. Nun liegt er draußen in dem Gärtnerhaus und die schlimme Runel pflegt ihn und weint dabei, daß ihr die hellen Thränen über die dicken Backen laufen und Schnufilo – sonst eben nicht sein Freund! – leckt ihm die Hände. So erzählte der Knecht, selbst voll Staunen. Ja, ja! es hat sich gar manches gewendet mit der Sonne in dieser Sonnwendnacht.«
»Aber sagt,« fragte Bezzo, »wie konnte es nur geschehen, daß die Leute in dem Gärtnerhof verschont blieben, während doch die Wenden … –?« »Da kommt der alte Wartold selbst!« rief Gericho. »Mit einem großen, wunderschönen Strauß von Lilien,« sprach das Mädchen. »Kommt, Vater Wartold, Ihr seid müde. Man sieht's an Eurem Schritt. Setzt Euch ein wenig zu uns, hier, auf den Brunnenrand. Wir rücken zusammen. Erzählt uns doch, wie es Euch ergangen. Ihr seid gar seltsam bewegt.«