II.
»Dank euch, danke, gute Leute,« erwiderte der freundliche Greis, mit dem sanften, rosigen Gesicht, vom weißen Haar umwallt. »Bewegt! Ja, liebe Nachbarn! Welch Gemüt soll da nicht bewegt sein, bei so wunderbarer Führung durch den Herrn? Den Bruder hab' ich diese Nacht verloren und die alte Großmutter: und doch hab' ich Gott für reiche Gnade zu danken.« »Erzählt, erzählt!« drängten alle. »Ja, ja,« begann er langsam. »Wunderbar sind die Dinge verlaufen in dem kleinen taubenumflatterten Haus. Es war schon fast dunkel geworden, da sprach ich zur Großmutter: ›Mutter Ute, gebt mir Urlaub, mir und dem Kind Fullrun.‹ ›Wohin, mein Sohn?‹ fragte sie. ›Die Stunde des Gerichtes naht. Wir wollen sie doch miteinander erwarten und erleben.‹ ›Gewiß!‹ tröstete ich. ›Lange vor Mitternacht sind wir zurück. Ich habe noch eine dringende Arbeit.‹ ›Aber Wartold!‹ mahnte die Gute. ›In ein paar Stunden ist alle Menschenarbeit zunichte, und ihre Frucht vergeblich.‹ ›Nicht die meine, Mutter,‹ erwiderte ich. ›Sieh, unsere Lilien hier im Garten sind verblüht und versengt vor der Zeit. Es war gar so heiß in diesen letzten Tagen und so trocken hier oben und staubig neben der großen Straße. Ich gehe hinunter an den Fluß und hole frische aus meinem Neugarten dort. Soll ich die Stirnen der Seligen mit welken Lilien schmücken? Für meine Friedlindis ist nur das Schönste schön genug.‹ In dem weit abgelegenen Neugarten angelangt mit dem Kinde, konnt' ich mich lange nicht trennen von meinen Blumen, geraume Zeit, nachdem ich die schönsten ausgesucht und geschnitten. Auch die ich stehen ließ, sprengte ich – zum Abschied! – noch mit Wasser aus dem Fluß.
Als ich nun mit meiner Arbeit zu Ende war und allmählich an die Rückkehr dachte, da loderte in der Ferne südlich von unserem Höflein eine rote Flamme in den dunkeln Nachthimmel: bald folgte, immer näher rückend, der Heerstraße entlang, eine zweite, dritte: und während wir noch zagend berieten, was das zu bedeuten habe, drangen auch schon von der Stadt her die Waffenrufe der Wächter auf den Walltürmen, ja bald auch von der Straße her verworrener Lärm, Schreien, Waffenklirren an unser Ohr. Erschrocken barg ich mich und vor allem mein holdblühendes Kind in den dichten Gebüschen des Gartens: – denn daß hier Räuber und Feinde drohten, war mir bald klar: ich dachte es seien die schlimmen Bauern! – Hier lauschten wir, bis der Lärm, der unverkennbare, eines scharfen Kampfes vertoset war: jetzt erst wagte ich – immer noch sehr vorsichtig – den Rückweg einzuschlagen. Wir trafen unseren Hof unversehrt: so weit waren die Wenden nur auf ganz kurze Zeit vorgedrungen, wir fanden bloß die Spuren weniger Rosse im Sandweg des Gartens, der alten Frau thaten sie nichts zuleid.« »Aber wehe, trafen sie Fullrun!« rief Gericho. – »Das nächste Haus, etwa dreihundert Schritte weiter südlich, stand in hellen Flammen: wie staunten wir, als wir die blinde Frau auf der Schwelle aufrechtstehend fanden: ihr weißes Haar flog im Nachtwind: sie wies mit der ausgestreckten Rechten auf die rote Flammensäule und rief: ›Seid ihr endlich zurück? Ich erwarte euch schon solange. Sehet ihr, sehet ihr? Alles erfüllt sich wie mein Konrad gesagt. Der Tag des Gerichts, der Tag des Herrn ist angebrochen. Hörtet ihr nicht das Gefecht? Und die Drommeten der Engel des Herrn? Ich hörte sie vorbeirasseln auf ihren Rossen, hörte ihre Waffen klirren: sie haben gekämpft gegen die Unholde des Abgrunds: grell schrillte deren Geschrei – wie einst der Hunnen! – in mein Ohr: sie waren schon ganz nah: – ich meine, ich hörte sie im Garten. Die Teufel sind geworfen und geflohen. – Dort aber – dort – von wo der Rauchqualm herweht – dort – ich seh' es mit den Augen der Seele! – da nahet in flammenden Lohen, im weißen Gewande der Seligen mein Kurt, das Mägdlein trägt er – wie damals – auf dem Arm! Er holt mich! Er winkt! Er ruft mir. Ich komme. Du hast wahr gesprochen: im Sterben seh' ich dich wieder. Ich komme.‹ Und sie sank, ein selig Lächeln um die Lippen, zurück in meine Arme und war tot.« Und er weinte bittre Thränen, der alte Mann.
»Welch schöner Tod!« schluchzte Rosbertha, sich an ihren Schatz schmiegend und die Augen wischend.
»Die schönsten meiner Lilien wand ich um ihre Stirn. Diese hier bring ich dem guten Herrn Bischof – ach! für seinen Dom waren sie bestimmt: – nun werden sie wohl seine Totenbahre schmücken.« »Und was ist mit Eurem Bruder?« fragte Gericho. »Der Knecht erzählte – ist es wahr? … er ist nicht gefunden worden unter der Rabenesche?« »Es ist so,« nickte Wartold. »Weder er noch Giero, sein Hund! Ihr wißt, der Baum steht nahe dem Fluß: – es schien auch eine Blutspur über die Wiese an das Ufer zu führen. Aber vergeblich suchte ich mit dem Knecht und den Nachbarn das ganze Ufer ab, vergeblich mit den Mainschiffern – die kennen gut die Wirbel und die Löcher im Bette – auch den Fluß. Ich wollte doch so gern die Leiche in geweihter Erde bestatten, aber wir fanden nicht Mann, nicht Hund. Und schon – gleich nachdem das fruchtlose Suchen vorüber war« – – er erschauerte und bekreuzte sich. »Nun? was geschah?« forschte Röschen in bangem und doch süßem Gruseln. – »Nichts geschah, liebes Kind. Aber die Nachbarn, die Schiffer, alle, die davon hören, raunen – – –«
»Nun was raunen sie denn? Sagt's doch geschwind!« – »Ihr wisset, der Rabenbaum ist der Sitz – ist geweiht dem … –« »Den man nicht nennen darf!« warnte das Mädchen und schlug rasch wieder ihr Kreuz. – »Nun, eben dem soll – sagen sie – mein armer Bruder längst seine Seele geweiht haben. Und der – sagen sie – habe ihn geholt, samt seinem Hund, ewig mit ihm zu jagen. Ja, ein Schiffer, der sich im Mainschilf vor den Wenden verborgen hatte, will gesehen haben, wie noch vor vollem Sonnenaufgang zwei Raben –« »O weh!« schrie das Mädchen. »Das sind seine Begleiter.« – »Vom Feuerschein der brennenden Dächer grell beleuchtet über das tosende Schlachtfeld hin geflogen sind und auf der Esche aufgebäumt haben. So betet manchmal, liebe Nachbarn, betet für meines armen Bruders Seele.«