III.
In Vertretung des Bischofs hatten Hellmuth und Fulko alle erforderlichen Maßregeln getroffen.
Die Toten vor dem Südthor wurden bestattet, die Spuren und Schäden des Kampfes nach Möglichkeit getilgt. Hellmuth ritt als Herold, einen Drommetenbläser voran, durch die Straßen, verkündete den in der Stadt Verbliebenen, zu welchen doch nur wirre, abgerissene Kunde der Ereignisse dieser Nacht gelangt war, feierlich das Geschehene und forderte alle Burgensen auf, mit Weibern, Kindern, Knechten und Mägden in den Dom und in die übrigen Kirchen und Kapellen der Stadt zusammenzuströmen, wo überall Dankgottesdienst gehalten werden sollte. Sie sollten beten für die Erhaltung ihres tapfern Bischofs, der, ein echter Hirte, sein Blut gelassen in Verteidigung seiner Herde, – und den nur ein Wunder Gottes noch vom Tode retten könne.
Es war allbekannt, die kurzen Wurfmesser der Wenden waren vergiftet. Und als der Wunde schon während er, von Blut überströmt, auf einem breiten und langen Standschilde von sechs seiner Reisigen behutsam in die Stadt zurückgetragen wurde, das Bewußtsein verlor, da gaben seine Getreuen ihn verloren. Und man wagte doch nicht die tödliche Klinge aus der Wunde zu ziehen: man fürchtete, alsdann werde der Bischof, der schon sehr viel Blut verloren, sich rettungslos verbluten. Man hatte das Lager des bleichen Mannes in dem geräumigsten luftigsten Gelasse des Dombaues, der Bücherei, aufgeschlagen: man wußte, sie war – nach dem Waffensaal, aus dessen Vorräten die Bürger waren ausgerüstet worden – der Lieblingsaufenthalt Herrn Heinrichs gewesen. Wie viele Nachtstunden hatte er hier durchwacht, den schweigenden Gang der Sterne verfolgend, ein stiller, einsamer Mann, »wachend und betend« und doch gar oft »in Anfechtung fallend«!
Der Wunde fand die volle Besinnung nicht wieder: auch nicht, als er sanft von dem Schild herab auf ein Pfühl in der Bücherei gelegt wurde; wohl war es ihm einmal, gleich beim Eintritt in die Stadt – noch unter dem Thorbogen – gewesen, als beuge sich ein bleiches, schönes Frauenantlitz auf ihn herab, als fühle er eine leise Berührung ihres Mundes: – dann hatte er eine große, große Erleichterung des Atmens verspürt – aber er sagte sich gleich selbst, das sei ein Gebilde seiner Träume, des Wundfiebers.
Lange, lange Zeit lag er so. –
In dem Bischofshause sammelten sich, nachdem die weltliche Arbeit des Tages erledigt und der schuldige Dank dem Himmelsherrn dargebracht war, die nächsten Zugehörigen des wunden Mannes. Es waltete nicht nur in der Bücherei, auch in den andern Räumen des Hauses jene bange, atemverhaltende Stille, welche die Sorge um das Leben eines geliebten Kranken verbreitet; wer einmal ihren beengenden Druck lasten gefühlt auf der Seele, vergißt sein nie mehr.
In einem Vorsaale der Bücherei saßen Hand in Hand die beiden Liebespaare: sie sprachen in bangem, leisem Flüsterton.
»Wie traurig!« klagte Fulko. »Wir andern alle dürfen uns der geschenkten Welt erfreuen. Ist es doch, als habe Gott der Herr die Erde zum zweitenmal für uns geschaffen! und nur Er – der Beste von uns allen! – soll sich nicht mit uns des gesicherten Daseins erlaben.« »Ja, aber, Liebster,« koste Minnegard, verschämt das Köpflein an seiner Schulter versteckend. »Nun steht die Welt immer noch! Und die Welt und alle Leute werden schelten: – – – es ist schreckbar, wie sie alle schelten werden! Und wenn sie erst alles wüßten, wie der liebe Gott es weiß, dann würden sie gar nie mehr aufhören!«
Fest sah Edel dem Geliebten in die Augen: »Ich sage der Welt und dem Herrn Bischof, bevor er stirbt, alles. Und fürchte mich nicht.« Er drückte schweigend ihre Hand.
»Ja, das ist keine Kunst, streng Schwesterlein,« lächelte die Braune. »Erstens hat der Herr Bischof dich nie zur Nonne bestimmt: – was will er Besseres für dich als einen Eheherrn wie dieser junge Ritter Georg? Und zweitens« – sie stockte, sie errötete, und schmiegte das Haupt wieder an die Brust des Geliebten. »Nun, was, mein Liebling?« – »Kann's nicht sagen.« – »Nur mir ins Ohr – ins Herz vielmehr.« – »Die andre hat wohl nicht soviel zu gestehen: – oder doch im stillen zu bereuen: nein,« brach sie leidenschaftlich aus, »nicht soviel zu bereuen, nein, selig zu bejubeln!« Und sie küßte ihn heiß auf den Mund und umschlang seinen Nacken mit beiden Armen.